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Habermas "Theorie des kommunikativen Handelns" übertragen auf die zwischen-menschliche Kommunikation im Internet

Essay 2013 9 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

„Wie sprechen Menschen mit Menschen? Aneinander vorbei.“

Kurt Tucholsky[1]

Habermas Theorie des kommunikativen Handelns auf die zwischen-menschliche Kommunikation im Internet zu übertragen, scheint zumindest auf den ersten Blick möglich, wenn nicht sogar wünschenswert zu sein. Die Kommunikation verlagert sich vom analogen in den digitalen bzw. vom realen in den virtuellen Raum. In beiden Fällen handelt es sich noch um zwischen-menschliche Kommunikation, denn ohne Zweifel kommunizieren in beiden Räumen Menschen mit Menschen. Auf den zweiten Blick jedoch ist Habermas Theorie nicht so ohne Weiteres auf das Internet übertragbar. Analysiert man die Entwicklung der Kommunikationsarten in Relation zum technischen Fortschritt, wird schnell deutlich, wie der biologische Sprechakt mehr und mehr vertechnisiert bzw. entmenschlicht wird/wurde.

Vom anfänglichen Sprechakt – rein biologisch-menschlicher Natur – der einer »natürlichen« Kommunikation zwischen Mensch und Mensch in Form einer »face-to-face«-Kommunikation (Schema: »Mensch sieht sich«) entspricht, wandelte sich im Zuge einer zunehmenden Vertechnisierung der Welt auch die Kommunikation zwischen und unter den Menschen. Kommunikation ist längst nicht mehr auf die biologische bzw. physische Präsenz als unabdingbare Notwendigkeit eines Sprechaktes von mindestens zwei Kommunikationsteilnehmern beschränkt, sondern vielmehr zu einer Interaktion degradiert, bei der es weder der physischen Präsenz noch der eigentlichen Sprachfähigkeit des Kommunikationsteilnehmers bedarf, da im Internet vorwiegend in Schriftsprache und nicht mehr in gesprochener Sprache kommuniziert wird.

Die Telekommunikation stellt in dieser Hinsicht eine Übergangsphase zur vollständigen Technisierung bzw. Entmenschlichung der Kommunikation dar. Während Kommunikation über das Telefon eine Mischform darstellt, bei der zwar keine »face-to-face«-Situation erforderlich ist, aber dennoch gesprochene Sprache notwendig ist, um zu kommunizieren, besteht im Internet die Möglichkeit allein durch Schriftsprache über die technischen Kanäle zu kommunizieren, so dass überspitzt gesagt, weder die physische Präsenz noch die (gesprochene) Sprache des Menschen erforderlich sind – was zwangsläufig zu gravierenden Konsequenzen und Veränderungen im Kommunikationsverhalten des Menschen führt bzw. noch führen wird.

Die Entwicklung der jeweils dominanten Kommunikationsform zeigt auf, wie sich das Kommunikationsverhalten des Menschen verändert hat. Von besagter »face-to-face«-Kommunikation (Schema: »Mensch sieht sich«), über eine »audio-to-audio«-Kommunikation (Schema: »Mensch hört sich«) über das Telefon bis hin zur vorherrschenden »font-to-font«-Kommunikation (Schema: »Mensch liest sich«) im Internet, ist die biologisch-anthropologische Komponente der Kommunikation fast vollständig getilgt bzw. vertechnisiert worden. Kommunikation bedarf – rein theoretisch – keines biologischen Sprechapparates mehr, da im Internet Kommunikation in Form von Schriftsprache realisiert und eingesetzt wird. An dieser Stelle sei jedoch angemerkt, dass es sich hierbei lediglich um die Entwicklung der derzeit dominanten Kommunikationsform handelt und nach wie vor alle drei Kommunikationsformen parallel zueinander existieren und vom Menschen zur Kommunikation angewendet werden. So können im Internet beispielsweise alle drei Kommunikationsarten mit nur einem Programm namens Skype[2] zur Kommunikation angewendet werden. Es geht also vielmehr darum, nachzuweisen, ob und wie Habermas Theorie des kommunikativen Handelns auf die Kommunikation im Internet übertragbar ist.

Habermas bezieht sich zu Beginn auf das philosophische Grundthema der Vernunft. Die Philosophie bemüht sich „seit ihren Anfängen, die Welt im Ganzen und die Einheit in der Mannigfaltigkeit der Erscheinungen mit Prinzipien zu erklären, die in der Vernunft aufzufinden sind“ (vgl. HABERMAS 1995, S. 15). Wenn wir also von »Rationalität« oder den Ausdruck »rational« verwenden, „unterstellen wir eine enge Beziehung zwischen Rationalität und Wissen“ (ebd., S. 25). Bezogen auf die Kommunikation heißt dies, dass sowohl kommunikative Handlungen als auch der kommunikativ Handelnde als mehr oder weniger rational gelten können. Kommunikation und Äußerungen hängen somit immer von der Zuverlässigkeit des in ihnen verkörperten Wissens ab, d.h. die Rationalität einer (sprachlichen) Äußerung hängt von ihrer Kritisierbarkeit und Begründbarkeit ab (ebd., S. 27).

Für die Kommunikation im Internet gilt jedoch nicht mehr die Prämisse, dass das in einer Äußerung verkörperte Wissen einen Tatsachenbezug haben muss. Die Objektivität einer (sprachlichen) Äußerung innerhalb der Kommunikation zwischen zwei Aktoren muss im Internet nicht mehr zwingendermaßen einen Bezug zur objektiven Welt haben, da ein Tatsachenbezug bzw. eine objektive Beurteilung beider Aktoren unmöglich erscheint, sofern diese sich weder sehen, noch persönlich kennen und somit beide gleichermaßen nicht mehr in der Lage dazu sind, objektiv zu beurteilen, ob ihr Gegenüber tatsächlich der ist, der er vorgibt zu sein. Diese Problematik ist zweifelsohne auf die Struktur des Internets und die Veränderung der menschlichen Kommunikation zurückzuführen. Die Struktur des Internets und die Entmenschlichung der Kommunikation vereinfacht es Menschen, online jemand anderes zu sein, als sie es offline womöglich sind. Dieser Umstand führt zu dem weiteren Problem, dass nicht mehr objektiv anhand eines transsubjektiven Geltungsanspruches beurteilt werden kann, ob die jeweilige Beurteilung der Handlung eines Subjekts gleichermaßen von Beobachter, Adressat und handelndem Subjekt geteilt wird, da weder beurteilt werden kann, ob Adressat noch handelndes Subjekt in der entsprechenden Kommunikation ehrlich bzw. rational handeln.

[...]


[1] Zitat Kurt Tucholsky; in: http://www.zitate.de/kategorie/Kommunikation (letzter Zugriff: 19.07.2013)

[2] Skype (englische Aussprache [skaɪp]) ist eine kostenlose IP-Telefonie-Software des Unternehmens Microsoft mit Instant-Messaging-Funktion, Dateiübertragung und Videotelefonie, die ein proprietäres Netzwerkprotokoll verwendet. Sie ermöglicht das kostenlose Telefonieren zwischen Skype-Kunden via Internet (Quelle Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Skype).

Details

Seiten
9
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656549970
ISBN (Buch)
9783656548126
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v265270
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Philosophisches Seminar
Note
1,7
Schlagworte
Theorie des kommunikativen Handelns Habermas Identität Internet Online Offline Kommunikation Identitätskompetenz Weltbilder Medien Kommunikationswandel Kommunikationsgeschichte Kommunikationskultur Digitale Identität Mediengesellschaft Virtualität Kommunikatives Handeln Internetkompetenz Innenwelt Außenwelt

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