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Untersuchung der Modalpartikeln im Russischen im Vergleich zu den Modalpartikeln im Deutschen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 21 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Definition der Modalpartikeln
1.1. Klassifikation der Partikeln
1.2. Verwendung der Modalpartikeln

2. Polyfunktionalität der Partikeln

3. Modalpartikeln im Russischen
3.1. Unterscheidungskriterien
3.2. Illokutionsbezogene Merkmale

Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Einleitung

Die folgende Arbeit ist der Untersuchung der Modalpartikeln im Russischen gewidmet, die auf der Partikelnforschung im Deutschen basiert.

Bis vor wenigen Jahrzehnten wurden Modalpartikeln von Linguisten als bedeutungslose Füllwörter betrachtet. In der ersten Arbeit zu Modalpartikeln, der 1963 erschienenen Dissertation von Krivinosov, misst ihnen der Autor keine feste selbständige Bedeutung außerhalb des Kontextes bei.[1] Die Analyse vom sprachlichen Material im Hinblick auf die Partikelbedeutungen hat jedoch zu dem Schluss verleitet, Modalpartikeln spielen eine wichtige Rolle in der gesprochenen Sprache und ihre Verwendung unterliegt bestimmten Konventionen. Dabei ist es notwendig, folgende Grundannahmen über Sprache zu berücksichtigen: Der Sprecher benutzt die Sprache, um etwas zu bewirken oder zu erreichen, und nicht um semantische Bedeutungen zu realisieren. Laut der Sprechakttheorie von Austin[2], wird das Sprechen als eine spezifische Art menschlichen Handelns betrachtet. Mit allem, was der Sprecher sagt, meint er etwas ganz Bestimmtes, aber nicht alles, was er meint, sagt er explizit. Es scheint sogar eine Konvention zu geben, nie das direkt zu sagen, was man meint. Die Analyse der Modalpartikeln lässt den Schluss zu, dass gerade diese Partikeln hervorragend dazu geeignet sind, die Lücke zwischen der wörtlichen Bedeutung des Aussage und der eigentlichen Intension der Sprecher (Implikatur[3]) zu überbrücken oder zu verkleinern.

Wie die deutsche Sprache, ist auch die russische Sprache besonders reich an Partikeln. Daher ergibt sich die Frage, ob sich auch einige 1:1 Entsprechungen in beiden Sprachen angeben lassen. Kann man die Modalpartikeln unter dem Aspekt der Äquivalenz der Modalpartikel-Homonyme übersetzen, oder werden sie unter Berücksichtigung ihrer spezifischen Funktionen im konkreten Kontext übersetzt? Eine Regularität kann man jedoch beobachten, in einigen Fällen scheint sie sogar bis zu den Modalpartikeln hinzureichen, wie mit dem Paar nur - tol'ko ('nur'), die eine ähnliche Bedeutung haben, sowohl in der Funktion der Adverbien, als auch in der Funktion der Modalpartikeln in bestimmten Typen von Fragesätzen.

1. Definition der Modalpartikeln

1.1. Klassifikation der Partikeln

Um die Modalpartikeln zu definieren, muss man zunächst die größere Gruppe der Partikeln beschreiben. Danach werden die Modalpartikeln davon abgegrenzt. Bei der Verwendung des Terminus "Partikel" in der Linguistik wird von zwei Deutungsansätzen ausgegangen. Einerseits ist unter Partikeln die Gesamtheit der unflektierten Wörter zu verstehen, andererseits nur eine bestimmte Gruppe der unflektierten Wörter.

Als Partikel im weiteren Sinne wird die Gruppe der Unflektierbaren bezeichnet. Partikel als Oberbegriff umfasst Präpositionen, Konjunktionen, Adverbien, und Partikeln im engeren Sinne. In diesem Hinsicht, scheint es problematisch zu sein, dass das Hauptmerkmal der Partikeln gerade ihre Unflektierbarkeit ist, was kein ausreichendes Kriterium für ihre Unterscheidung zu den anderen Unflektierbaren ist. Infolgedessen, stellt Thurmair (1989:8-9) die folgende Klassifikation von Partikeln im Deutschen dar: die Partikelklassen sind Präpositionen, Konjunktionen, Konjunktionsadverbien, Adverbien, Satzadverbien, Modalpartikeln, Steigerungspartikeln, Gradpartikeln (Fokuspartikeln[4]), Negationspartikeln, Gliederungspartikeln und Interjektionen. Weiterhin bezeichnet sie diese einzelnen Subklassen nicht als Wortarten sondern als Funktionen (vgl. Thurmair 1989:9). Darauf folgend werden die häufigen Fälle der Homonymie unter Partikelklassen als Polyfunktionalität der Partikeln erklärt. Diese Terminologie wird nunmehr weiter verwendet.

Nachdem die Gruppe der Partikeln beschrieben ist, werden die formalen Eigenschaften der Modalpartikeln untersucht, um eine genaue Abgrenzung verschiedener Funktionen voneinander zu ermöglichen (vgl. Thurmair 1989:10-19). Da bei den Partikeln morphologische Kennzeichen fehlen (im Gegensatz zu den Flektierbaren), lässt sich ihre Funktion nur aufgrund ihres Verhaltens im Text erkennen. Im Folgenden wird gezeigt, inwieweit sich die Modalpartikeln in syntaktischer und prosodischer Hinsicht von den anderen Partikeln unterscheiden (s. Tabelle 1).

Erstens unterscheidet Betonung sofort alle anderen Partikeln von den Modalpartikeln, die letzten tragen in einem Satz nie einen Fokusakzent. Zum Beispiel, im Satz Was machst DU denn da? wird die Modalpartikel denn nicht betont. Dagegen, im Satz Ich halte heute ein Referat, DENN ich brauche den Schein wird die Konjunktion denn betont.

Zweitens können Modalpartikeln auch nie isoliert erscheinen, das heißt, sie müssen unbedingt in einen Satz eingebettet sein, im Gegensatz zu fast allen anderen Partikeln, die auch alleine stehen können. Z.B., Du bist mir auch eine (auch als Modalpartikel wird nicht isoliert ), dagegen Studierst du Kunst? - Auch. (auch als koordinierende Konjunktion).

Eine Reihe von syntaktischen Kennzeichen basiert auf dem topologischen Grundmodell, weil gerade das Stellungsverhalten der Partikeln eines der wichtigsten Unterscheidungskriterien ist. Partikeln unterscheiden sich darin, ob sie ein Satzglied bilden (alleine oder mit anderen Konstituenten) oder nicht. Im Folgenden wird getestet, ob Modalpartikeln das satzgliedhafte Verhalten haben. Es wird untersucht, ob die Modalpartikeln im Vor- oder Vorvorfeld auftreten und ob sie als Antwort dienen können. Die Vorfeldstellung erweist sich mit den meisten Partikeln als möglich, aber sehr selten mit den Modalpartikeln, z.B. wie im Satz Immerhin haben wir schon die Hälfte, wo das Konjunktionaladverb immerhin allein im Vorfeld steht, oder im Satz Sehr gut hat mir dein Gedicht gefallen, wo die Steigerungspartikel sehr mit Bezugskonstituente das Vorfeld besitzt. Modalpartikeln können nur in einem Fall im Vorfeld benutzt werden, nämlich, kombiniert mit einem w-Wort, wie z.B., Was nur hat sie an ihm gefunden? (vgl. Thurmair 1989:27).

Koordinierende Konjunktionen stehen immer im Vorvorfeld und sie sind meistens intonatorisch integriert, wie im Satz Aber er hat das nicht gemacht. Die anderen Partikeln sind meistens intonatorisch nicht integriert, sie werden betont und sind von dem Restsatz durch eine Pause abgesetzt, was im Schriftbild durch Komma, Doppelpunkt oder Gedankenstrich markiert wird. Z.B., Ja , das stimmt, wo ja die Funktion der Gliederungspartikel hat. Modalpartikeln stehen äußerst selten an der Satzspitze, nur im Vorfeld und nie im Vorvorfeld. Sie können niemals allein das Vorfeld füllen. Das Kriterium der Nicht-Vorfeldfähigkeit wird benutzt, um die Modalpartikeln von Gradpartikeln und Satzadverbien abzugrenzen, weil Gradpartikeln mir einer Bezugskonstituente im Vorfeld stehen können (z.B., Nur er könnte das Problem lösen) und Satzadverbien normalerweise das Vorfeld alleine besetzten (z.B., Hoffentlich wird er es noch sagen) (vgl. Thurmair 1989:27). Dieses Kriterium hilft außerdem, die Modalpartikeln von Konjunktionsadverbien abzugrenzen, z.B., Schließlich hat er es gesagt.

Nur Adverbien (oder Satzadverbien) und Steigerungspartikeln sind erfragbar. Sie können, einerseits, als Antwort auf eine Entscheidungsfrage dienen, wie z.B. im Fall Liebst du mich? – Vielleicht / Sehr, wo vielleicht ein Adverb und sehr ein Steigerungspartikel ist. Andererseits fungieren sie als Antwort auf eine w-Frage, wie im Fall Wann wird der Film gesendet? - Morgen, oder Wie hat dir der Film gefallen? – Sehr. Modalpartikeln erweisen sich als nicht erfragbar.

Es wird weiter berücksichtigt, inwieweit die Partikeln einer Gruppe sich untereinander verbinden können, sei es koordinierend (einzig und allein, als Adverbien), oder als Kombination (ohne Konjunktion), wie z.B. Das Konzert war echt total gut, wo echt und total zwei Steigerungspartikeln sind. Modalpartikeln können nur in einer Kombination erscheinen, wie im Satz J etzt ist doch schon 9 Uhr, aber nie mit einer Konjunktion.

Als ein letztes Kriterium verwendet Thurmair die Satzmodusabhängigkeit. Laut traditioneller Grammatik versteht man unter Satzmodus (Satzart) Deklarativ-, Interrogativ-, Imperativ- und Exklamativsätze. Dabei ist der Beitrag grammatischer Formen zur Funktion des entsprechenden Ausdrucks in einem konkreten Handlungszusammenhang gemeint[5]. Zu den Formtypen gehören (nach Altmann 1987) Aussagessatz, Entscheidungsfragesatz, w-Fragesatz, Imperativsatz, Wunschsatz, Exklamativsatz und w-Exklamativsatz. Jedem Formtyp im Satzmodussystem wird ein Funktionstyp regelmäßig zugeordnet, welcher die propositionale Grundeinstellung beschreibt; z.B. dem Formtyp Aussagesatz entspricht der Funktionstyp Aussage mit der propositionalen Grundeinstellung "sagen, dass". Abhängig von der konkreten lexikalischen Füllung wird weiterhin der konkrete Illokutionstyp bestimmt. Unter Illokution werden hier alle nicht propositionalen Bedeutungskomponenten verstanden, also Aspekte der Beziehung zwischen Sprecher und Hörer, Haltungen, Wertungen, etc.. Der Illokutionstyp kann entweder der Grundeinstellung entsprechen oder sie modifizieren. Modalpartikeln werden, unter anderen Mitteln, dafür benutzt, die Bedeutung von Sätzen zu modifizieren.

Konjunktionaladverbien und Satzadverbien, sowie Modalpartikeln sind satzmodusabhängig. Beide Adverbienstypen treten vorwiegend in Deklarativsätzen auf, sie können nicht in Exklamativsätzen vorkommen und teilweise nicht in Interrogativ- und Imperativsätzen. Das Erscheinen von bestimmten Modalpartikeln in bestimmten Formtypen kann dazu führen, dass sich der Funktionstyp des Satzes verändert, wie z.B. in dem Satz War das aber ein Spiel! Ohne die Modalpartikel aber ist der Satz nach seinem Funktionstyp ein Frageakt, mit der Partikel wird der Satz zu einem Exklamativen. Das bedeutet, dass aber als Modalpartikel in einer Frageform wohl benutzt werden kann, aber nie im Sinne eines Frageakts. Die Distribution von einigen Modalpartikeln auf die Formtypen wird in der Tabelle 2 präsentiert.

Da Modalpartikeln die spezifischen Illokutionstypen bestimmen, stellt Abraham (1995:125) seine syntaktische Nullhypothese, laut der die Modalpartikeln als Satzoperatoren fungieren und ihre spezifischen Sprechaktfunktionen in der Top-Position der Logischen Form eines Satzes festlegen. Wie es schon gezeigt wurde, treten Modalpartikeln nie an der Satzspitze in der Oberflächensyntax auf. Im Übrigen sind sie mit den w-Wörtern vergleichbar, welche die Fragefunktion eines Satzes festlegen. Als Satzoperatoren haben sowohl die w-Wörter in der Fragefunktion, als auch die Modalpartikeln ihren Wirkungsbereich (Skopus) über den ganzen Satz. Dabei bleibt es unklar, warum die Modalpartikeln nie an die Satzspitze rücken können (vgl. Abraham 1995:126).

Daraus schließt man ein, dass, erstens, die Modalpartikel kein Satzglied bilden. Das bedeutet, dass die Wahrheitsbedingungen eines Satzes durch Modalpartikeln nicht verändert werden. Indem sie nichts mit dem denotativen Aspekt eines Satzes zu tun haben, tragen sie nichts zu seinem propositionalen Gehalt (vgl. Thurmair 1989:2-3) bei. Zweitens, die Modalpartikeln treten als Satzoperatoren auf, um die Bedeutung von Sätzen zu modifizieren. Das Hauptmerkmal der Modalpartikeln besteht also darin, dass sie gerade im illokutiven Bereich wirken, weil sie den Sprechakttyp bestimmen oder von ihm abhängig sind.

1.2. Verwendung der Modalpartikeln

Da die Modalpartikeln illokutive Funktion erfüllen, spielen sie also eine wichtige Rolle in der Kommunikation. Sie dienen dazu, "eine Äußerung in den Interaktionszusammenhang einzubinden" (Thurmair 1989:2). Dies bedeutet, dass die Gesprächspartner mit ihrer Hilfe auf ein gemeinsames Wissen verweisen können, auf Annahmen oder Erwartungen des Sprechers oder Hörers, es kann ein Bezug auf die vorangegangenen Äußerungen genommen werden oder der Stellenwert, den der Sprecher der Äußerung beimisst, gekennzeichnet werden. Modalpartikeln können auch die Signale geben, dass bestimmte Gesprächsregeln (vgl. Grice) absichtlich verletzt werden.

Infolgedessen ist der Haupterscheinungsbereich der Modalpartikeln die Umgangssprache. Sie sind charakteristisch für die spontane Rede. Deswegen werden sie auch in Dialogen in der Literatur, Bühnennsprache und in Filmdialogen benutzt, um die Umgangssprache zu konstruieren. Thurmair (1989:4) spricht in diesem Zusammenhang von der Alibifunktion der Modalpartikeln. Ihre Verwendung weist auf Stilistik; ihre Häufigkeit steigt, je informeller das Gespräch wird. Andererseits hängt die Verwendung von bestimmten Modalpartikeln von der Beziehung der Gesprächspartner zueinander und von deren sozialen Status ab, wobei die Sprechweise auf der unteren sozialen Ebene stehender und persönlich verunsicherter Personen (z.B. aufgrund der schwächeren Position im Dialog) durch den besonders frequenten Gebrauch von Modalpartikeln gekennzeichnet ist[6]. Weiterhin, der hohe Grad der Optionalität, von dem die Modalpartikelverwendung geprägt ist, führt zu Entstehung von Idiolekten der einzelnen Sprecher, die sowohl durch den besonders häufigen Gebrauch von Partikeln generell als auch durch den einzelnen "Lieblingspartikeln" charakterisiert sind.

2. Polyfunktionalität der Partikeln

Die von Thurmair vorgeschlagene Terminologie zu der Polyfunktionalität (siehe 1.1) ermöglicht die Erklärung der Vielfältigkeit der Partikelfunktionen und vereinfacht das Problem der Partikelbedeutung. Die Partikeln erfüllen in Abhängigkeit vom Sprechakttyp des Satzes einheitliche Funktionen. Dieses Ergebnis führt an die Beantwortung der Frage, wie es möglich ist, dass ein sprachliches Zeichen so heterogene Bedeutungen haben kann, heran: Die Polyfunktionalität der Partikeln ist nicht unsystematisch, sondern steht in einer systematischen Beziehung zur Distribution (s. Tabelle 3).

Abraham (1995:125) stellt eine Hypothese, die besagt, "dass sich die spezifischen Modalpartikel-Funktionen aus der lexikalischen und/oder grammatisch-funktionalen Bedeutung des Modalpartikel-Homonyms ergeben". Dies wird am Beispiel von den Partikeln nur / bloß dargestellt. Als Fokuspartikeln geben sie eine bestimmte Beschränkung an die Bezugskonstituente, z.B., Er ist nur sechs Jahre alt. Die Modalpartikeln nur / bloß, ebenso wie die homonymen Fokuspartikeln, schränken in den Fragesätzen die mögliche Antwort auf besondere Merkmale ein, z.B., Wie alt ist er nur? Die Fokuspartikeln geben also an ihre entsprechenden homonymen Modalpartikeln einen Wertebereich mit bestimmten Einschränkungen weiter. Die kausalen Relationen lassen sich meistens nur diachron nachvollziehen, als Prozess der Grammatikalisierung. Daraus ist die Vererbungsnullhyphothese entstanden: Modalpartikel entstehen diachron, auf Basis ihrer Homonyme (vgl. Abraham 1995:145).

[...]


[1] Krivonosov, A. 1963. Die modalen Partikeln in der deutschen Gegenwartssprache. Diss. Berlin (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik 214). Göppingen. Zitat nach Thurmair 1989:2

[2] Zu Sprechakttheorie s. Austin (1962)

[3] Zu Implikatur s. Grice (1975)

[4] Abraham (1995)

[5] Zu Satzmodus s. Altmann (1987)

[6] Zu dem statusbedingten Gebrauch von Modalpartikeln s. Oevermann (1972)

Details

Seiten
21
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638288576
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v26562
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Institut für deutsche Sprache und Literatur
Note
1,7
Schlagworte
Modalpartikeln Russischen Vergleich Deutschen Satzmodus

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