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Die psychologische Beanspruchung des Fußballtorhüters

Steht der Torhüter innerhalb der Mannschaft unter einem besonderen Druck und durch welche Faktoren wird dieser Druck ausgelöst?

Bachelorarbeit 2012 108 Seiten

Gesundheit - Sport - Sportpsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Alltagskulturelle Einbettung des Fußballs in unsere Gesellschaft

2.1 Allgemeine Einordnung des Fußballs in die deutsche Gesellschaft

2.2 Medien

2.3 Konsequenzen für die Spieler

3 Der Torhüter und seine Rolle im System Profifußball

4 Beanspruchungsfaktoren

5 Zusammenfassung der Ergebnisse im Hinblick auf die Fragestellung

6 Methodik der Interviews

7 Auswertung der Interviews

8 Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Abstract

Der Fußballtorhüter hat aufgrund seiner Position eine Sonderstellung innerhalb des Teams. Steht der Torhüter daher innerhalb der Mannschaft unter einem besonderen Druck und durch welche Faktoren wird dieser ausgelöst? Anhand von Literaturauswer- tung und Experteninterviews wird aufgezeigt, dass der Druck auf der Position des Tor- hüters sich von dem auf seine Mitspieler unterscheidet. Die Stärke dieses Drucks wird unterschiedlich wahrgenommen und ist vom Umgang des Torhüters mit Drucksituatio- nen abhängig.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Sportsendungen 2011 Top Ten

Abbildung 2: Fernsehsendungen 2011 Top Ten

Abbildung 3: Hormonausschüttung und -abbau während des Spiels

Abbildung 4: Strukturmodell Volitive Regulationserfordernisse

Abbildung 5:Torhüter Einflüsse negativ

Abbildung 6: Torhüter Einflüsse positiv

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1

1 Einleitung

„ Der Torwart ist sich der Schwierigkeit seiner Position bewusst, das zuschauende Umfeld oftmals nicht! “ 1

Fußball ist Deutschlands Volkssport Nummer 1. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) zählt zum ersten Mal in seiner Geschichte mehr als 6,8 Millionen Mitglieder (6.800.128)2 (Stand 27. April 2012). Damit ist er nicht nur der mitgliederstärkste Sport- verband der Bundesrepublik Deutschland und Dachverband für 8,3% der Bevölkerung Deutschlands, sondern gleichzeitig auch der mitgliederstärkste Sportverband der Welt3. Die Zuschauerzahlen der höchsten deutschen Spielklasse haben sich in den letzten Jahren kontinuierlich gesteigert. Die Faszination Fußball ist unbestritten. Der Mannschaftssport lässt bei Aktiven als auch Passiven eine Art Gemeinschaftsgefühl entstehen.4 Dieses Wir-Gefühl wird getragen von der Mannschaft, den elf Spielern auf dem Platz, die nur ein Ziel haben: das Spiel zu gewinnen. Doch trotz dieses gemein- samen Zieles sticht eine Position heraus: der Torhüter. Seine Aufgabe ist die undank- barste, weil sein Fehler ein absolut spielentscheidender sein kann. Während alle anderen Spielpositionen mehrfach besetzt sind, ist er der einzige auf seiner Position und kann damit keine Hilfe erwarten. Während die Mannschaft sich auf ihn verlässt, kann er sich auf niemanden verlassen. Er kann sich durch noch so viele Paraden aus- zeichnen und noch so viele großartige Torchancen des Gegners vereiteln, macht er einen Fehler, der zum spielentscheidenden Tor führt sind alle vorherigen Leistungen vergessen. In der Erinnerung der Fans und Medien bleibt sein Fehler. Wie Thorsten Albustin festgestellt hat, sind die Position des Torhüters und vor allen Dingen die sich daraus ergebenden Schwierigkeiten für den Betrachter von außen oftmals nicht wahr- nehmbar.

Daher stellt sich die Frage

„Steht der Torhüter innerhalb der Mannschaft unter einem besonderen Druck und durch welche Faktoren wird dieser Druck ausgelöst?“

Jedes Kapitel wird mit einem Zitat beginnen, dass das Thema des jeweiligen Kapitels einleitet. Oftmals lässt sich daraus bereits die Richtung beziehungsweise das Fazit des Kapitels erkennen.

Um die forschungsleitende Frage beantworten zu können, setze ich mich zuerst mit der Beziehung zwischen unserer Gesellschaft und dem Fußball, insbesondere dem Profifußball, auseinander. Ich beziehe mich dabei auf die Gesellschaft innerhalb der Bundesrepublik Deutschland. Verweise auf andere Länder und damit andere Gesellschaftssysteme sind gekennzeichnet. Wie oben schon erwähnt, nimmt der Fußball eine große Bedeutung im Alltag der deutschen Gesellschaft. Wie groß ist diese Bedeutung? Und welche Folgen hat die Omnipräsenz des Themas „Fußball“ in den Medien und im Alltag für den Profispieler?

Nach der Gesellschaft werden das „System Profifußball“ und die Rolle des Torhüters darin beleuchtet. Seine Einzigartigkeit allein aufgrund der Spielposition innerhalb der Mannschaftspositionen auf dem Platz wurde bereits erwähnt. Seine Rolle wird in Bezug auf das Spiel untersucht. Welche Erwartungen werden an ihn gestellt? Worauf basieren diese Erwartungen? Welche Rolle hat er innerhalb der Mannschaft, welches Bild haben die Medien von ihm? Da hier nicht auf trainingsaktuelle Fragen oder Techniken eingegangen werden soll, sondern die psychologischen Aspekte der Position Torhüter untersucht werden sollen, wird nicht speziell auf die Position des Torwarttrainers als prägender Begleiter des Torwarts eingegangen.

Ist geklärt, welche Rolle der Torhüter im „System Profifußball“ einnimmt, beschäftige ich mich mit den verschiedenen Beanspruchungsfaktoren, denen ein Torhüter im Profi- fußball ausgesetzt ist. Dazu gehören die Erwartungen innerhalb der Mannschaft an seine Position und seine Möglichkeiten, diese zu erfüllen. Auch das Umfeld, das die Atmosphäre im Stadion, Fans, Schiedsrichter, Medien umfasst wird betrachtet. Es wird sowohl auf den Charakter und die notwendige Einstellung eines Torhüters eingegan- gen, als auch auf die Vorgänge während der Wettbewerbssituation auf seiner Position.

Um die forschungsleitende Frage „Steht der Torhüter innerhalb der Mannschaft unter einem besonderen Druck und durch welche Faktoren wird dieser Druck ausgelöst?“ aufgrund der von mir betriebenen Literaturrecherche klären zu können, fasse ich die Erkenntnisse der vorausgegangenen Erläuterungen zusammen.

Nachdem der erste Teil der Arbeit sich auf externe Literatur bezieht, besteht der zweite Teil aus Interviews mit Personengruppen, die ich für relevant zur Klärung der Frage- stellung halte. Hierbei handelt es sich um Torhüter, Torwarttrainer, Feldspieler, Trainer und Sportpsychologen. Die Personengruppen sind männlichen und weiblichen Ge- schlechts und aus unterschiedlichen Orten, um einer Beschränkung vorzubeugen. Die Interviews werden als Leitfadeninterview, also als qualitatives Interview geführt. Durch das Führen dieser Art von Interviews „(…) wird versucht, das Subjekt und seine subjek- tiv konstruierte Welt in aller Komplexität zu erfassen. Was zählt, ist die Sicht des Sub- jekts (…) und dessen Sinnzuweisungen, die sich aus Erfahrungen, Ereignissen und Interaktionen ergeben“5.Es werden keine Standardantworten vorgegeben und die Be- fragten können die Länge ihrer Antworten selbst bestimmen.

Die Methodik, Vorteile, eventuelle Nachteile und die Durchführung werden in einem gesonderten Kapitel erläutert, um die Vorgehensweise nachvollziehbar zu machen.

Die Ergebnisse der Interviews werden in einem Kapitel dargestellt und analysiert. Sie werden mit dem abgeglichen, was im literarischen Teil festgestellt wurde und selbstverständlich auch untereinander. Lassen sich zwischen den Aussagen der einzelnen Expertengruppe (Torhüter, Torwarttrainer, Journalisten, Psychologen, Trainer, Feldspieler) Widersprüche feststellen? Wo liegen die Gemeinsamkeiten?

Aus den gewonnenen Erkenntnissen, die dem Vergleichen der Aussagen entnommen werden, wird das Fazit gezogen. Hierbei wird die anfangs gestellte, forschungsleitende Frage unter Verwendung der Erkenntnisse aus dem Literaturteil und dem Interview-Teil beantwortet.

Die geführten Interviews wurden aufgenommen und als Transskripte dem Anhang zugefügt. Des Weiteren findet sich dort ein Interview mit einem relevanten Experten, das jedoch nicht von mir geführt wurde, aber aus dem zitiert wurde. Im Anhang befinden sich auch das Literaturverzeichnis sowie Grafiken oder Bilder, auf die im Text Bezug genommen wird, die allerdings der Lesbarkeit wegen nicht direkt auf die entsprechende Seite eingefügt wurden. Im Text befindet sich der Hinweis zu den entsprechenden Grafiken mit Titel und Seitenangabe des Anhangs.

In der Arbeit wird vom Torhüter in der maskulinen Form gesprochen. Dies liegt am stärkeren Medien- und Faninteresse am Profifußball der Männer und daher auch an der stärkeren Präsenz des Torhüters in der Öffentlichkeit. Da also der Profifußball des männlichen Bereichs mehr in den Medien steht, als Frauenprofifußball, ist in diesem Zusammenhang auch der Torhüter als Mann gemeint. Wird explizit vom weiblichen Pendant gesprochen, so wird dies auch gekennzeichnet.

Auch bei der Namensgebung der Position können Synonyme auftreten. So sind Torhü- ter und Torwart identisch. Bei anderen Nennungen, wie zum Beispiel Torspieler, sind eine Erläuterung dieser Bezeichnung und der Grund ihrer Verwendung enthalten.

2 Alltagskulturelle Einbettung des Fußballs in unsere Gesellschaft

2.1 Allgemeine Einordnung des Fußballs in die deut- sche Gesellschaft

“ Massensport, das hei ß t heute: zweiundzwanzig spielen Fu ß ball, Tausende und Zehn- tausende sehen zu. Sie stehen um das Spielfeld herum, kritisieren, johlen, pfeifen, ge- ben ihr sachverständiges Urteil ab, feuern die Spieler an, bejubeln ihre Lieblinge, beklatschen einzelne Leistungen, rei ß en den Schiedsrichter herunter, fanatisieren sich, spielen innerlich mit. Sie verfallen der Fu ß ballpsychose, und sie benehmen sich auf dem Sportplatz, als hinge nicht nur ihr eigenes Wohl und Wehe, sondern das Wohl und Wehe der ganzen Welt von dem Ausgang dieses lumpigen Fu ß ballspiels ab. “6

So stellt der Sozialdemokrat Helmut Wagner das Massenphänomen Fußball und sei- nen Einfluss auf die Zuschauer im Jahr 1931 dar. Was vor 81 Jahren stimmte, hat bis heute seine Gültigkeit nicht eingebüßt, sondern sogar noch gefestigt. Der Dachverband aller deutschen Fußballverbände und -vereine, der Deutsche Fußball-Bund (DFB), erreichte, wie bereits eingangs erwähnt, im April des Jahres 2012 erstmals eine Mit- gliederzahl, die höher ist als 6,8 Millionen.7 Die höchste deutsche Spielklasse, die Bundesliga, zog in der abgelaufenen Saison (2011/2012) insgesamt 13.805.496 Menschen in die Stadien. Das macht einen Schnitt von über 45.000 Zu- schauern pro Spiel und damit den höchsten jemals erreichten Wert für den saisonalen Zuschauerschnitt in der Geschichte der Bundesliga.8 Nicht nur national sind diese Zah- len beeindruckend. Auch international steht der deutsche Fußball damit an der Spitze. Der DFB ist der größte Sportverband der Welt und die Bundesliga die Fußball-Liga mit dem größten Zuschauerandrang. Nach ihr folgen die englische Premier League (13.149.676 insgesamt, 34.604 pro Spiel), die spanische Primera División (10.791.927 insgesamt, 28.400 pro Spiel), die italienische Serie A (8.330.161 insgesamt, 21.921 pro Spiel), die französische Ligue 1 (7.167.940 insgesamt, 18.863 pro Spiel), die nieder- ländische Eredivisie (5.954.191 insgesamt, 19.458 pro Spiel) und anschließend bereits wieder die 2. Bundesliga (5.266.941 insgesamt, 17.212 pro Spiel). Die Zahlen belegen den hohen Stellenwert, den Live-Fußball in den Stadien der höchsten beiden Spiel- klassen in Deutschland aufweist. Doch nicht nur direkt vor Ort ist Fußball interessant für seine Zuschauer. Der niederländische Psychologe Frederik Buytendijk stellt in einer Studie zum Fußball fest: „ Die Art des Interesses für die elf oder x-mal elf Fu ß ballspieler istüberall tief, ernsthaft, dauerhaft, alles durchdringend und erfüllend. Esübertrifft das Interesse für Kunst und Wissenschaft-übrigens nur zu begreiflich! -, ist aber auch all- gemeiner und intensiver als das Interesse für die Lebensmittelpreise, den Weltfrieden oder den Tod von Neffen und Nichten - von Naturkatastrophen und Parlamentswahlen nicht zu reden. “ 9

Die Begeisterung für Fußball ist also keine ortsgebundene, die sich im Stadion ausle- ben lässt und dann dort auch abebbt, sondern wird in den Alltag mitgenommen und vor allen Dingen auch anderen Bereichen des Lebens übergeordnet, denen für gewöhnlich viel Aufmerksamkeit zukommt, wie der Kunst, der Wissenschaft, dem Wohlergehen näherer Verwandter oder auch der Politik. Die Gründe hierfür sind unterschiedlich. Aus der sozialpsychologischen Sicht lebt der Fußball „ ( … )von der Spannung zwischen rela- tiver Freizügigkeit aggressiver Ausdrucksformen und deren gleichzeitiger Begrenzung. Diese Spannung besteht auf dem Spielfeld zwischen notwendiger und verbotener Ag- gressivität,überträgt sich aber auch auf die Ränge und selbst noch auf den Bild- schirm. “ 10 Der Zuschauer „lebt“ also das Spiel und die ebenso gebotene wie reglementierte Aggressivität. Es wird von den Spielern gefordert, alles für seinen Ver- ein oder seine Nationalmannschaft zu geben. Spieler werden nicht mehr als bloße Ar- beitnehmer eines Unternehmens, des Vereins, gesehen, sondern werden zu Ikonen, die aus Überzeugung kämpfen sollen. Dem Wort kämpfen kommt in diesem Fall be- sondere Bedeutung zu. Matthias Sammer, Sportdirektor des FC Bayern München, fasst zusammen, was manchmal von einem Spieler erwartet wird und im Hinblick auf den Spielausgang auch notwendig ist: "Wenn du auf dem Platz nicht eine Drecksau bist, kannst du bestimmte Situationen nicht lösen." 11 Aggressionen werden von den Fans erwartet und, sofern sie sich in bestimmten Grenzen halten, als nicht negativ be- wertet, sondern bejubelt. So ist der Beiname „Kampfsau“ keine Beleidigung, sondern ein Kompliment für einen Spieler. Jedwede spielerische Limitiertheit wird verziehen, wenn nur der Einsatz für die eigene Mannschaft stimmt. Ein Beispiel für diese Bewun- derung kämpferischen Einsatzes ist der Abwehrspieler Maik Franz. Sein oftmals hartes Einsteigen hat ihm von den eigenen Fans den Spitznamen „Iron Maik“ eingebracht. Diese Bewunderung für seinen Einsatz drückte sich sogar in einer aufwändigen Cho- reographie aus. Am 26. Spieltag der Bundesliga-Saison 20007/2008 beim Spiel des Karlsruher SCs gegen den FC Schalke 04 entrollten die Fans ein Plakat, auf dem Maik Franz für seine harte Spielweise gehuldigt wurde12 (siehe Anhang: Anlagen: Choreo- grafie Maik Franz 1 - 3, S.XLV f.). Die Fans verehren also denjenigen, der sich gegen das Reglement und die Beschränkung des Kampfes einsetzt, denn Kampf gehört zum Fußball dazu, schließlich geht es den Fans um mehr als nur ein Spiel. Doch nicht nur die Fans fordern Aggressivität und Einsatz, auch den Akteuren selbst ist die Kampfbe- tontheit des Sportes wichtig: „ ( … )beispielsweise wenn der ehemalige Bundestrainer und derzeitige Sportdirektor von Bayer Leverkusen, Rudi Völler, wegen eines aus sei- ner Sicht kleinlichen Platzverweises ausrastet, den Schiedsrichter angeht und einem Reporter zuruft: Wir spielen doch Fu ß ball und nicht Schach schlie ß lich ist das noch ein Männerkampfsport. “ 13

Fußball ist, wie man den Zahlen entnehmen kann, der beliebteste Sport in Deutsch- land. Das ist, wie man den Entwicklungen der Zuschauerzahlen und auch dem Kom- mentar Wagners zu Beginn des Kapitels entnehmen konnte, der vor 81 Jahren von Tausenden und Zehntausenden erzählte, die dem Fußballsport als Zuschauer in einer fanatischen Art und Weise frönten14, kein Prozess, der nur in den letzten Jahren statt- fand. Holger Brandes stellt fest, dass es „ In den letzten 100 Jahren ( … ) mit Ausnahme kriegsbedingter Ausnahmesituationen kaum andere Ereignisse [gibt], an denenüber soziale Milieugrenzen und gesellschaftliche Brüche hinweg Männer untereinander ( … ) emotional so eng verbunden sind. “ 15

Die Diskussion, ob Fußball ein Männersport ist, unabhängig ob aktiv oder passiv, soll hier außen vor gelassen werden. Entscheidend ist die Aussage, dass es kein Ereignis oder auch ähnliche Sportarten gibt, die derart starke Emotionen auslösen, ungeachtet der ansonsten gesellschaftsbedingten Milieugrenzen. Neben dieser Tatsache ist auch zu bemerken, dass dies über den Zeitraum von 100 Jahren so gewesen ist und als einzige Ausnahme nur Krieg zu nennen sein kann. Laut Brandes ist der Fußball dem deutschen Volk also annähernd emotional so nah wie ein Krieg und verbindet die Menschen untereinander im emotionalen Gefüge, weil sie, wie im Krieg, alle ein Ziel haben, ungeachtet ihrer sonstigen sozialen Grenzen und Unterschiede.

Neben dieser Aussage zur emotionalen Verbindung von Männern durch den Fußball- sport, lässt sich der Fußball nicht nur als emotionales Bindeglied zwischen den sozia- len Milieus sehen, sondern sogar noch weitergehend als Spiegel der Gesellschaft16: „ Aus Sicht der Sozialwissenschaften selbst geht es aber bei Fu ß ball als einem weltwei- ten Massenphänomen um weit mehr als nur darum, irgendwie „ dabei zu sein “ oder sich „ anzubiedern “ . ( … ) der Fu ß ball bietet sich in der Tat als exemplarisches Feld an, als eine Art „ Mikrokosmos ( … ). in ihm spiegeln sich wie in einem Brennglas komplexe ge- sellschaftliche Phänomene wider ( … ) “ 17 . Als Spiegel der Gesellschaft kann nur fungie- ren, was auch Bestandteil der Gesellschaft ist. Fußball ist in seiner Omnipräsenz ein konstanter Bestandteil der deutschen Kultur geworden. Der lange Zeitraum, während dessen sich der Fußball emotional in die Gesellschaft integriert hat, die steigenden Zahlen der Mitglieder des DFB und der Zuschauerzahlen der Bundesliga scheinen da- rauf hinzuweisen, dass sich das festigt.

2.2 Medien

Der professionell betriebene Fu ß ball ist ein gro ß er Bestandteil unserer Alltagskultur geworden. Die Medien berichten regelm äß ig aktuellüber die Geschehnisse der Spieler und Mannschaften. “ 18

Profifußball hat, wie oben beschrieben, einen festen Platz in der Gesellschaft Deutsch- lands. Das schlägt sich natürlich auch in den Medien wieder. Fußball ist die Medien- sportart schlechthin. Sie übernimmt „ . ( … ) quantitativ und qualitativ ( … ) im Fernsehen Pilot - und Katalysatorfunktionen für die komplette Programmsparte „ Sport “ . “ 19 . Fußball ist der meistgezeigteste Sport in Deutschland. In der Top-Ten der meistgesehenen Sportereignisse des letzten Jahres (2011) ist Fußball neun Mal vertreten. Lediglich der Boxkampf von Wladimir Klitschko gegen David Haye hat es auf Rang vier geschafft.20

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten 21

Abbildung 1: Sportsendungen 2011 Top Ten

Wie hoch der Stellenwert des Fußballs in den deutschen Medien ist, zeigt die Platzie- rung in den meistgesehenen Fernsehsendungen des Jahres 2011. Auch hier sind die beiden Spitzenplätze von Fußballübertragungen belegt, ehe sich mit dem Eurovision- Song-Contest eine Nichtsportsendung auf dem dritten Platz befindet. Insgesamt befin- den sich auch hier fünf Übertragungen von Fußballspielen unter den ersten zehn Plät- zen und erneut mit einem Boxkampf die einzige Sportübertragung, die keinen Fußball beinhaltet. 22

Das Verhältnis zwischen Fußball und dem Medium „Fernsehen“ ist ein wechselseiti- ges. So erhöhen Beiträge zum Thema Fußball die Auflagen, Einschaltquoten und Klicks der verschiedenen Medien. Somit sichern der Fußball und das Berichten dar- über den Medien fortwährende Aufmerksamkeit. Der Fußball wiederum profitiert stark von der Aufmerksamkeit durch die Medien. Allein die Erwerbe aus der Vergabe der Rechte für die Verwertung der Fernsehbilder ist mit ungefähr 32% die wichtigste Ein- nahmequelle der Vereine, noch vor dem Merchandising mit 20% und dem Verkauf von Eintrittskarten mit 25%. „ ( … ) das Fernsehen macht so für einige Profimannschaften in Deutschland den Spielbetrieb und die Liquidität des Vereins erst möglich. “ 24 . Das Fern- sehen ist also essentiell für den Erfolg und teilweise auch den Bestand des Profifuß- balls in Deutschland. Doch nicht nur Fußball und Fernsehen, sondern auch die Politik beschäftigt sich gern mit dem Thema Fußball und so erklärt Edmund Stoiber „ wesentli- che Teile der Bevölkerung dürften nicht von dieser verfassungsrechtlich garantierten Grundversorgung [Fu ß ballübertragungen im Fernsehen, Anm. d. Verf.] ausgeschlos- sen werden. „ Fu ß ball - das gehört zum deutschen Alltag. “ .25 Vom einfachen Freizeit- sport wurden der Fußball und dessen Konsum im Fernsehen nun also bereits verfassungsrechtlich garantierte Grundversorgung. Diese Stellung, die dem Fußball den Platz als Mediensportart Nummer 1 sichert, hat Folgen für die Art der Berichter- stattung. Durch diese Allgegenwärtigkeit des Themas Fußballs müssen neue Ansätze der Darstellung gefunden werden, um Eintönigkeit zu vermeiden.

„ ( … ) sämtliche Medien [konstruieren] durch Auflösung räumlich-zeitlicher Dimensionen eine neue Realität, eben die „ Sportmedien-Realität “ . Durch Selektion, Interpretation und Präsentation - durchaus legitime journalistische Arbeitsvorgänge - wird aus einem Sportereignis manchmal ein „ Medienspektakel “ , stimmt die faktische Realität nur ver- zerrt oder vielfach gebrochen mit der medialen Realitätüberein. “26 Aktuelles Beispiel dieser durch die Medien gestalteten Sportrealität ist die derzeit laufende Debatte um das zeitversetzte Einblenden einer Szene zwischen dem Trainer der deutschen Fuß- ballnationalmannschaft der Männer, Joachim Löw, und einem Balljungen. Der Bundes- trainer scherzte locker während eines Vorrundenspiels der Nationalmannschaft während der EM in der Ukraine und Polen mit einem Balljungen. Jedenfalls erweckte das von der UEFA während der Live-Übertragung eingeblendete Bild diesen Eindruck. Nach dem Spiel erfuhr man jedoch, dass die UEFA den Ausschnitt bereits vor dem Spiel aufgenommen hatte und aus dem Weltbild einfach in die Livesendung schnitt. Die übertragenden deutschen Sendeanstalten ARD und ZDF, der DFB und die Zuschauer beschwerten sich sofort über diese Irreführung.27 Neben der verzerrten Sportmedien- realität zeigt dieses Beispiel wieder einmal den hohen Stellenwert des Fußballs in den Medien und das große Interesse an ihm.

„ ( … ) Fu ß ball ist längst nicht mehr nur Fu ß ball und weit mehr als nur ein Spiel! Fu ß ball ist ein Produkt, ein komplexes und kompliziertes Geschäft. Fu ß ball ist Objekt vielfälti- ger Begierden mit Warencharakter. Für Presse, Funk und Fernsehen ist Fu ß ball eine attraktive Programmware ( … ) und für das Publikum eine Unterhaltungsware. “28

2.3 Konsequenzen für die Spieler

„ Die Unterhaltungsware Fu ß ball benötigt den Profifu ß baller als Protagonisten für die zu erzählenden (Fu ß ball-) Geschichten. “ 29

Wie oben bereits erläutert, reicht der einfache Spielbericht nicht mehr aus. Der Fußball ist zu jeder Tageszeit präsent in den verschiedensten Medien (Fernsehen, Radio, Print, Internet) und es interessiert nicht nur das Spiel, sondern die Geschichte dazu. Um eine Geschichte erzählen zu können, benötigt man mindestens einen Protagonisten. Diese Rolle erfüllt beim Fußballspiel meistens der Spieler für die Medien, seltener Trainer oder Schiedsrichter. Um den Protagonisten der Fußballgeschichte näher beschreiben zu können, muss man mehr über ihn wissen, als die sportüblichen Daten wie Position, Größe, Gewicht, Transferdaten oder auch seinen starken Fuß. Dem Sportkonsumenten wird der Spieler als Privatmensch nahe gebracht.

Auf der Suche nach neuen Geschichten verlieren die Journalisten aber anscheinend die Grenze der journalistischen Ethik aus den Augen. So wird bemängelt [von Profifu ß ballern], dass Journalisten häufiger falsch zitieren, verstärkt in die Privatsphäre der aktiven Spieler hinein spionieren, die Spieler ungefragt duzen oder Erwartungen bei den Anhängern schüren, die irreal sind. “

Die durch die Medien verzerrte Sportmedienrealität macht auch vor den Berichten über die Spieler und ihr Leben nicht Halt. Fußball ist täglich in den Medien und der Zu- schauer möchte unterhalten werden. Daher müssen Geschichten erzählt werden. Die vielleicht nicht immer der Wahrheit entsprechen, sich aber gut verkaufen und unterhalt- sam sind. Der Spieler wird in der Öffentlichkeit dargestellt, nicht nur in seiner Funktion als Spieler, sondern auch als Privatmensch. Das ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel und inzwischen wird von einem Profifußballspieler in Deutschland auch mehr erwartet, als professionell Fußball zu spielen. Die starke Präsenz der Medien und die Abhängigkeit des Profifußballs von ihnen haben die Anforderungen an das Berufsprofil „Fußballprofi“ verändert. Karl-Heinz Rummenigge, zur Zeit des Zitats im Amt des Vize- präsidenten des FC Bayern München, inzwischen Vorstandsvorsitzender der FC Bay- ern München AG, formulierte die Ansprüche an die Spieler folgendermaßen: „ Zum Job eines Spielers gehört es, professionell zu sein. Speziell seinen Partnern, die dafür auch bezahlen, zur Verfügung zu stehen. Das fängt an beim Zuschauer um 15.30 Uhr [ … ]. Das geht weiter bei meinen Sponsoren, dass ich, nehmen wir den aktuellen Fall Opel, das Auto fahre, damit ich dem Sponsor auch dienen kann. Gehen wir weiter, dass ich einem Sender wie Premiere oder Sat.1 für Interviews ( … ) zur Verfügung stehe, weil die dafür zahlen. [ … ] das muss man ganz nüchtern sehen. Dementsprechend müssen die Spieler so professionell sein, dass sie wissen, wo das Geld herkommt, das sie zumin dest indirekt ausgezahlt bekommen von uns. “30

Rummenigge stellt die Professionalität des Spielers in direktem Zusammenhang zu seinem Auftreten in der Öffentlichkeit. Der Spieler ist, im Rahmen seiner beruflichen Professionalität, dazu verpflichtet, Interviews zu geben und sich damit der Öffentlichkeit preiszugeben außerhalb der eigentlichen Tätigkeit, dem Fußballspielen. Dies alles wird mit dem finanziellen Aspekt begründet, der oben bereits dargestellt wurde. Das Geld aus der Vergabe der TV-Rechte an die Sender wird „ zumindest indirekt ausgezahlt “ 31 an die Spieler und verpflichtet sie damit zu mehr Gegenleistung, nämlich der Teilhabe der Medien an ihren Gedanken und ihrer Person in der Öffentlichkeit. Somit ist das Darstellen der Spieler in der Öffentlichkeit nicht nur von den Medien gewünscht, son- dern von den Vereinen legitimiert durch die Festlegung der Inhalte des Berufsbildes Profifußballer. Durch die finanzielle Abhängigkeit von den Medien ist der Spieler in der Pflicht, die Rolle einzunehmen, die ihm zugedacht ist und Protagonist von Geschichten zu werden. Der Diplom-Psychologe Hans-Georg Huber skizziert die Situation, in der sich der Spieler befindet: „ ( … ) sich all dem entziehen kann der Spieler nicht, da die Medien ein wesentlicher Faktor der Vermarktungsmaschinerie Profifu ß ball sind und damit auch die hohen Gehälter der Spieler ermöglichen. “ 32

Hinzu kommt der Zusammenhang zwischen den Berichten über die Spieler in den Me- dien und ihrem sportlichen Erfolg. Negativschlagzeilen, die das Privatleben der Spieler betreffen und daher eigentlich nicht in Relation zu ihrem Beruf stehen, können sich dennoch auf selbigen auswirken. Aktuelles Beispiel hierfür ist Jerôme Boateng. Der Verteidiger des FC Bayern stand im EM-Kader der deutschen Nationalmannschaft. In der Nacht vor der Abreise der Spieler nach Polen wurde er zusammen mit einem mehr oder weniger bekannten Nacktmodel in einem Berliner Hotel gesichtet. Der Bundes- trainer sah Boateng daraufhin in einer „ Bringschuld “ 33 und „ drohte Boateng damit, sei- nen Platz als rechter Au ß enverteidiger in der Nationalelf gegen Portugal am Samstag zu verlieren. “ 34 Privates „Fehlverhalten“ wirkt sich durch die Medienpräsenz auf den sportlichen Bereich aus. Doch auch im sportlichen Bereich wirkt sich die Berichterstat- tung der Medien stark auf den Profifußballer aus. „ Insbesondere, wenn Spieler sport- lich angreifbar sind, entsteht zusätzlicher Druck von den Medien. “35 Die sportliche Leistung, eigentlich nur vom Trainer der Mannschaft zu bewerten und vor allen Dingen zu kritisieren, wird von den Medien bewertet. So gibt es Benotungen für Spieler nach den Partien und kampagnenähnliche Kritiken an einzelnen Spielern in Boulevardblät- tern. Der Sportler muss sich diese Einschätzungen seiner Leistung von Menschen, die keine abgeschlossene Fußball-Lehrer-Ausbildung haben, gefallen lassen und hinneh- men, dass durch die Veröffentlichung dieser Bewertung seiner sportlichen Leistung die Meinung der Konsumenten beeinflusst wird.

„ Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Sportler selbst, das Fernsehen und die Printmedien an seiner Imagebildung beteiligt sind. Die Aussagen sowie das Auftreten des Fu ß ballers in der Ö ffentlichkeit und die Meinungen, dieüber ihn durch die Medien erzeugt werden, flie ß en in einem Schmelztiegel zusammen. Gepaart mit dem sportli chen Erfolg ergibt dies sein Image. “36

Die Medien bestimmten das Bild, dass die Gesellschaft vom Fußball wahrnimmt und schreiben dem Spieler, aufgrund der finanziellen Abhängigkeit toleriert von den Verei- nen, durch ihren großen Einfluss vor, was er neben dem Spielfeld von sich preisgeben muss. Der Fußball ist allerdings auch das Zugpferd der Medien und so befinden sich Profifußball und Medien in einer gegenseitigen Abhängigkeit.

Abschließend bleibt festzustellen, dass Fußball ein fester Bestandteil der deutschen Gesellschaft ist und permanent in den Medien präsent ist. Daher sind auch die Spieler permanent in der Öffentlichkeit und stehen unter Druck.

3 Der Torhüter und seine Rolle im System Profifußball

„ Beim Fu ß ball sind demnach Treffer Höhepunkte, auf die sich die gesamte Dramatur- gie des Spiels zusammenzieht. Jedes Tor kann die Entscheidung bringen. ( … ) Die Garantie dafür, dass das Spiel spannend bleibt, ist in der Position des Torhüters gleichsam eingebaut. Er ist nicht nur der wichtigste Mann seiner Mannschaft, sondern die zentrale Komponente in der Konstruktion des Fu ß ballspiels. ( … ) Der Torwart hält das Spiel insgesamt in der Waage; zugleich ist er selbst in jedem Match - weil jeder seiner Fehler unmittelbar bestraft wird - das Zünglein an derselben. “ 37

Das Hauptziel beim Fußball ist es, den Gegner zu besiegen. Dies kann nur geschehen, wenn mindestens ein Tor fällt . Der Spieler, dessen scheinbar einzige Aufgabe es ist, dies zu verhindern, ist der Torhüter. Ein Fehler kann spielentscheidend werden. Aufgrund der Wichtigkeit und Einzigartigkeit seiner Position wird der Torwart daher häufig als das Zünglein an der Waage betitelt.38

Ein kleiner Ausflug in die Geschichte zeigt, dass diese große Bedeutung, die der Spiel- position des Torwarts heute zukommt, nicht von Anfang an gegeben war. Im frühen 19. Jahrhundert wurde Fußball mit Regeln lediglich in den englischen Schulen gespielt. Die Hierarchie in den Schulen baute auf dem sogenannten „Prefects System“ auf. In den Klassenzimmern war der Lehrer die höchste Autorität. Um jedoch den Schülern eine gewisse Eigenautorität untereinander zu gewähren, wurde die Schülerschaft in die älteren, höher autorisierten prefects und die jüngeren, ihnen unterstellten fags unter- teilt. Die prefects waren für die fags die höchste Autorität in allen Aktivitäten, die au- ßerhalb des Stundenplanes stattfanden und zwangen die jüngeren Schüler zu vielen unangenehmen Diensten. Eine dieser unangenehmen Aufgaben war das Hüten der Tore während des Fußballspiels. Hierbei waren die untergeordneten Schüler weniger Torhüter, sondern wurden mehr oder weniger mit dem Ball beschossen. Wer in der Hierarchie des Prefect Systems aufstieg, konnte diese ungeliebte Aufgabe an die nachfolgende „fag-Generation“ weitergeben39. Aus der ungeliebten Aufgabe ist inzwi- schen eine verantwortungsvolle geworden, die oft mit der Trikotnummer 1 belohnt wird. Stars wie Iker Casillas, Oliver Kahn, Gianluigi Buffon oder auch Manuel Neuer zeigen, dass sich die Position des Torhüters durchaus Beliebtheit erfreut. Neben diesem Wan- del des Ansehens der Position des Torhüters, hat sich auch die Art und Weise seines Spiels stark verändert.

1992 wird die Rückpassregel von der FIFA in ihr Regelwerk eingeführt. Diese Rege- länderung ist entscheidend für die Position des Torhüters und wandelt die Spielweise und die Erwartungen an die Spielposition des Torhüters. Laut Auslegung der Regel 12, die sich mit dem verbotenem Spiel und unsportlichem Betragen beschäftigt, fällt unter Vergehen des Torhüters der Fall „Der Torhüter darf den Ball im eigenen Strafraum nicht mit der Hand berühren: (…) Ein Mitspieler hat ihm den Ball mit dem Fuß absicht- lich zugespielt. Er hat den Ball direkt vom Einwurf eines Mitspielers erhalten.“40

Diese Regel schränkt die Ballarbeit des Torhüters mit den Händen ein. Die FIFA ver- suchte mit der Einführung dieser Regel das Zeitspiel zwischen Abwehr und Torhüter zu unterbinden und zwingt den Torhüter damit dazu, vom Torwart zum Torspieler zu wer- den. Der Torhüter musste „(…) seine fußballerischen Qualitäten der neuen Spielweise qualitativ angleichen.“41 Bälle, die er vorher mit der Hand aufnehmen konnte, müssen nun mit dem Fuß gespielt werden. Sein spielerisches Können wird stärker gefordert, als vor Einführung der Rückpassregel. Auch die an ihn gestellten Anforderungen wäh- rend des Spiels werden dadurch erweitert: „ The keeper should be constantly adjusting his position according where the ball is. Even when play is in the opponents ‘ half, he should be in line with the ball and on the edge or outside of his penalty area, ready to make a timely interception if the ball is played over the defense. “ 42

Die Regel hat auch die Erwartungen an die Position des Torhüters seitens seiner Mit- spieler erweitert. Seine Hauptaufgabe, die darin besteht, keinen Ball in das Tor seiner Mannschaft gelangen zu lassen, bleibt erhalten. Zusätzlich wird von ihm erwartet, das Spiel zu lenken. Er hat nun auch einen strategischen Einfluss auf das Spiel.43 Er muss in den 90 Minuten des Spiels hochkonzentriert sein, um jederzeit eingreifen zu können, wenn der Ball in Richtung seines Tores kommt. Da er als einziger Spieler hinter dem kompletten Geschehen steht, hat auch nur er den Überblick. Während seine Mitspieler lediglich ihren Bereich sehen können und daraufhin entscheiden müssen, was als nächstes zu tun ist, hat er den Vorteil, dass er sowohl die eigene als auch die gegneri- sche Mannschaft im Blick hat. Er kann Schiedsrichter und Vereinsverantwortliche und deren Reaktion überblicken. Somit hat er den generellen Überblick über die Gesamtsi- tuation des Spiels und kann seine Vorderleute entsprechend einstellen. Seine Anwei- sungen sind für die Spieler wichtig, da sie darauf vertrauen, dass der Torhüter von seiner Position aus in der Lage ist, das Spiel „zu lesen“ und die Spieler entsprechend seiner Beobachtungen zu instruieren.

Aufgrund dieser, wie oben erklärt, so wichtigen Position des Torhüters und seiner Bedeutung für das Spiel und der Veränderung der Anforderungen dieser Position, gilt: „ Vom Tormann werden immer optimale Leistungen erwartet und gefordert. “ 44 Um diese optimale Leistung in jedem Spiel abrufen zu können, ist mentale Stärke ein wichtiger Faktor für den Torwart: „ Mentale Stärke ist die psychologische Fähigkeit, das optimale Leistungsvermögen im Wettkampf abzurufen. “ 45 .

Der Torhüter muss also für die Erfüllung der an ihn und seine Spielposition gestellten Erwartungen besondere mentale Stärke, also psychologische Fähigkeiten, aufweisen. Diese werden im nächsten Kapitel näher beleuchtet. Bedingt durch seine Position ist er Einzelspieler in einem Mannschaftssport. Die Zielsetzung der gesamten Mannschaft muss seine sein, obwohl sich seine eigene von dieser unterscheiden kann, muss er lernen, seine eigene Zielsetzung unterzuordnen oder zumindest mit der Nichterfüllung umgehen zu können. Der Sportpsychologe Hans-Dieter Hermann, psychologischer Betreuer der deutschen Fußballnationalmannschaft der Männer, erklärt: „ Natürlich hat es der Torwart ( … ) besonders schwer. Selbst wenn er grandios hält und keinen Fehler macht, ist er der Einzige, der wirklich hinter sich greift. Er fühlt sich als Torwart besiegt, obwohl er vielleicht Weltklasse war. Das unterscheidet den Torwart von den Feldspie- lern. “ 46

Diese Belastung unterscheidet ihn von seinen Mitspielern, es wird jedoch von seinem Umfeld (Verein, Fans, Medien, Sponsoren etc.) erwartet, dass er trotz dieser höheren Belastung und dieses zusätzlichen Drucks dieselbe Leistung wie seine Mitspieler er- bringt.

„ Torhüter, so lässt sich zusammenfassen, sind spezielle Typen. Sie betreiben einen Mannschaftssport und sind doch auch Einzelsportler. Sie sind Mitglieder eines Teams und bleiben doch allein verantwortlich für alles, was sie tun. Sie können so gut sein, wie sie wollen - ihr Schicksal ist es, dass sie immer wieder bezwungen werden. Nur schwer werden sie zu Helden, sehr leicht werden sie zu Versagern. Aber gerade des- wegen ruht auf den Schultern der letzten Männer die Verantwortung für das Gelingen des Fu ß ballspiels. “47

4 Beanspruchungsfaktoren

„ Wir halten fest, dass sich das Torwartspiel einer Menge Einflussfaktoren stellen muss, die je nach Entwicklungs- und Leistungsstand des Torhüters beflügelnde, aber auch hemmende Auswirkungen haben können. Diese Umstände sind und bleiben feste Be- standteile dieser Spielposition. Der Torhüter muss lernen, sich dem zu stellen, seine inneren Werte und Stärken zu mobilisieren, so dass schon bald das völlige Fixieren auf die Aufgabeüberwiegt. Externe, negativ empfundene Störfaktoren werden dann allen- falls noch im Unterbewusstsein registriert und verlieren schlie ß lich immer mehr an Be- deutung. “ 48

Die von Thorsten Albustin genannten Einflussfaktoren und Umstände sind Bestandteile der besonderen Spielposition des Torhüters. Die Einzigartigkeit dieser Position inner- halb der Mannschaft ist ein Umstand, der Druck auf den Torwart ausüben kann. Wäh- rend alle Positionen mehrfach besetzt sind oder besetzt werden können, bleibt der Torwart mit seiner Aufgabe allein, kann nicht unterstützt, sondern nur ersetzt werden. Auch bei der Zielsetzung können sich für den Torhüter Differenzen entwickeln. Fußball ist eine interaktive Sportart, bei der im gemeinsamen Gruppenhandeln in der Mann- schaft der Erfolg erzielt werden soll. Die Mannschaft besteht aus Fußballspielern, die jeweils einzelne Individuen sind. Durch das Zusammenwirken innerhalb der Gruppe entsteht eine neue soziale Qualität, die dadurch gegeben wird, dass das Verbinden der Einzelindividuen zu einer neuen Struktur führt. „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.“49 Die durch die Zusammenführung der Einzelindividuen entstandene neue Struktur ist jedoch nicht statisch, sondern macht Prozesse durch und weist eine Dynamik auf.50. Innerhalb dieser Mannschaft, die als Gruppe agiert, muss sich der Tor- hüter einen gewissen Individualitätsgrad bewahren. „ Unter Individualitätsgrad ist das Verhältnis des individuellen Spielraums zum Anteil des gemeinsamen Handelns zu verstehen. “51

Jedoch sind hierbei Grenzen zu sehen. Es ist zwar wichtig, dass sich der Torhüter seine Individualität erhält, schließlich ist sie es, die ihn ausmacht und die innerhalb der Gruppe die Struktur mitbestimmt. Dennoch muss sich sein Verhalten, also das des Einzelnen, letztendlich dem gemeinsamen Ziel unterordnen.52

Dazu muss er die Rolle einnehmen, die ihm mannschaftsintern zugewiesen wird.53

„ Zu den intern generierten Erwartungen sind ( … ) die Mitgliedschaftserwartungen zu rechnen, die das Verhalten von Mitgliedern einer Organisation in ihren „ Funktionsrol- len “ prägen. Diese ergeben sich aus: ( … )den allgemeinen Zuständigkeitsbeschreibun- gen der in Sportspielmannschaften vorzufindenden Stellen und den unterschiedlichen Rollenerwartungen, die aus den taktischen Gesichtspunkten an die Athleten gestellt werden ( … ) “

Die Funktionsrollen ergeben sich also aus der allgemeinen Zuständigkeitsbeschrei- bung der Stelle beziehungsweise Spielposition des Torwarts, die das Hüten des Tores und damit das Vermeiden von Treffern der gegnerischen Mannschaft umfasst. Des Weiteren kommen die Rollenerwartungen aus taktischen Gründen hinzu, das oben bereits erwähnte veränderte Spiel des Torhüters, an den nun die Erwartung gestellt wird, zum Torspieler zu werden. Die intern generierten Erwartungen können dem Tor- hüter Probleme bereiten. Wie bereits angesprochen, müssen die Einzelziele der Spie- ler dem Gesamtziel der Mannschaft untergeordnet werden. Der Torhüter hat das Ziel, kein Tor zu kassieren, gut zu spielen und zu gewinnen. Es kann allerdings durchaus dazu kommen, dass die Mannschaft das Spiel gewinnt, der Torwart Paraden von Welt- klasse zeigt, jedoch ein Gegentor gefallen ist, an dem der Torwart schuldlos ist. Den- noch widerspricht diese Situation seinen sich selbst gesteckten Zielen, da er zwar gut gespielt und gewonnen hat, jedoch nicht ohne Gegentreffer geblieben ist.

[...]


1 Albustin, Thorsten: Fußball Torhüter. Das große Praxis-Handbuch für Spieler und Trainer. Copress Verlag. München. 2011. S. 181

2 http://www.dfb.de/index.php?id=11015, besucht am 15.06.2012 um 13:29 Uhr

3 http://www.faz.net/themenarchiv/sport/frauenfussball-wm-2011/das-war-die-wm-auf-allzu-grosser-buehne-1779.html, besucht am 15.06.2012 um 13:39 Uhr

4 vgl.: Bölz, Marcus: Profifußballer und ihr Journalistenbild. 2004. S.38

5 http://userpage.fu-berlin.de/chlor/methode.html, besucht am 15.06.2012 um 16:44 Uhr

6 Pilz, G.A..: Fußball ist unser Leben!? Zur Soziologie und Sozialgeschichte der Fußballfankultur. In: Brandes, H./Christa, H./Evers, R. (Hrsg.): Hauptsache Fußball .Sozialwissenschaftliche Einwürfe. Gießen.2006

7 http://www.dfb.de/index.php?id=11015, besucht am 15.06.2012 um 13:29 Uhr

8 http://www.dfb.de/index.php?id=82912, besucht am 19:06.2012 um 12:45 Uhr

9 Buytendijk, Frederik: Das Fussballspiel. Werkbund-Verlag. Würzburg. 1953

10 Brandes, Holger: Männlich is aufm Platz. In: Psychologie heute. 6/2006. Beltz-Verlag

11 http://www.welt.de/sport/article1806681/Maik-Franz-arbeitet-mit-der-Materazzi-Methode.xmli_iphone, besucht am 20.06.2012 um 10:55 Uhr

12 http://www.ksc-suppurbia.de/content/bildergalerie/bilder_keywords/1.choreographie.11.htm, besucht am 20.06.2012 um 11:28 Uhr

13 Brandes, Holger: Männlich is aufm Platz. In: Psychologie heute. 6/2006. Beltz-Verlag

14 vgl: Pilz, G.A..: Fußball ist unser Leben!? Zur Soziologie und Sozialgeschichte der Fußballfankultur. In: Brandes, H./Christa, H./Evers, R. (Hrsg.): Hauptsache Fußball .Sozialwissenschaftliche Einwürfe. Gießen.2006

15 Brandes, Holger: Männlich is aufm Platz. In: Psychologie heute. 6/2006. Beltz-Verlag

16 Brandes, H./ Christa, H./Evers, R.: Anstoß: Fußball als Spiel und Spiegel der Gesellschaft. In: Brandes, H./Christa, H./Evers, R. (Hrsg.): Hauptsache Fußball .Sozialwissenschaftliche Einwürfe. Gießen.2006

17 ebenda

18 Bölz, Marcus: Profifußballer und ihr Journalistenbild. 2004. S.5

19 Burk: In: Herzog, M. (Hrsg.): Fußball als Kulturphänomen. Kunst-Kultur-Kommerz. Kohlhammer. Stuttgart. 2002

20 http://www.focus.de/sport/mehrsport/sport-uebertragungen-2011-fussballmaedels-schlagen- klitschko_aid_693638.html, besucht am 20.06.2012 um 16:30 Uhr

21 ebenda

23

Abbildung 2: Fernsehsendungen 2011 Top Ten

22 vgl.: http://de.statista.com/statistik/daten/studie/197551/umfrage/die-meistgesehenen-fernsehsendungen/, besucht am 20.06.2012 um 16:45 Uhr

23 ebenda

24 Bölz, Marcus: Profifußballer und ihr Journalistenbild. 2004. S.26

25 Edmund Stoiber zitiert nach: Süddeutsche Zeitung, Nr. 98, 28.04.1988, S.1

26 Hackforth: In: Hoffmann-Riem, W. (Hrsg.): Neue Medienstrukturen - Neue Sportberichterstattung?. Symposien des Hans-Bredow-Instituts. Band 9. Baden-Baden. Hamburg. Nomos. 1988

27 http://www.stern.de/sport/fussball-em/em-2012/jogi-loew-und-der-balljunge-uefa-verzichtet-auf-live-irrefuehrung- 1842739.html, besucht am 20.06.2012 um 17:55 Uhr

28 Schaffrath, Michael: Die Zukunft der Bundesliga. Management und Marketing im Profifußball. Verlag Die Werkstatt. Göttingen. 1999. S.9

29 Bölz, Marcus: Profifußballer und ihr Journalistenbild. 2004. S.40

30 Karl-Heinz Rummenigge zitiert nach: Empacher, Sascha: Die Vermarktung der Fußball-Bundesliga. Wieland. Pforzheim. 2000. S.96

31 ebenda

32 Huber: In: Rollmann, Jürgen: Beruf Fußball-Profi. Oder ein Leben zwischen Sein und Schein. Sportverlag. Berlin. 1997. S.94

33 http://www.abendblatt.de/sport/article2301414/Verteidiger-auf-Vergnuegungstour-Loew-watscht-Jerome-Boateng- ab.html, besucht am 21.06.2012 um 13:20 Uhr

34 ebenda

35 Bölz, Marcus: Profifußballer und ihr Journalistenbild. 2004. S.42

36 Empacher, Sascha: Die Vermarktung der Fußball-Bundesliga. Wieland. Pforzheim. 2000. S.109.f.

37 Bausenwein, Christoph: Die letzten Männer. Zur Gattungsgeschichte und Seelenkunde der Torhüter. Verlag die Werkstatt. Göttingen. 2005.S. 11.f.

38 vgl.: ebenda

39 vgl.: Dunning, E.: Sport matters. Sociological studies of sport, violence and civilization. Routledge. London. New York. 1999. Chapter 4

40 Fußball-Regeln 2010/2011. Deutscher-Fußball-Bund. Frankfurt am Main. 2010. S. 85

41 Albustin, Thorsten: Fußball Torhüter. Das große Praxis-Handbuch für Spieler und Trainer. Copress Verlag. München. 2011. S. 30

42 Welsh, A.: The soccer goalkeeping handbook. McGraw-Hill. 1999 S. 36

43 vgl.: Albustin, Thorsten: Fußball Torhüter. Das große Praxis-Handbuch für Spieler und Trainer. Copress Verlag. München. 2011. S. 122

44 Krebs, Steffen: Anforderungsprofil des Torwarts im Hochleistungsfußball. Eine Analyse der Europameisterschaft 2008 in Österreich/ Schweiz und der Bundesligasaison 2007/2008. Diplom-Arbeit Deutsche Sporthochschule Köln. Köln. 2008

45 Albustin, Thorsten: Fußball Torhüter. Das große Praxis-Handbuch für Spieler und Trainer. Copress Verlag. München. 2011. S. 61

46 http://www.psychologie-heute.de/index.php?id=569, Wie man mit Niederlagen umgeht: Jochen Metzger im Interview mit Hans-Dieter Hermann, besucht am 11.06.2012 um 15:04 Uhr

47 Albustin, Thorsten: Fußball Torhüter. Das große Praxis-Handbuch für Spieler und Trainer. Copress Verlag. München. 2011. S. 44

48 Albustin, Thorsten: Fußball Torhüter. Das große Praxis-Handbuch für Spieler und Trainer. Copress Verlag. München. 2011. S.29

49 http://www.zitate-online.de/literaturzitate/allgemein/1164/das-ganze-ist-mehr-als-die-summe-seiner-teile.html, besucht am 22.06.2012 um 10:39 Uhr

50 Brandes, H.: „Wir müssen die Gruppendynamik steuern und optimieren, das kriegt der Trainer hin.“ Fußball aus gruppenanalytischer Perspektive: In: Brandes, H./Christa, H./Evers, R. (Hrsg.): Hauptsache Fußball. Sozialwissenschaftliche Einwürfe. Gießen.2006

51 Baumann, Sigurd: Mannschaftspsychologie. Methoden und Techniken. Meyer & Meyer. Aachen. 2008. S.19

52 vgl.: Baumann, Sigurd: Psyche in Form. Sportpsychologie auf einen Blick. Meyer & Meyer. Aachen. 2011. S.19

53 vgl.: Thiel, Ansgar: Konflikte in Sportspielmannschaften des Spitzensports. Entstehung und Management. Reihe Sportsoziologie. Band. 2. Verlag Karl Hofmann. Schorndorf. 2002. S.109

Details

Seiten
108
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656549642
ISBN (Buch)
9783656548546
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v265325
Institution / Hochschule
Hochschule Mittweida (FH)
Note
1,3
Schlagworte
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Titel: Die psychologische Beanspruchung des Fußballtorhüters