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Weiterentwicklung der berufsbildenden höheren Schulen BHS in Österreich

Ein europäisches Vorzeigemodell der Berufsbildung

Wissenschaftliche Studie 2013 294 Seiten

Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

VORWORT

1 Einleitung

2 Nationaler Qualifikationsrahmen in berufsbildende höhere Schulen europakonform integriert
2.1 Europäischer Qualifikationsrahmen und dessen Schlüsselkonzepte
2.2 Nationaler Qualifikationsrahmen – Lernergebnis in einem internationalen Kontext lernergebnisorientiert

3 ISCED-Klassifikation und berufsbildende höhere Schulen mit unterschiedlichen Bildungswegen
3.1 ISCED-Systematik und BERUFSBILDENDE HÖHERE SCHULEN mit einer 3-jährigen Betriebs- und Berufspraxis

4 Höhere technische Lehranstalten mit einer Rückbindung der Betriebspraxis an das Bildungssystem
4.1 Fachtheorie und Fachpraxis – eine Symbiose mit nationalen und internationalen Zukunftsaussichten in der Ingenieurbildung
4.2 Betriebs- und Berufspraxis einschlägig und gehoben zur Weiterqualifizierung zum durchlässigen akademischen Bachelor-Grad
4.3 Technologischer Strukturwandel durch die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien
4.4 Höhere technische Lehranstalten mit Bildungsstandards für den internationalen Vergleich der Ingenieurbildung
4.5 Bologna-Prozess und Bildungsstandards zum europäischen und internationalen Vergleich der zweistufigen Ingenieurbildung
4.6 HTL-DIPLOM mit Betriebspraxis als Weiterqualifizierung zum Ingenieur und dessen Einstufung in der ISCED-Systematik
4.7 Der HTL-INGENIEUR und seine berufliche und gesellschaftliche Aufwertung im Nationalen Qualifikationsrahmen
4.8 Höhere technische Lehranstalten mit flexiblen Lehrplänen zur Entgegnung eines wirtschaftlich-technischen Strukturwandels
4.9 Höhere technische Lehranstalten und eine umfassende Allgemeinbildung mit einer grundlegenden Fachbildung
4.10 Höhere technische Lehranstalten im Spannungsfeld von Persönlich- keits- und Fachbildung
4.11 Ingenieurpraxis und eine „duale“ Rückbindung an das Bildungssystem mit einer Weiterbildung zum akademischen Bachelor-Ingenieur

5 HTL-ABSOLVENTEN dual durch eine tertiär-formalisierte Betriebs- und Berufspraxis zum akademischen Ingenieur
5.1 HTL-ABSOLVENTEN durch eine facheinschlägige und gehobene Ingenieurpraxis zum „akademischen“ Ingenieur als Bachelor-Grad
5.1.1 ISCED-Bildungssystematik orientiert sich an der internationalen Wirtschaftsorganisation OECD mit einer Chancengleichheit aller
5.1.2 Fachhochschulen und der Bologna-Prozess erfordern zunehmend eine sekundar-tertiäre Weiterentwicklung des HTL-Bildungssystems zum akademischen Ingenieur
5.1.3 Bachelorprogramme beim HTL-Bildungssystem ermöglichen einen Zugang zu Masterprogrammen an Fachhochschulen und Universitäten
5.1.4 Nationaler Qualifikationsrahmen durch Lernergebnisse vornehmlich output-orientiert
5.2 HTL-ABSOLVENTEN mit dualer, tertiär-formalisierter Betriebspraxis zum akademischen Ingenieur
5.3 Die Hohe technische Lehranstalt – ein sekundar-tertiär weiterentwickel-tes Bildungssystem
5.4 MODELL Ia: HTL-ABSOLVENTEN werden sekundar-tertiär zum betriebs- und praxisorientierten akademischen Ingenieur

6 BHS-ABSOLVENTEN durch eine „dual“, tertiär-formalisierte Betriebs- und Berufspraxis zum akademischen Bachelor-Grad
6.1 Berufsbildende höhere Schule BHS mit zusätzlich dualem, tertiärem Bildungsprinzip zum durchlässigen akademischen BACHELOR-Grad
6.2 Berufsbildende höhere Schule BHS mit ihrem Ursprung in der industriellen und liberal-fortschrittlichen Zeit der Habsburgermonarchie
6.2.1 Niederer, gewerblich-beruflicher Unterricht entsteht durch die aufgeklärt-absolutistische Kaiserin Maria Theresia im 18. Jahrhundert
6.2.2 Mittleres gewerblich-berufliches Unterrichtswesen entwickelt sich zunehmend in der Habsburgermonarchie der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
6.2.3 Höhere Gewerbeschulen und höhere Handelsschulen als aufstrebende Mittelschulen zur gewerblichen und industriellen Bildung
6.3 BHS-Absolventen gelangen mit dualer, tertiär-formalisierter Betriebs- und Berufspraxis zum akademischen BACHELOR-Grad
6.4 MODELL Ib: BHS-ABSOLVENTEN gelangen sekundar-tertiär zum betriebs- und praxisorientierten akademischen BACHELOR-Grad

7 MODELL IIa: Hohe Technische Lehranstalten und die Vermeidung einer Bildungssackgasse
7.1 Hohe technische Lehranstalten und eine Weiterentwicklung in den Hochschulraum
7.2 Hohe technische Lehranstalten mit zweistufiger Bachelor-Master- Studienarchitektur nach dem europäischen Bologna-Modell
7.2.1 ALLGEMEINFORM der Hohen technischen Lehranstalten als berufsbildende Hochschulen
7.2.2 SONDERFORM der Hohen technischen Lehranstalten als berufsbildende Hochschulen
7.2.3 FACHLEHRANSTALTEN an Hohen technischen Lehranstalten der berufsbildenden Hochschulen
7.3 Hohe technische Lehranstalten mit zweistufigem System der Ingenieurbildung durch den Bologna-Prozess
7.3.1 ALLGEMEINFORM an Hohen technischen Lehranstalten als berufsbildende Hochschulen
7.3.2 SONDERFORM Hohe technische Lehranstalten als berufsbildende Hochschulen
7.3.3 FACHLEHRANSTALTEN an den Hohen technischen Lehranstalten der berufsbildenden Hochschulen
7.4 Fachbereiche und Ausbildungsschwerpunkte mit Vertiefungen an den Hohen technischen Lehranstalten als berufsbildenden Hochschulen
7.4.1 Höhere technische Lehranstalten und „grundlegende“ Bachelorprogramme an den Hohen technischen Lehranstalten
7.4.2 Höheren technischen Lehranstalten mit vertiefenden Master-Studienprogramme der Hohen technischen Lehranstalten

8 MODELL IIb: Berufsbildende Hochschule und eine Weiterqualifizierung zur Vermeidung einer Bildungssackgasse
8.1 ALLGEMEINFORM des Zukunftsmodells „allgemeinbildende Hochschule“
8.2 ALLGEMEINFORM europakonforme, zweistufige Berufsbildende Hochschule
8.2.1 Hohe technische und gewerbliche Lehranstalten als berufsbildende Hochschulen
8.2.2 Hohe Land- und forstwirtschaftliche Lehranstalt als berufsbildende Hochschule
8.2.3 Hohe kaufmännische Lehranstalten als berufsbildende Hochschule
8.2.4 Hohe Lehranstalt für Wirtschaft, Mode und Bekleidungstechnik als berufsbildende Hochschule
8.2.5 Hohe Lehranstalt für Tourismus als berufsbildende Hochschule
8.2.6 Hohe Lehranstalt für Kunst und Design als berufsbildende Hochschule
8.3 SONDERFORM der berufsbildenden Hochschulen
8.4 FACHLEHRANSTALTEN an berufsbildenden Hochschulen

9 WERKMEISTERSCHULEN als Gewerbemittelschulen an den Staats-Gewerbeschulen und ihre Weiterentwicklung
9.1 Werkmeisterschulen mit Vorbildwirkung aus Sachsen
9.2 Werkmeisterschulen der Staats-Gewerbeschulen in der Habsburger-monarchie und ihre Weiterentwicklung
9.3 MODELL III: BERUFSBILDENDE AKADEMIE – eine internationale Weiterentwicklung der Werkmeisterschulen und Fachakademien
9.3.1 Werkmeisterschule zur Werkmeister-Akademie als berufsbildende Akademie
9.3.2 Fachakademie zur berufsbildenden Akademie

10 MODELL IV: Schulpflicht neun Jahre und ein Schnuppern an berufsbildenden mittleren und höheren Schulen
10.1 Allgemeinbildende höhere Schulen mit einer umfassenden und gehobenen allgemeinen Bildung
10.2 Berufsbildende mittlere und höhere Schulen mit einer gesellschaftlichen Aufwertung der Fachschulen
10.3 Berufsbildende Fachschulen zur Hebung der dualen Berufsbildung

11 Literatur
11.1 Primärliteratur
11.2 Sekundärliteratur

12 Abkürzungen

VORWORT

Die berufsbildenden höheren Schulen BHS schließen mit einer Reife- und Diplomprüfung durch eine Doppelqualifikation ab. Der bestehende Bildungsprozess an diesen höheren Lehranstalten sollte dual Betriebs- und praxisorientiert, europakonform, tertiär-akademisch erweitert werden. Bildungsredundanzen in ein weiterführendes Bildungssystem werden dadurch minimiert. Eine entsprechende Durchlässigkeit im Bildungssystem muss für jene stattfinden, die sich weiterqualifizieren wollen. Der europäische Bildungstrend macht es erforderlich, dass die Arbeitsmarkt- und beschäftigungsfähigen berufsbildenden höheren Schulen BHS durch eine tertiäre Betriebs- und praxisnahe Hochschulebene ergänzt werden. Die Wettbewerbsfähigkeit im nationalen und internationalen Bildungskontext wird dadurch gesichert. Die sekundare Berufsbildung an den „berufsbildenden höheren Schulen“ wird nach einem höheren, dualen Bildungsprinzip tertiär erweitert. Eine zunehmende Konkurrenz in der Privatwirtschaft durch die Fachhochschulen macht es notwendig, Betriebs- und praxisnah auf der Tertiärebene akademisch zu positionieren. Eine Betriebs- und praxisnahe Weiterqualifizierung für bildungswillige BHS-Absolventen wird im Bologna-Prozess erforderlich. Die berufsbildenden höheren Schulen sind formal durch ein europakonformes BOLOGNA-Programm zu erweitern. Das BOLOGNA-Programm ermöglicht eine Durchlässigkeit in das Masterprogramm von Fachhochschulen und Universitäten.

Wirtschafts- und bildungspolitisch wird das europäische Bologna Bildungs- und Steuerungsmodell grundsätzlich zur Umsetzung in Österreich vorgeschlagen. Eine international konforme Weiterentwicklung des bewährten Bildungssystems Höhere technische Lehranstalten HTL wird angeregt. Das Unikat-Erfolgsmodell berufsbildende höhere Schule BHS auf der Sekundarstufe II soll zur tertiären berufsbildenden Hochschule nach OECD Vorstellungen erweitert werden. Es wird einem internationalen Trend gefolgt, die globale Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen. Die Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Habsburgermonarchie bringt zur pädagogisch-didaktischen Förderung der Entwicklungen in Industrie und Wirtschaft die Staats-Gewerbeschulen hervor. Diese entwickeln sich über die Bundeslehranstalten und die Bundesgewerbeschulen zu den Höheren technischen Lehranstalten HTL weiter. Als Wegweiser für eine Weiterentwicklung kann das gewerblich-technische Bildungsmodell „Hohe technische Lehranstalt“ betrachtet werden.[1]

Die Staats-Gewerbeschulen werden mit den höheren Gewerbeschulen und den Werkmeisterschulen zu gewerblichen Mittelschulen in der Habsburgermonarchie. In der Zwischenkriegszeit spielt eine Reform der gewerblichen Bundeslehranstalten eine untergeordnete Rolle. Es kommt allerdings zu einer Differenzierung der gewerblich-technischen Hauptgruppen/Fachbereiche. Beim gewerblichen Bildungssystem kommt es zu keiner Veränderung. Im Dritten Reich werden 8-semestrige Ingenieur- und Bauschulen an den nunmehrigen Staats-Gewerbeschulen in der Ostmark eingeführt. Es ist nach dem 2. Schuljahr eine einjährige handwerkliche Betriebspraxis zu absolvieren. Der Lehrwerkstätten-Unterricht wird bis zu 12 Wochenstunden erweitert. Dieser betriebs- und praxisnahe, gewerblich-technische Bildungsprozess kann wegen des Kriegsendes nicht mehr umgesetzt werden. Eine Weiterentwicklung in der Wiederaufbauphase der gewerblich-technischen Lehranstalten erfolgt aufgrund des wirtschaftsangepassten Reformprogramms von Bad Ischl im Jahre 1946. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstehen die Betriebs- und praxisnahen Bundesgewerbeschulen. In Deutschland werden die Gewerbeschulen oft als Lehrlingsschulen benannt. Durch das Schulorganisationsgesetz 1962 kommt es zu einer Namensänderung der Bundesgewerbeschulen in Höhere technische Lehranstalten. Der europäische Bologna-Bildungsprozess macht es in der Gegenwart zunehmend erforderlich, die Ingenieurbildung an den Höheren technischen Lehranstalten dem Bologna-Modell anzupassen. Es droht im 21. Jahrhundert eine nicht zu unterschätzende Bildungssackgasse, in der sich die Absolventen als nützliche und billige Fachkräfte für die Wirtschaft wiederfinden. Auf der HTL-Bildungsebene werden viele Techniker- und Ingenieur-Fachkräfte von der produzierenden und qualifiziert dienstleistenden Wirtschaft benötigt. Mit dem Aufkommen des Technikbereiches der Fachhochschulen sinkt zunehmend auch der gesellschaftliche Status der Standesbezeichnung „Ingenieur“. Diese befindet sich durch den Bologna-Prozess verstärkt in einer Bildungssackgasse. Der wirtschaftliche und gesellschaftliche Status der HTL-Ingenieure dürfte höher sein als jener der Bachelor-Ingenieure der Fachhochschulen und Universitäten. Viele Studenten, die Gesellschaft, der Staat und die Wirtschaft betrachten den Bachelor als undergraduate-Bildung. Diese unglückliche Bachelor-Bezeichnung wird ursprünglich im Rahmen des Bologna-Prozesses in die Welt gesetzt. Es verschwindet diese Benennung bis in die Gegenwart nicht. Es führt dies dazu, dass viele Studenten der Fachhochschulen und auch der Universitäten zusätzlich ein Masterstudium absolvieren. Studien belegen allerdings, dass wirtschaftliche Unternehmen, welche bereits die wenigen „Nur-Bachelor-Absolventen“ beschäftigen, diese besser beurteilen als Betriebe, die keine Erfahrung mit Bachelor-Absolventen haben.

Der fortschreitende Ausbau des Bildungs-Importproduktes Fachhochschule und der zunehmende Wettbewerb durch deren Technikbereich macht eine formale Weiterentwicklung der sekundaren Ingenieurbildung an den Höheren technischen Lehranstalten erforderlich. Es wird eine Einbindung der 3- jährigen Betriebspraxis an das bestehende HTL-Bildungssystem erforderlich. Dadurch soll gewährleistet werden, dass die HTL-Absolventen am allgemeinen Ingenieur-Arbeitsmarkt in der Zukunft nicht zu sehr ins Hintertreffen geraten. Es wird versucht, zwei mögliche Zukunftsperspektiven für diese seit der Habsburgermonarchie bewährte Ingenieurbildung zu entwickeln.

Es sollte zu einer Weiterentwicklung des HTL-Ingenieurs zum „Bachelor-Ingenieur“, das heißt, zu einem akademischen Ingenieur, kommen. Eine Anbindung der Ingenieurpraxis an das bestehende HTL-Bildungssystem muss erfolgen.

Es wird ferner das europataugliche Zukunftsmodell „Hohe technische Lehranstalt“ als „berufsbildende Hochschule“ modellhaft dargestellt. Dieses Modell kann auf die anderen berufsbildenden höheren Schulen BHS übertragen werden. Das bewährte, österreichische berufsbildende höhere Schulwesen wird vom Ausland zunehmend als tertiär-würdig bestaunt. Die wirtschaftsorientierten „OECD-Statistiker“ können durch eine Quotenerhöhung des inzwischen heterogenen Tertiär-Bereichs befriedigt werden. Das Zukunftsmodell „Hohe Technische Lehranstalt“ wird notwendigerweise europatauglich in der akademischen Tertiär-Ebene positioniert. Die Spezial-Lehranstalt „Hohe technische Lehranstalt“ soll notwendigerweise dem Technikbereich der Fachhochschulen formal gleichwertig, aber nicht gleichartig sein. Der betriebs- und praxisnahe und anwendungsorientierte Charakter der Höheren technischen Lehranstalten soll erhalten bleiben. Eine Weiterentwicklung der Höheren technischen Lehranstalten erfolgt an den bestehenden Bildungsstandorten. Das Zukunftsmodell „Hohe technische Lehranstalt“ soll nach wie vor eine Aufstiegsschule technikbegabter und technikinteressierter Jugendlicher bleiben. Ein Zugang erfolgt aus der Sekundarstufe I nach einem allgemeinen 4- semestrigen Bachelor-Vorbereitungs-Lehrprogramm auf Sekundarstufe II.

1 Einleitung

Die Allgemeinform der Berufsbildung, die Erstbildung, besteht in Österreich aus zwei bewährten Säulen: Der vollschulischen aus den berufsbildenden mittleren und höheren Schulen und der dualen, bestehend aus der Betriebslehre und der Teilzeit-Berufsschule.

In Österreich liegt der Anteil der 20-24-Jährigen, welche zumindest einen Sekundarabschluss II haben, im Jahre 2012 bei 86,6%. Innerhalb der gesamten EU liegt dieser Wert durchschnittlich bei 80,2%. Der Anteil an beruflicher Bildung, festgemacht an der prozentmäßigen Zahl an Schülern, ist innerhalb der Europäischen Union in Österreich am höchsten. Die Vorbildung der Lehrlinge im 1. Lehrjahr sieht folgend aus: 35,3% der Berufsschüler der ersten Klasse, somit der 10. Schulstufe, haben im Schuljahr 2011/12 vorher eine Polytechnische Schule besucht. Eine berufsbildende mittlere Schule besuchten 17,1%, eine berufsbildende höhere Schule 10,4% und 15,3% der Berufsschüler kommen direkt aus einer Hauptschule. Die Zahl der Lehrlinge ist in letzter Zeit relativ konstant bei rund 34%. Die Zahl der betrieblichen Lehrstellen ist zurückgegangen und beträgt im Jahre 2012 etwa 115.000 Lehrlinge. Eine Prognose der STATISTIK AUSTRIA besagt, dass die Zahl der 15- Jährigen nach einem zwischenzeitlichen Anstieg im Jahr 2016 auf 84.175 sinken wird. Der Anteil der Jugendlichen mit Migrationshintergrund sinkt ab der 9. Schulstufe im weiterführenden Bildungssystem drastisch. Der Anteil der Jugendlichen mit nicht-deutscher Muttersprache in der Polytechnischen Schule, die eine allgemeinbildende Pflichtschule in der 9. Schulstufe ist, liegt im Schuljahr 2011/12 immerhin noch bei 25,5%, wobei dies ein ähnlicher Wert wie in den Volksschulen ist. In der Berufsschule, einer berufsbildenden Pflichtschule, ist dieser Wert lediglich 10,6%, in den berufsbildenden höheren Schulen liegt dieser noch bei 13,6% und selbst in der AHS-Oberstufe beträgt dieser 14,2%. Die Verteilung der Schüler in der 10. Schulstufe im Schuljahr 2011/12 ist, tabellarisch dargestellt, folgende:[2]

Es werden durch neue Bildungs-Modelle Entwicklungsschritte gezeigt, die eine Durchlässigkeit und Internationalisierung der berufsbildenden höheren Schulen in Österreich zur Folge haben. Bei diesen zwei Grundmodellen wird die seit der Habsburgermonarchie wichtige formale Bildungsform Höhere technische Lehranstalt, HTL, jeweils als Beispiel vorangestellt.

- MODELL Ia: HTL–Absolventen sollen durch eine facheinschlägige und gehobene, 3-jährige Betriebs- und Berufspraxis dual eine erweiterte fachpraktische und fachtheoretische Bildung erhalten. Das bestehende HTL-Bildungssystem wird zusätzlich tertiär formalisiert. Die Standesbezeichnung „Ingenieur“ wird als Abschluss zum durchlässigen akademischen Ingenieur aufgewertet.
- MODELL Ib: BHS-Absolventen sollen durch eine facheinschlägige und gehobene, 3-jährige Betriebs- und Berufspraxis dual eine erweiterte, fachpraktische und fachtheoretische Bildung erhalten. Das bestehende BHS-Bildungssystem wird zusätzlich tertiär formalisiert. Der Abschluss wird durch einen durchlässigen akademischen Bachelor-Grad aufgewertet.
- MODELL IIa: Die Höhere technische Lehranstalt HTL soll eine „Hohe technische Lehranstalt“ als berufsbildende Hochschule mit tertiärer und europakonformer Bachelor–Master-Bildungsstruktur werden, wobei grundlegende Bachelor- und vertiefende Masterprogramme an den HTL-Standorten angeboten werden.
- MODELL IIb: Die berufsbildende höhere Schule BHS soll eine „berufsbildende Hochschule“ mit tertiärer und europakonformer Bachelor–Master Bildungsstruktur werden, wobei grundlegende Bachelor- und vertiefende Masterprogramme an den HTL-Standorten angeboten werden.
- MODELL III: Weiterentwicklung der Werkmeisterschule zur berufsbildenden Akademie. Ein duales, betriebs- und praxisnahes BACHELOR-Programm mit Zugang von praxiserfahrenen Lehrabsolventen.
- MODELL IV: Weiterentwicklung der 9-jährigen zu einer 10-jährigen Schulpflicht zur Bildungserhöhung aller Jugendlichen.

Der Bologna-Prozess findet durch die Folgekonferenzen bis in die Gegenwart statt. Im Zentrum der Bildungsüberlegungen steht die europäische Wettbewerbsfähigkeit und die Beschäftigungs- und Arbeitsmarktfähigkeit der einzelnen formalen Bildungszyklen. Diese beiden Hauptzyklen Bachelor und Master sollen für den europäischen Arbeitsmarkt zwei relevante Qualifikationsebenen ermöglichen. Die Studiendauer beträgt bei den grundlegenden Bachelor-Programmen meist 6 Semester und bei den vertiefenden Masterprogrammen im Allgemeinen 4 Semester. Das Bologna-Modell soll eine Vergleichbarkeit im europäischen Hochschulraum ermöglichen. Der akademische Bachelor-Grad gilt bereits als erster berufsqualifizierender Studienabschluss. Bei den berufsbildenden höheren Schulen mit ihren traditionellen Höheren technischen Lehranstalten und den Handelsakademien, deren Ursprung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts liegt, ist zweifellos eine berufsqualifizierte Arbeitsmarkt- und Beschäftigungsfähigkeit gegeben. Im Rahmen des europäischen Bologna-Prozesses wird bei der Folgekonferenz in Bergen im Jahre 2005 von den Anwesenden die Einführung eines nationalen Qualifikationsrahmens NQR beschlossen.[3]

Ein Paradigmenwechsel im europäischen Hochschul-Bildungswesen erfolgt zunehmend durch das Bologna-Modell im 21. Jahrhundert. Die europäische „Bologna-Studien-Architektur“[4] erfordert zusätzlich eine ergänzende Weiterentwicklung der in der Vergangenheit bewährten und erfolgreichen „berufsbildenden höheren Schulen“. Eine höhere duale, fachpraktische und fachtheoretische Weiterqualifizierung der BHS-Absolventen sollte auf der akademischen Tertiärebene erfolgen. Die Betriebs- und Praxisnähe dieser berufsbildenden Schulen sollte im Sinne der Wirtschaft und der Absolventen weiter ausgebaut werden. Die Höheren technischen Lehranstalten, HTL, haben nach wie vor eine zunehmende Frequenz, wobei dies nicht für alle Fachbereiche gilt. Bildungsstudien wird entnommen, dass praxiserfahrene HTL- Ingenieure sich dahingehend äußern, dass die Spezialisierung bei der Ausbildung mit Maß und Ziel erfolgen sollte und eine breite Grundlagenbildung wichtig sei. Die STATISTK AUSTRIA sagt aus, dass die Schülerzahlen an den Höheren technischen Lehranstalten in den letzten zehn Jahren durchschnittlich um 18,4 Prozent gestiegen sind. Der Amtsführende Präsident des Landesschulrates Kärnten äußert am 21. November 2012 in einer Kärntner Tageszeitung, dass die HTL-Absolventen nach wie vor gute Berufs- und Erwerbschancen hätten. Dies gilt allerdings nicht für alle Fach- und Ausbildungsschwerpunkte in gleichem Maße. Es gibt grundsätzlich einen hohen Bedarf an der HTL-Qualifikationsebene. Der computerorientierte Werkstätten-Unterricht hat im Bereich der Fertigung eine große Bedeutung. Im Gegenzug verlieren die kaufmännischen Schulen mit ihren Handelsakademien zunehmend an Schülern. Diese Lehranstalten müssen den Betriebs- und Praxisbezug erhöhen. Der „Werkstätten-Unterricht“ an den Lehranstalten für Maschinenbau und Elektrotechnik muss auf den neuesten Stand der Technik gebracht und ausgebaut werden.

Durch das europäische Bologna-Modell kommt es im europäischen Bildungswesen zu einem Paradigmenwechsel durch die Bildungspolitik. Es wird in Österreich erforderlich, die in der Vergangenheit bewährten „berufsbildenden höheren Schulen“ auf Sekundarstufe II nach OECD Überlegungen als „berufsbildende Hochschulen“ formal in den Tertiär- und Hochschulraum aufzuwerten. Es wird die traditionell wichtige „Höhere technische Lehranstalt“ als berufsbildende höhere Schule herangezogen. Ausgehend von den erfolgreichen Staats-Gewerbeschulen der Habsburgermonarchie, wird die Weiterentwicklung bis zum europatauglichen Zukunftsmodell „Hohe technische Lehranstalt“ als „berufsbildende Hochschule“ dargestellt.

Es droht die Gefahr, dass die Höheren technischen Lehranstalten sich vor allem nicht im Sinne der Absolventen in eine Bildungssackgasse bewegen. Studien kann entnommen werden, dass die gewerbliche und industrielle Wirtschaft mit den billigen, nützlichen und qualitätsvollen HTL-Absolventen sehr zufrieden ist. Die Wirtschaft ist daher an einer nationalen und europäischen Aufwertung und Reform der gestern, heute und hoffentlich auch morgen bewährten Höheren technischen Lehranstalten nicht besonders interessiert. Die europäische Bildungspolitik ruft durch den Bologna-Prozess einen arbeitsmarkt- und wirtschaftsangepassten Paradigmenwechsel hervor. Die Ingenieur- und Technikerbildung an den Höheren technischen Lehranstalten wird sich diesem europäischen Bildungsprozess nicht verschließen können, wenn in der Zukunft eine gedeihliche Entwicklung stattfinden soll. Eine zunehmende Konkurrenz durch den tertiären Technikbereich der Fachhochschulen kann zunehmend festgestellt werden. Zwischen den Technikbereich der tertiären Universitäten und den Höheren technischen Lehranstalten auf der Sekundarstufe II hat sich formal der nichtuniversitäre, tertiäre Technikbereich der Fachhochschulen geschoben. Aufgrund dieser Tatsache kann eine zusätzliche formale Abwertung der Höheren technischen Lehranstalten beobachtet werden, die sich in der Zukunft zunehmend negativ auswirken könnte. Die Höheren technischen Lehranstalten sind in der Vergangenheit ein österreichisches Erfolgsmodell umfassender allgemeiner und beruflich-fachlicher Bildung auf der Sekundarstufe II, deren Zukunftssicherung notwendig wird. Die Höheren technischen Lehranstalten sind ein europäisches Unikat in der Ingenieurbildung. Diese Ingenieurqualifikation muss entsprechend der Bologna-Studienarchitektur und einem internationalen Trend folgend, entsprechend weiterentwickelt und aufgewertet werden. Die erste abschlussorientierte und berufsqualifizierende Ebene der Ingenieurbildung ist das „grundlegende, technisch-produktive“ Bachelorprogramm auf der Tertiärebene. Der bewährte, praxisnahe Charakter der Höheren technischen Lehranstalten muss erhalten bleiben. Diese Ausbildung der HTL-Absolventen wird vor allem auch von den kleinen und mittleren gewerblichen und handwerklichen Wirtschaftsbetrieben und in der Selbstständigkeit geschätzt. Im Bereich der Informatik findet eine rasante Zunahme von Ich-AG- und Mikrounternehmen statt. Das Grundlagenwissen ändert sich in der traditionellen Technik eher langsam, wogegen sich in den „Neuen Informations- und Kommunikationstechnologien“ auch das grundlegende Wissen zum Teil rasant ändert. Die zweite Ingenieurbildungsebene ist das berufsqualifizierende, „vertiefende, technisch-berufsorientierte“ Masterprogramm, welches permanent dem Wirtschaftsprozess angepasst wird, um auf Abruf einer eventuellen, aktuellen Erwerbsbeschäftigung zur Verfügung zu stehen. Die Bologna-Kultur des „Lebenslangen Lernens“ dient der globalen Wettbewerbsfähigkeit. Ein ständiges „Fit für einen etwaigen Job“, hervorgerufen durch ständig sich ändernde Markterfordernisse, wird gefordert. Eine globale neoliberale Arbeitsmarkt- und Erwerbsfähigkeit muss dauernd gegeben sein. Eine lebenslange, selbstbestimmte, allgemeine Bildung nach Wilhelm von Humboldt wird zu einem ständigen, „wirtschaftsangepassten und fremdbestimmten“ Lernen und Kompetenzerwerb degradiert.

Das Zukunftsmodell „Hohe technische Lehranstalten“ als „berufsbildende Hochschule“ lässt sich nicht nur durch eine formale organisatorische Aufwertung der Höheren technischen Lehranstalten an den Bildungsstandorten verwirklichen. Dieses Modell könnte auch auf andere berufsbildende höhere Schulen, wie auf kaufmännische, Wirtschaft-, Mode-, Bekleidung- und Tourismusschulen, auf Land-, Forst- und Ernährungswirtschaftsschulen sowie auf Kunst- und Designschulen übertragen werden. Durch eine notwendige Aufwertung der berufsbildenden höheren Schulen in den tertiären Bereich wird der OECD im Sinne einer geforderten Tertiär- und Akademiker-Quote Rechnung getragen. In Österreich waren in der Vergangenheit die Akademiker, vornehmlich repräsentiert durch den Doktorgrad, quasi ein Stand. Die Standesbezeichnung „Diplomingenieur“, mit einer Unterbrechung im Dritten Reich, wird erst 1969 [Sic!] gesetzlich in Österreich ein akademischer Grad. Seit dem Jahre 1917 bis zum Zweiten Weltkrieg werden die Absolventen der Technischen Hochschule mit der Standesbezeichnung „Ingenieur“ graduiert. Die Absolventen der höheren Abteilungen der gewerblich-technischen Bundeslehranstalten erhalten nach einer achtjährigen, facheinschlägigen, gehobenen Betriebspraxis dieselbe Standesbezeichnung „Ingenieur“ verliehen wie die Absolventen der Technischen Hochschulen. Die vierjährigen, „höheren Gewerbeschulen“ der Staats-Gewerbeschulen hatten in der auslaufenden Habsburgermonarchie als „Ingenieure“ formal denselben Status wie die Absolventen der Technischen Hochschulen.

Beim europakonformen Zukunftsmodell „Hohe technische Lehranstalt“ findet auf erster Ebene eine Ingenieurvorbildung, ein „technisch-allgemeines Bachelor- Vorbereitungs-Lehrprogramm“ statt. Eine zweistufige Ingenieurbildung baut, entsprechend dem europäischen Bologna-Studiendesign, darauf auf. Die Höheren technischen Lehranstalten haben derzeit 17 Fachbereiche mit 86 Ausbildungsschwerpunkten mit zusätzlichen, flexiblen Vertiefungen an den bestehenden Bildungsstandorten. Beim Zukunftsmodell Hohe technische Lehranstalt sollen praxisnahe und anwendungsorientierte, „grundlegende“ technisch-produktive Bachelorprogramme in dem erweiterten Curriculum der Fachbereiche der derzeitigen Höheren technischen Lehranstalten stattfinden. Die praxisnahen und anwendungsorientierten, schwerpunktmäßig „vertiefenden“ technisch-berufsorientierten Masterprogramme bauen auf den Fachbereichen der Bachelorprogramme auf. Eine permanent wirtschaftsangepasste Vertiefung erfolgt durch die erweiterten Ausbildungsschwerpunkte der Höheren technischen Lehranstalten, da spezialisiertes technisches Wissen sich laufend ändert.

Die Höheren technischen Lehranstalten mit ihrer bewährten und erfolgreichen Unikat-Ingenieurbildung benötigen vor allem auch im Sinne der Absolventen eine formale, europäische und internationale Aufwertung nach Bologna -Bildungsvorstellungen. Beim geplanten Modell „Hohe technische Lehranstalt“ gibt es eine zweistufige Ingenieurbildung. Bei der „Allgemeinform“ findet eine allgemeine und vorbereitend viersemestrige Bildung durch „Bachelor-Vorbereitungs-Lehrprogramme“ für alle17 Fachbereiche auf der Sekundarstufe II statt. Mit sechzehn / siebzehn Jahren kann grundsätzlich jedes Bachelorprogramm an den Hohen technischen Lehranstalten gewählt werden. Die erste Ingenieurbildung erfolgt durch die „grundlegenden“, sechssemestrigen, „technisch-produktiven“ Bachelor-Studienprogramme. Diese vermitteln eine umfassende allgemeine, vorbereitende, fachpraktische und fachtheoretische Bildung in einem Curriculum der siebzehn erweiterten Fachbereiche der derzeitigen Höheren technischen Lehranstalten. Die erste Ingenieurbildungsebene soll die bewährte Symbiose von Fachpraxis und Fachtheorie der derzeitigen Höheren technischen Lehranstalten unbedingt beibehalten. Die Praxisnähe wird durch den Werkstätten-Unterricht, die praxisnahen Labors, die Kompetenzzentren und die Betriebspraxis ermöglicht. Dies wird vor allem auch von den Klein- und Mittelbetrieben, aber auch von den Absolventen wegen der Gewerbeberechtigungen in der Selbstständigkeit geschätzt. Die zweite Stufe der Ingenieurbildung erfolgt in der „Allgemeinform“ durch die erweiterten Ausbildungsschwerpunkte, die auf den Fachbereichen der derzeitigen Höheren technischen Lehranstalten aufbauen. Diese Ingenieurbildungsebene mit ihren viersemestrigen, technisch-berufsorientierten Masterprogrammen baut auf den Bachelorprogrammen auf, um eine Bildungsredundanz zu vermindern. Im Sinne des „Lebenslangen Lernens“ nach den europäischen Bologna-Vorstellungen werden vor allem die vertiefenden Master-Curricula entsprechend dem raschen Strukturwandel in der Technik und der Wirtschaft flexibel gestaltet und laufend angepasst. Die Master-Studienprogramme sind vermehrt berufsbegleitend anzubieten, da Spezialkenntnisse vor allem bei den „Neuen Informations- und Kommunikationstechnologien“ einer raschen strukturellen Veränderung unterliegen. Das Modell „Hohe technische Lehranstalt“ soll als eigenständige technische Speziallehranstalt im tertiären Hochschulraum positioniert werden. Der frühe Zugang aus der Sekundarstufe I erfordert für dieses bewährte österreichische Unikat der Ingenieurbildung eine notwendige Anpassung an das europäische Bologna-Modell. Die derzeitige Situation beim HTL-Ingenieurtitel wird in Zukunft vor allem für die Absolventen europäisch und international nicht befriedigend sein. Das erfolgreiche Projekt der Staats-Gewerbeschulen der Habsburgermonarchie entsteht durch das Exposẻ 1874, eine Denkschrift von Armand Freiherr von Dumreicher. Der gewerbliche Schulreformer Dumreicher nimmt Anleihen aus dem Ausland und vom preußischen Fachschulpädagogen Eduard Wilda. Dieser gilt als Schöpfer der „ersten“ Staatsgewerbeschule in der Habsburgermonarchie in Brünn, im technisierten und industrialisierten Böhmen und Mähren. In der Zwischenkriegszeit gibt es bei den gewerblich-technischen Bundeslehranstalten kaum wesentliche Innovationen. Eine wichtige Weiterentwicklung dieser Lehranstalten erfolgt nach dem Zweiten Weltkrieg durch das Reformprogramm im Jahre 1946. Der Unterrichtsbeamte und Schulreformer Franz Cech ist an der Reform der gewerblich-technischen Bildung federführend beteiligt. Es entstehen die „praxisnahen“ Bundesgewerbeschulen, entsprechend dem Wirtschaftsbedarf nach dem Zweiten Weltkrieg. Ein politisch-ideologischer Kompromiss der Regierungskoalition von Volkspartei und Sozialistischer Partei ermöglicht das Schulorganisationsgesetz, durch das die „praxisnahen“ Bundesgewerbeschulen in Höhere technische Lehranstalten umgewandelt werden. Im 21. Jahrhundert wird aufgrund einer zunehmenden Europäisierung und Internationalisierung der Bildungssysteme eine Anpassung der erfolgreichen HTL-Ingenieurbildung unbedingt erforderlich. Eine formale „Organisationserweiterung“ zu einer zweistufigen Ingenieurbildung wird anzustreben sein. Das vorgeschlagene Modell „Hohe technische Lehranstalt“ sollte als „berufsbildende Hochschule“ nicht nur der Wirtschaft, sondern vor allem auch den Absolventen dienen. Ein europäischer und internationaler Druck entsteht auch durch die Wirtschaftsorganisation OECD und deren Statistiker. Es versuchen deshalb europäisch und global viele Bildungsbereiche, sich im Tertiärbereich auf Hochschulebene zu positionieren. Der Bologna-Prozess will pädagogisch-didaktisch die Konkurrenzfähigkeit des europäischen Tertiär-Bildungssystems global erhöhen. Die Qualität der Höheren technischen Lehranstalten ist vor allem in Österreich, im Süd- und mitteldeutschen Raum und in der Schweiz bekannt. In diesem Bereich werden viele HTL-Ingenieure seit Jahrzehnten erfolgreich beschäftigt. Eine Höher- und Weiterqualifizierung dieser Berufs- und arbeitsmarktfähigen HTL-Ingenieure bis zum Master-Ingenieur soll aufbauend an der „Hohen technischen Lehranstalt“ an den bestehenden Bildungsstandorten erfolgen, um eine Bildungs-Redundanz zu minimieren. Das organisatorisch aufgewertete Modell Verwaltungseinheit „Hohe technische Lehranstalt“ erfolgt direkt an diesen traditionell österreichischen Bildungsstätten. Die Wurzeln liegen bei den Staats-Gewerbeschulen der Habsburgermonarchie, die auf unterschiedlichen Bildungsebenen die Technisierung und Industrialisierung pädagogisch-didaktisch fördern.

Ein notwendiger Blick der gewerblich-technischen Bildung soll aus dem Gestern über das Heute in das Morgen erfolgen. Die Höheren technischen Lehranstalten müssen an den bestehenden Standorten in die Tertiärebene weiterentwickelt und entsprechend aufgewertet werden. Die zunehmende Konkurrenz durch den Technikbereich der Fachhochschule macht dies, vor allem auch im Sinne der Absolventen, erforderlich. Die seit der Habsburgermonarchie bewährten Staats-Gewerbeschulen und zu Höheren technischen Lehranstalten weiterentwickelten Bildungsstätten in der Gegenwart dürfen sich nicht allmählich in der Zukunft in einer Bildungssackgasse wiederfinden. Dieses europakonforme Zukunftsmodell kann auch auf die anderen berufsbildenden höheren Schulen angewendet werden. Die von den OECD-Statistikern geforderte Tertiär-Quote könnte dadurch auch verbessert werden. Die erfolgreichen berufsbildenden höheren Schulen sind ein europäisches Unikat, wobei diese Oberstufenbildung bereits ein großes Interesse in Europa findet. Die „berufsbildende Hochschule“ wird für Österreich vorgeschlagen, wobei diese eine den Fachhochschulen gleichwertige, aber nicht gleichartige Speziallehranstalt werden soll.

Die Betriebspraxis sollte in das bestehende HTL-Bildungssystem eingebunden werden. Eine Aufwertung der seit beinahe hundert Jahren offiziell existierenden Standesbezeichnung „Ingenieur“ wird zunehmend notwendig. Der europäische Bologna-Prozess und der Technikbereich der tertiären Fachhochschulen machen eine Weiterentwicklung der Ingenieurbildung des bestehenden HTL-Bildungssystems notwendig. Die Ingenieure bewegen sich in eine Bildungssackgasse. Die Standesbezeichnung „Ingenieur“ wird bereits im Jahre 1917 offiziell eingeführt. Bei der Verleihung des Ingenieur-Titels hat sich im Prinzip seit dieser Zeit nicht viel geändert. Nur die erforderliche, facheinschlägige und gehobene Ingenieurpraxis wird von acht auf heute drei Jahre reduziert. Ein „Ingenieur“ gehört in der Habsburgermonarchie einem „Stand“ an. Die Standesbezeichnung „Ingenieur“ wird in der Zwischenkriegszeit auch unmittelbar den Absolventen der Technischen Hochschulen verliehen. Ein formaler Unterschied ist dadurch gegeben, dass an den Technischen Hochschulen eine „Graduierung“ zum „Ingenieur“ erfolgt. Den Absolventen der höheren Gewerbeschulen wird nach der entsprechenden, gehobenen Praxis die Standesbezeichnung „Ingenieur“ durch das „Wirtschaftsministerium“ verliehen.

Persönliche Wahrnehmungen in den Qualitätsmedien haben ergeben, dass viele praxiserfahrene HTL-Ingenieure mit der derzeitigen bildungspolitischen Situation in Österreich unzufrieden sind. Der HTL-Ingenieur sieht sich zunehmend in einer Bildungssackgasse. So mancher HTL-Ingenieur will sich zu einer Führungskraft qualifizieren. Es werden „eigenartige informelle“, meist berufsbegleitende Bildungswege im Kontext mit „ausländischen Hochschulen“ bestritten. Es gibt in Österreich einen entsprechenden „Bildungsmarkt“, der die „Bildungssackgasse HTL-Ingenieur“ zu überwinden versucht. Dieses Höherqualifizierungsproblem für „praxiserfahrene“ HTL-Absolventen soll zu einem gesellschaftlichen Thema in Österreich werden. Eine „duale“ Rückbindung der 3-jährigen Ingenieurpraxis an das bestehende HTL-Bildungssystem wird bildungs- und wirtschaftspolitisch zunehmend erforderlich. Die Bildungssackgasse HTL-Ingenieur wird durch den europäischen Bologna-Prozess verstärkt. Eine Durchlässigkeit ist formal und pädagogisch im Bildungssystem erforderlich. Das Problem der „Ingenieurpraxis“ und die Weiterqualifizierung zu einem akademischen Ingenieur werden zunehmend „formal“ in Österreich notwendig. Eine Rückbindung der Ingenieurpraxis an das Bildungssystem sollte erfolgen. Die traditionelle und bewährte Ingenieurbildung erfolgt an den „höheren Gewerbeschulen“ der „Staats-Gewerbeschulen“ in der Habsburgermonarchie. Eine fortschreitende Industrialisierung wird pädagogisch-didaktisch durch gewerbliche Mittelschulen gefördert. In den 1870er-Jahren entstehen durch Armand Freiherr von Dumreicher die bewährten „Staats-Gewerbeschulen“ als gewerbliche Musterschulen. Es sind verschiedene Bildungsebenen, wie die „höheren Gewerbeschulen“, zur Ingenieurbildung notwendig, und die „Werkmeisterschulen“ sind für „intelligente“ Facharbeiter gedacht. Die „Staats-Gewerbeschulen“ werden zunehmend zu einer Konkurrenz der „allgemeinbildenden“ Mittelschulen, wobei dies die Gymnasien und Realschulen sind.

Die traditionell bewährte Unikat-Ingenieurbildung an der Sekundarstufe II sollte durch eine zusätzliche, tertiäre Bildung zum akademischen Ingenieur an den bestehenden HTL-Standorten erfolgen. Ein zusätzliches, „qualitätsvolles“ BACHELOR-Programm muss einen Zugang zu den MASTER-Programmen an Fachhochschulen und Universitäten ermöglichen. Eine erforderliche Durchlässigkeit soll eine Bildungssackgasse im formalen Bildungssystem vermeiden. Eine Aufwertung der Standesbezeichnung „Ingenieur“ zum akademischen Ingenieur wird der Bildungspolitik vorgeschlagen. Die Rückbindung der „Ingenieurpraxis“ an das bestehende HTL-Bildungssystem erfolgt kostengünstig. Die „Höheren technischen Lehranstalten“ werden sekundar-tertiär akademisch aufgewertet.

Im Jahre 1999 wird das europäische Bologna-Modell mit seiner BACHELOR-MASTER Studienarchitektur ins Leben gerufen. Dies macht eine Aufwertung der Standesbezeichnung „Ingenieur“ durch ein zusätzliches, tertiäres BACHELOR-Programm erforderlich, wobei dadurch ein Zugang zu den entsprechenden MASTER-Programmen an Fachhochulen und Universitäten gegeben ist. In den 1990er-Jahren wird der tertiäre Technikbereich der Fachhochschulen in Österreich eingeführt. Dies macht eine zusätzliche Aufwertung der Höheren technischen Lehranstalten in den akademischen Tertiärbereich erforderlich. Ein bildungspolitisches Handeln wird beim „Tabuthema“ Ingenieur notwendig. Diese bewährte und qualifizierte österreichische Unikat-Ingenieurbildung sollte nicht zunehmend hierarchisch ins Hintertreffen geraten. Die HTL-Ingenieurbildung an der Sekundarstufe II sollte durch ein höheres, duales Bildungsprinzip, durch einen fachpraktischen Bildungsprozess im Betrieb und einen tertiären, fachtheoretischen Lernprozess an den bestehenden HTL-Standorten erweitert werden. Das wichtige Thema HTL-Ingenieur muss formal durch ein erweitertes „sekundar-tertiäres“ Bildungssystem einheitlich auf Bundesebene durch die österreichische Bildungspolitik gelöst werden. Die Ingenieurbildung an der Sekundarstufe II wird durch eine tertiäre Bildung erweitert. Die Ingenieurpraxis muss durch eine Rückbindung an das bestehende HTL-Bildungssystem formal aufgewertet werden. Die Tertiärquote liegt international zwischen 30 und 80% und ist daher kaum vergleichbar. Die berufsbildenden höheren Schulen sind global schwer vergleichbar. Die BHS erfordern eine Weiterentwicklung, um nicht zunehmend ins Hintertreffen zu geraten. Die arbeitsmäßige Ersetzbarkeit von HTL-, FH- und Universitätsabsolventen deutet auf eine zu niedrige Einstufung vor allem der HTL-Absolventen hin, wobei dies bei Zeitungsinseraten festgestellt werden kann.[5]

Die berufsbildenden höheren Schulen haben in der Allgemeinform derzeit rund 19.600 Abschlüsse pro Jahr. Die Sonderform vergibt pro Jahr aktuell rund 3.600 Diplome, wobei die Empfänger dieser meist Berufstätige sind. Von den BHS-Absolventen insgesamt machen die Abschlüsse der Berufstätigen rund 20% aus. Die Abschlussprüfungen zum Werkmeister und Meister legen jährlich derzeit rund 3.500 Personen ab. HTL-Absolventen kann über Antrag nach einer facheinschlägigen und gehobenen 3-jährigen Betriebspraxis die Standesbezeichnung „Ingenieur“ vom Wirtschaftsministerium verliehen werden, wobei dies jährlich bei rund 4000 Personen der Fall ist.[6]

2 Nationaler Qualifikationsrahmen in berufsbildende höhere Schulen europakonform integriert

Der Europäische Qualifikationsrahmen, EQR, bildet acht Qualifikationsebenen ab. Das gesamte Spektrum möglicher Qualifikationen von der Basis- bis zur höchsten Bildung soll abgebildet werden. Die akademische und die berufliche Bildung werden durch Lernergebnisse charakterisiert. Der Europäische Qualifikationsrahmen bildet nicht Lernwege und Lerninhalte ab, aber Lernergebnisse werden verglichen. Es wird versucht, die Transparenz von Qualifikationen und die Durchlässigkeit zwischen den europäischen Bildungssystemen zu fördern. Der EQR sollte ein Bezugssystem darstellen, der auseinanderstrebende Elemente soweit wie möglich zusammenführt. Der Europäische Qualifikationsrahmen hat die Transparenz und Durchlässigkeit in das Zentrum seiner Überlegungen gestellt. Dieser Rahmen dient auch der Schnittstelle von Bildung und Beschäftigung.

2.1 Europäischer Qualifikationsrahmen und dessen Schlüsselkonzepte

Im Jahre 2004 wird vom Europäischen Ministerrat in der Maastrichter Erklärung die Entwicklung eines Europäischen Qualifikationsrahmens beschlossen. Diese Erklärung sieht nicht nur eine Mobilität und Durchlässigkeit vor. Die Qualität der Berufsbildung weiterzuentwickeln, ist von entscheidender Bedeutung. Eine Gleichwertigkeit der speziellen-beruflichen und der allgemeinen-akademischen Bildung ist zu fördern. Der EQR geht davon aus, dass die einzelnen Mitgliedsländer der Europäischen Union für die Zuordnung der Qualifikationen in ihren Bildungssystemen selbst verantwortlich sind. Die Mitgliedsländer sind allerdings zur Einhaltung gewisser Grundsätze verpflichtet. Es müssen grundsätzliche Konzepte der Lernergebnisse, der Ebenen und der Deskriptoren vom Europäischen Qualifikationsrahmen EQR für ein „Lebenslanges Lernen“ übernommen werden.[7] Diese Kriterien sind in die nationalen Bildungssysteme zu übertragen. Im Jahre 2008 wird der überarbeitete und revidierte Entwurf vom Europäischen Ministerrat und Parlament verabschiedet. Viele Mitgliedsländer der EU sind bestrebt, die Richtlinien des EQR in einem Nationalem Qualifikationsrahmen entsprechend umzusetzen. Dieser Prozess gestaltet sich schwierig, da die bestehenden Qualifikationen künftig entsprechend zu bewerten sind. Die Lernergebnisse und Kompetenzen müssen den entsprechenden Ebenen zugeordnet werden.[8]

Es werden von der Europäischen Kommission bereits vor der Beschlussfassung der EQR-Empfehlung bestimmte Projekte gefördert. Diese sollen die Implementierung der EQR-Empfehlung auf nationaler Ebene entsprechend vorbereiten. Aus den eingereichten Projekten werden insgesamt zwölf ausgewählt, wobei sich darunter das Projekt TransEQFrame[9] befindet. Bei diesen Projekten beteiligen sich Länder, in denen das duale Bildungsprinzip[10] in der Berufsbildung einen entsprechenden Stellenwert besitzt. Die Länder Dänemark, Deutschland, Niederlande, Österreich und teilweise die Schweiz haben sich am Rande der OECD-Bildungsministerkonferenz 2006 als gleichgesinnte Partnerstaaten in dieser Bildungs- und Qualifikationsfrage definiert. In Österreich ist das Bundesministerium für Unterricht an der EQR-Problematik interessiert. Die Kooperation mit dem europäischen EQR ist für die gleichzeitige Entwicklung des österreichischen NQR von großer Bedeutung. Die Umsetzung des europazentrierten Projektes TransEQFrame erfolgt mit dem Ziel,

1. „herauszufinden, wie der EQR-Ansatz in den Partnerländern aufgenommen wird;
2. die Bezüge zwischen den nationalen Qualifikationssystemen durch die Nutzung des EQR als `Übersetzungsinstrument zu verbessern,
3. zur Weiterentwicklung des EQR beizutragen.“[11]

Die Qualifikationsrahmen werden in einem nationalen Kontext diskutiert. Eine Auswahl an Qualifikationen der Partnerländer wird dem EQR zugeordnet. Diese Eingliederung der Qualifikationen wird vergleichend bewertet. Die Brauchbarkeit der EQR-Deskriptoren wird eingehend untersucht. Das Europäische Parlament und der Europäische Ministerrat gibt am 23. April 2008 folgende NQR-Empfehlung für das „Lebenslange Lernen“ heraus:

„Im Zusammenhang mit dem EQR werden Kenntnisse als Theorie- und/oder Faktenwissen beschrieben. Im Zusammenhang mit dem EQR werden Fertigkeiten als `kognitive` Fertigkeiten, wie der Einsatz des logischen, intuitiven und kreativen Denkens verstanden. `Praktische` Fertigkeiten werden als Geschicklichkeit und die Verwendung von Methoden, Materialien, Werkzeugen und Instrumenten beschrieben. Im Zusammenhang mit dem EQR wird Kompetenz im Sinne der Übernahme von `Verantwortung` und `Selbständigkeit` beschrieben“.[12]

Die berufsbildende höhere Schule in Österreich muss entsprechend europafit werden. Die Absolventen der Höheren technischen und landwirtschaftlichen Lehranstalten hatten schon in der Vergangenheit die Möglichkeit, eine nunmehr 3-jährige, gehobene Praxis zu frequentieren. Diese Betriebspraxis erfordert höhere Kenntnisse, und damit ist die Verleihung der Standesbezeichnung „Ingenieur“ verbunden. Die Verleihung der Standesbezeichnung „Ingenieur“ erfolgt durch das Wirtschafts- und Landwirtschaftsministerium. Die Standesbezeichnung „Ingenieur“ existiert seit fast hundert Jahren, diese muss zum akademischen Ingenieur aufgewertet werden. Dem akademischen Ingenieur entsprechend, sollen auch die anderen BHS-Absolventen nach einer 3-jährigen, gehobenen facheinschlägigen Praxis einen entsprechenden akademischen Bologna-Grad verliehen bekommen. Durch diese bildungspolitische Maßnahme wird eine unbedingt notwendige Durchlässigkeit zu Masterprogrammen an Fachhochschulen und Universitäten erreicht werden. Der Zugang zu Doktorandenprogrammen an Universitäten soll damit auch gegeben sein. Das bestehende berufsbildende höhere Schulwesen muss zusätzlich tertiär akademisch erweitert werden. Es erfolgt damit zusätzlich die Integration einer berufsbildenden Hochschule, die dazu berechtigt ist, akademische Bachelor-Grade zu verleihen.

Der Europäische Qualifikationsrahmen respektiert eine Vielfalt europäischer Bildungssysteme. Die Wettbewerbsfähigkeit, die Beschäftigung und der soziale Zusammenhalt in der Europäischen Gemeinschaft hängen entscheidend von den nationalen Bildungssystemen ab. Die Anpassung der Systeme der allgemeinen und beruflichen Bildung in Europa ist wichtig. Die europäische und internationale Anerkennung und Vergleichbarkeit von nationalen Qualifikationen im Bereich der allgemeinen und beruflichen Bildung wird durch den Bologna-Prozess ermöglicht. Ein offener und flexibler Europäischer Qualifikationsrahmen, EQR, empfiehlt einen Bezugsrahmen für die Berufsbildung. Die EQR-Empfehlung verfolgt das Ziel, ein Bezugsrahmen für die verschiedenen Qualifikationssysteme und deren Ebenen zu sein. Die Berufs- und Hochschulbildung soll in Europa vergleichbarer werden. Die Beschäftigungsfähigkeit und Mobilität wird dadurch in der Europäischen Union erhöht. Der Europäische Qualifikationsrahmen respektiert eine Vielfalt nationaler Bildungssysteme. Die Vergleichbarkeit der verschiedenen Bildungssysteme soll erhöht werden. Die europäischen Bürger sind von Arbeitslosigkeit und prekären Arbeitsverhältnissen bedroht, daher wird ein „Lebenslanges Lernen“ zunehmend erforderlich. Die erwerbsfähigen Menschen sollen ständig fit für eine etwaige Beschäftigung sein. Der Nationale Qualifikationsrahmen soll die einzelnen Qualifikationen klassifizieren. Die Kriterien zur Bestimmung der Bildungsebenen müssen festgelegt werden. Die Nationalen Qualifikationsrahmen der Mitgliedsstaaten sollen sich am Europäischen Qualifikationsrahmen orientieren.[13] Das bewährte, praxisorientierte, berufsbildende höhere Schulwesen bleibt bestehen. Der traditionell frühe Zugang zur höheren Berufsbildung auf der Sekundarebene bleibt an den Standorten bestehen. Die Wirtschaft ist mit dem frühen Praxiserwerb der BHS-Absolventen äußerst zufrieden.

Die bewährten berufsbildenden höheren Schulen BHS in Österreich vermitteln eine höhere berufliche Bildung und eine fundierte Allgemeinbildung. Diese berufliche und allgemeine Bildung dauert in der Allgemeinform 5 Jahre und schließt mit der Reife- und Diplomprüfung ab. Ein Zugang zu diesen Lehranstalten erfolgt traditionell früh, nach der 8. Schulstufe. Eine Aufnahme erfolgt nach einer positiv abgeschlossenen Hauptschule/Neuen Mittelschule, Gymnasium Unterstufe oder auch nach einer positiven Absolvierung der Polytechnischen Schule. Durch die Doppelqualifikation ist neben dem allgemeinen Hochschulzugang auch eine berufliche Qualifikation gegeben. Damit muss aufgrund der erzielbaren Lernergebnisse in den einzelnen Kategorien (Kenntnisse, Fertigkeiten und Kompetenzen) eine durchschnittliche Einstufung in EQR 5 der BHS gerechtfertigt sein. An den berufsbildenden höheren Schulen spielt der Erwerb von Fertigkeiten eine wichtige Rolle, um Probleme kreativ zu lösen. Die drei Lernergebnis-Kategorien sollen eine Gesamteinstufung von EQR 5 ergeben. Eine entsprechende Qualitätsstrategie und Qualitätssicherung ist in Österreich zu entwickeln. Der Europäische Qualifikationsrahmen beschreibt für das Niveau EQR 5 folgende Deskriptoren:

„Kenntnisse: umfassend spezialisiertes Theorie- und Faktenwissen in einem Arbeits- und Lernbereich sowie ein Bewusstsein für die Grenzen dieser Kenntnisse. Fertigkeiten: umfassende kognitive und praktische Fertigkeiten, die erforderlich sind, um kreative Lösungen für abstrakte Problemlösungen zu finden. Kompetenz: Selbständigkeit und Verantwortung; Leiten und Beaufsichtigen in Arbeits- und Lernkontexten, in denen nicht vorhersehbare Änderungen auftreten; Überprüfen und Entwicklung der eigenen Leistung und der Leistung anderer Personen.“[14]

Das Niveau 6 im Europäischen Qualifikationsrahmen entspricht einem Bachelor-Programm an Fachhochschulen und Universitäten. Der EQR verlangt für das Niveau 6 keine Forschungsqualifikation, wobei eine Innovationsfähigkeit gefordert wird. Die Niveaustufe 6 fordert die Erreichung folgender Deskriptoren:

„Kenntnisse: Fortgeschrittene Kenntnisse in einem Arbeits- und Lernbereich unter Einsatz eines kritischen Verständnisses von Theorien und Grundsätzen. Fertigkeiten: Fortgeschrittene Fertigkeiten, die die Beherrschung des Faches sowie Innovationsfähigkeit erkennen lassen und zur Lösung komplexer und nicht vorhersehbarer Probleme in einem spezialisierten Arbeits- und Lernbereich nötig sind. Kompetenz: Selbständigkeit und Verantwortung; Leitung komplexer fachlicher oder beruflicher Tätigkeiten oder Projekte und Übernahme von Entscheidungsverantwortung in nicht vorhersagbaren Arbeits- oder Lernkontexten; Übernahme der Verantwortung für Beiträge zum Fachwissen und zur Berufspraxis und/oder für die Überprüfung der strategischen Leistung von Teams“.[15]

Die Kernaktivitätsbereiche zu identifizieren und auf diese bezogene Lernergebnisse entsprechend festzustellen, könnte eine sinnvolle Möglichkeit sein, einen Qualifikationsrahmen zu ermitteln. Es sollte allerdings ein allgemeines Verständnis für die Kernaktivitäten gegeben sein. Der gesamte Prozess der Zuordnung muss transparent und qualitätsgesichert sein. Die Implementierung des Europäischen Qualifikationsrahmens EQR in die nationalen Bildungs- und Qualifikationssysteme ist eine zentrale Frage für die Entwicklung der Nationalen Qualifikationsrahmen NQR. Der Europäische Qualifikationsrahmen ist konsequent Lernergebnis- und kompetenzorientiert. Die Qualifikation wird in Kernaktivitätsbereiche unterteilt. Für jede Qualifikation sollen drei bis elf Kernaktivitätsbereiche ermittelt werden. Als Beispiel wird die österreichische Reife- und Diplomprüfung einer Handelsakademie mit dem Ausbildungsschwerpunkt „Marketing“ und „internationale Geschäftstätigkeit“ herangezogen. Es werden vier Kernaktivitätsbereiche identifiziert: Unternehmensführung [Management]; Informations- und Officemanagement; betriebliches Rechnungswesen; Controlling und die Erstellung von Rechnungsabschlüssen; Marketing und internationale Geschäftstätigkeit. Die Auswahl der Dokumente der einzelnen Mitgliedsländer kann unterschiedlich erfolgen, denn es gibt keine speziellen Vorschriften. Dies können Ausbildungsordnungen, Qualifikationsprofile, Zeugniserläuterungen, Curricula, Berufsbildpositionen und Prüfungsanforderungen sein. Die nationalen Dokumente werden offenbar unterschiedlich Lernergebnis- und kompetenzorientiert konzipiert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[16]

Das Projekt TransEQFrame sieht eine Prüfung der Kernaktivitätsbereiche vor. Es erfolgt eine entsprechende Beschreibung der Lernergebnisse und Kompetenzen sowie der Bildungs- und Qualifikationsstandards. Je lernergebnisorientierter die nationalen Dokumente sind, desto einfacher kann das EQR-Qualifikationsniveau bestimmt werden. Es gibt unterschiedliche Auffassungen der Länder bezüglich der Bewertung der Lernergebnisdimensionen, wobei diese die Kenntnisse, Fertigkeiten und Kompetenzen verschieden sehen. Die deutsche Berufsbildung erfolgt nach einem ganzheitlichen Handlungs-Konzept. Es werden die Kenntnisse, Fertigkeiten und die Kompetenzen gesondert betrachtet. Die Länder Dänemark, Bulgarien und die Niederlande gehen nach demselben System vor. Die Länder Finnland und Österreich betrachten diese Kategorien nicht separat. Die Lernergebnisse werden für den jeweiligen Kernaktivitätsbereich im Gesamten bewertet. Der differenzierte Ansatz ergibt unterschiedliche Ergebnisse, denn die Kenntnisse, Fertigkeiten und Kompetenzen können zwei bis drei Niveauebenen streuen.[17]

2.2 Nationaler Qualifikationsrahmen – Lernergebnis in einem internationalen Kontext lernergebnisorientiert

Der österreichische Nationale Qualifikationsrahmen verfolgt das gemischte Ziel von Input und Output. Die Qualifikationen des formalen Bildungssystems sollen dem Nationalen Qualifikationsrahmen zugeordnet werden. Der NQR beabsichtigt, folgende Ziele zu erreichen:

- Der Nationale Qualifikationsrahmen NQR soll die impliziten Niveaus des österreichischen Qualifikationssystems explizit machen. Eine transparente Zuordnung zu den Niveaus des EQR wird dadurch erleichtert.
- Auf nationaler Ebene wird der Nationale Qualifikationsrahmen NQR als Instrument zur Unterstützung einer nachhaltigen Weiterentwicklung des Qualifikationssystems durch die Ausrichtung auf Lernergebnisse betrachtet.[18]
- Der Nationale Qualifikationsrahmen NQR soll die Transparenz und Vergleichbarkeit von Qualifikationen ermöglichen, die in unterschiedlichen Bildungssystemen und auf unterschiedlichen Niveaus erworben werden.
- Der Nationale Qualifikationsrahmen NQR soll alle Bildungsbereiche umfassen: die Allgemeinbildung, die Berufsbildung, die tertiäre Bildung und die Weiterbildung. In Österreich soll ein gemeinsamer, vollständiger und umfassender NQR entstehen. Es soll eine gemeinsame Qualitätssicherungsstrategie entwickelt werden.
- Ziel des Nationalen Qualifikationsrahmens NQR ist es, eine starke Positionierung österreichischer Qualifikation am nationalen und internationalen Arbeitsmarkt zu erreichen.
- Der Nationale Qualifikationsrahmen NQR soll eine Orientierungsfunktion haben, indem Qualifikationen in einem Gesamtbild der Qualifikationen verglichen werden, um weiterführende Bildungsaktivitäten zu organisieren.
- Der Nationale Qualifikationsrahmen NQR soll Qualifikationen zuordnen, er ist kein Modell zur Darstellung individueller Kompetenzprofile.
- Der Nationale Qualifikationsrahmen NQR wird in Österreich unter der Beteiligung aller Stakeholder eingeführt. Der NQR soll von einem breiten Konsens getragen werden.
- Der Nationale Qualifikationsrahmen NQR soll auch Lernergebnisse in nicht-formalen und informellen Lernkontexten besser abbilden.
- Der Nationale Qualifikationsrahmen NQR soll eine Strategie des „Lebenslangen Lernens“ ermöglichen.[19]

Die Absolventen einer Höheren technischen Lehranstalt schließen den 5-jährigen Bildungsweg mit der Reife- und Diplomprüfung ab. Dies ist bei allen berufsbildenden höheren Schulen der Allgemeinform der Fall. Diese höhere Doppelqualifikation rechtfertigt eine Niveaustufe 5 im österreichischen Nationalen Qualifikationsrahmen. Eine gehobene, 3-jährige, facheinschlägige Praxis erfordert höhere Kenntnisse. Diese werden an der 5-jährigen Sekundarstufe erworben. Der Erfahrungszuwachs durch die Berufspraxis hat ein NQR 6 Lernergebnis zu Folge. Die traditionelle Ingenieurpraxis sollte auf Niveaustufe 6 positioniert werden. Eine Rückbindung der Ingenieurpraxis an das bestehende Bildungssystem muss eine Aufwertung der Standesbezeichnung „Ingenieur“ zum akademischen Bachelor-Grad „Ingenieur“ auf NQR 6 zur Folge haben. Dieser Betriebs- und praxiserfahrene Bachelor ermöglicht den Zugang zu entsprechenden Masterprogrammen an Fachhochschulen und Universitäten. Diese akademischen Ingenieure werden, wenn sie sich weiterbilden wollen, vor allem technische und wirtschaftliche Masterstudien frequentieren. In weiterer Folge könnte auch ein Doktorandenstudium an einer Universität absolviert werden. Die Sekundarbildung der BHS besteht zu einem Drittel aus einer umfassenden Allgemeinbildung und zu zwei Dritteln aus einer gehobenen Berufsbildung. Die Berufsbildung besteht aus einem fachtheoretischen und fachpraktischen Unterricht. Der fachpraktische Unterricht ist durch eine Lehrwerkstätte, einen Lehrbetrieb, Lehrbauhof, eine Lehrküche, ein Lehrhotel usw. gegeben. Den Absolventen der BHS wird durch den fachpraktischen Unterricht die Lehre zur Gänze oder teilweise angerechnet. Die Lehre kann nicht nur in einem Betrieb, sondern auch in der Schule teilweise oder ganz absolviert werden. Die BHS-Absolventen im Allgemeinen sollen auch die Möglichkeit bekommen, durch eine 3-jährige, gehobene Praxis mit einem akademischen Bachelor-Grad abzuschließen. Diese gehobene, facheinschlägige Betriebspraxis soll durch eine Rückbindung an das BHS-Bildungssystem entsprechend aufgewertet werden. Die Sekundar- und Tertiärbildung sind als gesamte Bildung, Qualifikation und Kompetenzerwerb zu betrachten. Diese bewährte, höhere Berufsbildung muss infolge des Bologna-Modells europakonform aufgewertet werden. Die Berufsbildung hat in der Erstbildung in Österreich einen betrieblichen und einen schulischen Bereich. Die betriebliche Berufsbildung ist ein duales Bildungsprinzip mit einer Betriebslehre und einer Teilzeit-Berufsschule. Die schulische Berufsbildung findet an den berufsbildenden mittleren und höheren Schulen statt.

3 ISCED-Klassifikation und berufsbildende höhere Schulen mit unterschiedlichen Bildungswegen

Die Absolventen der verschiedenen BHS-Schulformen und deren Beschäftigung als Führungs- und Fachkräfte werden von akademisch Graduierten nicht übertroffen. Die BHS inklusive des BHS-Kollegs hat auf der Führungsebene großer Unternehmungen kaum weniger Absolventen als die Hochschule zu verzeichnen.[20] Viele Berufe haben in englischsprachigen Ländern eine tertiäre Bildung. Diese Berufspositionen werden in Österreich oft von HTL-Ingenieuren, HAK-Absolventen und AHS-Absolventen, letztere im öffentlichen Dienst, ausgeübt.

Die ISCED – Bildungsklassifikation ist heute international im öffentlichen bildungspolitischen Diskurs das einflussreichste Qualifikationssystem. Die Klassifikation nach Niveaus würde erfordern, die Lehrpläne nach internationalen Bildungsstandards zu bewerten. Es werden daher nicht die Lehrinhalte als Bewertungskriterien herangezogen, sondern die Zugangsvoraussetzungen, das Mindestalter beim Zugang, die Bildungsdauer und der Typ der Bildungseinrichtung. Die internationale ISCED-Systematik hat 6 Bildungsebenen, wobei noch eine A- und B-Abgrenzung gegeben ist. In einer Tabelle erfolgt eine ISCED-Zuordnung nach der Bildungsebene als höchste, formal abgeschlossene Bildung der Erwerbspersonen in Österreich:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[21]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[22][23][24]

Die ISCED Systematik sieht eine Unterteilung einer Bildungsebene in A und B vor. Es findet eine Abgrenzung in A mit allgemeinbildend-akademisch und B, beruflich-arbeitsmarktbezogen statt. Eine Abgrenzung der Diplomkrankenpflegebildung mit 4B und der berufsbildenden mittleren Schule BMS mit 3B fällt auf. Es ist eine gemeinsame Einstufung mit 3B des Lehr- und des Fachabschlusses gegeben. Die BHS-Abschlüsse der Allgemeinform für Berufstätige und der Aufbaulehrgang sind mit 4A und das BHS-Kolleg ist mit 5B eingestuft. Die Werkmeister- und Bauhandwerkerschulen werden mit 5B klassifiziert. Die Werkmeisterschulen haben die Aufgabe, „intelligente“ Fach- und Führungskräfte für die Betriebe zu bilden. Die Lehrabsolventen frequentieren auf der Sekundarstufe II das duale Bildungsprinzip mit der praktischen Betriebslehre und der allgemeinen, fachtheoretischen Teilzeit-Berufsschule. Die Werkmeisterschule wird nach einer mindestens 2-jährigen, facheinschlägigen Gesellenzeit besucht. Die Lehrabschlussabsolventen sind bereits in 3B eingestuft. Die Weiterqualifizierung der Facharbeiter ist nach dem Besuch der Werkmeisterschule in 5B der ISCED-Systematik gerechtfertigt. Die Einstufung der Absolventen einer Bauhandwerkerschule erfolgt auch in 5B. Eine ähnliche Weiterqualifizierungssituation wie bei den Werkmeisterschulen ist gegeben. Die Absolventen der allgemeinbildenden höheren Schulen AHS werden in 3A eingestuft. Dieser Abschluss in ISCED-3A findet zu Recht statt, da die 4-jährige Oberstufe mit einer Reifeprüfung abschließt. Die Einstufung der BHS-Absolventen der Hauptform/Allgemeinform erfolgt in der internationalen ISCED-Systematik 4A. Dies ist gerechtfertigt, da die BHS-Abgänger nach fünf Schuljahren eine Reife- und Diplomarbeit ablegen.

Die Werkmeisterschule hat eine Weiterqualifizierung der Lehrabschluss -Absolventen in der ISCED-Systematik 3B zur Folge. Die Absolventen der Werkmeisterschule sind gehobene, gewerblich-technische Fach- und Führungskräfte in den Betrieben, daher ist eine Einstufung in 5B gerechtfertigt. Ähnliche Überlegungen gelten für die Bauhandwerkerschulen, da Handwerker als Lehrabsolventen zu gehobenen Fach- und Führungskräften an den Baustellen herangebildet werden. Diese qualifizierten Facharbeiter werden ebenfalls in 58B auf der tertiär-nichtakademischen Bildungsebene positioniert.

Die Werkmeisterschulen haben die Aufgabe, fachtheoretische Kenntnisse von Lehrabschluss-Absolventen im gewerblich-technischen Bereich zu erweitern. Der Zugang erfordert überdies eine mindestens 2-jährige, facheinschlägige Praxis. Die Werkmeisterschule wird für Berufstätige angeboten und dauert im Allgemeinen 4 Semester. Die Lehrpläne müssen vom Unterrichtsministerium genehmigt werden. Die Werkmeisterschulen werden vornehmlich von den Sozialpartnern für Berufstätige angeboten. Es sind dies das Wirtschaftsförderungs- und Berufsförderungsinstitut der Wirtschaftskammer und der Gewerkschaft. Es gibt zunehmend Werkmeister auch an Höheren technischen Lehranstalten mit oft speziellen Ausbildungsschwerpunkten an diesen Lehranstalten. In Kärnten gibt es an folgenden Höheren technischen Lehranstalten Werkmeisterschulen:

Die „Baugewerk- und Werkmeisterschulen“ werden in der Habsburgermonarchie als Staats-Gewerbeschulen errichtet. In den deutsch-österreichischen Alpenländern entstehen nach dem Vorbild des Königreichs Würthemberg solche fruchtbringende „Gewerbemittelschulen“ für intelligente Männer. Die intelligenten Gesellen sollen die fruchtbare Wirkung einer solchen Bildung erfahren. Diese 4-semestrigen Tagesschulen sollen einen entsprechenden Fachunterricht ermöglichen. Die frühe Industrialisierung in Böhmen und Mähren hat das Entstehen von Staats-Gewerbeschulen zur Folge. In diesem Gebiet entstehen vor allem Staats-Gewerbeschulen nach sächsischem Vorbild in Verbindung mit höheren Gewerbeschulen und Werkmeisterschulen. Die höheren Gewerbeschulen sind 4-jährig und bekommen als gewerbliche Mittelschulen einen hohen Stellenwert.

3.1 ISCED-Systematik und BERUFSBILDENDE HÖHERE SCHULEN mit einer 3-jährigen Betriebs- und Berufspraxis

Die 3- und 4-jährigen Fachschulabsolventen an den berufsbildenden höheren Schulen BHS schließen mit einer Abschlussprüfung AP ab. Es findet eine Einstufung in der ISCED Bildungssystematik in 3B statt. Bei diesen Fachschulen scheint wegen dem Mehr an Allgemein- und Fachbildung eine Einstufung in 4B gerechtfertigt zu sein. Die Aufbaulehrgänge führen die 3- und 4-jährigen Absolventen der berufsbildenden mittleren Schulen zur Reife- und Diplomprüfung. Die Aufbauschulen dauern grundsätzlich 3 Jahre bzw. 6 Semester. Diese Weiterqualifizierung der Fachschulabsolventen rechtfertigt eine 5B-Einstufung in der internationalen ISCED-Systematik. Die Kolleg/Aufbaulehrgänge für 4-jährige, facheinschlägige Technik-Fachschulen ermöglichen in 4 Semestern einen Abschluss mit einer Reife- und Diplomprüfung. Eine Einstufung sollte in 5B erfolgen. Die Höhere technische Lehranstalt HTL für Berufstätige wird von Lehrabsolventen ab dem 18. Lebensjahr frequentiert. Der Besuch der HTL erfolgt nach einer durchschnittlich 3-jährigen Sekundarstufe II nach dem 15. Lebensjahr. Die HTL für Berufstätige dauert im Allgemeinen 4 Jahre und schließt mit der Reife- und Diplomprüfung ab. Bei dieser Schulform für Berufstätige sollte ebenfalls eine Einstufung in 5B in der internationalen Systematik ermöglicht werden.

Die Verleihung der Standesbezeichnung Ingenieur durch das Wirtschafts- und Landwirtsministerium ist ein Beispiel dafür, dass informelle und nicht-formale Bildungsprozesse durch Berufserfahrung anerkannt werden. Es wäre gerechterweise zu überlegen, alle BHS-Absolventen, die eine entsprechende Betriebspraxis vorweisen, mit einem entsprechenden Abschlusstitel zu versehen. Es wird eine gehobene, facheinschlägige Betriebspraxis verlangt, die höhere Kenntnisse erfordert. Die BHS-Absolventen sind gleichwertig, aber nicht gleichartig. Die Überprüfung der Betriebspraxis muss zur Folge haben, dass die Einstufung eines BHS-Absolventen in der internationalen ISCED-Systematik mit 4A durch die Lernerfahrung in der Praxis auf 5B tertiär-beruflich aufgewertet wird. Es werden gehobene Fachkenntnisse in jenen Fachbereichen und Ausbildungsschwerpunkten vorausgesetzt, in denen die Reife- und Diplomprüfung abgelegt werden. Es wird die Dauer der Berufspraxis als Input berücksichtigt, nicht der Output eines Lernergebnisses. Eine Rückbindung der 3-jährigen Betriebspraxis an das bestehende BHS-Bildungssystem könnte den Lernzuwachs im ISCED-System berücksichtigen. Eine internationale Darstellung der entsprechenden Qualifikation wird zunehmend im Interesse der Wirtschaft und des Arbeitnehmers erforderlich. Es wird zunehmend auch eine Anbindung an das Bildungssystem und besonders an das Hochschulsystem erforderlich. Durch den Bologna-Prozess mit den Bologna- und Masterprogrammen wird eine Anbindung der „berufsbildenden höheren Schule“ an das europakonforme Bologna-Hochschulsystem zunehmend erforderlich. Ein vergleichbarer Hochschulraum ist im Entstehen und nimmt zunehmend Formen an. Die ISCED-Bildungssystematik ist eine Mischung von Input- und Output-Orientierung.

4 Höhere technische Lehranstalten mit einer Rückbindung der Betriebspraxis an das Bildungssystem

Die Höheren technischen Lehranstalten zeichnen sich durch eine hohe Arbeitsmarktakzeptanz und eine fachbezogene Beschäftigungs- und Erwerbsfähigkeit aus. Die HTL-Absolventen dieser gewerblich-technischen Lehranstalten sind als Fach- und Führungskräfte vornehmlich in der Produktion, aber auch zunehmend im qualifizierten Dienstleistungsbereich beschäftigt. Die allgemeine, die vorbereitende, die fachtheoretische und die fachpraktische Bildung stehen in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander. Die fachpraktische Bildung besitzt seit dem Reformprogramm 1946 mit den Lehrwerkstätten, den praktischen Laborübungen und wirtschaftsnahen „Kompetenzzentren“[25] einen besonderen Stellenwert. Die fünfjährige höhere Lehranstalt positionierte sich in der Vergangenheit nach der Sekundastufe I mit 14/15 Lebensjahren als Aufstiegsschule technikbegabter und technikinteressierter Jugendlicher. Im Rahmen der Vorstellung eines „Lebenslangen Lernens“ werden neue Bildungsformen zur Weiter- und Höherqualifizierung von HTL-Absolventen unbedingt notwendig. Ein Anpassungs- und Qualifizierungslernen wird im Wirtschafts- und Berufsprozess für HTL-Ingenieure wichtig. Eine von der Wirtschaft gewünschte Spezialbildung für den gewerblichen und industriellen Produktionsprozess wird zunehmend wichtig. Eine umfassende Allgemeinbildung zur Persönlichkeits- und Menschenbildung und zur gesellschaftlichen Selbstbestimmung steht im Widerspruch zum Spezialisierungswunsch der Wirtschaft. Ein ausgewogenes Verhältnis beider Bildungssegmente, der Fach- und Allgemeinbildung ist anzustreben, wobei bei den höheren Abteilungen der Anteil der Allgemeinbildung seit der Habsburgermonarchie bei 40 Prozent liegt. Das Bildungsprinzip an den Höheren technischen Lehranstalten versucht, die Berufsbildung mit ihrer Fachtheorie und Fachpraxis und die formale Allgemeinbildung zur Persönlichkeits- und Menschenbildung in Einklang zu bringen.

„Das Wachstum der Absolventen an den Höheren technischen Lehranstalten von etwa 6.000 auf 8.000 pro Jahrgang seit Anfang der 1990er hat zu Beschäftigungszuwächsen geführt. Die Inskriptionsrate innerhalb von drei Semestern nach der Matura beliefen sich im Jahre 2005 insgesamt 26,5 Prozent auf die Universitätsstudien und rund zehn Prozent auf Fachhochschul-Studiengänge, wobei weitere zehn Prozent später häufig berufsbegleitend ein Fachhochschulstudium aufnehmen“.[26]

Die Mehrheit der HTL-Absolventen steigt unmittelbar nach der Matura in die Berufstätigkeit ein. Einige Absolventen versuchen, Erwerbstätigkeit mit einem Studium zu kombinieren, wobei vor allem die Nähe einer Fachhochschule entscheidend ist. Zunehmend werden berufsbegleitend Fachhochschulstudiengänge belegt, da die Universitäten für Berufstätige wenig anbieten. Im Technikbereich der Fachhochschulen werden viele Studiengänge in Vollzeitform und berufsbegleitend angeboten. Die lokale und regionale Nähe von Fachhochschulstudiengängen ist für deren Wahl von entscheidender Bedeutung. Die Technischen Universitäten und die Technischen Fakultäten der Universitäten bieten kaum zeitfreundliche, berufsbegleitende Studienangebote an. Die Berufstätigen werden als tertiäres Bildungsfeld den Fachhochschulen überlassen. Die Universitäten bieten vor allem grundlegendere, technische Bachelorstudien als Vollzeitstudien in Erstbildung für Maturanten an. Zunehmend versuchen auch HTL-Absolventen, Studium und Erwerbstätigkeit zu verbinden, wenn dies meist auch nur Teilzeitbeschäftigungen sind. Nach der Matura studieren HTL-Absolventen zu 53 Prozent technische Fachrichtungen im Bereich der Ingenieurwissenschaften. Die Studienrichtungen mit guten Berufs- und Karrierechancen erfordern meist eine längere Studiendauer. Die HTL-Absolventen beginnen oft aus Verlegenheit ein Studium, brechen dieses aber wieder ab, wenn sich eine gute Berufsmöglichkeit in ihrem Fach- oder Schwerpunktbereich ergeben hat. Die Absolventen kommen in der Statistik oft als Studienabbrecher vor, was nicht ganz der Tatsache entspricht.[27]

Durch die Errichtung des Technikbereiches und damit von technischen Fachhochschulstudiengängen im Jahre 1994 entsteht eine zusätzliche Konkurrenzsituation von praxiserfahrenen HTL-Ingenieuren und Fachhochschulabsolventen des Technikbereiches. Diese zwei Ingenieurkategorien stehen oft unmittelbar in einer Konkurrenzsituation, wobei die erfahrenen HTL-Ingenieure wegen der Praxisnähe und wegen des Praxisvorsprunges gegenüber den neuen FH-Bachelor-Absolventen einen Berufs- und Erwerbsvorteil am allgemeinen Ingenieur-Arbeitsmarkt haben. Die HTL-Qualifikation überschneidet sich bei der Nachfrage zu 55 Prozent mit den Fachhochschulabsolventen, zu 41 Prozent sogar mit den Universitätsabsolventen und zu 16 Prozent mit den vierjährigen HTL-Fachschultechnikern.[28] Der Technikbereich der Fachhochschulen entwickelt sich für die HTL-Absolventen und praxiserfahrenen HTL-Ingenieure zunehmend zu einer Konkurrenz am allgemeinen, beruflich-fachlichen Ingenieur-Arbeitsmarkt. Am allgemeinen Ingenieur-Stellenmarkt wird in den Zeitungsanzeigen kaum zwischen Bachelor- und Masterabsolventen unterschieden. In der Zukunft wird es notwendig werden, die Praxis des HTL-Absolventen zum Ingenieur entsprechend weiterzuentwickeln. Im Jahre 1917 wird der Ingenieurtitel als Standesbezeichnung durch eine Verordnung des Kaisers geschützt. Die Absolventen der höheren Gewerbeschulen dürfen nach einer achtjährigen, gehobenen, fachbezogenen Praxis den Ingenieurtitel auch führen. Es wird für diesen Titel generell keine Urkunde ausgestellt, wobei dies auch für die Absolventen der Technischen Hochschulen gilt.[29] Die Qualifizierung eines HTL-Ingenieurs ist in europäischen und internationalen Bildungseinstufungs-Systemen aufzuwerten und entsprechend zu positionieren. Die Fachhochschulen bieten im Technikbereich neben der Tagesform meist parallel dazu einen berufsbegleitenden Studiengang an. Für die Erwerbstätigen mit HTL-Qualifikation können sich dadurch zusätzlich gute Arbeits- und Erwerbschancen eröffnen.

Eine Unterscheidung von höherer und mittlerer berufsbildender Schule ist für die Höhere technische Lehranstalt wichtig. Wenn keine Qualifikations-Differenzen von Fachschule und höherer Abteilung gegeben sind, besteht die Gefahr, dass leistungsstarke und leistungswillige Hauptschulabgänger den Weg in ein Oberstufengymnasium einschlagen.[30] Die höhere Abteilung bietet mit einer Reife- und Diplomprüfung eine Doppelqualifikation an. Die Reifeprüfung bietet einen allgemeinen Zugang zu den Universitäten, Fachhochschulen und Pädagogischen Hochschulen. Die Diplomprüfung eröffnet die Möglichkeit des Einstieges in einen gehobenen, fachbezogenen Beruf im Bereich des Fachbereiches und der Ausbildungsschwerpunkte mit etwaigen Vertiefungen. Es kann durch eine gehobene, dreijährige, facheinschlägige Praxis die Qualifizierung zum Ingenieur erfolgen. Die vierjährigen Fachschulen ermöglichen durch ein nicht-formales Lernen die Ablegung der Berufsreifeprüfung. Die HTL-Fachschule erfährt dadurch eine Aufwertung, damit ist eine Durchlässigkeit zum Hochschulsystem wie bei den berufsbildenden höheren Schulen gegeben. Eine Differenzierung der Höheren technischen Lehranstalt in eine Ingenieur- und Technikerausbildung ist somit unbedingt erforderlich. Die Qualifikationsniveaus von Ingenieuren der höheren Lehranstalten liegen über jenen von Technikern einer Fachschule. Das Qualifikationsmerkmal „Techniker einer mittleren Fachschule“ liegt über dem einer dualen Ausbildung mit Lehrabschluss und Diplom einer „niederen“ Berufsschule, die als berufsbildende Pflichtschule eine Teilzeitschule ist. Das duale Bildungsprinzip mit Lehre und Berufsschule hat durch die Möglichkeit, eine Berufsreifeprüfung, eine „Lehre mit Matura“, ablegen zu können, eine Aufwertung erfahren. Eine Berufsreifeprüfung bietet die gleichen Zugangsmöglichkeiten zu einem Studium an der Fachhochschule und Universität wie die Reifeprüfungen an berufsbildenden höheren Schulen. Die Durchlässigkeit zur Hochschule hat sich in den letzten Jahrzehnten beträchtlich verbessert und wird ständig erweitert. In einem Forschungsbericht des Jahres 2009 des Institutes für Bildungsforschung der Wirtschaft sind in Stelleninseraten in Tageszeitungen die HTL-Absolventen nicht unwesentliche Mitbewerber.

„Für die Universitäts-Technik Absolventen ausgeschriebene Stellen kommen für HTL-Absolventen 8% in Frage; für Fachhochschul-Technik Absolventen ausgeschriebene Stellen kommen für HTL-Absolventen 90% in Frage, bei ausgeschriebenen Stellen für Uni- und FH- Technik Absolventen kommt für HTL-Technik Absolventen 60% in Frage“.[31]

Die Konkurrenz zwischen FH- und HTL-Absolventen beträgt nach Aussage der Untersuchung, die eine wirtschaftsnahe Organisation verfasste, bis zu 90% am allgemeinen Ingenieur-Arbeitsmarkt. Die Höherqualifizierung und der damit verbundene Lernzuwachs der HTL-Absolventen durch eine dreijährige, gehobene, fachbezogene Praxis zum HTL-Ingenieur sollte in das Bildungssystem integriert werden, wobei dadurch eine tertiäre Aufwertung erfolgt. Diese Aufwertung der dreijährigen Ingenieurpraxis sollte die Verleihung des akademischen Bologna-Grades „Bachelor-Ingenieur “ ermöglichen, wobei der akademische Grad englisch als „Bachelor of Engineering“ sichtbar gemacht werden kann. Beide akademischen Grade dürfen nicht gleichzeitig geführt werden, da nicht zwei verschiedene Ingenieur-Ausbildungen gegeben sind. Bei Stellenausschreibungen in den Druckmedien für HTL-, FH- und TU-Absolventen beträgt der Anteil mit HTL-Anzeigen bis zu 60%. Die Arbeitsmarkt- und Berufsfähigkeit der HTL-Absolventen und damit der praxiserfahrenen HTL-Ingenieure ist nach wie vor hoch. Dies soll durch eine Weiterentwicklung des HTL-Bildungssystems erhalten bleiben, und dies muss entsprechend abgesichert werden. Die Ausschreibungen in den wirtschaftsnahen Studien gelten noch für die Diplomstudien, wobei der fortschreitende Bologna-Prozess noch nicht berücksichtigt ist. Das Bologna-Modell beginnt allmählich zu wirken, die Zukunft wird eine Änderung am Ingenieur-Arbeitsmarkt bringen. Wie sich die HTL-Absolventen und vor allem die praxiserfahrenen HTL-Ingenieure gegenüber den Bachelor-Technik-Absolventen der Fachhochschulen am allgemeinen Ingenieur-Arbeitsmarkt durchsetzen werden, wird die Zukunft weisen. Wie werden vor allem die Master-Technik-Absolventen der Fachhochschulen gegen die HTL-Ingenieure am Ingenieur-Arbeitsmarkt konkurrieren? Die Universitätslehrer des Technikbereiches, die selbst nicht HTL-Absolventen sind, hegen oft beträchtliche Vorurteile gegenüber den Theoriekenntnissen der HTL-Absolventen. Die industrielle und gewerbliche Wirtschaft hat allerdings ein ganz anderes Bild von den HTL-Absolventen. Die Wirtschaft schätzt die Symbiose von Theorie und Praxis der HTL-Ingenieure. Der europäisch, international und auch national unterschätzte, praxisnahe und anwendungsorientierte HTL-Ingenieur soll vor allem im Sinne der Absolventen formal und auch gesellschaftlich aufgewertet werden. Dies wäre für eine „nicht unterschätzte“, europäische Einstufung dieser bewährten und spezifisch österreichischen Ingenieurbildung in einer globalen Wirtschaft sehr wichtig.

4.1 Fachtheorie und Fachpraxis – eine Symbiose mit nationalen und internationalen Zukunftsaussichten in der Ingenieurbildung

In Österreich gibt es 76 Bildungsstandorte von Höheren technischen Lehranstalten, wobei 23 gewerblich-technische Bildungsstätten nicht dem Bund unterstellt sind. Es existieren 26 Werkmeisterschulen, die mit dem Schulorganisationsgesetz eine Sonderform der berufsbildenden mittleren Schulen werden. Diese gewerblich-technischen Schulen werden in der Habsburgermonarchie an der Staats-Gewerbeschule für „intelligente“ Facharbeiter als Tagesschule eingerichtet. Diese Bildungsidee stammt vor allem aus Sachsen, Württemberg und Preußen.[32] Die Werkmeisterschulen werden vom Organisator des gewerblichen Unterrichts in der Habsburgermonarchie, Armand Freiherr von Dumreicher, eingeführt. Die spezialisierten Fachschulen der Werkmeisterschulen sind für die aufstrebenden Staats-Gewerbeschulen organisatorisch und inhaltlich wichtig. Die Werkmeisterschulen dienen als mittlere Gewerbeschulen der Förderung der Bedürfnisse von Industrie und Gewerbe. Diese traditionellen und bewährten, viersemestrigen, schulisch-beruflichen Weiterbildungsorganisationen werden nach dem Zweiten Weltkrieg vorwiegend von den Sozialpartnern mit ihrem Wirtschafts- und Berufsförderungsinstitut geführt. Die Lehrpläne müssen vom Unterrichtsministerium genehmigt werden. Die Lehrpläne sind für die praxiserfahrenen Facharbeiter fachtheoretisch ausgelegt. Die gegenwärtigen, gewerblich-technischen Bildungsangebote an den Höheren technischen Lehranstalten bestehen vor allem aus den bewährten, fünfjährigen, höheren Lehranstalten, den vierjährigen Fachschulen und den Bauhandwerkerschulen. Die achtsemestrigen, Höheren technischen Lehranstalten für Berufstätige, die Vorbereitungslehrgänge, die Kollegs für Maturanten und die Aufbaulehrgänge vor allem für die HTL-Fachschüler werden in der Tages- und Abendform angeboten.

Trotz eines Rückganges der vierzehnjährigen Jugendlichen nehmen mit den Haupt- und den Sonderformen die Schülerzahlen an den Höheren technischen Lehranstalten durchschnittlich um 2,4 Prozent im Jahre zu. Im Schuljahr 2009/10 gibt es insgesamt 62.373 Schüler, wobei 18.464, das sind 30%, die Sonderformen, wie die Abendschulen für Berufstätige, die Kollegs für Maturanten und die Aufbaulehrgänge für die HTL-Fachschüler besuchen. Die fünfjährigen höheren Lehranstalten frequentieren 43.909 Schüler, damit ist ein Zuwachs von zwei Prozent dieser Schüler gegeben. Die vierjährigen Fachschulen bleiben mit 9.216 Schülern gegenüber den Vorjahren gleich. Eine Fachschule besuchen nur 15 Prozent der Schüler an einer HTL, wobei die Frequenz dieser praxisnahen und wirtschaftsangepassten Technikerausbildung höher sein könnte. Ein großer Bedarf an diesen praxisnahen Technikern ist in der produktiven Industrie und im Gewerbe gegeben.[33] Die Durchlässigkeit für HTL-Fachschüler zu einem Hochschul- und Universitätsstudium wird durch ein nicht-formales Lernen für eine Berufsreifeprüfung ermöglicht. Die Berufsreifeprüfungen sind ein Produkt des wichtigen Schulorganisationsgesetzes 1962, wobei dieses mit vielen Novellen noch heute seine Gültigkeit hat.

„Durch die Berufsreifeprüfung werden dieselben Berechtigungen erworben wie durch die Reifeprüfung einer entsprechenden berufsbildenden höheren Schule. Die Vergleichbarkeit im Niveau ist besonders hinsichtlich des Abschlusses einer berufsbildenden höheren Schule mit Reifeprüfung gegeben“.[34]

Im Schuljahr 2008/09 gibt es einen beträchtlichen Zuwachs an Schülern in den Fachbereichen Maschinenbau und Mechatronik, wobei „der Maschinenbau die Basis für die Verknüpfung mit der elektronischen Welt ist“[35]. Die Studierendenzahl an den Höheren technischen Lehranstalten für Berufstätige beträgt 5.738. An der Abendschule für Berufstätige vollzieht sich seit dem Vorjahr ein Anstieg von 7,2 Prozent an Schülern. Bei den berufstätigen Studierenden wird damit der Stand von vor sechs Jahren erreicht. Im Fachbereich der Informatik tritt ein erheblicher Rückgang an Schülern ein. Die Wirtschaftskrise könnte ein Grund dafür sein, dass sich wieder mehr Berufstätige für ein weiterführendes, berufsbegleitendes Bildungsangebot an den Höheren technischen Lehranstalten interessieren, wobei dies vor allem für das Maschineningenieurwesen zutrifft.[36] Eine Veränderung der Schülerzahlen ist in den folgenden Fachbereichen der Normalform der fünfjährigen höheren Lehranstalten gegeben:

„Im Maschineningenieurwesen und in der Mechatronik gibt es eine Zunahme mit 4,5 Prozent, in der Bautechnik mit 2 Prozent, in der Holztechnik mit 3 Prozent, im Wirtschaftsingenieurwesen und Betriebsmanagement eine Abnahme von -1,2 Prozent und in der Medientechnik von -1,1 Prozent und in den anderen Fachrichtungen bleibt die Schülerzahl im Wesentlichen gleich wie im Vorjahr“.[37]

Durch die Finanz- und Wirtschaftskrise in den letzten Jahren entwickelt sich das Bewusstsein, dass eine höhere berufliche Bildung mit einer größeren Arbeitsplatzsicherheit verbunden sein könnte.[38] Am 3. Februar 2010 werden 79 im Unterricht anwesende Studierende über die Motive ihres Besuchs der Abendschule für Berufstätige befragt. Die Studierenden der Abendschule der Fachrichtung Maschineningenieurwesen mit dem Ausbildungsschwerpunkt Maschinen- und Anlagentechnik an der Höheren technischen Lehranstalt Klagenfurt-Lastenstraße äußern bei folgenden Fragen die meisten Zustimmungen:

„Die Berufliche Weiterbildung wird für 100 Prozent immer wichtiger; für 94 Prozent erfolgt eine gezielte Wahl dieser Fachrichtung; für 92 Prozent soll durch den Besuch der Abendschule eine Tätigkeitserweiterung erfolgen; für 84 Prozent wird im Beruf eine höhere technische Bildung wichtig und für 82 Prozent der Befragten ist die Höherqualifizierung zum Ingenieur besonders wichtig“.[39]

Im Jahre 2010 verlassen 8.700 Absolventen aller Schulformen die Höheren technischen Lehranstalten. Es ist eine Zunahme von 6,8 Prozent an Absolventen gegenüber dem Vorjahr gegeben. Dies betrifft die Absolventen der fünfjährigen Hauptformen aller derzeit fünfzehn Fachbereiche mit den 77 Ausbildungsschwerpunkten und zusätzlichen Vertiefungen.[40] Die Sonderformen für Berufstätige an Höheren technischen Lehranstalten werden durch das Schulorganisationsgesetz 1962 eingeführt, wobei diese durch entsprechende Gesetzesnovellen an Bedeutung zunehmen. Die Aufbaulehrgänge dienen vornehmlich der Aufwertung und fachlichen Höherqualifizierung der HTL-Fachschulabsolventen. Diese schließen mit der Doppelqualifikation einer Reife- und Diplomprüfung ab, wobei anschließend eine dreijährige Ingenieurpraxis absolviert werden kann. Es ist vor allem besonders bemerkenswert, dass die Zahl der Absolventen der Fachbereiche Maschineningenieurwesen und Mechatronik in den letzten fünf Jahren um 16 Prozent zugenommen hat. In diesem Zeitraum ist allerdings die Zahl der Absolventen der Fachrichtung Elektrotechnik und Elektronik um 23 Prozent deutlich gesunken.[41] Die Ursachen der beiden unterschiedlichen Entwicklungen der Absolventen-Zahlen im Zeitraum von fünf Jahren in Österreich sollte analysiert werden. Die Attraktivität für Mädchen und Frauen, eine Höhere technische Lehranstalt zu besuchen, nimmt auf niedrigem Niveau etwas zu. Es gibt höhere Abteilungen mit Fachbereichen, an denen bereits ein höherer Anteil an weiblichen Schülern gegeben ist, da diese Fachbereiche offenbar besser dem weiblichen Charakter entsprechen:

„In der Medientechnik gibt es 51, im Bereich Holz 33, in der Chemie 31, in der Bautechnik 20, im Werkstoffingenieurwesen 17, im Wirtschaftsingenieurwesen Betriebsmanagement sind es 15, in der Informatik und Informationstechnologie 10, in der Elektrotechnik und Elektronik 5, im Maschineningenieurwesen und in der Mechatronik sind 4 Prozent an weiblichen Personen gegeben“.[42]

In Unternehmungen haben die Befragungen nach einem strukturierten Leitfaden ergeben, dass in der Privatwirtschaft kaum eine vertikale Hierarchie in den Ingenieurtätigkeiten gegeben ist. Bei Anzeigen in qualitätsvollen Tageszeitungen werden am allgemeinen Ingenieur-Arbeitsmarkt oft gleichzeitig HTL-, FH- und TU-Absolventen für einen Ingenieur-Arbeitsplatz gesucht. Es wäre interessant zu wissen, wer dann wirklich eingestellt wird und warum diese Stellenbesetzung gerade auf solche Weise erfolgt. Die HTL-Absolventen werden häufig in Berufsfeldern eingesetzt, in denen graduierte Diplomingenieure zu teuer sind, wobei durch diese eine Überqualifizierung besteht. Der HTL-Ingenieur wird meist entsprechend seinem technisch-fachlichen Bildungsniveau beschäftigt, wobei eine De- und Überqualifizierung bei HTL-Ingenieuren kaum gegeben ist. Der HTL-Absolvent ist aufgrund seiner anwendungsorientierten, praktisch-theoretischen Ausbildung vor allem auch in Klein- und Mittelbetrieben geschätzt. Der HTL-Ingenieur wird kaum zu wenig adäquat beschäftigt:

„Jene Unternehmen, welche angeben, dass HTL-Absolventen überall einsetzbar sind, ließen aber auch erkennen, dass die zu vergebenden Positionen mit etwas eingeschränkter Verantwortung ausgestattet sind. Auf längere Sicht hat der beruflich erfolgreiche HTL-Absolvent mit Praxiserfahrung und Weiterbildung in vielen Unternehmen Chancen, mit dem Fachhochschul-Absolventen, aber auch dem TU-Absolventen tendenziell gleichgestellt zu werden. Eine völlige formale Schließung und damit Segmentierung wie im öffentlichen Sektor, ist mithin in den Ingenieurtätigkeiten in der Privatwirtschaft nicht gegeben“.[43]

In allen Fachbereichen außer der Chemie sind an den Höheren technischen Lehranstalten Kenntnisse und Fertigkeiten in der Informatik von Bedeutung. Die Kenntnisse und Fertigkeiten über die Informatik und die Informationstechnologie sind oft wichtiger als jene über die Fachbereiche, die Ausbildungsschwerpunkte und deren zusätzlichen Vertiefungen.[44] Eine Absolventen-Befragung des Instituts für Bildungsforschung der Wirtschaft in produktiv-industriellen Unternehmungen hat ergeben, dass in den letzten zwei Jahrzehnten zunehmend eine Computerisierung von qualifizierten Erwerbstätigkeiten erfolgt, „wobei 55 Prozent der Respondierenden angeben, dass der HTL-Unterricht in Elektronischer Datenverarbeitung für ihre Berufstätigkeit sehr nützlich ist, wobei weitere 24 Prozent sagten, dass dieser eher nützlich ist. Bei den Respondierenden, die vor 1992 die Höhere technische Lehranstalt abgeschlossen haben, nehmen die Fachtheorie und Fachpraxis Spitzenwerte ein. Dies zeigt den Trend zur Computerisierung technischer und technisch-wirtschaftlicher Berufe“.[45]

Bei einer weiteren Absolventen-Befragung dieses wirtschaftsnahen Bildungsinstitutes sind abhängig von den fünfzehn Fachbereichen der höheren Abteilungen die Fachbereiche Informatik und Elektronische Datenverarbeitung für die Bildungssegmente Fachpraxis a, für die Fachtheorie b, für die Fremdsprache Englisch c und für die wirtschaftlichen Fächer d sehr nützlich[46] für die Berufstätigkeit der Absolventen:

„In der Fachrichtung Elektronische Datenverarbeitung und Organisation mit 71, 48, 33 und 39; in der Elektronik mit 65, 42, 35 und 44; in der Bautechnik mit 55, 34, 38 und 16; in der Elektrotechnik mit 48, 36, 25 und 30; im Maschineningenieurwesen mit 46, 39, 35 und 35; im Wirtschaftsingenieurwesen mit 44, 29, 16 und 31; in der Medientechnik und Medienmanagement mit 41, 44, 47 und 29 Prozent“.[47]

Die Absolventen-Einschätzung der entsprechenden Fachbereiche ist dahingehend, dass sie den Unterricht in Elektronischer Datenverarbeitung und Informatik für sehr nützlich für ihre Berufstätigkeit halten: Dieser reicht von 71 bis 41 Prozent für den Fachpraxisunterricht in den Lehrwerkstätten, den praktischen Labors und den praxisnahen Kompetenzzentren; von 48 bis 29 Prozent werden für den Fachtheorieunterricht im Lehrsaale aufgewendet; von 47 bis 16 Prozent für den Englischunterricht und von 44 bis 16 Prozent für den Wirtschaftsunterricht. Die Wichtigkeit der Elektronischen Datenverarbeitung in den einzelnen Fachbereichen schwankt nach Einschätzung der befragten HTL-Absolventen beträchtlich. In den einzelnen Fachbereichen bewegen sich die Grenzwerte für die Bedeutung der Elektronischen Datenverarbeitung von 71 bis 14 Prozent. An den Höheren technischen Lehranstalten hat der Computerunterricht eine nicht zu unterschätzende Bedeutung. Dieser hat abnehmend mit der Fachpraxis, der Fremdsprache Englisch, der Fachtheorie und den Wirtschafts- und Betriebswissenschaften einen gewissen Stellenwert. Die Höheren technischen Lehranstalten haben ihr beruflich-fachliches Bildungsprogramm arbeitsmarkt- und beschäftigungsfähig positioniert. Die praktisch-theoretische Flexibilität, ein früher Praxiserwerb und eine Erwerbsmöglichkeit der HTL-Absolventen sind wichtige Kriterien, „wobei dieser frühere Berufseinstieg gehaltsbezogen sich für die Unternehmen günstiger auswirkt. Häufig wird diesen Fachkräften auch zugeschrieben, dass sie breiter einsetzbar sind. Nicht nur bei entsprechender Praxis werden sie den Fachhochschulabsolventen gleichgestellt. Ein weiterer Vorteil ist, dass ihre Karrierevorstellungen flexibler und ihre Erwartungen meist nicht so hoch angelegt sind. Die HTL-Absolventen werden von den Personalfachleuten als anpassungsfähig, formbar und lernwillig bezeichnet. Ferner besitzen sie ein breites Basiswissen, welches die Fortbildung in verschiedene Richtungen ermöglicht“.[48]

Den HTL-Absolventen werden mangelnde Sprach- und Präsentationskompetenzen und keine bis mangelnde Fremdsprachenkenntnisse sowie zu geringe betriebswissenschaftliche, betriebswirtschaftliche und Marketingkenntnisse bescheinigt. Deshalb sollen Zusatzqualifikationen in der Kommunikation und Präsentation, im Projektmanagement, in der Kundenorientierung und in der Rhetorik erfolgen. Die Neuen Informations- und Kommunikationstechnologien und auch die Biotechnologie reduzieren sozialpsychologische Barrieren in den Ingenieurdisziplinen. Der umfassende, fachpraktische und fachtheoretische Praxisbezug der HTL-Ingenieure wirkt sich positiv für die Beschäftigungs- und Erwerbsfähigkeit in der Industrie, im Gewerbe und im qualifizierten Dienstleistungsbereich aus. Die vielen Bildungsstandorte der Höheren technischen Lehranstalten agieren technisch-fachlich im Schnittbereich der technischen Bildungssysteme, welche durch den Technikbereich der Fachhochschule und Universität repräsentiert werden. Ferner agieren die Höheren technischen Lehranstalten im Praxisbereich der gewerblich-industriellen Produktionswirtschaft und in dem immer wichtiger werdenden, qualitativen Dienstleistungsbereich. Die Diplomarbeiten sollen möglichst anwendungsorientiert zwischen der Schule und der Wirtschaft kooperieren. Die Partnerschaften mit dem Gewerbe und der Industrie, dem qualitativen Dienstleistungssektor und dem Handel sollen mit Leben erfüllt werden.[49] Die gewerblich-industrielle Zusammenarbeit der Schule mit der Wirtschaft erfolgt durch eine innovative Entwicklung von technischen Projekten in Form von praxisnahen Diplomarbeiten.

Die zukünftige Position, aber auch die Stärken und die Schwächen der HTL-Absolventen werden von den einzelnen Unternehmungen und Branchen bei den Befragungen des wirtschaftsnahen Instituts unterschiedlich bewertet. Die unterschiedlichen, technischen und technologischen Anforderungen in den einzelnen Gewerbe- und Industriebetrieben haben unterschiedliche Beurteilungen zur Folge. Die leicht steigenden HTL-Absolventen-Zahlen und der zunehmende Konkurrenzdruck durch den Technikbereich der Fachhochschulen führen noch nicht zu geringeren Gehalts- und Karrierevorstellungen der HTL-Ingenieure. In den wichtigen Fachbereichen, wie der Elektronischen Datenverarbeitung, der Informatik und in den neu entstehenden, informationstechnologischen Berufen steigen zunehmend die Gehaltsvorstellungen auch der HTL-Abgänger. In anderen Fachbereichen müssen die finanziellen Erwartungen der HTL-Absolventen allerdings etwas zurückgenommen werden. Durch das Aufkommen neuer Informations- und Kommunikationstechnologien entstehen neue Arbeitsgebiete für die HTL-Absolventen und die praxiserfahrenen HTL-Ingenieure. Den beruflich-fachlich flexiblen HTL-Absolventen wird eine umfangreiche und grundlegende fachtheoretische und fachpraktische Bildung vermittelt. Ein frühes Berufseintrittsalter ist für die Praxiserfahrung wichtig. Die HTL-Ingenieure sind auf dieser Qualifikationsebene im Gewerbe und in der industriellen Produktion, aber auch im qualifizierten Dienstleistungsbereich nach wie vor gefragte Arbeitnehmer. Bei den Befragungen der Unternehmungen des wirtschaftsnahen Instituts geben diese den frühen beruflichen Eintritt der HTL-Absolventen als wesentlichen Vorteil an.[50] Es gibt noch nicht so viele Bachelor- und Masteringenieure im gewerblichen und industriellen Erwerbsleben, wobei in Stellenanzeigen der Tageszeitungen die zwei unterschiedlichen Bologna-Ingenieurgrade kaum angesprochen werden.

„Der Anteil der HTL-Jugendlichen in der zehnten Schulstufe ist von 7,5 Prozent im Schuljahr 1992/93 auf 8,5 Prozent im Schuljahr 2002/03 gestiegen. Rund 41.000 Jugendliche besuchten im Schuljahre 2006/07 eine HTL ohne Berücksichtigung der Kollegs und im Jahre 1991 waren es noch unter 30.000 Schüler. […] Dies bedeutet einen Zuwachs in den jährlichen Absolventen-Zahlen von rund 30 Prozent im Vergleich zum Anfang der 1990er-Jahre“.[51]

Die unselbstständige, gewerblich-praktische Mechanische Lehrwerkstätte steht mit der Realschule in Klagenfurt in Verbindung. Eine erfolgreiche Weiterentwicklung dieser gewerblich-praktischen Lehranstalt zu einem interdisziplinären Mechatronik-Kompetenzzentrum ist in der Gegenwart gegeben. Die Höhere technische Bundeslehranstalt Klagenfurt-Lastenstraße wird historisch als Mechanische Lehrwerkstätte von der Kärntner Handels- und Gewerbekammer im Jahre 1861 gegründet. Damit sollten die Bedürfnisse der regionalen Eisenindustrie und des lokalen Kleingewerbes erfüllt werden. Der Eisenbergbau und die Eisenverarbeitung hat in Kärnten bis ins 18. Jahrhundert eine bedeutende Tradition:

„Besonders das Eisen Kärntens trug damals [18. Jahrhundert] in hohem Grade zur Erhaltung des wirtschaftlichen Gleichgewichtes bei. Der Eisenbergbau und die Eisenverarbeitung haben einst die Berge und Täler dieses Alpenlandes mit dem Lärm ihres Arbeitsprozesses erfüllt. […] Mit Waffen aus dem norischen Eisen geschmiedet, haben einst die Römischen Legionen das Imperium aufgerichtet und die ersten Eisenbahnen im Donauraum und Oberitalien gebaut. Kein Anfang und kein Ende ist in der langen Geschichte des Eisens gegeben, wobei markante Epochen miteinander zu verknüpfen, nur dem Historiker als reizvoll erscheinen mag“.[52]

Die Mechanisch-Technischen Lehrwerkstätten der Habsburgermonarchie sind oft „Musterwerkstätten“[53] für die Hausindustrie und das Kleingewerbe. Das „Reformprogramm für das gewerbliche Unterrichtswesen“ hat Armand Freiherr von Dumreicher im Februar 1883 der „Central-Commission“ des Unterrichtsministeriums zur Beratung und Beschlussfassung vorgelegt.[54] Das Reformprogramm 1883 hat die selbstständige, Mechanisch-Technische Lehrwerkstätte im Jahre 1884 zu einer Fachbildungsanstalt in Klagenfurt umgestaltet. Die eigenständige und selbstständige Maschinengewerbliche Fachschule in Klagenfurt ist eine Sonderentwicklung der Habsburgermonarchie. Durch viele Hemmnisse wird erst im Jahre 1911 die höher organisierte Mechanisch-technische Staats-Gewerbeschule in Klagenfurt genehmigt und errichtet. In der Ersten Republik wird neben dem Maschinenbau eine selbständige Fachrichtung für die zunehmend wichtiger werdende Elektrotechnik entwickelt. Im 21. Jahrhundert entsteht der moderne, interdisziplinäre Fachbereich Mechatronik an der Höheren technischen Lehranstalt in Klagenfurt-Lastenstraße. Die zukunftsorientierten Mechatronik-Systeme werden unter anderem als Automatisierungstechnik in der Produktion durch Roboter als flexible Handhabungssysteme eingesetzt. Die komplexe Mechatronik ist durch das Zusammenwirken von Mechanik und Maschinenbau, Elektronik und Elektrotechnik, Informatik und Informationstechnologie aus vielen Bereichen der modernen automatisierten Technik nicht mehr wegzudenken.

4.2 Betriebs- und Berufspraxis einschlägig und gehoben zur Weiterqualifizierung zum durchlässigen akademischen Bachelor-Grad

Im Jahre 2005 wird von der Europäischen Kommission ein Europäischer Qualifikationsrahmen für ein „Lebenslanges Lernen“ präsentiert. Der Europäische Qualifikationsrahmen dient als Anstoß für den Entwicklungsprozess eines Nationalen Qualifikationsrahmens, der noch nicht abgeschlossen ist. Der Europäische Qualifikationsrahmen will Lernergebnisse von akademischen und beruflichen Bildungsprozessen durch acht Niveaus in der Europäischen Union vergleichbarer machen. Die Berücksichtigung von Vorgaben des Europäischen Qualifikationsrahmens ist nicht zwingend erforderlich, wobei Österreich sich entschließt, ein Nationales Qualifikationssystem zu entwickeln:

„Wesentliche Divergenzen zwischen den Akteuren zeigen sich auch bei der Frage, ob die Basisstruktur eines NQR [Nationaler Qualifikationsrahmen] ausschließlich oder in erster Linie die existierenden formalen Abschlüsse und Qualifikationen in der allgemeinen, beruflichen und hochschulischen Bildung abbilden soll, oder ob der Rahmen nicht vor allem den offenen Zugang der Qualifikationen aus dem Raum des nicht-formalen [HTL-Ingenieur-Praxis] oder informellen Lernens ermöglichen soll, dabei gehen die Fronten durchaus quer durch die Akteurs-Gruppen“.[55]

Die berufliche Weiterbildung erfolgt im konkreten Fall in Form einer mindestens dreijährigen, gehobenen, fachbezogenen Ingenieurpraxis. Diese Berufsausübung erfordert höhere Kenntnisse, Fertigkeiten und Kompetenzen, wie sie in der fünfjährigen Ingenieurausbildung an den Höheren technischen Lehranstalten vermittelt werden. Die berufsspezialisierende Höherqualifizierung ergibt als Lernergebnis ein höheres Bildungsniveau. Ein höherer Bildungsabschluss wird durch die Ingenieurtitelverleihung kenntlich gemacht. Eine Höherqualifizierung äußert sich auch dadurch, dass der HTL-Ingenieur durch diese Berufserfahrung arbeitsmarkt- und erwerbsfähiger als ein unmittelbarer HTL-Absolvent wird. Eine Zuordnung des HTL-Abschlussdiploms auf dem Qualifikationslevel fünf[56] muss für den HTL-Ingenieur durch die Höherqualifizierung in der Praxis die Niveaustufe sechs im Nationalen Qualifikationsrahmen ergeben. Es ist somit eine Einstufung des HTL-Ingenieurs nach dem Bologna-Modell auf Bachelor-Qualifikationsebene sechs unbedingt gerechtfertigt.[57]

[...]


[1] Geschlechtsspezifische Formulierungen gelten für beide Geschlechter.

[2] Vgl. Dornmayr, Helmut/Nowak, Sabine 2013: Lehrlingsausbildung im Überblick 2013, S. 1-3. Hrsg. ibw - Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft.

[3] Vgl. Brändle, Tobias 2010: 10 Jahre Bologna-Prozess, S. 44-52.

[4] Eine starke Konvergenz ist dadurch gegeben, dass in Untersuchungen über das Bologna-Modell beide Studienzyklen flexibel insgesamt fünf Jahre betragen sollten. Der erste berufsqualifizierende Abschluss, der Bachelor oder ein vergleichbarer Abschluss sollte drei bis vier Jahre dauern. Vgl. Eckhardt, Philipp 2005: Der Bologna-Prozess, S. 78.

[5] Vgl. Lassnigg, Lorenz 2012: Die berufliche Erstausbildung zwischen Wettbewerbsfähigkeit, sozialen Ansprüchen und Lifelong Learning – eine Policy – Analyse, S. 314-318.

[6] Vgl. Schneeberger, Arthur u.a. 2013: Postsekundäre und tertiäre Berufsausbildung in Österreich, S. 4 f.

[7] Vgl. Europäische Kommission 2005: Auf dem Weg eines Qualifikationsrahmens für Lebenslanges Lernen, S. 38 f.

[8] Vgl. Hanf, Georg/Luomi-Messerer, Karin/Rein Volker 2009: Österreich und „gleichgesinnte“ Länder. Ergebnisse aus dem internationalen Projekt TransEQFrame, S. 15 f.

[9] Trans-European Qualifications Framework Development.

[10] Duales Bildungsprinzip: Betriebslehre und Berufsschule als Teilzeitpflichtschule.

[11] Hanf, Georg / Luomi-Messerer, Karin / Rein, Volker 2009: Österreich und gleichgesinnte Länder. Ergebnisse aus dem internationalen Projekt TransEQFrame, S. 17.

[12] Anhang II. Amtsblatt der Europäischen Union vom 06. Mai 2008.

[13] Vgl. Empfehlung 2008 des Europäischen Parlaments und des Rates zur Einrichtung des Europäischen Qualifikationsrahmens für Lebenslanges Lernen, S. 2-8.

[14] Europäische Union 2008: Empfehlung des Europäischen Parlaments und des Rates vom 23. April 2008 zur Errichtung des Europäischen Qualifikationsrahmens für Lebenslanges Lernen. Anhang II des Amtsblattes der Europäischen Union vom 6. Mai 2008.

[15] Anhang II des Amtsblattes der Europäischen Union vom 6. Mai 2008.

[16] Vgl. Hanf, Georg/Luomi-Messerer/Rein, Volker 2009: Österreich und „gleichgesinnte“ Länder. Ergebnisse aus dem internationalen Projekt TransEQFrame, S. 24.

[17] Vgl. Hanf, Georg/Luomi-Messerer, Karin/Rein, Volker 2009: Ergebnisse aus dem internationalen Projekt TransEQFrame, S. 23-25.

[18] Der Fokus auf die Lernergebnisse bedeutet jedoch nicht, dass Input-Aspekte, wie die Dauer der Ausbildung und die Gestaltung des Curricula, künftig keine Beachtung mehr finden sollen. Die Lernergebnisorientierung kann eine neue Perspektive einbringen, indem die Inputs in direkten Kontext mit den Lernergebnissen gestellt werden.

[19] Vgl. Konsultationspapier 2008– Nationaler Qualifikationsrahmen für Österreich, S. 7 f.

[20] Vgl. STATISTIK AUSTRIA 2005, S. 145.

[21] Seit dem Jahre 2007 Pädagogische Hochschulen in Österreich.

[22]Sonderform berufsbildende mittlere Schule BMS.

[23] Sonderform berufsbildende mittlere Schule BMS

[24] Quelle: STATISTIK AUSTRIA: Volkszählung 2001 mit eigenen Berechnungen des „Instituts für Bildungsforschung der Wirtschaft“.

[25] Festschrift 150 Jahre HTL1, S. 42-45.

[26] STATISTIK AUSTRIA: Arbeitskräfteerhebung 2006 - Arbeitskräfteerhebung – Ergebnisse des Mikrozensus 2007, S. 275. Der Mikrozensus ist eine statistische Erhebung bei nach bestimmten Zufallskriterien ausgewählten Haushalten, bei denen die Repräsentativität gesichert ist. Die Daten der Volkszählung sollen in kürzeren Abständen überprüft werden, wenn notwendig, muss eine Korrektur erfolgen.

[27] STATISTIK AUSTRIA: Hochschulstatistik 2005/06, S. 133 f.

[28] Vgl. STATISTIK AUSTRIA: Arbeitskräfteerhebung 2006 – Arbeitskräfteerhebung – Ergebnisse des Mikrozensus 2007, S. 276 f.

[29] Vgl. Mikoletzky, Juliane 1997: Geschichtliche Entwicklung der Technischen Universität Wien, S. 42.

[30] Vgl. Schneeberger, Arthur/Petanovitsch, Alexander 2008: Mittelfristige Perspektiven der HTL, S. 198.

[31] Schneeberger, Arthur/Petanovitsch, Alexander 2009: Zwischen Akademikermangel und prekärer Beschäftigung, S. 97.

[32] Vgl. Exposẻ über die Organisation des gewerblichen Unterrichts in Österreich 1875, S. XXV.

[33] Vgl. Pregesbauer, Christa 2010: HTL- Facts and Figures, S. 8.

[34] BGBL. Nr. 68/1997 Bundesgesetz über die Berufsreifeprüfung.

[35] Festschrift 150 Jahre HTL1 Klagenfurt, S. 30.

[36] Vgl. Pregesbauer, Christa 2010: HTL-Facts and Figures, S. 8 f.

[37] Ebenda, S. 10.

[38] Vgl. ebenda; S. 10 f.

[39] Forschungsprojekt im Rahmen des Pädagogik-Praktikums über die schulisch-berufliche Weiterbildung an Höheren technischen Lehranstalten.

[40] Vgl. ABC der berufsbildenden Schulen 2011. Schulische Berufsausbildungen ab 14 Jahren.

[41] Vgl. Pregesbauer, Christa 2010: HTL- Facts und Figures, S. 12

[42] Ebenda, S. 12 f.

[43] Schneeberger, Arthur/Kastenhuber, Bernd 1999: Zukunftsanforderungen der HTL-Ausbildung, S. 16.

[44] Vgl. ebenda, 16 f.

[45] Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft: HTL Absolventen-Befragung, Herbst 2007, S. 25.

[46] Eine fünfstufige Antwortangabe von „sehr nützlich“ bis „überhaupt nicht nützlich“ ist gegeben.

[47] Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft-HTL-Absolventen-Befragung, Herbst 2007, S. 26.

[48] Schneeberger, Arthur/Kastenhuber, Bernd 1999: Zukunftsanforderungen der HTL, S. 17.

[49] Vgl. ebenda, S. 21-23.

[50] Vgl. ebenda, S. 16 f.

[51] Schneeberger, Arthur/Petanovitsch, Alexander 2008: Mittelfristige Perspektiven der HTL, S. 213.

[52] Weißner, Hermann 1953: Geschichte des Kärntner Bergbaues, III. Teil, Kärntner Eisen, S. 9 f.

[53] Schermaier, Josef 2009: Fachschulen in Österreich – Schulen der Facharbeiterausbildung, S. 10.

[54] Vgl. Centralblatt für das gewerbliche Unterrichtswesen in Österreich 1883, Bd. II, S. 1-11.

[55] Hanf, Georg/Luomi-Messerer, Karin/Rein, Volker: Österreich und gleichgesinnte Länder. Ergebnisse aus dem internationalen Projekt TransEQFrame, S. 21.

[56] Markowitsch, Jörg 2009: Zur Vorhersage nationaler Qualifikationen zum Europäischen Qualifikationsrahmen mittels mathematischer Modellierung, S. 175.

[57] Vgl. Konsultationspapier – Nationaler Qualifikationsrahmen für Österreich 2008, S. 4-30.

Details

Seiten
294
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656549819
ISBN (Buch)
9783656548539
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v265294
Schlagworte
weiterentwicklung schulen österreich vorzeigemodell berufsbildung

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Titel: Weiterentwicklung der berufsbildenden höheren Schulen BHS in Österreich