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Der Machtbegriff Bruno Latours in der Akteur-Netzwerk-Theorie

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 14 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Latour und die Akteur-Netzwerk-Theorie

3. Latours Vorstellung von Macht

4. Eine erweiterte Perspektive auf Latours Machtbegrif

5. Schlussfolgerunge

6. Quellen

1. Einleitung

Macht gehört sicherlich zu den zentralsten Begriffen innerhalb der Sozialwissenschaften. Es gibt kaum Theoretiker, die sich diesem Begriff nicht in der ein oder anderen Weise zugewendet haben. Ohne auf alle Machtbegriffe innerhalb der letzten 400 Jahre sozialwissenschaftlicher Theorie einzugehen erscheint es wichtig, auf die große Relevanz des Begriffs innerhalb sozialwissenschaftlicher Theoriegeschichte zu verweisen. Bereits bei Macchiavelli und Hobbes im 15. und 16. Jhd. ist Macht zentrale Kategorie des Denkens. Weber hat Anfang des 20. Jahrhunderts den Begriff weiter konzeptualisiert, der damit zur Grundlage vieler gesellschaftstheoretischer Überlegungen wurde. Foucault hat den Begriff in den 60er- und 70er Jahren des letzten Jahrhundert in völlig neuer Weise definiert und einen eher diskursgeleiteten Machtbegriff eingeführt. Mit Bruno Latour verändert sich der Begriff der Macht allerdings stark, da dieser sich von bestimmten Vorstellungen von Gesellschaft, aber auch von einem starren Machtbegriff lösen will.

In dieser Arbeit soll der Machtbegriff Bruno Latours, wie er ihn selbst in seinem Essay „Die Macht der Assoziation“[1] herausgearbeitet hat, erläutert und analysiert werden. Zu Beginn soll der Begriff geklärt werden um folgend auf theoretische Ungenauigkeiten und analytische Schwachstellen einzugehen. Da Latours Vorstellung von Macht viel mit der Vorstellung von Macht Michel Foucaults gemein hat, soll auch darauf gesondert eingegangen werden.

Hierbei ist zu erwähnen, dass Macht in Foucaults gesamtem Werk ein Begriff von hoher Relevanz ist. Innerhalb seiner drei Schaffensphasen geht er immer wieder auf den Begriff ein und verändert dabei auch seine Vorstellung von Macht. Um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen, soll Latours Machtbegriff besonders mit Foucaults Vorstellung von Macht in seiner dritten Schaffensphase verglichen werden, in der er zum großen Teil von Techniken der Macht, der „Mikrophysik der Macht“ spricht.[2] Dieser Begriff von Macht lässt sich besonders gut mit Latour vergleichen, da er sich über dieselbe Perspektive nähert, über kleinteilige Elemente der Konstitution von Macht.

Bevor mit der Analyse begonnen werden soll, erscheint es sinnvoll, Latour im Feld soziologischer Theorien zu verorten und auf die von ihm und Michel Callon begründete Akteur-Netzwerk-Theorie einzugehen.

2. Latour und die Akteur-Netzwerk-Theorie

Latour zählt zu den Vertretern der Techniksoziologie, bewegt sich aber auch in Bereichen der Wissens- und Wissenschaftssoziologie. Bekannt wurde er mit der Akteur-Netzwerk-Theorie, die sich insbesondere durch den speziellen Akteursbegriff auszeichnet. In diesem Zusammenhang exemplarisch erscheint die Studie zu den Fischern in der St. Brieuc-Bucht.[3] Als Akteure werden nicht mehr nur noch menschliche Individuen betrachtet, sondern auch nicht-menschliche Gegenstände wie zum Beispiel die Kammmuschel. Auch diese stehen in Wechselwirkung mit menschlichen Akteuren. Insofern treten auch technische Gegenstände als soziale Akteure auf. Im Hinblick auf Simmels Vorstellung von Soziologie als Wissenschaft, die die sozialen „Wechselwirkungen“[4] untersucht, lassen sich die Interaktionen mit nicht-menschlichen Akteuren[5] mit einbeziehen, Latour erweitert gewissermaßen den Gegenstandsbereich der Soziologie. Akteure schließen sich zusammen zu Netzwerken, in denen Interaktionen stattfinden, die Netzwerke selbst interagieren jedoch auch mit anderen Netzwerken. Ist ein Akteur-Netzwerk organisational geschlossen, spricht man von einer „Blackbox“. Setzt sich ein Netzwerk aus menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren zusammen, spricht Latour von heterogenem Netzwerk. Einfache Blackboxes (die häufig gleichzeitig ein heterogenes Netzwerk darstellen) bezeichnet Latour als Aktanten – als Beispiel ließe sich ein Mensch mit einer Pistole anführen.

Latour entwickelte den Großteil seiner Theorien seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts bis heute. Als wichtiger Einflussfaktor lassen sich sicherlich die Theorien Foucaults anführen, mit dem er einige theoretische Gemeinsamkeiten besitzt, auch in Bezug auf den Begriff der Macht. Latour möchte sein Verständnis von Soziologie jedoch stark abgrenzen von der damaligen Mainstream-Soziologie, die einen seiner Ansicht nach zu vereinfachten Sozialkonstruktivismus und eine zu mechanische Vorstellung von gesellschaftlicher Interaktion vertrat.[6] Viele Unterscheidungen der Mainstream-Soziologie lehnt Latour ab, die Unterscheidung von Natur-Gesellschaft oder die Unterscheidung von Mikro- und Makrosoziologie. Gerade die Perspektive makrosoziologischer Theorie hält er für abwegig, da sie die sie konstituierenden Praktiken ignoriert.[7] Gesellschaft konstituiert sich für ihn in erster Linie durch die Praxis, also durch die Interaktionen der Akteure im Hier und Jetzt.[8] Diese Annahme entwickelt sich zur wichtigen Prämisse seines Machtbegriffs.

3. Latours Vorstellung von Macht

Latour sieht einen grundlegenden Unterschied zwischen Macht haben (in potentia) und Macht ausüben (in actu), er unterscheidet also zwischen Möglichkeit zur Macht und der realen Ausübung von Macht. Hat eine Person Macht, geschieht nichts und sie ist machtlos.[9] Übt sie Macht aus, führen andere Personen in Folge dessen Handlungen aus. Für Latour ist Macht keine Eigenschaft (Macht haben), sondern viel mehr Resultat gesellschaftlicher Praxis.

Um das Phänomen Macht besser erklären zu können, entlehnt er der Physik zwei Modelle der Kraftübertragung, das Diffusionsmodell sowie das Übersetzungsmodell. Dem vorherrschenden Machtbegriff der Sozialwissenschaft ordnet er das Diffusionsmodell zu, seinem eigenen hingegen das Modell der Übersetzung.

Das Diffusionsmodell beginnt dabei mit gänzlich anderen Prämissen. Eine Initialkraft kann einen Token (eine Anordnung, ein Anspruch oder Artefakt) in Bewegung setzen. Die Initialkraft ist dabei die einzige Quelle von Energie, die Trägheit konserviert diese Energie, während sich der Impetus durch das Medium fortsetzt. Der Impetus wäre beispielsweise ein Befehl, das Medium wäre die Gesellschaft bzw. die gehorchenden Personen. Ähnlich wie ein U-Boot sich durch das Medium Wasser bewegt, bewegt sich ein Befehl durch eine Befehlskette. Das Wasser bietet dem U-Boot Widerstand, wie die Personen einen Widerstand gegenüber dem Befehl darstellen. Dabei gilt als zentrales erklärendes Element der Impetus, beispielsweise der Befehl eines „Machthabenden“.[10]

[...]


[1] Bruno Latour: Die Macht der Assoziation; in: Belliger, Krieger (Hrsg.): Anthology.Ein einführendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie, 2006

[2] Insbesondere in: Foucault, Michel: Mikrophysik der Macht. Über Strafjustiz, Psychiatrie und Medizin, Berlin, 1976

[3] Callon, Michel: Einige Elemente der Soziologie der Übersetzung: Die Domestikation der Kammmuscheln in der St. Brieuc-Bucht, in: Belliger, Krieger (Hrsg.): Anthology.Ein einführendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie, 2006

[4] Simmel, Georg: Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung , Leipzig, 1908, Kap. 1, S.7

[5] Vgl. hierzu auch Callon, Michel: Die Soziologie eines Türschließers; in: Belliger, Krieger (Hrsg.): Anthology.Ein einführendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie, 2006

[6] Schulz-Schaeffer, Ingo: Akteur-Netzwerk-Theorie; in: Mohr, Arno (Hrsg.): Soziale Netzwerke, Konzepte und Methoden der sozialwissenschaftlichen Netzwerkforschung, München, 2000, S. 196

[7] Latour, Bruno: Technik ist stabilisierte Gesellschaft, in: Belliger, Krieger (Hrsg.): Anthology.Ein einführendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie, 2006, S. 384

[8] Bruno Latour: Die Macht der Assoziation; in: Belliger, Krieger (Hrsg.): Anthology.Ein einführendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie, 2006 S. 207

[9] Ebd. S. 195

[10] Ebd. S. 198

Details

Seiten
14
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656551614
ISBN (Buch)
9783656551706
Dateigröße
676 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v265517
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Institut für Grundlagen der Sozialwissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Macht Akteur-Netzwerk-Theorie Latour Foucault Performativität

Autor

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Titel: Der Machtbegriff Bruno Latours in der Akteur-Netzwerk-Theorie