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Roma-Kinder zwischen Familie und Staat

Zwischen Traditionen und Integration

Hausarbeit 2011 14 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1 Einleitung

2 Roma-Kinder zwischen Familie und Staat
2.1 Das Kind in der Roma-Familie
2.2 Geschlechterrollen der Roma-Kinder
2.3 Bildung. Ursache und Folge von Lebensumständen

3 Schlusswort

4 Literaturverzeichnis

1. Einleitung:

Spätestens seit der EU-Osterweiterung wird die Situation der Roma und Sinti in Europa politisch diskutiert. 2005 bis 2015 wurde zur Dekade der Roma-Einbeziehung erklärt. Der Vorsitzende des Zentralrats deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, fordert die Realisierung der Gleichstellung der zehn bis zwölf Millionen Roma und Sinti in Europa. Neben dem „Rahmenübereinkommen vom Schutz nationaler Minderheiten“ des Europarats erklärt er weitere positive Aktionen seitens der Politik für notwendig. In ganz Europa sollten Roma und Sinti in politischer wie gesellschaftlicher Praxis als nationale Minderheit anerkannt, geschützt und gefördert werden. Dazu gehören vor allem die Herstellung menschenwürdiger Wohnverhältnisse, die Kostenübernahmen im Rahmen staatlicher Sozialhilfe um Ghettos aufzulösen und die Herstellung chancengleicher Bildung ohne Segregation (Rose 2010: 8-9). In einem Radiointerview des Schweitzer Radiosenders DRS mit dem ungarischen Pfarrer Levente Shohaida geht es um genau diesen letzten Aspekt „Bildung als Ausweg aus der Misere“ (Lüthi 2010). Nach dem Shohaida und seine Frau als HEKS1 -Stipendiaten in Zürich mit Straßenkindern gearbeitet hatten, entwickelten sie ein Projekt in Ostungarn, welches Roma Kinder motivieren soll zur Schule zu gehen. Schule solle nicht das Buchstaben- und Zahlenlernen bedeuten, sondern direkt lebensnahe Aspekte vermitteln. Die Kinder sollen sich mit Fragen wie: „Was will ich, wie verwirkliche ich etwas?“ und „Wie übernehme ich Verantwortung?“ beschäftigen. Shohaida erklärt die Methoden der letzten 30 Jahre für falsch. Die rein finanzielle Hilfe konserviere nur die Verhältnisse (Lüthi 2010). Dies bedeutet, dass die Roma die passive Rolle der separierten Empfänger behalten, ohne aktiv in die Verbesserung der Situation einbezogen zu werden. Wo beginnt man, will man die mehrheitlich schlechte soziale Position der Roma begründen? Einerseits muss man weit in die Geschichte zurück schauen.Wie und warum verließen sie Indien um 600 nach Christus? Wie kamen sie nach Europa? Auf welche Art wurden sie empfangen? Dies ist ein komplexes Forschungsfeld vor allem geschichtswissenschafftlicher Art. Ich gehe im Folgenden aus ethnologischer Sicht auf einen anderen zentralen Ursachenbrennpunkt ein: die Kindheit bei den Roma und Sinti. Diese Zeit ist von fundamentaler Bedeutung für die wissenschaftliche Analyse sozialer Verhältnisse, da es die ausschlaggebende Zeit ist, in der sich Hauptcharakteristika ausbilden und Grundregeln der Gesellschaft und Kultur erlernt werden. Späteres Handeln und Entscheiden wird quasi vorprogrammiert. In jeder Kultur variiert die Balance zwischen dem, was die Gesellschaft und dem, was das Individuum will. Die Roma haben eine individualistische Kultur, die sich jedoch gemeinsam erhält (Gropper 1975:123). Das Kind als handelndes Subjekt innerhalb dieser Kultur bewegt sich ständig zwischen der Roma-Gemeinschaft und der Nicht-Roma- Gesellschaft. Es wird konfrontiert mit Vorurteilen der einen und der anderen Seite. Von Anfang an wird ihm von den Roma ein freier Wille zugesprochen, mit dem es Entscheidungen treffen kann. Es spielt eine wichtige Rolle in seiner Roma-Familie, welche jedoch oft konträr zu dem ist, was von staatlicher Seite verlangt wird. Ein Kreislauf aus Bildungsmangel, der zu Arbeitslosigkeit und Marginalisierung führt und in einer immer schlechter werdenden sozialern Situation und katastrophalen Lebensumständen mündet.

Anhand von Statistiken werden Probleme erläutert; der allgemeine Umgang mit dem Kindsein und Heranwachsen wird von Ethnologen beschrieben, doch kaum aus der Sicht des Kindes gesehen. Wie verläuft Kindheit, abhängig von Familie, Geschlecht und Bildungssystem?

2.Kindheit zwischen Familie und Staat

2.1 Das Kind in der Roma-Familie

Ilona Tomova beschreibt Familie als fundamentalen Wert und wichtigstes soziales Bauteil im Leben der Roma. Hierfür bedient sie sich eines Zitats von Jean-Pierre Liégois, um den Aspekt der Familie als Stabilität innerhalb der Roma-Gesellschaft zu verdeutlichen:

„In the lives if the Gypsies and travellers everything revolves around the family, the basic unit in social organisation, the system of family groups, the economic unit in which work is carried out and working solidarity is exercised, the educational unit which ensures social reproduction and security, and protection of the individual [...] a synonym of stability.“ (Tomova 1995:33)

Tomova schildert das enge Beisammenleben innerhalb einer Roma-Familie. Teils wird das Elternhaus je nach Kinder- und Enkelzahl erweitet, teils ziehen die Familien der Kinder in die unmittelbare Nachbarschaft. So entstehen häufig ganze Straßenzüge, die von einer Familie bewohnt werden. Dementsprechend stark basiert die gesamte soziale Organisation auf Verwandtschaftsbeziehungen (Tomova 1995:33). Jakoubek untersuchte „ciganské osady“2, um genealogisch soziale Tatsachen zu legitimieren. Er stellte ein Raster zu Ausdruck und Manipulation sozialer, wirtschaftlicher, rechtlicher und politischer Beziehungen auf. Hierfür beschreibt er, dass die kognatischen Verwandtschaftsgruppen durch Heirat, Migration, ökonomische Belastungen, persönliche Bindungen und Antagonismen geprägt werden. Innerhalb dieser Gruppen spielt sich der größte Teil des sozialen Lebens ab. Es wird bevorzugt unter Cousinen und Cousins verschiedenen Grades aus der selben kognatischen Verwandtschaftsgruppe geheiratet. Das Zentrum dieser Gruppe bilden die jeweiligen Kernfamilien, einschließlich der Schwiegertöchter. Spätestens, wenn die Familie des Sohnes Kinder bekommt wird ein Auszug und Aufbau eines eigenen Haushalts erwartet. Hierbei wird in die Nähe des Elternhauses des Ehemanns gezogen.3 Die Hausanordnung im Ort entspricht meist dem Verwandtschaftsgrad (Jakoubek 2008:193-198). Während Schwangerschaft als Krankheit gesehen und Sexualität tabuisiert wird, sind Fruchtbarkeit und Geburt etwas Positives, was man feiert. Die Geburt selbst wurde oft isoliert durchgeführt. Gropper beschreibt wie Frauen in ihrem Wagen eigenständig und ohne Hilfe Kinder gebären. Heute ist dies nicht mehr der Fall (Gropper 1975:124-125). In den ersten sechs Wochen nach der Geburt eines Kindes werden Mutter und Kind separiert. In dieser Zeit dürfen sie nur von Frauen aus der Familie besucht werden. Männern würde die Begegnung mit ihnen in der „marime“ Periode Unglück bringen (Stewarm 1997:215-216). Heute beschränkt sich dieser Zeitraum meist auf den Aufenthalt im Krankenhaus. Die „marime“ oder „reine“ Periode ist die einzige Zeit, in der Ehefrau oder Schwiegertochter von ihren Pflichten befreit sind. Das Neugeborene wird in dieser Phase meist getragen und nie außer Sichtweite der Mutter gelassen (Gropper 1975:126). Nach den ersten sechs Wochen findet die Taufe statt. Erst nach dieser wird das Kind offizielles Mitglied der Gruppe. Es wird ein Pate bestimmt. Der Pate sollte der selber Religion angehören und einen möglichst hohen Status haben. Besonders bevorzugt werden reiche und einflussreiche Paten (Gropper 1975:129). Die Rolle des Paten ist wichtig. Er und automatisch auch seine Frau sind verantwortlich für das Kind und den zurückbleibenden Elternteil im Falle des Todes eines der Eltern (San Roman 1975:188). Der Pate wird strategisch gewählt, weswegen ihn Jakoubek als genealogische Manipulation, bzw. politische Strategie aufführt. Mit der Taufe wird er in die Familie des Kindes eingegliedert. Eine Heirat zwischen Paten- und Patenkindfamilien wäre Inzest (Jakoubek 2008:203-204). Die Taufe beinhaltet die zeremonielle Nennung eines Paten und ein Trinkfest unter Männern, die abwechselnd Toasts auf das Kind aussprechen (Gropper 1975:129).

[...]


1 HEKS - Hilfswerk der evangelischen Kirchen Schweiz

2 Zigeunersiedlungen in der Ostslowakei

3 Patrilokalität

Details

Seiten
14
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656551119
ISBN (Buch)
9783656551218
Dateigröße
362 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v265481
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Ethnologie
Note
1,7
Schlagworte
roma-kinder familie staat zwischen traditionen integration

Autor

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Titel: Roma-Kinder zwischen Familie und Staat