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Externe Sprachgeschichte: Das Drei-Phasen-Modell nach Anthony Lodge

Die sprachgeschichtliche Entwicklung des urbanen französischen Dialekts von Paris

Seminararbeit 2012 40 Seiten

Romanistik - Französisch - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Traditionelle Definition von interner und externer Sprachgeschichte nach Saussure
1.2. Kritik und neue Definitionen nach Blumenthal
1.4. Externe Faktoren der romanistischen Sprachgeschichtsschreibung

2. Das Drei Phasen-Modell nach Lodge
2.1. Einleitung
2.2. Die Methodik des Drei-Phasen-Modells: Ein Überblick
2.2.1. Koinéisation
2.2.2. Réallocation de variantes dialectales
2.2.3. Nivellement dialectal

3. Das Drei-Phasen-Modell anhand des Beispiels Paris
3.1. Einleitung
3.1.1 Warum Paris?
3.1.2. Betrachtungsweisen des Pariser Dialekts
3.2. Die erste Phase: Koinéisation
3.2.1. Historisch-geographische Hintergründe
3.2.2. Koinéisation in Paris
3.2.2.1. Merkmale des HDPs im Parisischen
3.2.2.2. Merkmale außerhalb des HDP-Gebiets
3.2.3. Die Pariser Gesellschaft des 12.-14. Jahrunderts
3.3. Die zweite Phase: Réallocation de variantes dialectales (1350-1750)
3.3.1. Historisch-soziale Hintergründe
3.3.2. Kodifizierung
3.3.2.1. Morphologische Merkmale
3.3.2.2. Phonologische Merkmale
3.3.2.3. Konklusion
3.4. Die dritte Phase: Nivellement dialectal (1750-1950)
3.4.1. Historisch-soziale Hintergründe
3.4.2. Standardisierung
3.4.3. Nivellierung
3.4.3.1. Phonologische Vereinfachung
3.4.3.2. Morphologische Vereinfachung
3.4.4. Konklusion

4. Konklusion

Bibliographie

Illustrationsverzeichnis

Illustration 1: Unterscheidung externer und interner Faktoren nach Saussure

(Ehlich 2007, 358)

Illustration 2: Wachstum der Stadtbevölkerung von 1300-1800 in Tausend

(Lodge 2004, 107)

Illustration 3: Das Solidaritätsmodell nach Milroy (1992, 213)

Illustration 4: Wachstum der Stadtbevölkerung von 1100-1900 in Tausend (Lodge 2004, 195)

Illustration 5: Populationsdichte von Paris, 1801-1931

(Lodge 2004, 198 aus Ariès 1971, 122)

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Beispiele für Endungen der 4. Person außerhalb des HDP Gebietes

im 13. und 14. Jahrhundert, eigene Adaption der Daten von Lodge (2004, 89)

Tabelle 2: Morphologische Merkmale des dialektalen Französisch der 2. Phase

anhand ausgewählter Texte, eigene Adaption der Daten von Lodge (2004, 176 ff.)

Tabelle 3: Phonologische Merkmale der Vokale des dialektalen Französisch der

2. Phase, eigene Adaption der Daten von Lodge (2004, 180f.)

Tabelle 4: Phonologische Merkmale der Konsonanten des dialektalen Französisch

der 2. Phase, eigene Adaption der Daten von Lodge (2004, 181f.)

Tabelle 5: Phonologische Merkmale der Vokale des dialektalen Französisch der

3. Phase, frühes 19. Jahrhundert, eigene Adaption der Daten von Lodge (2004, 214f.)

Tabelle 6: Phonologische Merkmale der Konsonanten des dialektalen Französisch

der 3. Phase, frühes 19. Jahrhundert, eigene Adaption der Daten von Lodge (2004, 214f.)

Tabelle 7: Beispiele für die Positionsgesetze, eigene Adaption der Daten von

Lodge (2004, 219)

1. Einleitung

Im Zentrum der vorliegenden Arbeit sollen unter Berücksichtigung externer Faktoren die sprachgeschichtlichen Entwicklungen des urbanen französischen Dialekts von Paris stehen. Im Genaueren wollen wir uns dem Zeitraum vom 12. bis 20. Jahrhundert widmen, den Lodge in drei historische Phasen gliedert, die er als pre-industrielle, proto-industrielle und industrielle Phasen der Stadt bezeichnet (Lodge 2004), sowie parallel dazu als drei sprachgeschichtliche Phasen der Koinésation, Reallocation und dialektaler Nivellierung (Lodge 1998). Diese drei sprachgeschichtlichen Phasen bilden das im Titel angekündigte Drei-Phasen-Modell, welches anhand von Entwicklungen großer Industriestädte des 19. und 20. Jahrhunderts aufgestellt wurde, und nach Lodge auf besagten ganzen Zeitraum auf Paris angewendet werden kann. Es wird sich herausstellen, dass ganz allgemein die interne Sprachgeschichte sehr viel häufiger untersucht wird als die externe, und dass darüber hinaus

eher diaphasische Untersuchungen in Bezug auf das in Paris gesprochene Französisch angestellt werden. Lodge hingegen widmet sich ganz der externen Sprachgeschichte auf diastratischer und diatopischer Ebene, wodurch seine Untersuchungen eine willkommene und wichtige Abwechslung darstellen. In unserer Arbeit müssen wir uns auf Grund der quantitativen Beschränkung mit einem bloßen Überblick der Ergebnisse von Lodges Analyse zufrieden geben, doch wollen wir diesen Abriss so prägnant wie möglich gestalten. Zu diesem Zweck werden wir unsere Abhandlung in vier Kapitel unterteilen, welche sich in der Reihenfolge an den Titel der Arbeit halten: „Externe Externe Sprachgeschichte: Das Drei-Phasen-Modell nach Lodge“.

Das erste Kapitel leitet das Thema ein, beschäftigt sich mit externer Sprachgeschichte an sich und ist folglich ein Einleitungskapitel. Wir widmen uns darin der Definition externer Faktoren und wollen auch Beispiele aus der Romania geben. Das zweite Kapitel befasst sich mit der Methodik des Drei-Phasen-Modells und beschreibt es in der Theorie. Den dritten Bestandteil bildet schließlich das Hauptkapitel, das den Kern, das thematische Zentrum unserer Ausarbeitung darstellt und in mehrere wichtige Unterkapitel gegliedert ist. Zur Einleitung wollen wir der Frage nachgehen, warum Paris sprachgeschichtlich gesehen so interessant ist, und wie man Dialekte an sich, insbesondere den Dialekt von Paris, bisher betrachtet hat. Es folgen drei Unterkapitel die jeweils eine der drei Phasen erläutern, beginnend mit den externen Faktoren in Form von historischen, geographischen und sozialen Umständen und gefolgt von linguistischen Fakten der jeweiligen Phase, soweit dies die Dokumentenlage zulässt, wobei wir konkrete Beispiele in Form sprachwissenschaftlicher Daten geben wollen. Im letzten Kapitel, der Konklusion, werden wir es vorziehen, uns mit den Grenzen der Arbeit und der Präsentation weiterer wichtiger Forschungsfelder zu befassen, anstatt eine Zusammenfassung der dargelegten Erkenntnisse zu bringen, da wir vorhaben, dies fortlaufend innerhalb des Hauptkapitels in Form von kürzeren Konklusionen zu tun.

1.1. Traditionelle Definition von interner und externer Sprachgeschichte nach Saussure

Die Unterscheidung von interner und externer Sprachgeschichte geht auf Saussure zurück, der die beiden Termini mit Hilfe eines Vergleichs zum Schachspiel zu präzisieren versucht:

Illustration 1: Unterscheidung externer und interner Faktoren nach Saussure (Ehlich 2007, 358)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Interne Sprachgeschichte basiert auf internen Faktoren, während externe Sprachgeschichte auf externen Faktoren beruht. Saussure zieht nun einen direkten Vergleich zwischen den Regeln des Schachspiels und den Regeln eines Sprachsystems: Alle Faktoren, die sich auf die Regeln auswirken, sind intern, während sich externe Fakten nach Saussure nicht auf das System auswirken. Aus diesem Grund seien sie einfach aufzuzählen, sind darüber hinaus in der Wissenschaft jedoch nicht interessant, da sie nicht theoriefähig sind. Während sich die interne Linguistik mit der langue, der Sprache als System befasst und deren Regeln systematisch und geordnet untersucht werden müssen, unterliegen externe Faktoren keinem Organisationsprinzip. Ihre Anordnung geschieht daher, wenn sie überhaupt erfolgt, subjektiv (vgl. Ehlich 2007, 357f.). Nach Saussure ist daher nur die interne Sprachgeschichte als Untersuchungsgegenstand wissenschaftlich und notwendig, während externe Faktoren quasi vernachlässigt werden können.

1.2. Kritik und neue Definitionen nach Blumenthal

Saussures Definitionen wurden vielfach kritisiert:

„Das interessanteste wissenschaftstheoretische Problem liegt in der Frage, ob die Gegenstandsbereiche von interner und externer Sprachgeschichte sowie die ihnen zu Grunde liegenden internen und externen Faktoren jeweils zwei distinkte und die Thematik vollständig ausschöpfende Klassen bzw. Mengen bilden.“ (Blumenthal 2003, 39).

Abgesehen davon, dass die Unterscheidung von „intern“ und „extern“ wohl nicht ausreicht, um sprachgeschichtliche Entwicklungen in ihrer Fülle zu erfassen, werden diese Begriffe in Bezug auf ein sprachliches System verwendet, wobei der Begriff des „Systems“ je nach theoretischem Standpunkt unterschiedlich verwendet wird, was sich natürlich auch auf die Unterscheidung von intern und extern auswirkt. Weiters ist auch Saussures Feststellung, dass externe Faktoren keinen Einfluss auf interne Sprachgeschichte haben, problematisch, denn das würde bedeuten, dass interner Sprachwandel nur aus sich selbst heraus geschehen würde. Zur Unterscheidung von interner und externer Sprachgeschichte findet man daher bei Blumenthal:

„Interne Sprachgeschichte umfasst den Sprachwandel, also Entwicklungen des sprachlichen Systems, seiner Subsysteme und Elemente. Externe Sprachgeschichte berichtet über die Ausbreitung (oder ihr Gegenteil) einer Sprache in Raum und Gesellschaft, ihre Rollen in Kultur, (ggf.) Nation und Staat sowie ihre Beziehungen zu eigenen Varianten und zu anderen Sprachen.“ (2003, 38)

Dabei ist anzumerken, dass nach heutiger Auffassung nicht nur interne, sondern auch externe Faktoren zur internen Sprachgeschichte beitragen, während externe Sprachgeschichte ihrerseits unabhängig von interner Sprachgeschichte verläuft. Man sieht also, dass die Unterscheidung intern-extern, wie Saussure sie einst gegeben hat, nicht ganz so einfach ist: Externe Faktoren können internen Sprachwandel bewirken. Interne Sprachgeschichtsbeschreibung kommt ohne die externen Faktoren nicht aus, womit diese wissenschaftlich relevant werden. Nach Blumenthal werden jedoch vor allem die Faktoren der externen Sprachgeschichte nur selten konkret genannt. Er selbst zählt an dieser Stelle vier Faktoren auf (vgl. Blumenthal 2003, 39):

1. Historische Ereignisse, wie zum Beispiel Migration
2. Sprachkontakte
3. Spannungsverhältnisse zwischen Registern und Varianten des gleichen sprachlichen Systems
4. Sprachpolitik

Weiters ist es wahrscheinlich notwendig, einen zusätzlichen Untersuchungsbereich der Sprachgeschichte einzuführen, der zwischen „intern“ und „extern“ liegt, da ein Modell, welches versucht streng in diese zwei Kategorien einzuteilen und sie gegenüberzustellen, Überschneidungen nicht sehr gut erklären kann und zu steif ist. Nach Blumenthal gehört in diesen Zwischenbereich Kulturelles/Gesellschaftliches und Innersprachliches, sodass sich ein Modell ergibt, „das neben linguistischen auch kognitionswissenschaftliche und soziologische Bestandteile enthält“ (Blumenthal 2003, 43), „wie etwa Änderungen in der Gesellschaftsstruktur, Wandel des Zeitgeistes, der Mentalität etc.“ (Barme 2012, 33).Ein Beispiel das hier zu nennen ist, wäre die Tatsache, dass französische Jugendliche sehr viel innovativer bei der Verwendung von Akronymen in ihren SMS sind als etwa deutsche Altersgenossen, was im Grunde an klar ersichtlichen Unterschieden im Schul- bzw. Universitätsunterricht liegt: In Frankreich wird mehr Wert auf reine Wissensvermittlung gelegt und weniger auf die Reflexion, weswegen französische Schüler und Studenten versuchen, sehr viel mitzuschreiben. Dabei entwickeln sie ein Abkürzungssystem, welches auch in außerschulischer, schriftlicher Nähesprache wie zum Beispiel beim SMS-Schreiben, zur Anwendung kommt. Deutsche Schüler und Studenten schreiben hingegen vorwiegend auf, was sie verstanden haben und entwickeln daher kein Abkürzungssystem (vgl. Paillard 2005, 261f. zitiert in Barme 2012, 33f.). Die Art der Vermittlung von Wissen im Unterricht ist also ausschlaggebend für eine Innovationsfreude, für eine Mentalität die sich wiederum auf die Alltags(schrift)sprache auswirkt. Sprachgeschichtliche Faktoren, die, wie in diesem Fall, weder als völlig intern noch als total extern bezeichnet werden können, wären genau in dem von Blumenthal (2003) beschriebenen Zwischenbereich einzuordnen.

1.4. Externe Faktoren der romanistischen Sprachgeschichtsschreibung

Es ist erstaunlich, dass der internen Sprachgeschichte generell viel mehr Beachtung geschenkt wurde als der externen (vgl. Hunnius 2008, 2430), denn die Frage nach den Gründen der Aufgliederung der Romania, die zwischen dem 6. und 8. Jahrhundert stattgefunden hat, kann hauptsächlich durch externe Faktoren beantwortet werden: Die politische und kulturelle Zersplitterung schuf die Voraussetzungen für Substrat-, Superstrat- und Adstratwirkungen. Den externen Faktoren wird deswegen in Bezug auf die Entwicklung der romanischen Sprachen das größere Veränderungspotenzial zugesprochen.

Was die Sprachgeschichtsschreibung der einzelnen romanischen Sprachen betrifft, wollen wir uns einige konkrete Beispiele anschauen (vgl. Blumenthal 2003,41f.):

Rumänien : Die relativ geringe Ausprägung von Dialekten lässt sich durch langanhaltende Völkerwanderungen erklären. Weiters wird untersucht, in wie weit historische und geistesgeschichtliche Faktoren zu der relativ späten Herausbildung der Nationalsprache beigetragen haben.

Italienisch : In der italienischen Sprachgeschichtsschreibung wird der langanhaltende Einfluss des Lateinischen, die dialektale Situation und ihre Auswirkung auf die Standardsprache, sowie die Verbreitung der italienischen Schriftsprache und deren Einfluss untersucht.

Französisch : Vorwiegendes Interesse gilt den Auswirkungen der auf die sprachliche Einigung ausgerichteten Sprachpolitik, die Zurückdrängung von Latein, und die Frage nach der Weltgeltung des Französischen.

Spanisch : Abgesehen davon, dass für das Spanische die internen und externen Faktoren am verwobensten präsentiert werden, werden für die Ausbreitung der Nationalsprache relevante historische und geographische Faktoren untersucht.

Portugiesisch: Untersucht werden vor allem der Beitrag der jesuitischen Erziehung zur Relatinisierung, der Einfluss des Französischen und der zwei Jahrhunderte andauernde Bilinguismus Spanisch-Portugiesisch.

2. Das Drei Phasen-Modell nach Lodge

2.1. Einleitung

In den vergangenen zwei Jahrzehnten wurde das Interesse an der Geschichte des gesprochenen Französisch neu entfacht, wobei vor allem diaphasische Untersuchungen angestellt wurden, die sich auf die Unterschiede zwischen geschriebenem und gesprochenem Französisch beziehen. Lodge hat hingegen als erster ein Modell entworfen, das auf sozialer Ebene, diastratisch und diatopisch, die Geschichte der Variation des in Paris gesprochenen dialektalen Französisch beschreibt (vgl. Lodge 1998, 95). Lodge konzentriert sich also auf externe, soziolinguistische Entwicklungen des Pariser Französisch und nicht auf interne Aspekte, wobei er es ablehnt, diese beiden Bereiche strikt zu trennen, da Überlappungen, wie bereits beschrieben, unausweichlich sind. Wir wollen uns nun Lodges Modell widmen und die traditionelle und moderne Betrachtung des urbanen französischen Dialekts, mitsamt Kritikpunkten und Grenzen, beschreiben, um schließlich das Modell auf eben diesen Dialekt anzuwenden.

2.2. Die Methodik des Drei-Phasen-Modells: Ein Überblick

Mehrmals betont Lodge, dass die Untersuchung urbaner Dialekte in der nahen Vergangenheit große Fortschritte gemacht hat und vermehrt im Mittelpunkt des Interesses von Linguisten steht. Zu nennen wären hier vor allem Untersuchungen zum Englischen, Italienischen und Deutschen, während Untersuchungen der urbanen Dialekte des Französischen im Vergleich dazu noch relativ rar sind (Lodge 1998, 98). Auf Grund eines Vergleichs der Entwicklung urbaner Dialekte in Europa im 19. Jahrhundert, wie zum Beispiel in Belfast, Berlin oder Roubaix, zieht Lodge den Schluss, dass es gewisse generell beobachtbare Tendenzen in der Evolution der oralen Sprache gibt, welche zyklisch in drei Phasen verlaufen und sich durch alternierende konvergente und divergente Bewegungen ausmachen (vgl. Lodge 1998, 98f.). Wir wollen diese drei Phasen zuerst im Allgemeinen vorstellen, bevor wir sie in Hinblick auf die Pariser Dialektentwicklung anwenden (vgl. Lodge 1998, 98f.; Lodge 2004, 29ff.):

2.2.1. Koinéisation

Koinéisation bedeutet Vereinfachung und Nivellierung verschiedener, in der Stadt in Kontakt stehender Dialekte, was je nach Intensität des Kontakts die Entstehung eines neuen urbanen Dialekts verursacht. Genauer gesagt werden die Merkmale verschiedener Dialekte gemischt, was zu einem Kompromiss-Dialekt führt.

Der Begriff der Koinéisation ist von dem altgriechischen κοινή abgeleitet und war ursprünglich der Ausdruck für die gemeinsame Sprache, die im hellenistischen Reich in der verwendet wurde. Die Koiné war auf der Grundlage des attischen Dialekts durch Mischung mit anderen Dialekten entstanden (Selig 2008, 73). Heute wird der Begriff über seine ursprüngliche Bedeutung hinaus vor allem bei der Entwicklung von Kreols verwendet (vgl. Lodge 2004, 29f.), er kann jedoch auch auf die Entwicklung neuer urbaner Dialekte angewandt werden, und beschreibt somit „a historically mixed but synchronically stable dialect which contains elements from the different dialects that went into the mixture, as well as interdialect forms that were present in none” (Trudgill 1986, 107f. zitiert nach Lodge 1998, 29). Der Vorgang, bei dem sich eine solche Koiné entwickelt, wird folglich „Koinéisation“ genannt (Selig 2008, 71). Die Grundprozesse unter denen ein Koiné entsteht sind Mischung, Vereinfachung und Nivellierung. Lodge beschreibt folgendes Szenario für die Entwicklung eines urbanen Dialekts, der nahelegt, warum man von einer Koiné sprechen kann (vgl. Lodge 2004, 30): Der rurale Dialekt einer kleinen Provinzstadt, welche von anderen, ähnlich großen Städten umgeben ist, wird unbemerkt eins werden mit dem überstädtischen Dialekt dieser Gegend. Anders ist es jedoch, wenn diese Stadt wächst und zu einer Großstadt wird, denn solch ein Wachstum geht mit der Zuwanderung von Menschen anderer Regionen einher, deren Dialekte dem ursprünglich in dieser Stadt gesprochenem Dialekt nicht benachbart sind. Mit wachsender Bevölkerung kommt es also auch zu einer wachsenden Mischung von verschiedenen Dialekten und neue linguistische Formen, vielleicht aus anderen urbanen Zentren. Desto größer die Stadt wird, desto vermehrt kommt es zu innerstädtischem Sprachkontakt, das Ergebnis der Angleichung und Mischung wird die Etablierung linguistischer Merkmale mit sich bringen, wodurch sich der urbane Dialekt von demjenigen der umliegenden Provinzstädte und Dörfer nach und nach schließlich unterscheiden wird, bis und so dass man von einem neuen Dialekt sprechen kann. Auf Grund der Tatsache, dass die Stadt wächst und an Bedeutung gewinnt, verringert den außerstädtischen Kontakt und somit den Einfluss von umliegenden Dialekten. Aus diesem Grund kommt es zu einer soziolinguistischen innerstädtischen Fokussierung, welche nach und nach dazu führt, dass sich der Dialekt der Stadt von demjenigen umliegender Städte unterscheiden wird.

Zu einer Koinéisation kann es außerdem nur dann kommen, wenn es ein rasches Bevölkerungswachstum gibt. Wenn nur wenige Immigranten über einen längeren Zeitraum in die Stadt ziehen, ist es sehr wahrscheinlich, dass deren Dialekte über die Generationen hinweg verschwinden, und der Dialekt der einheimischen Stadtbevölkerung übernommen wird. Bei starker Einwanderung von Immigranten verschiedener Regionen in kurzer Zeit und damit einhergehendem neuen Proportionsverhältnis zwischen Bewohnern und Immigranten, kommt es jedoch zu einer gegenseitigen Beeinflussung und zu einem raschen Wandel im urbanen Dialekt, was zu besagter Koinéisation führen kann.

2.2.2. Réallocation de variantes dialectales

Nach dem Vorgang der Übereinstimmung nicht-benachbarter Dialekte im urbanen Milieu, sprich nach der Koinéisation, kann es zu einer zweiten Phase kommen, in welcher es unter bestimmten Umständen zu einer Auseinanderentwicklung in der Sprachverwendung der neuen, urbanen Gesellschaft kommen kann. Das heißt, es bestehen erneut bestimmte Varianten, welche einer sozialen und stilistischen Differenzierung unterliegen, bedingt durch soziale Barrieren:

„Even after koinéization […] some variants left over from the original mixture may survive. Where this occurs, reallocation may occur, such that variants originally from different regional dialects may in the new dialect become social-class dialect variants, stylistic variants, areal variants, or, in the case of phonology allophonic variants.”

(Trudgill 1986, 126 zitiert nach Lodge 2004, 30).

Die verbleibenden dialektalen Varianten können von der ganzen städtischen Sprechergemeinschaft als stilistische Varianten verwendet werden, oder sie werden zu Varianten bestimmter Untergruppen der Gesellschaft, welche geographisch oder sozial bestimmbar sind.

Weiters kann es dazu kommen, dass bestimmte Gruppen sich vom Rest der Gesellschaft abgrenzen wollen und eigene, gruppeninterne, identitätsstiftende Normen entwickeln. Dabei können linguistische Merkmale von außen entlehnt werden, primär wird jedoch schon vorhandenes dialektales Material neu geordnet. Während Réallocation normalerweise unbewusst geschieht, kann man bei solchen Entwicklungen von bewusster, klassenbasierter Kodifizierung sprechen.

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Details

Seiten
40
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656549161
ISBN (Buch)
9783656548911
Dateigröße
1.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v265423
Institution / Hochschule
Universität Wien – Romanistik
Note
1,0
Schlagworte
externe sprachgeschichte drei-phasen-modell untersuchungen anthony lodge entwicklung dialekts paris

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