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Georg Trakls Gedicht "An den Knaben Elis". Analyse und Interpretation

Seminararbeit 2013 14 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Elis-Stoff

3. Analyse und Interpretation
3.1 Die Elis-Figur in Trakls mittlerer Schaffensphase
3.2 Zum Gedicht

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Lyrik Georg Trakls wird oft in drei Schaffensperioden unterteilt. Die mittlere Phase seiner Dichtung beginnt laut Iris Denneler mit den Anfang 1913 veröffentlichten Ge- dichten im Brenner1 und zeichnet sich in formaler Hinsicht durch freirhythmische Texte und reimlose Strophenformen aus. Das in dieser Phase veröffentlichte Gedicht An den Knaben Elis ist eines von Trakls ersten eigenrhythmischen Gedichten und unterscheidet sich nicht nur formal von den gereimten Liedformen und Sonetten seiner Zeit. Durch seine bildreiche Sprache und ausgesuchte Motive gestaltet er eine Äharmonische Beto- nungsfolge und musikalische Klangfülle“.2 Die äußere poetische Ordnung verschwindet hinter der Sprache des jeweiligen Gedichtes. Innere Ordnung und Harmonie, nicht mehr die Metrik und das Reimschema, zeichnen sich nun als Stützen der Sprache aus.3

Im Angesicht einer von Verfall und Ängsten geprägten Gesellschaft, entwickelt Trakl zudem das Gefühl des unwiederbringlichen Verlustes der jugendlichen Geborgenheit durch das Hinausgeworfensein in diese Zeit.4 ÄIn diesem Augenblick der lyrischen und existentiellen Bewußtwerdung formt sich in seiner dichterischen Phantasie die Elis- Figur“5, die auch in seinem späteren Werk immer wieder aufgegriffen wird. Die folgende Arbeit beschäftigt sich mit der Analyse und Interpretation des Gedichtes An den Knaben Elis. Dazu wird zunächst ein Einblick in den Elis-Stoff gegeben, um ihre Herkunft und die Inspiration für diese Figur nachvollziehen zu können. Anschlie- ßend werden in kurzer Form die stilistischen Merkmale der mittleren Phase sowie die Eingliederung der Elis-Gestalt in diese aufgezeigt, um im nächsten Schritt auf das Ge- dicht eingehen zu können. Dazu werden die Strophen einzeln untersucht und detailliert interpretiert. Die Ergebnisse dieser Arbeit werden im letzten Schritt als Fazit zusam- mengefasst und kommentiert.

2. Der Elis-Stoff

Die Knabenfigur im Allgemeinen, besonders aber die des Elis, stellt ein immer wieder- kehrendes Motiv in der Traklschen Lyrik dar. Nach der Veröffentlichung von An den Knaben Elis folgte nur kurze Zeit später das Gedicht Elis, welches sich ebenfalls auf den Knaben bezieht und inhaltlich vergleichbar mit seinem Vorgänger ist. Zusätzlich findet die Elis-Figur in der zweiten Fassung von Abendland Erwähnung, wo es ab Vers 54 heißt: ÄOder es läuten die Schritte / Elisʼ durch den Hain, / Den hyazinthenen, / Wie- der verhallend unter Eichen.“6 Ein letztes Mal weist der Autor schließlich im Fragment

2 namentlich auf diese Figur hin: ÄEin Kreuz ragt Elis / Dein Leib auf dämmernden Pfaden“ (S.234).

Fraglich dabei ist, auf wen sich diese von Trakl so häufig aufgegriffene Darstellung bezieht; er selbst gibt keine Hinweise auf die Herkunft oder Vorläufer dieser Figur. In früheren Interpretationen wurde Elis häufig mit dem Elysischen und Paradiesischen in Verbindung gebracht. Eduard Lachmann vergleicht ihn mit dem Äfrühen, noch unversuchten Adam“.7 Werner Meyknecht geht mit seiner Aussage, Elis sei der Äparadiesische Seinszustand“8 noch einen Schritt weiter.

Da in Trakls Dichtung häufig Bezüge auf mythologische Namen wie Nymphen und Sirenen oder Orpheus und Eurydike auftauchen, gingen außerdem viele Literaturwis- senschaftler von der Annahme aus, dass Endymion, der in den ewigen Schlaf verfallene Jüngling, als Inspiration für die Elis-Gestalt anzusehen ist. Clemens Heselhaus argu- mentiert in seinem Aufsatz Die Elis-Gedichte von Georg Trakl, dass der schlafende Endymion das Bild des sanften Untergangs und der träumerischen Abgeschiedenheit aus den Elis-Gedichten zwar reflektiert, hält die Vermutung, dass Trakl sich auf ihn bezieht, allerdings für unzureichend. Er bezweifelt, dass der Autor ein so genaues Wis- sen über diesen Mythos hatte und in Folge den mythologischen Namen hermetisch ver- schlüsselt haben könnte.9 Folglich fand seiner Meinung nach keine Entwicklung von Endymion zu Elis statt, es wurde lediglich ein Bild wieder aufgenommen, welches in diesem Mythos Erwähnung fand. Heselhaus geht stattdessen vielmehr von der These aus, dass der Knabe Elis, wie schon im Kaspar Hauser Lied, einer literarischen Her- kunft entstammt und mit der Elis-Figur aus Hofmannsthals Das Bergwerk zu Falun zu vergleichen ist.10 Vorlage dafür war die Legende des schwedischen Bergwerkarbeiters Elis Fröbom, welcher am Tag seiner Hochzeit in einem Schacht verschüttet wurde. Nach seiner Bergung aus einem Vitriol-See, fünfzig Jahre später, zeigte Fröboms Leichnam keine Anzeichen von Verwesung; jung geblieben schien er, als würde er bloß schlafen. Seine nunmehr gealterte Verlobte identifizierte den Jungen Körper als den des Elis. Der Hingang in den Tod sowie die symbolische postmortale Existenz scheinen für Georg Trakl gleichsam bedeutend und spiegeln Heselhaus zufolge sein eigenes Wunschbild des sanften Untergangs wider.11 Er beschließt seine Argumentation über die Herkunft der Elis-Figur mit der Aussage:

Die Gestalt des Gedichtes wird erst dann recht sichtbar, wenn man sich vergegenwärtigt, daß eine gegenständliche Schicht in der alten Legenden-Gestalt zugrunde liegt und daß darüber die Bedeutungs-Schicht mit den persönlichen, zeitlichen und künstlerischen Folge- rungen liegt.12

Wer nun endgültig als Vorbild für den Knaben Elis anzusehen ist, bleibt fraglich. Letztlich steht aber fest, dass sowohl Edymion, dessen Schlaf ihn vor dem Tode schützt, als auch Elis Fröbom Figuren darstellen, Äderen Jugend unverwelkt über Zeit und Raum und gegen das Naturgesetz erhalten blieb.“13

Ausgehend von diesem Hintergrundwissen werden im nächsten Abschnitt die Bedeutung des Gedichtes An den Knaben Elis für Georg Trakls mittlere Phase und allgemeine Merkmale dieser erläutert.

3. Analyse und Interpretation

3.1 Die Elis-Figur in Trakls mittlerer Schaffensphase

Die Traklsche Lyrik ist voll von sich wiederholenden und variierenden Bildelementen, Farbmetaphern und -symbolen und zeichnet sich durch eine besondere Klangvielfalt aus. Die nach der frühen Phase in freie Rhythmen übergehenden und in letztlich zur Form der lyrischen Prosa führenden Gedichte erfahren laut Jost Hermand eine ÄErweite- rung ins Rätselhafte oder Semantische, die weit über die […] Milieugebundenheit der

[...]


1 Vgl. Denneler, Iris: Konstruktion und Expression. Zur Strategie und Wirkung der Lyrik Georg Trakls. Salzburg: Müller 1982, S.25. Im Folgenden zitiert als: Denneler 1982 mit entsprechender Seitenzahl.

2 Esselborn, Hans: Trakls Knabenmythos. In: Gedichte und Interpretationen. Vom Naturalismus bis zur Jahrhundertmitte, hg. Von Harald Hartung. Bd. 5. Stuttgart: Reclam 1983 (=RUB 7894), S. 176-184, hier S. 182. Im Folgenden zitiert als: Esselborn 1983 mit entsprechender Seitenzahl.

3 Vgl. Denneler 1982, S.45.

4 Vgl. Hermand, Jost: Der Knabe Elis: Zum Problem der Existenzstufen bei Georg Trakl. In: Monatshefte.Vol. 51, No. 8. University of Wisconsin 1959, S. 225-236, hier S 228. Im Folgenden zitiert als: Hermand 1959 mit entsprechender Seitenzahl.

5 Ebd.

6 Trakl, Georg: Das dichterische Werk. Auf Grund der historisch-kritischen Ausgabe von Walther Killy und Hans Szklenar. 9. Auflage. München: dtv 1985, S. 222. Im Folgenden durch eingeklammerte Seitenzahlen und Verse im Fließtext belegt.

7 Lachmann, Eduard: Kreuz und Abend. Eine Interpretation der Dichtungen Georg Trakls. Salzburg: Müller 1954, S. 90.

8 Meyknecht, Werner: Das Bild des Menschen bei Georg Trakl. Dissertation. Münster 1935, S.32.

9 Vgl. Heselhaus, Clemens: Die Elis-Gedichte von Georg Trakl. In: Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte. Bd. 28 (1954), S. 384-413, hier S. 388. Im Folgenden zitiert als: Heselhaus 1954 mit entsprechender Seitenzahl.

10 Vgl. ebd.

11 Vgl. ebd., S. 389.

12 Ebd., S. 390.

13 Rainer, Ulrike: Georg Trakls Elis-Gedichte. Das Problem der dichterischen Existenz. In: Monatshefte. Vol. 72, No.4. University of Wisconsin 1980, S. 401-415, hier S. 406. Im Folgenden zitiert als: Rainer 1980 mit entsprechender Seitenzahl.

Details

Seiten
14
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656536147
ISBN (Buch)
9783656538318
Dateigröße
633 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v264408
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Note
1,0
Schlagworte
georg trakls gedicht knaben elis analyse interpretation

Autor

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