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Der Eingriff des Rechts in das Leben des einzelnen Individuums anhand Kleists "Der zerbrochne Krug"

Hausarbeit 2011 21 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der einzelne Mensch als Rechtsteilnehmer

3. Das Recht in einer Hierarchieordnung

4. Die Nichtbeteiligung am Recht
4.1. Eves Recht zu schweigen
4.2. Adams Selbstverurteilung

5. Die Organe zur Pflege des Rechts
5.1. Walters Ordnungsversuch
5.2. Lichts Enthüllungstaktik

6. Die Rechtsunterworfenen als Zeugen
6.1. Marthes Streit um das Recht
6.2. Veit
6.3. Ruprecht

7. Fazit

Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Sekundärliteratur..

1. Einleitung

Genauso wie zwischen Gesetz und Leben eine Verbindung besteht, korrelieren Recht und Leben unmittelbar in ihrer ständigen Umgestaltung. Gibt es keine Gesetze, die auf Rechten beruhen, kann es auch kein geregeltes Leben geben. In dieser Arbeit soll „Recht“ eine wichtige Rolle spielen, während der Gesetzesbegriff nur hintergründig zum Tragen kommt. Die Begriffe „Gesetz“ und „Recht“ scheinen zunächst eine ähnliche Bedeutung aufzuweisen, jedoch kann diese noch differenziert werden. Während es ein geschriebenes Gesetz gibt, welches Subsumtionen und Sanktionen verordnet, gilt ein mündlich tradiertes Recht, das Normen und Werte vorgibt. Gesetze regeln, was im Recht bereits vorhanden ist. Es besteht also eine fortwährende Wechselwirkung zwischen Leben und Recht (beziehungsweise Gesetz), die im jeweiligen Rechtssystem zum Tragen kommt. Verändert sich das Leben der Menschen, verändern sich dadurch auch ihre Rechte und umgekehrt. Wie greift das Recht aber nun in das Leben der Menschen, vor allem in das eines einzelnen Individuums ein? Welche Unterschiede gibt es dabei zwischen verschiedenen Gesellschaftsklassen und - ständen? Heinrich von Kleists „Der zerbrochne Krug“ ist ein Beispiel für die Intervention des Rechts in einem bestimmten Rechtssystem und dessen unterschiedliche Auswirkungen auf die Rechtsmitglieder dieses Systems. In dieser Arbeit sollen die einzelnen Figuren und ihre Beziehung untereinander und zum Recht analysiert und miteinander in Verbindung gebracht werden.

Zum Einstieg sollen daher zunächst in Punkt 2 Merkmale geklärt werden, die dem einzelnen Menschen ein Leben im Rechtsstaat ermöglichen und ihn zu einem Rechtsteilnehmer werden lassen. Im dritten Kapitel sollen Kleist Figuren in eine Hierarchieordnung untergliedert werden, die es den Rechtsmitgliedern ermöglicht bestimmte Rechte zu fordern oder ihnen unterworfen zu sein. In den nächsten drei Punkten soll schließlich die Anteilnahme der verschiedenen Figuren am Recht untersucht werden. Auf welche Weise und warum entziehen sich die Figuren Adam und Eve dem Recht? Welche Unterschiede lassen sich dabei zwischen den Rechts gebern und Rechts nehmern, also den Organen zur Rechtspflege und den Rechtsunterworfenen erkennen? Diese und andere Fragen sollen in dieser Arbeit behandelt werden.

2. Der einzelne Mensch als Rechtsteilnehmer

Die Rechtsordnung eines Staates führt nach Karl Marx zu einer „Spaltung des Menschen in den öffentlichen und in den Privatmenschen“1. Die Begriffe der „Öffentlichkeit“ und des „Privaten“ müssen dazu genauer definiert werden. So kann zum Leben in der Öffentlichkeit nicht nur der Arbeitsplatz eines Menschen gezählt werden, sondern auch seine Aktivitäten, die er in seiner freien Zeit an öffentlichen Plätzen ausübt. Das Leben im Privaten muss wiederum nicht auf die Häuslichkeit eines Individuums begrenzt werden, dazu zählen auch Freizeitaktivitäten außerhalb der Arbeitszeiten. Es kommt also zu einer Überschneidung der beiden Begriffe, wenn ein weiterer Bereich eröffnet wird: das private Leben in der Öffentlichkeit. So hat jeder Mensch „ein Recht darauf, dass es eine von staatlichen Regulierungen freie Sphäre ‚privater‘, also sozialer Beziehungen gibt. Diese Beziehungen sind durch Räume beliebigen Verfügens definiert […].“2 Erst „die Einsetzung einer Rechtsordnung [verwandelt] ‚jeden einzelnen [ individu ] in einen Teil [ partie ] eines größeren Ganzen‘ (Rosseau).“3 Tritt ein Mensch also in der Öffentlichkeit mit anderen Menschen in Kontakt, so muss er sich an bestimmte Normen und Gesetze anpassen. Er herrscht nicht mehr wie im Privaten über sich selbst, sondern muss sich in die Gesellschaft eingliedern. Der Einzelne wird in diesem Raum rechtsfähig und damit zu einem „Teilnehmer des Rechts“4. „[D]araus, dass die Ordnung des Rechts jedes Individuum zum Teil eines sozialen Ganzen, zu einem gleichen Bürger macht, folgt […] der Fluch oder Albtraum der Selbstbeurteilung […].“5 Begeht ein Individuum nun eine Straftat, die andere Mitglieder der Gesellschaft behindert, so müssen ihm Sanktionen verhängt werden, insofern der Straftäter nicht die Tugend beweist, über sich selbst richten zu können. „[D]ie Freiheit, seine Interessen, auch durch Ausnutzung und Ausbeutung anderer, zu verfolgen […]“6 muss begrenzt werden. Nur dadurch kann eine Ordnung der sozialen Gesellschaft erhalten bleiben. Die Rechtsordnung enthält dafür allgemein gültige Normen und Regeln in Form von Gesetzen, die eine Gesellschaftsordnung erst ermöglichen. Verschiedene Gesellschaften können allerdings auch verschiedene Ordnungen fordern. Je nach Auslegung und Vielfalt von Vorschriften, wird ein Individuum in seinen Rechten eingeschränkt oder es werden ihm Freiheiten erlassen.

Inwiefern das eigene Rechtsverständnis mit der Rechtsordnung einer Gesellschaft kompatibel ist, zeigt sich, wenn mehrere Rechtsbegriffe aufeinander prallen, wie das in Kleists „Zerbrochnem Krug“ dargestellt wird. Jede Figur versucht ihre Interessen mit den jeweils zur Verfügung stehenden Rechten durchzusetzen. Im Vordergrund geben sie zwar an, im Interesse von jemand anderem gehandelt zu haben, indirekt setzen sie aber nur ihre eigenen Maxime durch. Auf welche Weise jeder versucht sein Recht zu erkämpfen und welche Auswirkungen dieses auf sein Leben und das Leben der Anderen hat, soll in den folgenden Kapiteln behandelt werden.

3. Das Recht in einer Hierarchieordnung

Das dem Text vorangestellte Personenregister zeigt eine Hierarchie auf, anhand welcher eine Rechtsordnung festgestellt werden kann. Je weiter unten sich eine Figur befindet (beziehungsweise Figurengruppen), desto weniger Rechte besitzt sie gegenüber höhergestellten Figuren. Die Obrigkeiten setzen ihre Macht gegenüber ihren Untergebenen auf ganz unterschiedliche Weise ein.

Auf der untersten Stufe der Rangordnung stehen ein Bedienter, Büttel und Mägde. Die Büttel, die Gerichtsdiener, werden im Text nur erwähnt und spielen ansonsten keine weitere Rolle. Die Mägde werden von Adam beschimpft, während er ihnen unverständliche Aufträge erteilt („Maulaffe“/„Halt’s Maul“7 ). Sie wehren sich allerdings ein wenig, indem sie ihn auffordern klar zu sprechen. Der Bediente wird etwas besser als die Mägde behandelt. Er kommt im Auftrag von Gerichtsrat Walter, um dessen Besuch anzukündigen. Adam und Licht sind freundlich zu ihm, da er von Walter, einer höher gestellten Instanz, geschickt wurde, deren Gunst sich vor allem Adam erhofft.

Auf der nächsten Ebene stehen die Figuren aus dem Volk. Frau Brigitte wird als Zeugin vor das Gericht geladen. Sie hat ein Alibi für Ruprecht und deckt zusammen mit Licht die forensischen Beweise auf, die Adam als Täter entlarven: die Schneespur des Klumpfußes zum Haus von Adam, die Perücke und die Wunde an dessen kahler Glatze. Ruprecht, Veit, Eve und Frau Marthe sind bäuerlicher Herkunft. Unter ihnen herrschen familiäre Verhältnisse, die den einzelnen Mitgliedern bestimmte „Rechte“ genehmigen oder verweigern. Zwischen Ruprecht und Veit, Eve und Marthe herrscht jeweils eine Eltern- Kind- Beziehung. Marthe will (auch in ihrem eigenen Interesse) Eves guten Namen schützen und schreckt nicht vor einer Anschuldigung Ruprechts zurück, die sie nur aus zweiter Hand (von Eve selbst) bekam. Im Gegensatz dazu stellt sich Veit sofort gegen seinen Sohn, sobald er nicht mehr von dessen Unschuld überzeugt ist. Er würde sich auf die Seite des allgemein gültigen Gesetzes stellen, auch in der Öffentlichkeit.

Auf der obersten Stufe der Rangordnung stehen Licht, Adam und Walter. Licht steht am Anfang des Stücks unter Adam, er ist nur der Schreiber. Am Ende wird er jedoch von Walter als neuer Richter anstelle Adams gesetzt und steigt damit in der Hierarchie nach oben. Adam nutzt seine Autorität als Richter aus und begeht dabei gleich mehrere Straftaten: „[…] Amtsmissbrauch, sexuelle Nötigung und Erpressung Heinrich von Kleist, Der zerbrochne Krug, Hamburger Lesehefte Verlag, 2010, II 195-200 und […] Bruch des Kruges[…]“8 sowie Urkundenfälschung und Hausfriedensbruch.

Nur Walter ordnet er sich unter, gehorcht dessen Befehlen und versucht sogar ihm zu schmeicheln. Die Entlassung aus seinem Amt als Richter lässt ihn zunächst auf eine untere Stufe der Rechtshierarchie fallen: der des Straftäters. Er wird dadurch kein Rechtloser -denn auch in diesem Fall besitzt er noch Grundrechte- aber ein „Rechtsunfähiger“9 und muss vor sich selbst geschützt werden. Walter steht schließlich über allen Figuren. Er missbraucht seine Macht aber im Gegensatz zu Adam nicht, sondern will sie zu guten Zwecken einsetzen, z.B. um Ruprecht zu helfen. Aber auch er ist einer noch höheren Instanz untergeordnet - dem Oberlandgericht von Utrecht.

4. Die Nichtbeteiligung am Recht

4.1. Eves Recht zu schweigen

Eve entzieht sich dem Recht, indem sie es mit seinen eigenen Waffen schlägt. Sie entwirft ein neues „Recht gegen das Recht“10. Das heißt, sie etabliert ein Gegenrecht, das nach einem anderen Rechtsbegehren fragt. Die völlige „Nichtbeteiligung am Recht“11 hebt sich wiederum auf, wenn Eve sich auf das Recht zu schweigen beruft12. Ihr Schweigen will sie jedoch nur auf die Räumlichkeiten des Gerichtssaals begrenzen und verspricht die Wahrheit später ihrer Mutter anzuvertrauen: „Doch hier das Tribunal ist nicht der Ort, Wo sie das Recht hat, mich darnach zu fragen.“13 Damit weist sie sogar eine höhergestellte Figur, nämlich ihre Mutter, auf eine Übertretung des - von ihr eingeführten Rechts - hin. Sie will damit möglicherweise bewirken, dass die anderen Mitglieder des Prozesses sich an ihrem eigenen Entwurf des Rechts beteiligen. Dabei rückt sie den - für die Anderen allgemein gültigen- Gesetzen ein Stück entgegen, indem sie wenigstens einen Eid abgeben will, der die Unschuld Ruprechts bekräftigen soll. Gegen Adam kann sie vor Gericht nur indirekt vorgehen, weil sie von ihm erpresst wird. Dabei kann sie nicht zwischen der Sachbeschädigung des Krugs und der Errettung Ruprechts trennen14. Für sie ist Adam die unmittelbare Instanz, die in ihr Leben eingreift. Adam bagatellisiert Eves Zeugenaussage, „indem er sie mit dem Verweis auf die Verwandtschaftsbeziehung zur Klägerin Marthe Rull als prinzipiell untüchtige Zeugin qualifiziert und ausschließen will.“15

Eve lässt das Recht nur bedingt in ihr Leben eingreifen. Obwohl sie vom Recht oder vielmehr von dessen Repräsentanten adressiert beziehungsweise aufgefordert wird, lässt sie es nicht in ihre Privatsphäre eindringen. Was sie der Öffentlichkeit vor Gericht mitteilen will und was nicht, entscheidet sie allein. Selbst in dem Bewusstsein, dass ihre Aussage den Straftatbestand aufklären könnte, verweigert sie dem Recht in ihr Privatleben einzudringen. Eve lässt sich dabei nicht von ihrer Mutter oder anderen Obrigkeiten beeinflussen, die sie zur direkten Beteiligung am Prozess drängen wollen.

[...]


1 Christoph Menke, S. 10

2 ebd.

3 ebd.

4 ebd., S.

5 ebd.

6 ebd., S. 12

7 Heinrich von Kleist, Der zerbrochne Krug, Hamburger Lesehefte Verlag, 2010, II 195-200

8 Christoph Menke, Die Entsetzung des Rechts, in: ders., Recht und Gewalt, Berlin: August 2011, S. 2

9 ebd., S. 5

10 Christoph Menke, Die Entsetzung des Rechts, in: ders., Recht und Gewalt, Berlin: August 2011, S. 3

11 ebd., S. 2

12 ebd., S. 3

13 Heinrich von Kleist, Der zerbrochne Krug, Hamburger Lesehefte Verlag, 2010, IX 1255- 73

14 Karin Ockert, Recht und Liebe als symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien in den Texten Heinrich von Kleists, Röhring Universitätsverlag St. Ingbert, 2005, S.98

15 Thomas Weitin, Der Geschmack des Gerichts. Zur Urteilsproblematik in Heinrich von Kleists Der zerbrochne Krug, in: Vismann, Cornelia und Thoms Weitin (Hrsg.): Urteilen/Entscheiden, Wilhelm Fink Verlag 2006, S. 223

Details

Seiten
21
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656537168
ISBN (Buch)
9783656537786
Dateigröße
435 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v264178
Institution / Hochschule
Universität Erfurt
Note
1,7
Schlagworte
eingriff rechts leben individuums kleists krug

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Titel: Der Eingriff des Rechts in das Leben des einzelnen Individuums anhand Kleists "Der zerbrochne Krug"