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Die Trobairitz. Das mittelalterliche Phänomen der weiblichen Troubadoure

Examensarbeit 2012 16 Seiten

Romanistik - Französisch - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wer waren die Trobairitz?

3. Entwicklungsgeschichte

4. Wirkungsraum der Trobairitz

5. Die Comtessa de Dia
5.1. Leben
5.2. Schaffen
5.2.1. Ab ioi et ab ioven m'apais
5.2.2. A chantar m’er do so q’ieu no volria

6. Weitere bedeutende Troubairitz und ihre Werke

7. Konklusion

8. Bibliographie

Illustrationen

Illustration 1: Die Comtesse de Dia (Holze 2007b)

Illustration 2: Melodie von “A chantar m’e de so” (Wikimedia 2012)

1. Einleitung

Das Thema der vorliegenden Arbeit ist das mittelalterliche Phänomen der Trobairitz. Nach der Begriffserklärung wollen wir uns in zwei kurzen Kapiteln der Entwicklung der Trobairitz, sowie deren Wirkungsraum erläutern, um anschließend das Leben und das Schaffen der berühmtesten Trobairitz, der Comtessa de Dia, genauer zu betrachten. Ein weiteres Kapitel wird sich mit den anderen, wenigstens namentlich bekannten Trobairitz befassen.

2. Wer waren die Trobairitz?

Der Begriff Troubairitz entspringt, genauso wie Troubadour, dem okzitanischen Verb trobar, „dichten“. Er beschreibt jene Frauen, denen es im 12. und 13. Jahrhundert gelungen ist, als „weibliche Troubadoure“ (Schulman 2002, 111), einen gewissen Bekanntheitsgrad zu erlangen. Die Zahl der Troubairitz ist relativ beschränkt: Die Rede ist von unter 50 Frauen, manche sprechen sogar von nur knapp 23 (Aubrey 2000, 21), denn „In den Handschriften, in welchen okzitanische Lyrik sowie den zu den Dichtern gehörenden Vidas überliefert sind, werden etwa 20 Frauennamen als Trobairitz bezeichnet“ (Dietl). Die meisten dieser Frauen sind historisch nicht identifiziert, sie werden jedoch in mittelalterlichen Manuskripten erwähnt. Der genaue Zeitraum ihrer Wirkung umfasst die Jahre von 1170 bis 1260; eine Zeit, in welcher Frauen kurzfristig relative Unabhängigkeit genossen (Schulman 2002, 111). Die Troubairitz waren von gehobener Abstammung, sie konnten lesen und schreiben und waren nicht selten adelig (Holze 2007a), wie etwa die bekannte Comtesse de Dia, auf deren Leben und Wirken das Hauptaugenmerk dieser Arbeit liegt. Die Troubairitz schufen, wie auch ihre männlichen Zeitgenossen, Liebeslieder in denen jedoch nicht der Mann, sondern die Frau das lyrische Ich war.

3. Entwicklungsgeschichte

Mit einer genauen Beschreibung der Stellung der Frau im Mittelalter könnte man viele Seiten füllen, deswegen wollen wir uns auf das Wesentliche konzentrieren. Zuerst einmal sei gesagt, dass Singen und Musizieren für Frauen zu keiner Zeit etwas Außergewöhnliches gewesen ist. Ganze Liedgattungen wurden von Frauen entwickelt (Arbeitslieder, Tanzlieder, Wiegenlieder, Trostgesänge etc.) und im Mittelalter gab es bettelnde Sängerinnen, Spielfrauen, die zur Unterhaltung am Hof auftraten, aber auch Gesang im Alltag, etwas auf Marktplätzen. Da gab es die „Liedersingerinnen“, auch „Spielmänsche“, „Bettelweiber“, „Singermädchen“ und ähnlich benannt (Holze 2007c). Sie traten gemeinsam mit Gauklern oder Quacksalbern, oft auch mit einem männlichen Partner, auf. Doch ihr Gesang wurde nicht als wahre Kunst, sondern als reine Unterhaltung angesehen. Als Künstlerin ernst genommen zu werden, war auf Grund der männerdominierten Gesellschaft schwierig. Auch von der Kirche ging ein frauenfeindliches Bild aus, doch die Situation der adeligen Ehefrau war anders: Einerseits war sie komplett bevormundet, denn ihr Mann hatte quasi einen totalitären Machtanspruch über sie und ihren Besitz, andererseits verfügte die adelige Ehefrau Okzitaniens gegenüber Unterstellten ihres Mannes über die gleichen Rechte und die gleiche Macht wie derselbe, den sie in dessen Abwesenheit ganz vertrat. Als Tochter eines Feudalherrn konnte die Frau in Okzitanien in mitten ihrer Brüder und Schwestern erben und die Verantwortung für ein Lehen tragen. In weiterer Folge erhielt oder gab sie Schwüre des Glaubens und der Ehre, konnte einer bürgerlichen oder militärischen Rechtsprechung vorsitzen, Steuern erheben etc., denn sie war Herrin über das Lehen. Weiters darf man das weibliche Mäzenentum nicht außer Acht lassen, über welches die Frauen einen unbestrittenen Einfluss auf die Entwicklung des höfischen Geistes hatten (Bec 1995 13f), viel mehr als die Herren, die sich immer mehr oder weniger an militärischen Tätigkeiten beteiligten. Es ist nur logisch, dass die Frauen ihre musikalischen Schützlinge zu Themen singen ließen, die ihnen angenehm waren, und das war mit Sicherheit nicht die Dominanz des Mannes über die Frau. Im Gegenteil, sie kehrten den Spieß um, denn in den von ihnen erwünschten Liebesliedern geht es darum, die Frau für das, was sie ist, zu loben und ihre Macht über den in sie verliebten Mann, dessen Gefühlswelt ganz in ihrer Hand liegt, zum Ausdruck zu bringen. Diese Lieder stellten auf der einen Seite ein Art Revanche der Dame an der Herrenwelt dar, auf der anderen Seite einen Ausgleich zur sozialen Realität der Dame. Mit der Macht, den Liebenden zurückzuweisen und zu demütigen, oder ihn anzunehmen, ermöglichte der Dame, sich ebenfalls aktiv am poetischen Schaffen zu beteiligen, zuerst in Form von tensons, in welchen sie Dialogpartner eines Troubadours ist, um schließlich selbst ein selbstständiger, weiblicher Troubadour zu werden und zu dichten. Die Tatsache, dass die Trobairitz weitaus weniger produktiv waren als ihre männlichen Kollegen, ist darauf zurückzuführen, dass sie sich mit dieser Tätigkeit nicht ihr Brot verdienen mussten, jedoch bleibt unklar, in welchem Ausmaß Lieder weiblicher Troubadoure verlorengegangen sind (Bec 1995, 13ff).

4. Wirkungsraum der Trobairitz

Der Entstehungs- und Entwicklungsraum der Troubadoure und Troubairitz war der Süden Frankreichs, der sich in vielerlei Hinsicht klar vom Norden des Landes unterschied (Schrentewein 1996, 41). Gegen Ende des 13. Jahrhunderts prägte Dante den heute gängigen Begriff „Okzitanien“ und das dazugehörige Adjektiv „okzitanisch“, welches ebenfalls als Bezeichnung der Sprache herangezogen wird[1] (Schrentewein 1996, 41). Die Trobairitz lebten und wirkten also in Okzitanien und verfassten ihre Gedichte auf Okzitanisch. Es ist dementsprechend überraschend, dass man mittelalterliche Abschriften ihrer Lieder vor allem in Italien findet (Bec 1995, 17). 11 Manuskripte befinden sich in der Nationalbibliothek von Paris, 2 in Barcelona, 1 in Berlin, 1 in New York, aber der Großteil ist in Rom und im Vatikan, vor allem das Manuskript H in welchem den weiblichen Troubadouren eine ganze ‚Sektion‘ mitsamt Illustrationen gewidmet ist (Bec 1995, 17). Es können mehrere Gründe genannt werden, die den Umstand erklären, dass man in Italien mehr über die okzitanischen Troubatritz findet, als in Okzitanien selbst (gemäß Bec 1995, 17 f): Man fand diese Werke auf Grund ihrer Seltenheit äußerst interessant und sie konnten auch deswegen so populär werden, weil Italien dabei war, eine „neue kulturelle Einstellung gegenüber der Frau zu entwickeln“, was mit der erotischen Mystik des dolce stil nuovo zu tun hatte (Bec 1995, 17). Auf der anderen Seite bleibt dies eine Hypothese und lässt sich der Erhalt der Lieder der Trobairitz auch dadurch erklären, dass auch jene der Troubadoure sind größtenteils in italienischen Schriften erhalten haben.

[...]


[1] In der Romanistik verwendete man lange den im Mittelalter gebräuchlichen Begriff „provenzialisch“ (Schrentewein 1996, 41), doch in dieser Arbeit wird dieser Begriff nicht weiter angeführt.

Details

Seiten
16
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656551874
ISBN (Buch)
9783656551935
Dateigröße
539 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v265422
Institution / Hochschule
Universität Wien – Romanistik
Note
1,0
Schlagworte
troubairitz

Autor

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Titel: Die Trobairitz. Das mittelalterliche Phänomen der weiblichen Troubadoure