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Relative Einzelkosten und Deckungsbeitragsrechnung nach Paul Riebel

Hausarbeit 2010 18 Seiten

BWL - Beschaffung, Produktion, Logistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung
I.1. Gegenstand der Untersuchung
I.2. Gang der Untersuchung

II. Deckungsbeitragsrechnung auf Basis relativer Einzelkosten
II.1. Probleme der traditionellen Kostenrechnung
II.2. Grundbegriffe der relativen Einzelkostenrechnung
II.2.1. Relative Einzelkosten
II.2.2. Leistungs- und Bereitschaftskosten
II.3. Grundrechnung
II.4. Auswertung der Grundrechnung
II.5. Anwendung der relativen Einzelkostenrechnung

III: Schlussbetrachtung

IV. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

I.1. Gegenstand der Untersuchung

Die relative Einzelkosten und Deckungsbeitragsrechnung wurde 1959 von Paul Riebel in Auseinandersetzung mit verschiedenen Kostenrechnungssystemen entwickelt.[1] Wie auch andere Autoren bemängelt Riebel die pauschale Proportionalsierung der variablen und der fixen Kosten im Bereich der Vollkostenrechnung, weshalb er sich auch konsequent für eine strikte Differenzierung derselben ausspricht.[2] An den Systemen der Teilkostenrechnung kritisiert er die zahlreichen Verfahren der Schlüsselung, also der Verteilung der Gemeinkosten auf die einzelnen Kostenträger. Dadurch wird eine verursachungsgerechte Zurechnung von Kosten erheblich erschwert und eine Kontrolle bzw. eine Steuerung der unternehmerischen Prozesse unmöglich.[3]

Riebel plädiert daher für eine strikte Einhaltung des Verursacherprinzips, indem er mit der Einführung der relativen Einzelkosten der gängigen Schlüsselung der Gemeinkosten entgegentritt. Er fordert, dass einem Kostenträger nur solche Kosten angelastet werden, die ohne jede Form der Schlüsselung diesem auch eindeutig zugeordnet werden können. An Stelle eines Kostenbegriffs, der wie bei gängigen Teilkostenrechungssystemen am Kostenträgern ausgerichtet ist[4], schlägt Riebel einen entscheidungsbezogenen Kostenbegriff vor.[5]

Da letztlich alle Prozesse und Abläufe in einem Unternehmen auf vorher gefällten Entscheidungen basieren, sind es für Riebel eben jene Entscheidungen, die die Kosten- und Erlösquellen einer Unternehmung maßgeblich beeinflussen.[6] Er sieht die Kosten also nicht als Wirkung oder Ursache der Produktion, also als Werteverzehr, sondern vielmehr als Folge von Entscheidungen.

Zweck der relativen Einzelkostenrechnung ist es also darzustellen, welche Entscheidung welche Kosten bzw. Erlöse verursacht, um eindeutig Verantwortungen für das Ergebnis des Betriebes, einer Abteilung oder einzelner Produkte zuordnen zu können (Betriebskontrolle). Ebenso dient Riebels Ansatz als Instrument der Plankostenkalkulation, indem antizipiert werden kann, welche Entscheidung welche Kosten und Erlöse verursachen wird (Betriebssteuerung).[7] Riebel selbst grenzt sich damit von der traditionellen Kostenrechnung deutlich ab: „Es interessieren nicht die durch irgendwelche Konventionen zu definierenden Nettoerfolge, sondern allein die Erfolgsdifferenz, welche durch bestimmte Handlungsweisen (...) ausgelöst werden oder - im Falle der Nachrechnung - ausgelöst worden sind.“ [8]

Gegenstand dieser Arbeit soll es daher sein, das Prinzip der relativen Einzelkostenrechnung im Rahmen der begrenzten Möglichkeiten darzustellen. Dabei wird an verschiedenen Stellen der Unterschied zu traditionellen Kostenrechnungssystemen deutlich gemacht, um schließlich den Nutzen für die praktische Anwendung darstellen und bewerten zu können.

I.2. Gang der Untersuchung

Im Folgenden wird eine grundlegende Darstellung der Deckungsbeitragsrechnung auf Basis relativer Einzelkosten geboten, wobei Riebels doch komplexes Konzept im Rahmen dieser Arbeit nur in seinen Grundzügen dargelegt werden kann. Zu Anfang muss eine kurze Erläuterung der Probleme der Kostenrechnung stehen, aus denen sich dann Riebels Ansatz ableitet. Darauf folgt eine Definition der wichtigsten Grundbegriffe. Hier stehen die relativen Einzelkosten und sowie die Leistungsund Bereitschaftskosten als Alternative zu den Gemeinkosten im Vordergrund. Als nächstes ist dann die Grundrechnung als Fundament der Deckungsbeitragsrechnung genau zu analysieren, da sie eine folgende Auswertung der Grundrechnung und eine Anwendung der relativen Einzelkostenrechnung erst möglich macht. Zum Schluss werden die Vor- und Nachteile der Kostenrechnung nach Riebel direkt gegenübergestellt.

II. Deckungsbeitragsrechnung auf Basis relativer Einzelkosten

II.1. Probleme der traditionellen Kostenrechnung

Riebel setzt bei der Begründung für die Entwicklung der relativen Einzelkostenrechnung bei einer Schwerpunktveränderung im betrieblichen Rechungswesen an. Er sieht eine Verschiebung von der Dokumentations- und Kontrollfunktion hin zur Betriebsdisposition, also zur Prognose und Planung zukünftiger betrieblicher Entscheidungen. Dies geht einher mit einer wachsenden Koordinationskomplexität innerhalb von Unternehmen, die nach immer mehr Delegation von Entscheidungskompetenzen verlangt. Das Rechnungswesen entwickelt sich so zu einem Führungsinstrument, um „die dezentralisierten Entscheidungsbereiche zu koordinieren und eine Leistungsbeurteilung der Bereichsleiter zu ermöglichen.“[9]

Für die Beurteilung der getroffenen Entscheidung ist ihre Auswirkung, z.B. die Veränderung des Deckungsbeitrages eines Kostenträgers, als Maßstab zu wählen. Die Auswirkung, so Riebel, ist jedoch mit den Instrumenten der traditionellen Kostenrechnung nicht präzises zu erfassen, da auch solche fixe Kosten geschlüsselt auf den Kostenträger abgewälzt werden, die nicht von der ursprünglichen Entscheidung ausgelöst wurden.[10] Die wirklichen Kosten und Erlöse der eigentlichen Entscheidung werden so verfälscht und als Bewertungsgrundlage unzulänglich. Um eine rein kausale Zurechnung der Kosten und Erlöse auf eine Entscheidung zu ermöglichen, schlägt Riebel daher eine Deckungsbeitragsrechnung vor, die von Anfang an entscheidungsorientiert konzipiert ist. Diese Deckungsbeitragsrechnung beruht auf dem Identitätsprinzip, welches Riebel wie folgt beschreibt: Es „können nur solche Teile der Kosten (Ausgaben) und Erlöse (Einnahmen) einander gegenübergestellt oder dem jeweiligen Untersuchungsobjekt gegenübergestellt werden, die auf einen identischen dispositiven Ursprung zurückgehen.“[11]

II.2. Grundbegriffe der relativen Einzelkostenrechnung

II.2.1. Relative Einzelkosten

Als Konsequenz seiner Kritik führt Riebel den Begriff der relativen Einzelkosten ein, mit dem er sich deutlich von der traditionellen Kostenrechnung und den dort praktizierten Schlüsselungs- und Umlageverfahren distanziert.[12]

Riebel umgeht die Schlüsselung der Gemeinkosten, indem er sie als Einzelkosten einer Bezugsgröße in einer Hierarchie zurechnet. Dabei ist immer jene Hierarchieebene zu wählen, auf der die Kosten eindeutig als Einzelkosten ohne Schlüsselung zugeordnet werden können. Fix- und Gemeinkosten nehmen so ab einer bestimmten Hierarchieebene den Charakter von Einzelkosten an, wodurch eine Umlage auf einzelne Kostenträger vermieden wird.[13]

Als Beispiel können die Kosten einer Forschungsabteilung nur schwer auf einzelne Produkte verrechnet werden, da kaum ein verursachungsgerechter Verteilungsschlüssel gefunden werden kann.[14] Sie werden daher als relative Einzelkosten der Forschungsabteilung ausgewiesen.

Streng nach dem Identitätsprinzip lassen sich so alle echten Gemeinkosten „mindestens in Bezug auf ein Objekt als dessen Einzelkosten ausweisen und sei es der Gesamtunternehmung während ihrer gesamten Lebensdauer. “[15] Einzelkosten werden so zu originäre Einzelkosten einer Bezugsgröße, während die echten Gemeinkosten zu aggregierten Einzelkosten einer höheren Hierarchieebene werden. Z.B. könnte eine solche Hierarchie nach Produkteinheit, Produktgruppen und Produktbereiche gegliedert werden.

Gleiches gilt auch für Erlöse, die wie die Kosten immer einer Größe innerhalb der Hierarchie zugeordnet werden können.[16] Dabei ist die Hierarchisierung nicht prinzipiell festgelegt, sondern richtet sich nach den jeweiligen Rechenzielen[17]. Abbildung 1 zeigt z.B. eine produktbezogene Bezugsgrößenhierarchie.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Beispiel einer produktbezogenen Bezugsgrößenhierarchie[18]

Lediglich in Ausnahmefällen sieht Riebel aus Gründen der Wirtschaftlichkeit eine Schlüsselung vor, wenn z.B. die Kosten für eine eindeutige Kostenzuweisung größer als der Kostenblock selbst sind.[19]

II.2.2. Leistungs- und Bereitschaftskosten

Neben einer Hierarchisierung der Einzelkosten sieht Riebel eine Kostenunterteilung in Kostenkategorien vor. Hier zu nennen sind die Leistungs-, die Bereitschafts- und die Mischkosten.[20]

Die Leitungskosten sind vom tatsächlichen Beschaffungs-, Fertigungs- und Absatzprogramm abhängig „und ändern sich 'automatisch' mit Art, Menge und Wert der Leistungen und 'Leistungsproportionen' (Aufträge, Chargen, Lose Partien usw.) sowie den Bedingungen der Beschaffungs-, Produktions- und Absatzprozesses. “[21] Dabei erfolgt eine Gliederung in absatz-, beschaffungs- und erzeugungsabhängige Leistungskosten, der eine weitere Aufspaltung der einzelnen Kategorien folgt, wie in Abbildung 2 zu sehen ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Differenzierung von Leistungs-, Bereitschafts- und Mischkosten[22]

Die Differenzierung der Leistungskosten in immer detailliertere Unterkategorien ermöglicht so eine transparente Betrachtung der Leistungskostenstruktur.[23]

Als Bereitschaftskosten sind Kosten zu verstehen, welche die Betriebsbereitschaft einer Unternehmung herstellen. Ach hier mach Riebel wieder die zentrale Stellung „seiner“ Entscheidungsorientiertheit deutlich und macht dies am Beispiel der statischen und dynamischen Betriebsbereitschaft deutlich. Stehen in einem Kraftwerk nur Arbeitskraft und Rohstoffe bereit, liegt eine statische Betriebsbereitschaft vor. Werden die Kessel geheizt, liegt hingegen eine dynamische Betriebsbereitschaft vor, deren Grad sich mit Erhitzen der Kessel auf Betriebstemperatur erhöht. Mit dem Leerlauf der Turbinen wird dann eine Leistungsbereitschaft erreicht.[24] Deutlich wird: Je höher der Bereitschaftsgrad, desto höher die Bereitschaftskosten.

[...]


[1] Vgl. Riebel: Das Rechnen mit Einzelkosten und Deckungsbeiträgen, S. 35ff; Vgl. Ebert: Kosten- und Leistungsrechnung, S. 190.

[2] Vgl. Riebel: Das Rechnen mit Einzelkosten und Deckungsbeiträgen, S. 35; Vgl. Riebel: Kostenrechnung als Entscheidungsinformation, S. 99; Vgl. Fandel: Kostenrechnung, S. 236. Riebel geht so weit zu sagen, dass alle Entscheidungen, die auf der Vollkostenrechnung beruhen, falsch sind.

[3] Vgl. Riebel: Die Gestaltung der Kostenrechnung für Zwecke der Kostenrechnung und der Betriebsdisposition, S. 11 f.

[4] Vgl. Thielmann: Der Kostenbegriff in der Betriebswirtschaftslehre, S. 190ff.

[5] Vgl. Riebel: Die Fragwürdigkeit des Verursachungsprinzips im Rechnungswesen, S. 68;

Vgl. Eisele: Technik des betrieblichen Rechnungswesens, S. 600.

[6] Vgl. Riebel: Kurzfristige unternehmerische Entscheidungen im Erzeugnisbereich auf Grundlage des Rechnens mit relativen Einzelkosten und Deckungsbeiträgen, S. 285.

[7] Vgl. Schweitzer: Systeme der Kosten- und Erlösrechnung, S. 542ff und 549ff.

[8] Riebel: Die Bereitschaftskosten in der entscheidungsorientierten Unternehmerrechnung, S. 373.

[9] Riebel: Kostenrechnung als Entscheidungsinformation, S. 93.

[10] Vgl. Riebel: Das Rechnen mit Relativen Einzelkosten, S. 213.

[11] Riebel: Kostenrechnung als Entscheidungsinformation, S. 100.

[12] Eine verdichtete Darstellung der verschiedenen Umlageverfahren im Rahmen der Kostenstellen- und Kostenträgerrechnung findet sich in: Schultz: Basiswissen Rechnungswesen, S. 135ff. und 150ff.

[13] Vgl. Scherrer: Kostenrechnung, S. 132. Vgl. Riebel: Kostenrechnung als Entscheidungsinformation, S. 100f.

[14] Vgl. Fandel: Kostenrechnung, S.244.

[15] Riebel: Kostenrechnung als Entscheidungsinformation, S. 101.

[16] Vgl. Riebel: Kostenrechnung als Entscheidungsinformation, S. 101f.

[17] Vgl. Freidank: Kostenrechnung, S. 254.

[18] Freidank: Kostenrechnung, S. 254.

[19] Vgl. Riebel: Kostenrechnung als Entscheidungsinformation, S.101.

[20] Vgl. Riebel: Gestaltungsprobleme einer zweckneutralen Grundrechnung, S. 454.

[21] Riebel: Deckungsbeitrag und Deckungsbeitragsrechnung, Sp.1145.

[22] Schweitzer: Systeme der Kosten- und Erlösrechnung, S. 538.

[23] Z.B. können alle absatzbezogenen Leistungskosten betrachtet werden, oder nur solche, die entweder auftragsoder kostenbedingt sind.

[24] Vgl. Riebel: Die Bereitschaftskosten in der entscheidungsorientierten Unternehmerrechnung, S. 375f.

Details

Seiten
18
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656529934
ISBN (Buch)
9783656530367
Dateigröße
1.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v263956
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
1,3
Schlagworte
relative einzelkosten deckungsbeitragsrechnung paul riebel

Autor

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Titel: Relative Einzelkosten und Deckungsbeitragsrechnung nach Paul Riebel