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Nachhaltigkeit, Wassermanagement und Wasserkonflikte am Beispiel des Aralseebeckens

Eine spieltheoretische Analyse

Bachelorarbeit 2010 62 Seiten

VWL - Umweltökonomie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Ausgangspunkt: Situation im Aralseebecken
2.1 Geographie des Aralseebeckens
2.2 Hintergründe der Aralkrise
2.3 Auswirkungen der Aralkrise
2.3.1 Ökologische Konsequenzen der Krise
2.3.2 Ökonomische Konsequenzen der Krise
2.3.3 Soziale Auswirkungen der Krise
2.4 Bisherige Ansätze zur Mitigation der Aralkrise

3 Nachhaltigkeit, Wasserkonflikte und Wassermanagement
3.1 Konzept der Nachhaltigkeit
3.1.1 Notwendigkeit einer nachhaltigen Entwicklung
3.1.2 Drei Säulen der Nachhaltigkeit
3.2 Konflikt und Kooperation an grenzüberschreitenden Gewässern
aus ökonomischer Sicht
3.2.1 Grundlegende Aspekte der Kooperation
3.2.2 Konzepte der kooperativen Spieltheorie
3.2.2.1 Charakteristische Funktion
3.2.2.2 Lösungskonzepte
3.2.2.3 Stabilität und Macht
3.3 Integriertes Wasserressourcenmanagement (IWRM): Auf dem
Weg zu einer nachhaltigen Nutzung von Wasserressourcen
3.3.1 Grundidee von IWRM
3.3.2 Basiselemente von IWRM
3.3.3 Ein Instrument zur Umsetzung von IWRM: Benefit Sharing.

4 Nachhaltiges Wassermanagement im Aralseebecken
4.1 Wasserpolitik der Staaten im Aralseebecken
4.2 Aktuelle grenzüberschreitende Konflikte in der Wassernutzung
4.3 Kooperation zur Überwindung von grenzüberschreitenden
Wasserkonflikten
4.3.1 Zwischenstaatliche Kooperation: Das Bishkek-Abkommen (1998)
4.3.2 Praktische Überprüfung spieltheoretischer Konzepte
4.4 Nachhaltigkeitsanalyse der Bewässerungslandwirtschaft im
Aralseebecken
4.4.1 Indikatoren zur Nachhaltigkeitsmessung
4.4.2 Ansatzpunkte zur Förderung einer nachhaltigen Entwicklung.

5 Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Das „Raumschiff Erde“.

Abbildung 2: Entwicklung der jährlichen Zuflussmengen zum Aralsee

über Amu Darya und Syr Darya.

Abbildung 3: Entwicklung der Ausdehnung von Bewässerungsflächen sowie

der Wasserentnahmen gesamt und zu Bewässerungszwecken.

Abbildung 4: Anteil der von Versalzung betroffenen Bewässerungsflächen

sowie Anteil der nicht ausgekleideten Bewässerungskanäle.

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Exemplarische Berechnung des Shapley Werts eines kooperativen

Spiels mit 3 Spielern in charakteristischer Form.

Tabelle 2: Berechnung der Unter- und Obergrenze des Kerns des

Syr Darya-Spiels für die jeweiligen Länder.

Tabelle 3: Shapley Wert des Syr Darya-Spiels zur Analyse

des Bishkek-Abkommens.

Tabelle 4: Gately „propensity to disrupt“ und Loehman-Power Index

des Syr Darya-Spiels.

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Das schleichende Verschwinden des Aralsees, der einst als viertgrößter See der Erde die Lebensgrundlage von Millionen Menschen in Usbekistan und Kasachstan bildete, gilt als eine der schlimmsten anthropogenen Umweltkatastrophen in der Geschichte der Menschheit. Die Abnahme des Aralsees ist dabei als Endresultat von ineffizienten Bewässerungspraktiken und eines verfehlten Wassermanagements an den beiden Hauptzuflüssen Amu Darya und Syr Darya zu sehen, die gemeinsam mit den Überresten des Aralsees die größten und wichtigsten Gewässer des Aralseebeckens bilden. Die Probleme in der Umsetzung einer wirksamen und ganzheitlichen Wasserpolitik an den beiden Flüssen ist insbesondere dem grenzüberschreitenden Charakter dieser beiden Gewässer geschuldet, die auf ihrem Weg von den Gebirgen im Süden des Aralseebeckens in die Senke des Aralsees zahlreiche souveräne Staaten durchfließen. Unmittelbar mit diesem grenzüberschreitenden Charakter der Flüsse schließt sich ein hohes Konfliktpotential um die Nutzung des Flusswassers an, das sich insbesondere aus einer Oberanlieger-Unteranlieger Konstellation sowie einer asymmetrischen Machtverteilung zwischen den Staaten im Aralseebecken konstituiert.

Eine Verbesserung der Situation des Aralsees ist letzten Endes nur durch Einführung eines ganzheitlichen und integrierten Managements der Flusswasser von Amu Darya und Syr Darya zu erreichen, das auf Basis von regionalen Kooperationsabkommen der Staaten im Aralseebecken eingeführt, von regionalen Institutionen aufgebaut und von der breiten Bevölkerung mitgetragen wird. Eine Orientierung aller Anstrengungen zur Bewältigung der Probleme am Leitbild der Nachhaltigkeit ist dabei obligatorisch.

Mit der vorliegenden Arbeit soll untersucht werden, inwiefern integriertes Wasserressourcenmanagement (IWRM) zur Überwindung der Wassernutzungskonflikte im Aralseebecken beitragen kann. Dabei wird ein besonderes Augenmerk auf ein Instrument zur Umsetzung von IWRM gelegt, das die vielfältigen Interessen in der Nutzung und der Allokation von Wasserressourcen in Einklang zu bringen versucht.

Kommt es zu Konflikten um die Ressource Wasser, ist insbesondere an grenzüberschreitenden Gewässern eine Kooperation der beteiligten Staaten zur Lösung dieses Konfliktes notwendig. Daher stellt ein zentraler Schwerpunkt dieser Arbeit die Untersuchung der Frage dar, welchen Anreiz einzelne Staaten haben, an einer kooperativen Lösung von Wasserkonflikten mitzuarbeiten, anstatt isoliert die alleinige Ausbeutung der Ressource Wasser voranzutreiben.

Darüber hinaus ist es ein Anliegen dieser Arbeit, den Terminus der Nachhaltigkeit am Beispiel des Aralseebeckens mit Leben zu füllen. Die Bewässerungslandwirtschaft im Aralseebecken bietet hierzu einen geeigneten Analysegegenstand, um den Begriff der Nachhaltigkeit zu operationalisieren sowie zu erforschen, inwiefern geeignete Indikatoren den Stand der Umsetzung einer nachhaltigen Entwicklung in messbare Größen transferieren können.

Als Ausgangspunkt dieser Arbeit wird in Kapitel 2 die aktuelle Situation im Aralseebecken dargestellt. Zunächst erfolgt eine Erläuterung der geographischen Lage des Aralseebeckens. Anschließend werden die Hintergründe der Aralkrise beschrieben und welche (negativen) Auswirkungen diese auf die Bereiche der Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt hat. Darauf aufbauend werden bisherige Ansätze zur Überwindung der Krise bzw. Anstrengungen zur Milderung der Auswirkungen der Krise auf Mensch und Natur präsentiert.

Kapitel 3 setzt sich mit den theoretischen Grundlagen und Konzepten dieser Arbeit auseinander. Gemäß dem Titel der Arbeit ist dieses Kapitel in drei größere Themenkomplexe unterteilt, die sich mit Nachhaltigkeit, Konflikt und Kooperation sowie IWRM beschäftigen. Der erste Themenkomplex bildet das Konzept der Nachhaltigkeit, welches als das übergeordnete Rahmenkonzept zu verstehen ist, an dem sich alle Ausführungen in dieser Arbeit orientieren sollen. Hierzu wird erläutert, inwiefern generell die Notwendigkeit einer nachhaltigen Entwicklung besteht. Anschließend werden die drei Säulen der Nachhaltigkeit und deren Interdependenzen im Sinne des Nachhaltigkeitsdreiecks präsentiert.

Da insbesondere an grenzüberschreitenden Gewässern ein hohes Konfliktpotential um die Verteilung und Nutzung von Wasserressourcen besteht, bildet die ökonomische Untersuchung von (grenzüberschreitenden) Kooperationen zur Überwindung dieser Wasserkonflikte das zweite, schwerpunktmäßig abzuarbeitende Themenfeld. Hierbei werden zunächst einleitende Aspekte der Kooperation näher beleuchtet. Darauf aufbauend werden ausgewählte Konzepte der kooperativen Spieltheorie zur formalen Untersuchung von möglichen Kooperationsformen an grenzüberschreitenden Flüssen im Kontext von Oberanlieger-Unteranlieger Konstellationen präsentiert.

Der dritte Themenkomplex aus Kapitel 3 bildet die Vorstellung des IWRM-Ansatzes, wobei zunächst die Grundidee von IWRM und anschließend die Basiselemente dieses Wassermanagementansatzes präsentiert werden. Anschließend erfolgt die Erläuterung von Benefit Sharing. Hierbei handelt es sich um ein IWRM-Instrument, das durch den Abschluss von Kooperationsabkommen zwischen den Konfliktparteien insbesondere zur Entschärfung von Oberanlieger-Unteranlieger Konflikten an grenzüberschreitenden Flüssen beitragen kann.

In Kapitel 4 erfolgt die Anwendung der aus Kapitel 3 erläuterten Grundlagen und Konzepte auf ausgewählte Aspekte der Aralkrise. Um die vorherrschende Situation des Wassermanagements im Aralseebecken in einem Gesamtzusammenhang zu verstehen, wird zunächst auf die jeweilige Wasserpolitik in Kasachstan, Usbekistan, Kirgisistan, Turkmenistan und Tadschikistan eingegangen, um anschließend ausgewählte aktuelle grenzüberschreitende Konflikte in der Wassernutzung zu präsentieren. Auf dem Weg zu einem ganzheitlichen und nachhaltigen Wassermanagement im Aralseebecken stellen regionale Abkommen einen zentralen Faktor dar. Ein solches Abkommen zur zwischenstaatlichen Kooperation - das Bishkek-Abkommen von 1998 - wird beschrieben und unter Zuhilfenahme von Konzepten der kooperativen Spieltheorie analysiert sowie auf Kooperationsgewinne hin untersucht. Den Abschluss dieses Kapitels bildet die Durchführung einer Nachhaltigkeitsanalyse der Bewässerungslandwirtschaft im Aralseebecken. Diese beginnt zunächst mit einer Festlegung von geeigneten Indikatoren zur Nachhaltigkeitsmessung, bevor sie in eine Herleitung von möglichen Ansatzpunkten zur Förderung einer nachhaltigen Entwicklung der Bewässerungslandwirtschaft im Aralseebecken mündet.

Die Arbeit schließt in Kapitel 5 mit einem Fazit ab, das die zentralen Ergebnisse dieser Arbeit noch einmal zusammenfasst und darüber hinaus weiteren Handlungs- und Forschungsbedarf aufzeigen soll. Ausblickend werden mögliche zukünftige Entwicklungen und Unsicherheiten umrissen, die die Situation des Wassermanagements im Aralseebecken grundlegend verändern könnten.

2 Ausgangspunkt: Situation im Aralseebecken

Den Einstieg zur Untersuchung von Fragen der Nachhaltigkeit, des Wassermanagements und den Konflikten und Kooperationen um Wasser im Aralseebecken bildet die Darstellung des Status Quo in der Region.

2.1 Geographie des Aralseebeckens

Das Aralseebecken befindet sich in Zentralasien, erstreckt sich über 1,8 Millionen km2und beinhaltet die ehemaligen Sowjet-Republiken Usbekistan, Kasachstan, Kirgisistan, Turkmenistan und Tadschikistan sowie Teile von Afghanistan und dem Iran [vgl. Micklin (2007, S. 48)]. Das Aralseebecken zeichnet sich durch eine Knappheit an kultivierbarem Land, einem asymmetrisch verteilten Rohstoffreichtum, einer geringen Bevölkerungsdichte und einer unterentwickelten Industrie und Infrastruktur aus [vgl. Sehring (2002, S. 4)].

Die beiden Flüsse Amu Darya und Syr Darya, die aus den Gletschern der Hochgebirge im Südosten des Aralseebeckens entspringen, entwässern den Großteil des Beckens und speisen den Aralsee. Der Aralsee liegt im Herzen der beiden großen Wüsten Kara-Kum und Kzyl-Kum und stellt quasi eine Senke dar, die hauptsächlich neben geringen Grundwasserzuflüssen von den beiden vorgenannten Flüssen mit Süßwasser gefüllt wird und keinen Oberflächenabfluss besitzt. Der Wasserstand in der Senke ist damit maßgeblich von der Differenz zwischen den Zuflussmengen aus Amu Darya und Syr Darya und der Nettoverdunstung[1] determiniert [vgl. Micklin (2007, S. 48)]. Seit 1960 ist diese Differenz aufgrund von anthropogenen Einflüssen negativ, sodass Volumen und Oberfläche des Aralsees kontinuierlich schrumpfen.

Der Amu Darya ist gemessen an seiner durchschnittlichen jährlichen Abflussmenge von 79,3 km³ der größte Fluss Zentralasiens [vgl. Giese / Sehring / Trouchine (2004, S. 10)]. Er entsteht in Afghanistan aus der Vereinigung von Pjantsch und Vakhsch, fließt anschließend entlang der Grenze von Tadschikistan nach Usbekistan, durchquert Turkmenistan und mündet in der semi-autonomen usbekischen Republik Karakalpakstan in den Aralsee [vgl. Sehring (2002, S. 4)]. Der Syr Darya, welcher sich aus Karadarya und Naryn bildet, stellt mit einer durchschnittlichen jährlichen Abflussmenge von 37,2 km³ nach dem Amu Darya den zweitgrößten Fluss Zentralasiens dar. Er durchfließt auf seinem Weg zum Aralsee vom Ursprung in Kirgisistan die Staaten Tadschikistans, Usbekistans und Kasachstans [vgl. Giese / Sehring / Trouchine (2004, S. 4)].

Anhang 1 illustriert die geographische Lage des Aralseebeckens und die dazugehörigen Staaten und Gewässer. Zur Abbildung des Aralsees sei hierbei angemerkt, dass der See mittlerweile in drei Restseen zerfallen ist [vgl. Micklin / Aladin (2008, S. 64)]. Anhang 2 gibt diese Entwicklung in bildlicher Form wieder.

2.2 Hintergründe der Aralkrise

Der Ausdruck „Aralkrise“ stellt den Oberbegriff für eine komplexe ökologische Krise im Aralseebecken dar, die durch die massive Ausweitung des Baumwollanbaus in den 1960er Jahren sowie eine verfehlte Wasserpolitik ausgelöst wurde und mit einer zunehmenden Wasser- und Bodenverknappung einhergeht [vgl. Sehring (2002, S. 4)]. Ein prominentes Resultat der Aralkrise ist das beinahe vollständige Verschwinden des Aralsees, dessen Größe seit Beginn der Einführung der Baumwollmonokultur von ursprünglich 66 100 km² (im Jahr 1961) auf mittlerweile 10 400 km² geschrumpft ist [vgl. Kosarev / Kostianoy (2010, S. 2)].

Die Aralkrise nahm ihren Anfang mit den Bestrebungen der Zentralregierung der Sowjetunion, das Land unabhängig von Baumwollimporten zu machen [vgl. Zonn (2010b, S. 78)]. Als geeignete Region hierfür wurde dabei das Aralseebecken erachtet. Hierzu formulierte die Regierung in Moskau mit Beginn der 1960er Jahre sogenannte 5-Jahres-Resolutionen an die zentralasiatischen Republiken, in denen diese aufgefordert wurden, zum einen bestehende Bewässerungsfelder mit Baumwolle (hoher Wasserbedarf) anstelle von beispielsweise Weizen (niedriger Wasserbedarf) zu bepflanzen und zum anderen den Bewässerungsfeldbau von Baumwolle durch Erschließen neuer Felder auszudehnen [vgl. Zonn (2010b, S. 76-79)]. Für die zentralasiatischen Republiken, die zu den ärmsten im Staatenverbund der Sowjetunion gehörten, waren diese Bestrebungen der Moskauer Zentralplanung aus mehrerlei Gründen interessant. Einerseits wurden den lokalen Regierungen und Behörden Subventionen und materielle Unterstützung in Aussicht gestellt, die nicht nur für die Umsetzung der Agrarpläne, sondern auch oftmals zur privaten Bereicherung der Eliten vor Ort verwandt wurden. Andererseits konnten neue Arbeitsplätze in der Landwirtschaft für die wachsende Bevölkerung Zentralasiens geschaffen werden [vgl. Zonn (2010b, S. 78)].

Einhergehend mit diesen Plänen aus Moskau wurde im Aralseebecken die Bewässerungsfläche von 4510 Millionen ha (1960) auf 7600 Millionen ha (1990) ausgedehnt.[2] Der Wasserverbrauch für die Bewässerungslandwirtschaft stieg von 56,15 km³ pro Jahr (1960) auf 106,4 km³ (1990) an. Im Umkehrschluss sank die durchschnittliche jährliche Wassermenge, die über den Amu Darya und den Syr Darya den Aralsee erreichte, von 42,8 km³ (1960-1965) auf 9,5 km³ (1985-1990) [vgl. Zonn (2010b, S. 76f)]. Bei einer durchschnittlichen Nettoverdunstung in den 1990er Jahren von 25-30 km³ pro Jahr im Gebiet des großen Aralsees bedeutete dies quasi das Todesurteil für den See [vgl. Crétaux / Létolle / Kouraev (2010, S. 186)]. Die Sowjet-Planer aber erreichten ihr Ziel, von Baumwollimporten unabhängig zu werden: Von 1960 bis 1990 stieg die Baumwollproduktion von ursprünglich 1,4 Millionen Tonnen auf 2,5 Millionen Tonnen an. Die Region um den Aralsee zeigte sich für 90% der Baumwollproduktion der UdSSR verantwortlich [vgl. Zonn (2010b, S. 79)]. Die Konsequenzen aus der extensiven Ausweitung des Baumwollanbaus auf Umwelt und Mensch, die bis Ende der 1980er Jahre von der Sowjetunion unter Verschluss gehalten und erst durch Amtsantritt Gorbatschows („Glasnost“) der Weltöffentlichkeit zugetragen wurden, sind verheerend und beschränken sich nicht nur auf die unmittelbare Umgebung des Aralsees, sondern betreffen auch weit entfernte Regionen im Aralseebecken [vgl. Sehring (2002, S. 5)]. Nach Vinogradov / Langford (2001, S. 348) sind von der Aralkrise rund 60% der Bevölkerung des Aralseebeckens direkt oder indirekt betroffen, was bei einer Gesamtbevölkerungszahl des Aralseebeckens von ca. 35 Millionen geschätzte 21 Millionen Menschen sind.

2.3 Auswirkungen der Aralkrise

Die nachfolgend beschriebenen Auswirkungen der Aralkrise, die lediglich eine kleine Auswahl der beobachteten Folgen umreißen, resultieren neben dem Austrocknen des Aralsees hauptsächlich aus der Reduzierung, Verschmutzung und Versalzung seiner Zuflüsse sowie aus der Versalzung und Abnahme der Fruchtbarkeit von Böden [Micklin (2007, S. 54)].

2.3.1 Ökologische Konsequenzen der Krise

Die einst so artenreichen Wasser des Aralsees und der Deltas von Amu Darya und Syr Darya sind durch die Aralkrise schwer geschädigt worden. Zwischen 1960 und 2000 nahm die Fläche des Marschlandes durch Austrocknung von 100 000 ha auf 15 000 ha ab, die Fischarten im Aralsee schrumpften durch den gestiegenen Salzgehalt des Wassers von 32 auf 6, die Anzahl an Vogelarten sank von 390 auf 160 und die Säugetierarten wurden von 70 auf 32 dezimiert [vgl. Micklin / Aladin (2008, S. 66)]. Dieser Rückgang der Biodiversität ist ein eindeutiger Hinweis auf die Instabilität und Zerstörung der Ökosysteme am Aralsee und seiner Umgebung infolge menschlicher Eingriffe in den Naturhaushalt [vgl. Kopatz (2006, S. 24)].

Das zurückweichende Wasser im Aralsee hat 54 000 km² Seeboden zum Vorschein gebracht,[3] der durch die Verdunstung des Wassers von Salz überzogen und zum Teil mit Pestiziden und Chemikalien aus der Landwirtschaft verseucht ist, die von den Flüssen eingetragen wurden. Stürme tragen diesen kontaminierten Boden bis zu 500 km weit in das Amu Darya-Delta hinein, der dort nicht nur die natürliche Flora und Fauna beeinträchtigt, sondern auch die Gesundheit der Menschen belastet (siehe Kapitel 2.3.3) sowie die Qualität der angebauten Agrarprodukte schwinden lässt [vgl. Micklin / Aladin (2008, S. 67)].

Die Krise hat darüber hinaus zu einer Veränderung der klimatischen Bedingungen am Aralsee geführt. Die Sommer sind wärmer, während die Winter kühler geworden sind. Frostperioden setzen im Herbst früher ein und dauern im Frühjahr länger an. Die Luftfeuchtigkeit ist gefallen, die Wahrscheinlichkeit von Dürren hat sich erhöht, die Anbausaison in der Landwirtschaft ist kürzer geworden und der Säuregehalt in den Niederschlägen hat sich erhöht [vgl. Micklin (2007, S. 56)]. Als Resultat dieser Entwicklungen wurde ein ca. 400 000 km² großes Gebiet[4] um den See zum ökologischen Katastrophengebiet erklärt, das sich u. a. über die gesamte semi-autonome usbekische Republik Karakalpakstan erstreckt und weitere Provinzen aus Usbekistan (Khorezm), Kasachstan (Kzyl-Orda) und Turkmenistan (Dashowuz) umfasst [vgl. Vinogradov / Langford (2001, S. 348)].

2.3.2 Ökonomische Konsequenzen der Krise

Der Fischfang am Aralsee und in den Deltas von Amu Darya und Syr Darya kam in den frühen 1980er Jahren zum Erliegen, als einheimische Fischarten, die den Hauptteil des kommerziellen Fangs ausmachten, aufgrund des zunehmenden Salzgehaltes des Wassers und dem Verlust von Laich- und Futtergründen verschwanden [vgl. Micklin (2007, S. 54)]. Ursprünglich lebten 60 000 Menschen direkt oder indirekt vom Fischfang, diese Zahl verringerte sich nach 1980 auf 700 Menschen. Die große Fischkonservenfabrik in Mujnak (Amu Darya-Delta) produzierte beispielsweise 1958 21 Millionen Dosen Fisch, 1990 wurden die Werkstore mangels Arbeit geschlossen [vgl. Létolle / Mainguet (1996, S. 320)]. Seit 2005 erfährt jedoch der Fischfang am nördlichen Aralsee auf dem Gebiet Kasachstans eine Belebung, da durch den Bau eines Dammes, der mithilfe der Weltbank errichtet wurde (siehe hierzu Kapitel 2.4), eine spürbare Verbesserung der Lebensbedingungen für Fische in diesem Aralsee-Residuum eingetreten ist.

Neben dem Einbruch der Fischindustrie ergeben sich im wirtschaftlichen Bereich weitere signifikante Auswirkungen der Krise. Zum einen ist hier das Erliegen der kommerziellen Schifffahrt zwischen den großen Hafenstädten Mujnak und Aralsk zu nennen, deren Warenhandelsvolumen bei bis zu 250 Tausend Tonnen pro Jahr lag [vgl. Zonn (2010a, S. 71)]. Zum anderen erlebte die Papierindustrie einen Niedergang durch das Verschwinden von Wäldern und Schilfflächen. Zuletzt sank durch den Wegfall von Freizeit- und Badeeinrichtungen auch die touristische Attraktivität der Region [vgl. Létolle / Mainguet (1996, S. 323)].

Paradoxerweise wird der Agrarsektor im Aralseebecken von der Krise selbst hart getroffen. Paradox deswegen, da erst durch die Einführung der Baumwollmonokultur und der Verdrängung des traditionellen Feldbaus mit jährlichem Fruchtwechsel das hydrologische Gleichgewicht völlig aus den Fugen geraten ist. Die Baumwollmonokultur erfordert neben einem hohen Wasserbedarf einen verstärkten Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln, da die Böden durch Monokultur tendenziell schneller nährstoffarm und die Pflanzen anfälliger für Schädlinge werden. Pestizide und Dünger reichern sich im Fluss- und Grundwasser an und bewirken eine zunehmende Kontaminierung des Wassers. Bedingt u. a. durch die hohen Verdunstungsraten im Aralseebecken versalzen die Felder schneller und müssen daher regelmäßig von einer Salzkruste befreit werden, was durch Auswaschen geschieht (engl. salt leaching). Dies bedingt umgekehrt eine Anreicherung des Flusswassers mit dem ausgewaschenen Salzen. Tendenziell sind die an den Unterläufen der Flüsse gelegenen Bewässerungsgebiete von der Versalzung und Verschlechterung der Böden stärker betroffen, da die Schmutzfracht und der Salzgehalt in Amu Darya und Syr Darya im Flussverlauf durch die Drainageabwässer zunimmt. Die Bewässerungsgebiete an den Oberläufen werden von der Abnahme der Produktivität der Böden durch Versalzung ebenfalls tangiert, erhalten jedoch aus den Flüssen weitestgehend unbelastetes Wasser. Bis in die 1980er Jahre stieg die Baumwollernte im Aralseebecken stetig an, doch die beschriebenen Effekte führten zu Beginn der 1990er Jahre schließlich zu einem Rückgang der Baumwollproduktion und einer Verschlechterung der Erntequalität. So gehen dem Agrarsektor im Aralseebecken durch verschwenderische Bewässerung der Felder und Degradation der Böden schätzungsweise 1,4 Milliarden US-Dollar jährlich verloren [vgl. Kijne (2005, S. 23)].

2.3.3 Soziale Auswirkungen der Krise

Mit der Vernichtung von Arbeitsplätzen und den immer schlechter werdenden Lebensbedingungen durch die Umweltdegradation setzten massive Wanderbewegungen ein, die vor allem diejenigen Regionen betreffen, die direkt oder in nächster Nähe zum Aralsee liegen. Aus der usbekischen Republik Karakalpakstan sind seit 1991 offiziell 63 000 Menschen nach Kasachstan emigriert, die Dunkelziffern liegen jedoch bei 100 000-250 000 Menschen [vgl. Bar (2009, S. 83f)]. Die Einwohnerzahl der karakalpakischen Hauptstadt Mujnak schrumpfte bspw. von 45 000 (1960) auf rund 13 000 im Jahr 1995 [vgl. Vinogradov / Langford (2001, S. 350)].

Die lokale Bevölkerung, die in dem ökologischen Katastrophengebiet um den Aralsee lebt, leidet verstärkt unter gesundheitlichen Problemen. Die schlechte Trinkwasserqualität, fehlende sanitäre Anlagen, miserable medizinische Versorgung, pestizidbelastete Nahrung, von den Winden herbeigetragener Salzstaub oder mangelhafte und einseitige Ernährung durch den Wegfall von Fisch sind nur einige Gründe, die u. a. zum erhöhten Auftreten von Atembeschwerden, Kehlkopf- und Speiseröhrenkrebs, Erkrankungen des Verdauungsapparates sowie zu Leber- und Nierenleiden führen [vgl. Micklin / Aladin (2008, S. 67) sowie Micklin (2007, S. 56)]. Durch Zahlen lassen sich die negativen Auswirkungen der Aralkrise auf die Gesundheit der Menschen unterstreichen. Die Sterblichkeitsrate im Aralseebecken hat sich von 6,8 pro 1000 Menschen (1985) auf 8 pro 1000 Menschen (1994) erhöht. Die Kindersterblichkeitsrate ist die höchste in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion und beträgt bspw. in der turkmenischen Provinz Dashowuz durchschnittlich 75 von 1000 Lebendgeburten. Rund 70% der Bevölkerung Karakalpakstans leidet an Krankheiten oder chronischen Beschwerden. Im Katastrophengebiet sind die Zahlen der registrierten Krankheitsvorfälle beinahe doppelt so hoch wie in den anderen Gebieten der zentralasiatischen Staaten [vgl. Vinogradov / Langford (2001, S. 348f)].

Neben Migrationseffekten und Auswirkungen auf die Gesundheit führt die Aralkrise zunehmend zu innenpolitischen Spannungen. Beispielsweise werfen die usbekischen Gebiete am Unterlauf von Amu Darya den usbekischen Gebieten am Oberlauf vor, zu viel Wasser aus dem Fluss zu entnehmen und so maßgeblich zum Wasserdefizit beizutragen. Ebenso wird von der usbekischen Zentralregierung die Ausbeutung von Erdgasvorkommen in Karakalpakstan vorangetrieben, die Bevölkerung der semi-autonomen Republik profitiert aber nicht von den resultierenden Gewinnen. Ganz im Gegenteil, durch das Verschwinden der ursprünglichen Wirtschaftszweige (Fischfang, Seeverkehr, Tourismus) gerät Karakalpakstan immer mehr ins Hintertreffen. Das BIP pro Kopf und Jahr stieg landesweit in Usbekistan von 2422 US-Dollar (2000) auf 2835 US-Dollar (2004) an, während es in Karakalpakstan im gleichen Zeitraum von 1325 US-Dollar auf 1270 US-Dollar fiel. Diese Asymmetrie der Wohlstandsentwicklung innerhalb des eigenen Landes wird von der usbekischen Regierung zur Stärkung der Bewässerungslandwirtschaft bewusst in Kauf genommen. Die Kehrseite der Medaille ist jedoch, dass diese Entwicklung zu einer kontinuierlichen Gefährdung der Existenzgrundlagen der Menschen in Karakalpakstan durch Verschmutzung und Versalzung des Trinkwassers führt [vgl. Bar (2009, S. 85)].

2.4 Bisherige Ansätze zur Mitigation der Aralkrise

Die Pläne aus Sowjetzeiten zur Herbeiführung von Wasser in das Aralseebecken, um so den Folgen der Aralkrise zu begegnen, waren von Größenwahn und Nicht-Durchführbarkeit geprägt. Solche Pläne umfassten bspw. die Umleitung von sibirischen Flüssen in die Aralregion („Sibaral-Projekt“), künstliches Abschmelzen von Gletschern, Auspumpen des Issyk-Kul Sees in Kirgisistan oder Umleitung der Wolga über den Fluss Ural [vgl. Létolle / Mainguet (1996, S. 342-346)]. Diese Projekte waren alle dadurch gekennzeichnet, dass sie unter Umständen zu einer Verbesserung der Situation im Aralseebecken beigetragen, aber andernorts zu irreparablen Schäden im dortigen Ökosystem geführt hätten. Des Weiteren war die Finanzierung der Projekte aufgrund der im Raum stehenden Summen höchst zweifelhaft und der Widerstand in der Bevölkerung aus den Landesteilen, die den Wassertransfer zu gewährleisten gehabt hätten, war enorm. Erst mit dem Zerfall der Sowjetunion wurden diese Projektpläne (vorerst) endgültig ad acta gelegt.

Ein Infrastrukturprojekt, das eine wesentliche Verbesserung der Lebensbedingungen für die Menschen und eine Wiederbelebung von Flora und Fauna am nördlichen Aralsee gebracht hat, ist der Bau des Kokaral-Staudammes, der das Wasser von Syr Darya nicht ungenutzt in die endlose Weite des östlichen Beckens des großen Aralsees abfließen lässt, sondern für den nördlichen Aralsee zurückhält. Der Damm befindet sich auf kasachischem Gebiet und die für die Konstruktion des 13 km langen Bauwerkes samt Überflutungsschleusen benötigten 85 Millionen US-Dollar wurden gemeinschaftlich von der Weltbank und Kasachstan aufgebracht. Bereits acht Monate nach Fertigstellung des Dammes im November 2005 stieg der Pegel des nördlichen Aralsees um zwei Meter auf stabile 42 Meter über Meereshöhe[5] an und die Seeoberfläche nahm um 500 km² zu. Der Salzgehalt des Sees beträgt nach dem Bau des Dammes durchschnittlich 10 Gramm pro Liter, was einer Senkung von 100 % im Vergleich zum Zustand vor dem Dammbau entspricht. Schon jetzt muss regelmäßig Wasser aus dem See in den großen Aralsee abgelassen werden, um den Damm zu entlasten. Der Bau des Dammes stellt eine Erfolgsgeschichte für die Region und die Menschen um den nördlichen Aralsee dar. Die Fische sind zurückgekehrt und ermöglichen bereits schon jetzt wieder einen kommerziellen Fischfang. Die mikro-klimatischen Bedingungen haben sich gebessert, daher kommt es zu weniger Sandstürmen und häufigeren Niederschlägen. Durch die Erhöhung der Luftfeuchtigkeit leiden die Menschen in der Region seltener an Atemwegserkrankungen [vgl. Micklin / Aladin (2008, S. 68f)].

Eine vollständige Wiederherstellung des Ökosystems am Aralsee in den Zustand von 1960 scheint in naher Zukunft kaum möglich [vgl. Micklin / Aladin (2008, S. 68)]. Micklin (2007, S. 60) geht davon aus, dass in den kommenden 20-30 Jahren vorsichtig geschätzt 10 km³ Flusswasser den See erreichen werden. Um den Aralsee wieder auf Größe und Volumen zu bringen, die er in den ersten sechs Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts durchschnittlich erreichte, wäre jedoch ein Zufluss von zusätzlichen 54 km³ von Nöten. Die Bereitstellung dieser Menge erscheint höchst unrealistisch und wäre einzig und allein mit drastischen Einsparungen im Wasserverbrauch der Bewässerungslandwirtschaft zu erreichen, die sich für rund 90 % der Gesamtentnahmen von Flusswasser im Aralseebecken verantwortlich zeigt [vgl. Micklin (2007, S. 60)]. Solche drastischen Einsparungen im Agrarsektor lassen sich unter den herrschenden politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten im Aralseebecken nicht verwirklichen. Vor allem einschneidende Beschränkungen beim Baumwollanbau würde in Staaten wie Usbekistan und Turkmenistan, die stark vom Baumwollanbau abhängig sind und durch den Export von Baumwolle den Hauptteil ihrer Devisen generieren, zu einer schweren Rezession mit dem Verlust von Arbeitsplätzen und sozialen Unruhen führen. Solche Lösungen, die zwar zu einer Verbesserung der ökologischen Situation im Aralseebecken führen, jedoch die ökonomischen und sozialen Auswirkungen außer acht lassen, können nach dem Verständnis des Nachhaltigkeitsdreiecks nicht auf Dauer beständig sein und daher auch nicht einem für alle beteiligten Akteure befriedigenden Zustand nahe kommen.

Aufbauend auf diesen Erkenntnissen kann gesagt werden, dass über viele kleine Zwischenschritte eine Verbesserung der Gesamtsituation im Aralseebecken erreicht werden kann. Es sollte nicht mit der „Brechstange“ versucht werden, den Ursprungszustand des Aralsees herzustellen, da dies zum einen im Moment nicht realistisch ist und zum anderen nach dem modernen Verständnis von Nachhaltigkeit keine nachhaltige Lösung darstellt. Es ist ein integratives und grenzüberschreitendes Wasserressourcenmanagement im Aralseebecken notwendig, das die Wasserverbräuche im Agrarsektor senkt, einen schrittweisen Wandel der Bewässerungs- und Anbaupraktiken fördert, Investitionen in Bewässerungsinfrastruktur attraktiv macht sowie die gerechte und adäquate Verteilung der Wasserressourcen vorantreibt. Die Bildung von Kooperationen der Staaten entlang Amu Darya und Syr Darya stimuliert die Installierung eines solchen Wassermanagements und wirkt darüber hinaus den Konflikten entgegen, die sich u. a. um die Verteilung von Wasser drehen und derzeit dazu führen, dass ein beträchtlicher Teil des vorhandenen Wassers ungenutzt in den Wüsten versickert. Als Resultat eines wirksamen Wassermanagements im Aralseebecken würde letztendlich der Zufluss zum Aralsee steigen und neben den Regionen, die unmittelbar an den See angrenzen, profitiert schließlich das gesamte Aralseebecken von einem kooperativen Management der Wasserressourcen von Syr Darya und Amu Darya.

3 Nachhaltigkeit, Wasserkonflikte und Wassermanagement

Im vorliegenden Kapitel werden Konzepte und theoretische Grundlagen aufbereitet, die das Fundament für die spätere Analyse von ausgewählten Fragen der Nachhaltigkeit, des Wassermanagements und der Kooperation bei Wasserkonflikten im Aralseebecken bilden.

3.1 Konzept der Nachhaltigkeit

Das Konzept der Nachhaltigkeit bzw. der nachhaltigen Entwicklung erfährt eine wachsende Aufmerksamkeit in allen Bereichen der Gesellschaft, die u. a. aus der Verknappung von Ressourcen, der andauernden Zerstörung von Ökosystemen, dem rasanten Wirtschaftswachstum in den Schwellenländern, der Knappheit und Verschmutzung von Trinkwasser und einer Zunahme von Armut und Hunger in der Welt resultiert. Es betont dabei die Verpflichtung gegenwärtiger Generationen, den kommenden Generationen durch Harmonisierung von Wirtschaftswachstum, Umweltschutz und sozialer Stabilität ein menschenwürdiges Leben unter Erfüllung bestimmter Mindeststandards zu gewährleisten (normative Begründung einer nachhaltigen Entwicklung) [vgl. Kopatz (2006, S. 5)].

3.1.1 Notwendigkeit einer nachhaltigen Entwicklung

Die Notwendigkeit einer nachhaltigen Entwicklung auf dem Planeten Erde lässt sich trefflich anhand der Ausführungen von Herman Daly (1994) aufzeigen, der die Erde als ein Raumschiff bezeichnet, das durch den Weltraum gleitet [vgl. Ahlheim (2009, S. 3)]. Bei der Reise durch das Weltall besteht die einzige Verbindung des „Raumschiffs Erde“ mit dem Universum in der Aufnahme von Sonnenenergie (S) und der Abgabe von Wärme (W). Hingegen ist kein Austausch von Materie (M) und Energie im Sinne von bspw. CO2-Emissionen (E) zwischen Erde und Weltall möglich. Somit handelt es sich bei der Erde um ein geschlossenes System, in dem jeder einzelne Gegenstand endlich oder begrenzt ist. Das Leben auf der Erde wird zwangsläufig zu einem Ende kommen, wenn die natürlichen Ressourcen verschmutzt oder vergiftet sind und die Schadstoffaufnahmefähigkeit von Luft, Boden und Wasser erreicht ist [vgl. Ahlheim (2009, S. 3f)].

Abbildung 1 gibt das Konzept des „Raumschiffs Erde“ in graphischer Form wieder. Die Erde besteht aus zwei Bereichen: Der Umwelt (Ökosystem) und der Ökonomie. Zu Beginn der Menschheit stellte der Bereich der Umwelt fast den gesamten Teil des Planeten („Leere Welt“) dar. Mit dem Aufkommen der Menschheit nahm die Ökonomie stetig zu und die Umwelt wurde immer weiter zurückgedrängt, da sich das „Raumschiff Erde“ nicht in seiner Größe ausdehnen kann. Mit jeder Versiegelung von Grünflächen nimmt bspw. der Bereich der Umwelt ab und im Gegenzug der Bereich der Ökonomie zu. Auf diese Weise ist die „volle Welt“ entstanden, wie wir sie heute kennen [vgl. Ahlheim (2009, S. 4)].

Abbildung 1: Das „Raumschiff Erde“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Ahlheim (2009, S. 4).

Im Gegensatz zum „Raumschiff Erde“ ist die Ökonomie ein offenes System, das in die Umwelt eingebettet und von ihr umgeben ist. Die Ökonomie steht mit der Umwelt in einem ständigen Austausch von Materie (M) und Energie (E). Dies äußert sich zum Beispiel bei der Fertigung eines Industrieguts, die Ressourcen aus der Umwelt benötigt und gleichzeitig Abprodukte (Abwasser, Abfälle, Abgase) in die Umwelt abgibt. Somit bedingt ein Wachstum der Ökonomie hier eine Ausbeutung natürlicher Ressourcen und Verschmutzung der Umwelt, was unter Umständen bei sorglosem Verhalten der Menschheit zur totalen Zerstörung der Ökosysteme führen kann. Umwelt und Ökonomie können sich aber auch positiv beeinflussen: So bewirken Anstrengungen zur Reinhaltung von Gewässern (bspw. der Bau von Kläranlagen) eine Steigerung der Wasserqualität, die wiederum zu erhöhten Erträgen aus Fischfang oder Ackerbau führen kann. Eine gesunde Wirtschaft in einem Land, das es sich aufgrund seines Entwicklungsstandes leisten kann, in Umweltschutzmaßnahmen zu investieren, wird sich somit positiv auf die Gesundheit der Umwelt auswirken und umgekehrt [vgl. Ahlheim (2009, S. 5)].

Vereinfacht gesagt, trägt eine nachhaltige Entwicklung dazu bei, das „Raumschiff Erde“ für kommende Generationen intakt zu halten [vgl. Ahlheim (2009, S. 4)]. Die Brundtland-Kommission bezeichnet nachhaltige Entwicklung als „Humanity[‘s] [..] ability to make development sustainable to ensure that it meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs” [vgl. WCED (1987, S. 24)]. Die „human needs” der Gesellschaft werden dabei sowohl von der Ökonomie als auch von der Umwelt befriedigt, die es damit beide im „Raumschiff Erde“ zu erhalten gilt. Ein dritter Faktor in der Bedürfnisbefriedigung der Menschen ist außerdem noch der soziale Sektor [vgl. Ahlheim (2009, S. 5)].

[...]


[1] Nettoverdunstung = Verdunstung des Wassers an der Oberfläche des Sees minus Niederschlagsmenge.

[2] Anhang 3 zeigt die Bewässerungsflächen im Aralseebecken kartographisch.

[3] Zum Vergleich: Die Fläche Baden-Württembergs beträgt 35 751 km².

[4] Zum Vergleich: Die Fläche der Bundesrepublik Deutschland beträgt 357 112 km².

[5] Maximale Wasserhöhe, die durch den Damm gewährleistet werden kann. Die Angabe „über Meereshöhe“ bezieht sich dabei auf das Level der Ostsee.

Details

Seiten
62
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656549314
ISBN (Buch)
9783656550792
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v265386
Institution / Hochschule
Universität Hohenheim
Note
1,0
Schlagworte
nachhaltigkeit wassermanagement wasserkonflikte beispiel aralseebeckens eine analyse

Autor

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Titel: Nachhaltigkeit, Wassermanagement und Wasserkonflikte am Beispiel des Aralseebeckens