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F.M. Klingers Drama ,Die Zwillinge'. Die charakterliche Ambivalenz ,Grimaldis‘

Hausarbeit 2012 17 Seiten

Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
Charakterliche Disposition Grimaldis im chronlogischen Verlauf des Dramas
2.1 1.Akt
2.2 2.Akt
2.3 3.Akt
2.4 4.Akt

3. Schlussbemerkung: Abschließende Deutung Grimaldis Charakter

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Während des im Stück thematisierten Bruderkonflikts Guelfos Bruder und Gegenspieler Ferdinando eher selten und „als relativ ausgeglichener und unproblematischer Charakter“1 auftritt, ist die Person des Grimaldi von größerem Interesse, denn „[n]icht die Konfrontation der Brüder aber, denen das Stück seinen Namen verdankt, sondern die von Guelfo und Grimaldi bestimmt das Drama.“2 Allein schon formal tritt Grimaldi besonders in Erscheinung, da er neben Guelfo die einzige Person ist, die einen Monolog führt. Sogar noch mehr als das: „[…], beide sind die häufigsten Dialogpartner und ihre Zwiegepräche stehen an prominenter Stelle, indem sie etwa die ersten drei Akte eröffnen, in denen die Entscheidung zum Brudermord herbeigeführt wird.“3

An dieser Stelle sieht man schon, das Grimaldi vor allem im Dynamisierungsprozess des Konflikts zwischen Guelfo und Ferdinando eine wichtige Rolle spielt. Der Brudermord ist folglich nicht nur aufgrund Charaktereigenschaften des Protagonisten Guelfo zu erklären, die Tat muss in Berücksichtigung auf seinen ,Wahlbruder‘ Grimaldi neu bewertet werden.

Zunächst einmal ist die charakterliche Komponente Grimaldis zu betrachten, der „durchaus einen eigenständigen Charakter darstellt.“4 Auch kontrastierende und konvergente Eigenschaften zu Guelfo sind zu nennen, um ihre gemeinsame Interaktion nachvollziehen zu können.

Diese vorbereitenden Aspekte dienen letztendlich dazu, eine möglichst facettenreiche und vielschichtige Blickweise auf die Person des Grimaldi zu gewinnen, der sicherlich auch in seinem Charakter widersprüchliche Dispositionen vereint.

2. Hauptteil: Charakterliche Disposition Grimaldis im chronologischen Verlauf des Dramas

2.1 1.Akt

Schon der erste Auftritt zeigt verschiedene Charakterzüge Grimaldis auf. Er selbst bezeichnet Ferdinando als „Todtfeind.“5 In Zusammenhang mit der Lektüre des Brutus und Cassius, äußert Grimaldi gegenüber Guelfo den Auspruch: „Brutus, du schläfst!“ (DZK S.9, Z.7), mit welchem Cassius den Brutus zum „Cäsarmord reitze […].“6 Während Grimaldi mit seinen melancholischen Zügen und in seiner Passivität gefangen ist: „Der traurige Mantel der Melancholie hat sich um mich geschlungen, ich will weinen“ (DZK S.10, Z.20), soll Guelfo nicht schlafen und sich gegen sein Feind erheben, auch wenn sich Grimaldi gegen einen möglichen Brudermord stellt: „Aber nur die Nase muss er sich blutig fallen, Guelfo, nicht mehr; sonst wärs unbrüderlich“ (DZK S.9, Z.21) und folglich hier zur Mäßigung Guelfos gegenüber seinem Bruder aufruft. Auf jeden Fall aber „indirekt spornt er Guelfo zu einer Tat gegen Ferdinando an.“7

Die gemeinsame Interaktion der Beiden erklärt sich im gemeinsamen Hass gegenüber Ferdinando: Während sich Guelfo um die Erstgeburt und um seine Geliebte Kamilla betrogen fühlt, fühlt sich Grimaldi seiner Geliebten Juliette, der Schwester Ferdinandos, beraubt. Deren Heirat lehnt Ferdinando aber ab, „da er sie einem reichen Feudalen zur Frau geben will.“8 Ob Juliette auch wirklich Grimaldis Liebe erwidert, ist aufgrund der Tatsache, dass diese Thematik nur durch Grimaldis subjektive Einschätzungen und seiner sehr melancholischer Haltung geführt wird, gar nicht zu beurteilten, aber auch fast bedeutungslos, da Grimaldi die Ursache seiner aktuellen Position „nicht in seiner mangelden Aktivität [sieht], sondern in dem bösen Willen der anderen, die er nun dafür haßt.“9

Werden Grimaldis „düster-melancholische[n] Stimmungen“10 schon in der ersten Szene ganz deutlich offenbart, so beschreibt Grimaldi selbst seinen Feind als „[...]süsse[n], empfindsame[n], kluge[n] Ferdinando[...].“ (DZK S.7, Z.39) Im Bewusstsein der Tatsache, dass Ferdinando als Feindbild Grimaldis und Guelfos wahrgenommen wird, ist dieser Ausspruch wohl abschätzig gegenüber Ferdinando gemeint, und soll im Gegensatz den starken, wilden, unbändigen Guelfo erhöhen. Andererseits ist unbedingt auch auf die charakterliche Parallelität zwischen Grimaldi und Ferdinando hinzuweisen. Ferdinando ist zwar das personifizierte Feindbild , dennoch lässt sich im Drama keine Textstelle finden, die belegt, dass Ferdinando „nur ein berechnender Streber, ein Heuchler“11 sei, ähnlich wie es auch Guelfo Ferdinando nahelegt. Vergleichbar mit dieser Situation bemerkt auch Guelfo Grimaldis Widersprüchlichkeit: „Mensch! Mensch! Du machst mich rasend mit Deiner Zweydeutigkeit. Merk dir das![...] Du sagst zu viel und zu wenig.“ (DZK S.10, Z.24) Guelfo „spürt […], dass Grimaldi mit ihm spielt und ihn missbraucht,“12 kann sich aber nicht dessen erwehren.

Schon allein im ersten Akt lassen sich einige Eigenheiten des Grimaldis beobachten.

Einerseits verharrt Grimaldi in seiner Melancholie und Passivität, die seine Vitalität und seinen Aktionismus in weiten Teilen einschränkt und in dessen Urheber er Ferdinando sieht. Dennoch ist er als redegewandter Rhetoriker am Werk, der geschickt versucht, Guelfo zur Tat anzustiften; indem Grimaldi einerseits beschwichtigende Worte findet, andererseits Guelfos Aktivitätendrang, der sich gegen den Feind Ferdinando richtet, unterstützt. Seine Widersprüchlichkeit lässt Grimaldi „selbst als eine gestörte und zerrissene Persönlichkeit erschein[en][..].“13

In der zweiten Szene tritt Grimaldi nach dem Gespräch zwischen Guelfo und Doctor Galbo auf, der ihm nicht mit Sicherheit sagen kann, wer von den Zwillingen die Welt zuerst erblickt hat und somit das Recht auf die Erstgeburt sein Eigen nennen kann. Grimaldi behauptet daraufhin, Guelfo stamme gar nicht aus dem selben Geschlecht wie seine Familie und „fördert dadurch die Isolation Guelfos von der Familiengemeinschaft.“14 Fritz Martini geht noch einen Schritt weiter: „[Grimaldi] versucht, Guelfo eine Unabhängigkeit von den Blutsbanden, die ihn von Natur her an die Eltern und den Bruder heften, zu suggerieren, um ihn als Werkzeug seiner Rache, aus den Klammern dieser Familie herauszulösen.“15 Grimaldi glorifiziert, preist und überhöht Guelfo und stellt außerdem heraus, dass die Umwelt Guelfos eigentliche Genialität im großen Maße einschränke:

„Noch einmal, was mich ärgert, ist, daß Du zur Eiche aufgewachsen warst, nun da stehst, ein kleines dürres Bäumchen am Wege, für das der Bettler eben so wenig Ehrfurcht hat, als der Grosse, Dich anstößt, und jeder sich ein Sprößchen abbricht, daß Du kahl da stehest.“ (DZK: S.14, Z.18)

So schürt er wieder neuen Hass Guelfos gegen seinen Zwillingsbruder, auch wenn er die Möglichkeit des Brudermordes von sich weißt: „Guelfo! es kann mich einer beleidigt haben, ich kanns ihm vergeben haben.“ (DZK S.14, Z.17) Weiterhin betont Grimaldi selbst seine Unbedeutsamkeit und seine Nichtbeteiligung im Hinblick auf den Ausgang des Bruderkonflikts; gleichzeitig sieht er seinen eigenen Untergang voraus: „Der Tod hat sich längst um meine Gebeine gehängt; loßreissen werd` ich ihn diesmal nicht.“ (DZK S.15, Z.18). Damit überträgt er jeglichen Aktionismus Guelfo. Grimaldi erklärt weiter die Nichtigkeit jeglichen eigenen Handelns. Als melancholische Person hängt Grimaldi sehr der Vergangenheit und ihrer Erinnerungen nach. Die Person Grimaldi leidet an der Spaltung in „Treue zur Vergangenheit und Erfüllung der Forderung der Gegenwart.“16 Dies „vermag Grimaldi als Warnung für Guelfo […] dienen […] um diesen im Willen zur Tat zu bestärken.“17 Guelfo hat mit Grimaldi so selbst sein eigenes, mögliches Schicksal vor Augen und will diesem entgehen. In Betracht dessen „scheint nur die rücksichtslose Verteidigung der eigenen Interessen ein dauerhaftes Versinken in Resignation und Trauer verhindern zu können.“18

2.2 2.Akt

Wie schon den ersten Akt, so eröffnen Grimaldi und Guelfo auch den zweiten Akt. Grimaldi erläutert weiter seinen physischen Zerfall und schwelgt in Erinnerungen der Vergangenheit: „[...] Schnellkraft, Zuversicht und Festigkeit“ (DZK S.23, Z.36) charakterisieren nun aber nicht mehr den kranken Grimaldi. Er zieht sich aus der Gesellschaft zurück und überlässt sich ganz der Trauer: „Denn was ist das Leben, mein lieber Guelfo, wenn einem das genommen ist, was einem Leben giebt, wenn einem noch dazu der Weg verlegt ist, den zu gehen man gemacht ist?“ (DZK S.24, Z.6) Nicht nur, dass die Erinnerungen an Juliette immer mehr verblassen und „auch die Züge der geliebten Person [dem Gedächtnis] entschwinden,“19 so gibt es für Grimaldi auch keine Möglichkeit, seine Gegenwart, seinen Alltag, positiv zu gestalten. Grimaldi selbst „provoziert mit dieser resignierenden Haltung erst recht Guelfos willenhafte Entschlossenheit.“20

Durch Guelfos Behauptung, Grimaldis Leben werde wieder ein bald Sinn haben, schöpft Grimaldi wieder ein wenig mehr Hoffnung und beginnt zu singen. Dieser vierstrophige Gesang klingt ähnlich wie ein Wehklagen, ein Bitten an himmlische Kräfte, seine Trauer doch in Freude zu wandeln. Doch Grimaldis Innerstes, seine Seele, ist mit dem Tod Juliettes schon gestorben: „Sie starb, sie starb! und da sie starb, starb Grimaldi!“ (DZK S.26, Z.1) Seine melancholische Haltung ist während dem Gespräch mit Guelfo deutlich zu spüren; Grimaldi übt des weiteren „auch auf seine Mitmenschen eine lähmende Wirkung aus,“21 dessen sich Guelfo auch bewusst ist: „Ich bitt` dich, Grimaldi, wieg mich nicht in diesen schwermüthigen Ton. Ich brauch Stärke; und bin ich nicht im nemlichen Fall?“ (DZK S.26, Z.16). In seiner resignierenden Haltung entsagt er dem Leben und empfindet Todessehnsucht: „Bruder, laß uns Einsiedler werden, laß uns der Welt absagen, und uns treu sterben!“ (DZK S.27, Z.13) Hier ist natürlich nicht nur Grimaldis Gemütsverfassung, die er hier ausdrückt, sondern auch die Reaktion, die eine solche Äußerung bei Guelfo hervorruft, zu betrachten. Da Guelfo einen ganz anderen Charakter besitzt, verlangt „[Grimaldi] von Guelfo etwas seinem aktiven Wesen gänzlich entgegengesetztes [...]“22 und macht ihm folglich die Unmöglichkeit einer solchen Äußerung für Guelfo selbst bewusst. Indem Grimaldi mit seinen Äußerungen auf den ersten Blick versucht, Guelfo zu beschwichtigen, erreicht er in Hinblick auf den Aktionismus des Protagonisten eine ganz gegensätzliche Reaktion. Grimaldi fordert Guelfos Tatendrang noch weiter heraus: „Wirfst du Seifenblasen hinaus? Sie zerplatzen, eh` sie niederkommen, armer Narr!“ (DZK S.27, Z.30). Dieser extreme Aktionismus entlädt sich schließlich, indem Guelfo mit einer Pistole aus dem Fenster schießt, als er Ferdinandos Ankunft bemerkt. Doch eine solche Tat, „die nie Guelfos klarem Bewußtsein oder logischer Überlegung entspringt und somit aufgrund der Unfähigkeit, Absicht und Tun zu koordinieren, zur Absurdität führt,“23 ist nur möglich, „wenn der Verstand als bewußt lenkende Instanz betäubt ist bzw. das ganz konkret durch Grimaldi verbildlichtes Denken schläft[...].“24 Auch hier ist wieder die manipulierende Wirkung Grimaldis zu betonen.

[...]


1 Stefanie Wenzel: Das Motiv der feindlichen Brüder im Drama des Sturm und Drang. S.91.

2 Gert Mattenklott: Melancholie in der Dramatik des Sturm und Drang. S.64

3 Anna Poeplau: Selbstbehauptung und Tugendheroismus. S.79

4 Stefanie Wenzel: Das Motiv der feindlichen Brüder im Drama des Sturm und Drang. S.99.

5 Friedrich Maximilian Klinger: Die Zwillinge. S.6. Im folgenden zitiert als DZK

6 Anna Poeplau: Die Ambivalenz des starken Charakters in den Zwillingen. S.81

7 Stefanie Wenzel: Das Motiv der feindlichen Brüder im Drama des Sturm und Drang. S.101

8 Olga Smoljan: Friedrich Maximilian Klinger: Leben und Werk, S.66

9 Stefanie Wenzel: Das Motiv der feindlichen Brüder im Drama des Sturm und Drang. S.99

10 Ebd.

11 Olga Smoljan: Friedrich Maximilian Klinger; Leben und Werk. S.69

12 Matthias Buschmeier, Kai Kaufmann: Einführung in die Literatur des Sturm und Drangs und der Weimarer Klassik. S.146

13 Ebd.

14 Stefanie Wenzel: Das Motiv der feindlichen Brüder im Drama des Sturm und Drang. S.101

15 Fritz Martini: Die feindlichen Brüder. S.235

16 Gert Mattenklott: Melancholie in der Dramatik des Sturm und Drang. S.75.

17 Ebd.

18 Anna Poeplau: Die Ambivalenz des starken Charakters in den Zwillingen. S.81

19 Gert Mattenklott: Melancholie in der Dramatik des Sturm und Drang. S.73

20 Stefanie Wenzel: Das Motiv der feindlichen Brüder im Drama des Sturm und Drang. S.101

21 Ebd.

22 Ebd.

23 Karl Guthke: Lektion eines Preisausschreibens: S.289

24 Ebd.

Details

Seiten
17
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656544081
ISBN (Buch)
9783656544586
Dateigröße
698 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v265066
Institution / Hochschule
Universität des Saarlandes – Fachrichtung Germanistik
Note
1,3
Schlagworte
klingers drama zwillinge ambivalenz grimaldis‘

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