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Hitlers Atombombe?

Die Entwicklung der Literatur zur Atomwaffenforschung im Dritten Reich von den Memoiren der späten 1960er Jahre bis zu den umstrittenen Forschungsergebnissen von 2005

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 26 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Definitionen
Atomwaffen
Uranverein

„Keine Atombombe für Hitler“ - Die NS-Atompolitik in den Memoiren der Beteiligten

Bombe oder Reaktor - Spekulationen vor Veröffentlichung der Farm-Hall Protokolle

„Ich bin dankbar, dass es uns nicht gelungen ist“ – Die Farm Hall Protokolle

Hitlers Bombe - Neue Spekulationen über eine Atombombe der Nationalsozialisten

Schluss

Epilog: Die Folgen der NS-Atomforschung für die Bundesrepublik

Anhang
Abkürzungsverzeichnis
Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Literatur um die Kernforschung im Dritten Reich war und ist teilweise immer noch von dem Mythos einer deutschen Atombombe für Hitler geprägt. [1] Schließlich lassen sich zivile und militärische Nutzung der Kernenergie kaum voneinander trennen. Jedes Land, das in der Lage ist, einen Reaktor zu betreiben, hat auch die Voraussetzungen für die Konstruktion einer Atombombe. [2] Allein die Angst vor dieser zerstörerischen Macht in den Händen der Nationalsozialisten führte zu dem berühmt gewordenen Brief der drei aus Deutschland in die Vereinigten Staaten emigrierten Physiker Leó Szilárd, Albert Einstein und Eugene Wigner im August 1939 an den damaligen US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt, in dem sie ihn vor dieser Gefahr warnten und zum Bau einer eigenen Atombombe rieten. [3] Das daraufhin gestartete „Manhattan Projekt“ führte zur Konstruktion der ersten Nuklearwaffen und deren umstrittenen Einsätzen in Hiroshima und Nagasaki im August 1945.[4] Die Fortschritte der deutschen Atomphysik im Bereich der Bombenentwicklung sind dagegen nach wie vor umstritten. Erste glaubwürdige Darstellungen lieferten die Biografien „Mein Leben“ von Otto Hahn[5] und „Der Teil und das Ganze. Gespräche im Umkreis der Atomphysik“ von Werner Heisenberg [6] in den 1960er und 1970er Jahren. 1989 erschien die Darstellung „German National Socialism and the quest for nuclear power. 1939-1949“ von Mark Walker[7], die 1990 unter dem Titel „Die Uranmaschine“ in Deutschland erschien. Wenig später veröffentlichten die Briten 1992 die Abhörprotokolle der nach dem Krieg in Farm Hall internierten deutschen Atomphysiker. Daraus erstelle Dieter Hoffmann[8] 1993 die Edition „Operation Epsilon. Die Farm-Hall-Protokolle oder Die Angst der Alliierten vor der deutschen Atombombe.“ 1994 veröffentlichte der Heisenberg-Schüler und Wissenschafts-historiker Helmut Rechenberg einen Kommentar mit dem Titel „Farm-Hall-Berichte“ und bewertete darin die britischen Abhörprotokolle. Im Folgenden erschienen die Bücher „Heisenbergs Krieg. Die Geheimgeschichte der deutschen Atombombe“ von Thomas Powers[9], „Hitler's Uranium Club. The Secret Recordings at Farm Hall“ von Jeremy Bernstein[10] und „Heisenberg and the Nazi Atomic Bomb Project“ von Paul Rose. [11] Weitere wichtige Beiträge lieferten die als junge Physiker am deutschen Uranprojekt beteiligten Erich Bagge mit seinem Artikel „Keine Atombombe für Hitler“ in Michael Salewskis 1995 erschienen Sammelband „Das Zeitalter der Bombe. Die Geschichte der atomaren Bedrohung von Hiroshima bis heute“ und Carl Friedrich von Weizsäcker[12] u.a. mit seinem Aufsatz „Die Bombe war zu teuer“ in der Zeit vom 19. April 1991. Diese Standardwerke wurden mit der Gesamtdarstellung „Hitlers Bombe: Die geheime Geschichte der deutschen Kernwaffenversuche“ von Rainer Karlsch[13] 2005 zusammengefasst und erweitert.

Alle diese Werke können ein deutsches Atombombenprogramm während der NS-Zeit weder endgültig beweisen noch widerlegen. Im Rahmen einer Hausarbeit kann auch kein weiterer Beitrag zu dieser Kontroverse geleistet werden. Vielmehr soll nach einigen Definitionen zur Vermeidung von Missverständnissen der bisherige Verlauf der Forschung nachgezeichnet und mit den Ausführungen der Beteiligten verglichen werden. Im Schluss werden die Ergebnisse zusammengefasst. Anschließend erfolgt in einem Epilog eine Bestandsaufnahme der Ergebnisse der NS-Atomforschung, die nach dem Ende des Besatzungsstatuts die Grundlagen der bundesdeutschen Kernforschung bildeten.

Neben der genannten Literatur konnte ich auch auf Informationen, die ich im Rahmen meiner Dissertation zu deutschen Atomwaffenpolitik in der Ära Adenauer gesammelt habe, zurückgreifen. Daher stützt sich diese Hausarbeit nicht ausschließlich auf die Sekundärliteratur, sondern wird vereinzelt durch Quellen aus verschiedenen Archiven ergänzt. Diese sind mit den benutzen Beständen im Literaturverzeichnis aufgeführt.

Um den Umfang einer Hausarbeit nicht zu sehr zu überschreiten, wurde bewusst auf eine Liste der in der Arbeit auftauchenden Personen mit Kurzbiografien im Anhang verzichtet. Stattdessen befinden sich in den Fußnoten kurze Informationen zu den wichtigsten Wissenschaftlern und Autoren, die nicht im fließenden Text vorgestellt werden.

Definitionen

Atomwaffen

An dieser Stelle wird die Definition aus der Anlage der Verzichtserklärung Bundeskanzler Konrad Adenauers auf der Londoner Neunmächte Konferenz von Oktober 1954 zitiert. Atomwaffen sind demnach Waffen, die Kernbrennstoff oder radioaktive Isotope enthalten oder eigens dazu bestimmt sind, solche aufzunehmen und welche – durch Explosion oder andere ungeregelte Kernumwandlung des Kernbrennstoffes oder durch Radioaktivität des Kernbrennstoffes oder radioaktive Isotope – Massenzerstörungen, Massenschaden oder Massenvergiftung hervorrufen können.[14] Entscheidend ist der Nebensatz mit der Formulierung der Kernumwandlung. Atomwaffen sind demnach Kernsprengwaffen, welche die im Atomkern gespeicherte Energie durch eine unkontrollierte Kettenreaktion freisetzen. Diese Differenzierung ist nötig, um den Begriff der Atomwaffen von z.B. Uranmunition zu trennen. Uran als besonders hartes Element wurde schon im Zweiten Weltkrieg vor allem für Torpedos eingesetzt, um die Durchschlagskraft zu erhöhen. Diese Waffensysteme enthalten auch radioaktive Isotope. Da diese aber nicht gespalten werden, handelt es sich nicht um Atomwaffen. [15] Weiterentwicklungen dieser Munition werden heute u.a. von der NATO als panzerbrechende Munition eingesetzt.[16]

Die erste Kernsprengwaffen wurde von der US-Armee am 16. Juli 1945 in New Mexico getestet. Die Sowjetunion zog am 29. August 1949 nach, [17] Großbritannien am 2. Oktober 1952.[18] Die Franzosen zündeten erst am 13. Februar 1960 in der Sahara ihre erste Bombe.[19]

Uranverein

In einem Memorandum vom 7. August 1945 beschrieben die beteiligten deutschen Physiker den Uranverein als vom Heereswaffenamt zusammengefasste Gruppe von Forschern, „deren Aufgabe es war, die Fragen der praktischen Ausnützbarkeit der Atomkernenergie im Anschluss an die Hahnsche Entdeckung zu untersuchen.“ [20] Ende 1941 kam man zu dem Ergebnis, dass die Kernenergie zum Betreiben von Maschinen nutzbar gemacht werden könne.

„Dagegen war es die Ansicht der Forscher, dass die Voraussetzungen für die Herstellung einer Bombe im Rahmen der technischen Möglichkeiten, die Deutschland zur Verfügung standen, damals nicht vorhanden waren.“[21]

Diese Ausführungen bestätigte der am deutschen Uranprojekt beteiligte Physiker Erich Bagge 1995 erneut.[22] Das Heereswaffenamt versuchte nach heute übereinstimmender Meinung auszuloten, ob die Nutzung der Kernspaltung als Sprengmittel möglich sei. [23] Nach den Ausführungen der Wissenschaftler war dies unter den gegebenen Umständen in absehbarer Zeit nicht möglich. Daraufhin wurden die finanziellen Mittel des Uranvereins stark eingeschränkt, da die deutschen Militärs aufgrund der bis dato erfolgreichen Strategie des Blitzkrieg nicht mit einer einsatzbereiten Bombe vor dem erhofften, baldigen Kriegsende rechneten.[24] Die Farm-Hall Protokolle unterstreichen diese Aussagen zum Uranverein [25] ebenso wie das Gespräch mit dem Wissenschaftshistoriker Helmut Rechenberg vom Max Planck Institut in München.[26]

[...]


[1] Eine Übersichtliche Darstellung bis 1990 liefert Mark Walker in seinem ArtikelLegenden um die deutsche Atombombe.in IfZ (Hrsg.).Vierteljahresheft für Zeitgeschichte.Nr. 38 (1990). S. 45-75.

[2] Vgl. dazu u.a.:

- RADKAU, Joachim (1983).Aufstieg und Krise der deutschen Atomwirtschaft 1945-1975.Reinbeck: Rowohlt Taschenbuch Verlag. S. 34ff.

- MÜLLER, Wolfgang D. (1990)Geschichte der Kernenergie in der Bundesrepublik Deutschland. Band 1 – Anfänge und Weichenstellungen. Stuttgart: Schäffer. S. 43ff.

- RUSINEK, Bernd-A. (1996).Das Forschungszentrum. Eine Geschichte der KFA Jülich von ihrer Gründung bis 1980.Frankfur/Main: Campus Verlag. S. 67ff.

[3] - Der Brief Einsteins ist abgedruckt in BERNSTEIN, Jeremy (1996).Hitler's Uranium Club. The Secret Recordings at Farm Hall.Woodbury, New York: AIP Press. S. 14f.

- POWERS, Thomas (1993).Heisenbergs Krieg. Die Geheimgeschichte der deutschen Atombombe.Hamburg: Hoffmann und Campe. S. 96ff.

- WIEGREFE, Klaus (2005).Vor 60 Jahren. Wie es zum Abwurf der Atombombe auf Hiroshima kamin AUGSTEIN, Rudolf (Hrsg.).Der SpiegelNr. 31 (1.8.2005). Hamburg: Spiegel-Verlag. S. 102f.

[4] - DM ALSOS-Mission http://www.deutsches-museum.de/archiv/archiv-online/geheimdokumente/ alsos-mission/ (5.1.2009).

- BAMA, BW 1/10233 (Juni 1957).Gutachten über A-, B- und C-Waffen.S. 131f. In diesem Gutachten vom Juni 1957 beschrieb dasInstitut für internationales Rechtder Universität Kiel, dass die Amerikaner während des Zweiten Weltkrieges aufgrund von Missverständnissen die Entwicklung der Atombombe voran trieben, da sie den Deutschen zuvorkommen wollten.

- DÜLFFER, Jost (1998).Jalta, 4. Februar 1945. Der Zweite Weltkrieg und die Entstehung der bipolaren Welt.München: dtv. (erschienen in der Reihe20 Tage im 20. Jahrhundertherausgegeben von FREI, Norbert; HENKE, Klaus-Dietmar und WOLLER, Hans). S. 153ff.

[5] Otto Hahn (1879-1968) war ein deutscher Chemiker und erhielt 1944 den Nobelpreis für die Entdeckung der Kernspaltung 1938. Er war nach dem Zweiten Weltkrieg unter den in Farm Hall internierten deutschen Wissenschaftlern des Uranvereins.

[6] Werner Heisenberg (1901-1976) war ein deutscher Physiker und erhielt 1932 den Nobelpreis für die Begründung der Quantenmechanik. Auch er war nach dem Zweiten Weltkrieg unter den in Farm Hall internierten deutschen Wissenschaftlern des Uranvereins.

[7] Mark Walker studierte Mathematik und Geschichte. Er lehrt am Union College in New York.

[8] Dieter Hoffmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Wissenschafts­geschichte in Berlin und Privatdozent an der Humboldt-Universität.

[9] Thomas Powers ist Spezialist für Nachrichtendienste, Autor und Pulitzer Preisträger.

[10] Jeremy Bernstein war Professor der Physik an verschiedenen Universitäten und Forschungseinrichtungen sowie freier Mitarbeiter desNew Yorkers.Als Journalist veröffentlichte er zahlreiche wissenschaftshistorische Werke.

[11] Paul Rose ist Professor für europäische Geschichte an der Pennsylvania State University.

[12] Carl Friedrich von Weizsäcker (1912-2007) war ein deutscher Physiker und Philosoph. Er war nach dem Zweiten Weltkrieg unter den in Farm Hall internierten deutschen Wissenschaftlern des Uranvereins.

[13] Rainer Karlsch ist ein deutscher Wirtschaftshistoriker.

[14] BAMA BW1/10233 I S. 154.

[15] BÜHL, Alfons (1968).Atomwaffen.Bad Honnef: Osang Verlag. S. 55ff.

[16] http://www.un.org/icty/pressreal/nato061300.htm#IVA2 (5.1.2009).

[17] WIEGREFEWie es zum Abwurf der Atombombe kam. S. 100ff.

[18] CHURCHILL, Winston (2003).Der Zweite Weltkrieg.Frankfurt: Fischer. S. 1113.

[19] KÜNTZEL, Matthias (1992).Bonn und die Bombe – Deutsche Atomwaffenpolitik von Adenauer bis Brandt.Frankfurt/ Main und New York: Campus Verlag. S. 17.

[20] DM Memorandum deutscher Atomwissenschaftler zum Uranverein vom 7.8.1945. http://www.deutsches-museum.de/archiv/archiv-online/geheimdokumente/beurteilung/memorandum-zum-uranverein/ (5.1.2009).

Dieses Dokument befindet sich auch in den Farm-Hall Protokollen:

- HOFFMANN, Dieter (Hrsg.) (1993).Operation Epsilon. Die Farm-Hall-Protokolle oder Die Angst der Alliierten vor der deutschen Atombombe.Berlin: Rowohlt.Anhang zum Vierten BerichtS. 175f.

- BERNSTEINHitler's Uranium Club.Appendix to Report 4 .S. 161ff.

[21] ebd.

[22] BAGGEKeine Atombombe für Hitler.S. 30ff.

[23] - WALKER, Mark (1990).Die Uranmaschine.Berlin: Siedler. S. 30ff.

- KARLSCH, Rainer (2005).Hitlers Bombe.München: Deutsche Verlags-Anstalt. S. 29ff.

- POWERSHeisenbergs Krieg.S. 29ff.

- BAGGEKeine Atombombe für Hitler. S. 30ff.

[24] - BERNSTEINHitler's Uranium Club.S. 39ff.

- BAGGEKeine Atombombe für Hitler. S. 42f.

- In seinem Artikel „Die Bombe war zu teuer“ in der Zeit vom April 1991 äußerte sich der im Uranverein mitarbeitende Physiker und spätere Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker im April 1991 über die Atomwaffenforschung in der NS-Zeit. http://www.zeit.de/1991/17/Die-Bombe-war-zu-teuer (24.11.2008).

[25] - HOFFMANNOperation Epsilon.S. 13ff. undVierter BerichtS. 145ff.

- RECHENBERG, Helmut (1994).Farm-Hall-Berichte.Stuttgart: S. Hirzel. S. 48ff.

- BERNSTEINHitler's Uranium Club.Report 4.S. 119ff. Vor allemAppendix to Report 4S. 161ff.

[26] Gespräch mit Helmut Rechenberg am 8.12.2008 in München.

Details

Seiten
26
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656544203
ISBN (Buch)
9783656545187
DOI
10.3239/9783656544203
Dateigröße
520 KB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Erscheinungsdatum
2013 (November)
Note
1,3
Schlagworte
hitlers atombombe entwicklung literatur atomwaffenforschung dritten reich memoiren jahre forschungsergebnissen

Autor

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