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Räumliche Geschlechtertrennung im französisch-algerischen Autorenfilm "Mascarades"

Seminararbeit 2013 21 Seiten

Romanistik - Französisch - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung

2) Film und Kino in Algerien

3) Frauen in Algerien
3.1) Das Kopftuch
3.2) Räumliche Geschlechtertrennung

4) Geschlechtertrennung im Film „Mascarades“
4.1) Mounir und Khliffa im Auto
4.2) Habiba in der Öffentlichkeit
4.3) Die Heirat
4.4) Mikrokosmos „zu Hause“
4.5) Die unbemerkte Liebe zwischen Khliffa und Rym als Zeichen der
Geschlechtertrennung
4.6) Frauen im Frisörsalon und die Männer im Café
4.7) Mounir und Habiba im Ehebett

5) Das Kopftuch im Film „Mascarades“

6) Fazit

7) Literaturverzeichnis

8) Anhang

1) Einleitung

Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem französisch-algerischen Autorenfilm „Mascarades“ aus dem Jahr 2008 und analysiert tiefgründig, wie die Geschlechtertrennung der algerischen Frauen und Männer in diesem Werk dargestellt wird. Hierzu wird vorerst auf die Geschichte des Kinos im Maghreb und speziell in Algerien eingegangen.

Anhand der Bücher „L’islamisme en Algérie“ von Abderrahim Lamchichi[1], „Freiräume-Lebensträume“ von Rebecca Hillauer[2] und „Sexe, idéologie, islam“ von Fatima Mernissi[3] wird versucht, die Situation der Frauen in Algerien darzustellen und diese in den Kontext des Films zu bringen. Außerdem wird Bezug auf den Global Gender Report genommen, der die Emanzipation der Frauen auf der Welt einstuft.

Auch das Kopftuch wird in dieser Arbeit thematisiert, da es wichtig ist für die darauffolgende Analyse einiger Filmausschnitte. Eine Tabelle von Abderrahim Lamchichi, die das Leben in die weibliche und die männliche Domäne aufteilt, wird helfen, die verschiedenen Situationen im Film dementsprechend einordnen zu können.

Prägnante Sequenzen dieses Films, die die Geschlechtertrennung repräsentieren, werden anhand

filmanalytischer Literatur von Werner Faulstich[4] und James Monaco[5] analysiert. Darunter befinden sich Khliffa und Mounir im Auto, Habiba in der Öffentlichkeit, die Hochzeitsgesellschaft, der Mikrokosmos „zu Hause“, das Nichtbemerken der Liebe des jungen Paares, die Frauen im Frisörsalon und Habiba und Mounir im Ehebett.

Welche filmischen Mittel werden eingesetzt und unterstützen somit die Darstellung der Geschlechtertrennung? Gibt es Unterschiede zwischen dem Verhalten der Frau im Mikrokosmos „zu Hause“ und „in der Öffentlichkeit“? Wo sind die Räume der Männer zu finden, wo die Räume der Frauen? Wie werden die algerischen Männer, wie die algerischen Frauen präsentiert?

2) Film und Kino in Algerien

„Algeriens Kino ist ein Kind des Befreiungskrieges gegen die französische Kolonialmacht“[6], so beginnt Rebecca Hillauer das Kapitel zur Kinogeschichte Algeriens in ihrem Buch „Freiräume-Lebensträume. Arabische Filmemacherinnen“. Die algerische Kinogeschichte ist daher so bescheiden, weil Frankreich zwar das Kino nach Algerien brachte, jedoch die Produktion in ausschließlich französische Hände legte und die Vorführungen lediglich propagandistische Zwecke erfüllen sollten.

Nach den Uraufführungen der ersten Lumière-Filme in Frankreich im Jahr 1896, folgte die Präsentation dieser nur für auserwähltes Publikum in nordafrikanischen Städten wie Algier, Kairo und Oran (vgl. Shafik, 1996, S. 22). Dies waren die ersten Berührungen Nordafrikas mit dem modernen Medium „Film“. Das Land Ägypten konnte 10 Jahre später fünf Kinos und etliche Abspielstätten vorweisen.

In Algerien wurden die ersten Lichtspielhäuser im Jahr 1908 gebaut, jedoch besuchte die einheimische Bevölkerung diese nicht sehr häufig. Die Entwicklung der Kino-und Filmgeschichte schritt in diesem Land nur sehr langsam voran. Kinobesuche der Bürger waren spärlich und die Filmproduktion ebenso. Ab 1911 wurden zum ersten Mal propagandistische Dokumentarfilme auf algerischem Boden gedreht (vgl. Hillauer, 2001,S.212). Diese wurden im Auftrag Frankreichs finanziert und produziert. Alleiniger Zweck dieser Filme war, den Einheimischen ein positives Bild von Frankreich und der Kolonisierung zu vermitteln. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Dokumentarfilme über Algerien, Frankreich, die Kolonien und Informationsfilme über die islamische Welt produziert und vertrieben. Diese Propagandafilme erreichten die einheimischen Zuschauer durch einen „ciné-bus“, ausgestattet mit Projektoren, mit denen die Franzosen durch das Land reisten und ihre Filme ca. 465.000 Menschen zeigten (vgl. Shafik, 1996, S.31).

Die algerische Filmkultur hatte kaum eine Chance, sich frei zu entfalten, bis das Land unabhängig wurde. Ägypten hatte den Vorteil, die Unabhängigkeit von Grßbritannien 1922 zu erlangen und war daher den anderen arabischen Ländern in Hinblick auf die Filmproduktion weit voraus.

Mit der hart erkämpften Unabhängigkeit in Algerien im Jahr 1962, konnte 1964 die algerische Filmindustrie verstaatlicht und die ONCIC (Office National pour le Commerce et l’Industrie Cinématographique) gegründet werden. Erst in dieser postkolonialen Zeit konnte das algerische Filmschaffen endlich beginnen und Fuß fassen.

Die postkolonialen Filme thematisierten vorrangig den Befreiungskampf Algeriens. Nach und nach kamen weitere Themenbereiche wie beispielsweise der Konflikt zwischen Stadt und Land, Bürokratie, Krise der Städte, Emigration und die Frage der Gleichberechtigung der Frauen hinzu (vgl. Hillauer, 2001, S. 213). Die Filme, die heute in Algerien gedreht werden, sind meistens Koproduktionen mit Ländern wie Belgien und Frankreich.

3) Frauen in Algerien

In einem „Global Gender Gap Report“[7] aus dem Jahr 2012, der die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen weltweit einstuft, befindet sich Algerien auf Platz 120 von 135 (zum Vergleich: Deutschland ist auf Platz 13, Frankreich auf Platz 57). Allgemein lässt sich auf dieser Karte leicht erkennen, dass besonders die islamischen Länder die hinteren Plätze dieses Reports belegen. Arabischer „Vorreiter“ sind die Vereinigten Arabischen Emirate auf Platz 107, wahrscheinlich bedingt durch ihre ökonomische vorteilhafte Situation.

Während des Unabhängigkeitskrieges und der ersten Jahre in der postkolonialen Zeit Algeriens, versprach die Partei FLN den Frauen die Emanzipation und die Beteiligung am Geschehen im Land. Das Frauenwahlrecht erhielten Algerierinnen mit Erlangung der Unabhängigkeit 1962.

Jene Frauen, die der Intelligentsia angehörten, der bürgerlichen, arbeitnehmenden Mittelschicht, engagierten sich seit den 70er Jahren in feministischen Vereinen für die Gleichberechtigung der Algerierinnen. Diese waren in der Gesellschaft jedoch nicht anerkannt (vgl.Lamchichi, 1992, S.143).

Algerische Frauen hatten trotz des erlangten Wahlrechts und den Versprechen der FLN kaum Rechte in ihrem Land. 1984 wurde von der FLN ein Gesetz erlassen, was die algerische Frau zum privaten „Besitztum des Mannes“ machte:

„C’est ainsi qu’en 1984, l’Assemblée nationale-dominée exclusivement par les députés du FLN- vote und Code de la Famille qui rétrograde, réduisant la femme algérienne à vie et à perpétuer la conception la plus rétrograde, réduisant la femme algérienne à un objet „protégée par le mari ou le frère“, niée en tant que sujet autonome, libre et égal en droit.“

(Abderrahim Lamchichi 1992:143)

Nachdem die FLN das Land nicht mehr regierte, gründeten Frauen Vereinigungen, um für ihre Rechte und die Gleichberechtigung zu kämpfen. Es kam in dieser postkolonialen Zeit regelrecht zum Aufschwung der algerischen Frauenbewegungen. Durch ein Gesetz 1989 genossen Männer sowie Frauen das Recht, Vereine zu gründen und demnach entstanden ca. 30 weitere feministische Vereine. Am Weltfrauentag im selben Jahr protestierten 50.000 Frauen für ihre Rechte, die Zahl der Frauen stieg von Jahr zu Jahr an (vgl. Hillauer, 2001. S.214). Diese Vereinigungen wurden jedoch von vielen Algeriern nicht nur als Kampf für die Gleichberechtigung der Frauen, sondern gleichzeitig auch als Kampf gegen den Islam gesehen.[8]

Das Auftauchen des Salafismus, der Rückbesinnung auf die Werte in der islamischen Welt, stellte eine erneute Bedrohung für die Gleichberechtigungsbewegung der Frauen dar. Aufständische Frauen, die sich nicht an die konservativen Anweisungen hielten und das Kopftuch verweigerten, wurden verfolgt und bestraft (vgl.Lamchichi, 1992, S.143).

3.1) Das Kopftuch

Das Tragen des Kopftuchs ist fester Bestandteil der islamischen Religion und wird auch in der westlichen Welt heiß diskutiert. Im Koran kommt eine prägnante Vorschrift in Sure 24 vor, in der geschlechtsreifen Frauen nahegelegt wird, ein Kopftuch zu tragen und somit den „Schmuck“ (ihre Reize) vor anderen Männern zu bewahren.[9]

Für viele Algerierinnen stellt der Schleier jedoch auch Unterdrückung und Geschlechtertrennung. Er wird einerseits als „ein Symbol für Sklaverei, für verhindertes Wesen, für Ausschluss von wirtschaftlicher und politischer Macht“ gesehen, andererseits auch positiv bewertet, da er Schutz vor Blicken anderer Männer und Distanz schafft (vgl. Hillauer, 2001, S.14). Dieser Schutz soll jedoch nicht nur für die Frau von Vorteil sein, er dient m.E. eher dem Ehemann:

„(.) Le voile est le protecteur de la femme lorsqu’elle se déplace. Il protège sa beauté parce que ses attributs féminins sont réservés à son époux.”[10]

Hillauer vermutet, dass die Mehrheit der Frauen den Schleier nicht aus religiöser Überzeugung tragen, sondern vielmehr, weil sie unter dem Druck der Familie stehen und sich den Erwartungen dieser fügen müssen. Sie berichtet in ihrem Buch ebenso von Vorfällen, in denen sich Frauen weigerten, das Kopftuch zu tragen, und somit ihre Familie in Gefahr brachten. In Algerien hat jeder das Recht, einen Mann zu fragen, warum die Tochter, Schwester, Cousine oder Ehefrau kein Kopftuch trage.

Das Tragen des Schleiers steht natürlich für die religiöse Glaubensausführung, jedoch größtenteils eben auch für die Rollenverteilung in der Gesellschaft zwischen Mann und Frau in der islamischen Gesellschaft:

[...]


[1] Abderrahim Lamchichi ist ein marokkanischer Politologe, der viele Artikel und Bücher über den Islam schrieb.

[2] Rebecca Hillauer ist Soziologin und Schriftstellerin.

[3] Fatima Mernissi ist eine marokkanische Soziologin und feministische Buchautorin.

[4] Werner Faulstich ist ein deutscher Medienwissenschaftler mit Lehrstuhl an der Universität Lüneburg. Er schrieb viele Werke über Filmtechniken.

[5] James Monaco ist ein amerikanischer Filmwissenschaftler, Autor, Kritiker und Schriftsteller.

[6] Hillauer, Rebecca: Freiräume-Lebensträume. Arabische Filmemacherinnen. Bad Honnef : Horlemann, 2001.

(S. 211)

[7] http://widgets.weforum.org/gender-gap-index/.

[8] „Les islamistes n’ont cessé de dénoncer la libération de la femme comme contraire à la “morale de l’islam”.

(Abderrahim Lamchichi 1992:143).

[9] Sure 24:32: „Und sag den gläubigen Frauen, sie sollen (statt jemanden anzustarren, lieber) ihre Augen niederschlagen, und ihre Keuschheit bewahren, den Schmuck, den sie (am Körper) tragen, nicht offen zeigen, soweit er nicht (normalerweise) sichtbar ist, ihren Schal sich über den (vom Halsausschnitt nach vorne heruntergehenden) Schlitz (des Kleides) ziehen und den Schmuck, den sie (am Körper) tragen, niemandem offen zeigen, außer ihrem Mann, ihrem Vater, ihrem Schwiegervater, ihren Söhnen, ihren Stiefsöhnen, ihren Brüdern, den Söhnen ihrer Brüder und ihrer Schwestern, ihren Frauen, ihren Sklavinnen, den männlichen Bediensteten, die keinen Geschlechtstrieb (mehr) haben, und den Kindern, die noch nichts von weiblichen Geschlechtsteilen wissen. Und sie sollen nicht mit ihren Beinen aneinanderschlagen und damit auf den Schmuck aufmerksam machen, den sie (durch die Kleidung) verborgen (an ihnen) tragen. Und wendet euch allesamt (reumütig) wieder Allah zu, ihr Gläubigen Vielleicht wird es euch (dann) wohl ergehen.“ http://www.koransuren.de/koran/sure24.html.

[10] (Lamchichi 1992: 149, zitiert nach S.Bessis und S.Belhassen in „Le Monde“, S.199).

Details

Seiten
21
Jahr
2013
Dateigröße
675 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v264872
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Romanistik
Note
1,0
Schlagworte
räumliche geschlechtertrennung autorenfilm mascarades

Autor

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Titel: Räumliche Geschlechtertrennung im französisch-algerischen Autorenfilm "Mascarades"