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PISA trifft Bourdieu. Ein Blick auf die Chancengleichheit im (österreichischen) Bildungssystem

Bachelorarbeit 2012 55 Seiten

Kulturwissenschaften - Europa

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Chancengleichheit und Klassenunterschiede bei Bourdieu
2.1 Der Habitus
2.1.1 Sozialisation - Erwerb des Habitus
2.2 Kapitalarten im Überblick
2.3 Die Einteilung in Klassen
2.3.1 Die Volksklasse
2.3.2 Das Kleinbürgertum
2.3.3 Die Bourgeoisie
2.4 Reproduktion sozialer Ungleichheit am Beispiel Bildung
2.4.1 „Soziale Schließung“
2.4.2 Klassenspezifischer Zugang zur Bildung
2.5 Ungleichheit der Bildungschancen: Die Illusion der
Chancengleichheit
2.6 Determinierende Strukturen versus Wahlfreiheit-
Zusammenfassung und Kritik

3. Konzept und Befunde der PISA-Studie bezogen auf die
Chancengleichheit
3.1 Das österreichische Bildungssystem im Überblick
3.1.1 Schnittstellen und Schultypen
3.1.2 Bildungsströme 2008
3.2 Was ist PISA?
3.3 Interpretation der PISA-Ergebnisse
3.3.1 Interpretationsspielraum
3.4 Ergebnisse im Überblick
3.4.1 Lesen
3.4.2 Mathematik
3.4.3 Naturwissenschaften
3.5 Untersuchung von Chancengleichheit und Leistung anhand
verschiedener Merkmale
3.5.1 Bildung der Eltern
3.5.2 Sozioökonomischer Status [bzw. Hintergrund] der Familie
3.5.3 Der Migrationshintergrund
3.6 Kritik am Konzept PISA
3.7 Fazit und Kritik an den Befunden der PISA-Studie

4. Aktualität und Reichweite der Überlegungen Bourdieus in
Frankreich bezogen auf Österreich
4.1 Soziale Herkunft und Bildungserwartung
4.1.1 Habitus, Bildung und „amor fati“
4.1.2 Reproduktionsprozesse sozialer Ungleichheit innerhalb des
Schulsystems
4.2 Chancengleichheit im österreichischen Bildungssystem
4.2.1 Frühe Differenzierung im österreichischen Schulsystem
4.2.2 Chancen und Herausforderungen durch Migration
4.3 Klassenkämpfe im Bildungsbereich
4.3.1 Mögliche Illusionen der Chancengleichheit
4.3.2 Bildung als Zukunftsinvestition

5. Zusammenfassung und Schlussappell

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang

1. Einleitung

Die Basis für die vorliegende Abschlussarbeit bildet folgende Frage: Hat jedes Kind, ganz gleich welcher sozialen Herkunft, die gleichen Chancen innerhalb des österreichischen Schulsystems? Erarbeitet wird sie mit Hilfe der aktuellen Befunde der PISA-Studie[1] unter Berücksichtigung der Theorie Pierre Bourdieus und seinen Überlegungen zur Chancengleichheit im Bildungssystem.

Angeregt wird die Analyse der PISA-Studie durch zahlreiche Diskussionen rund um die erzielten Ergebnisse und den zu absolvierenden Bildungsweg in Österreich. Die aktuelle Zielsetzung des BMUKK[2] fordert beispielsweise, „[j]edes Kind soll unabhängig von Einkommen, Herkunft und Bildung der Eltern die Chancen auf beste Bildung und Ausbildung haben.“[3] Anstoß für Reformen und Maßnahmen zur Erreichung dieser Zielsetzung im Bildungswesen liefern seit dem Jahr 2000 in Dreijahresabständen erscheinende Ergebnisse von PISA sowie anderen Studien, welche internationale Leistungsvergleiche von Kindern und Jugendlichen erstellen. Die Unterrichtsministerin Österreichs, Dr. Claudia Schmied, sieht Bildung als

„wesentliche Bedingung für politische Partizipation, hohe Beschäftigung und dauerhafte Sicherung des Wohlstandes eines Staates. [Außerdem als] Voraussetzung für lebensbegleitendes Lernen […]. Nach Beendigung der Schulpflicht soll jede und jeder unabhängig von sozialer Herkunft oder Migrationshintergrund auf solider Bildung aufbauen können.“ (Schwandtner/Schreiner 2010a: Vorwort von Claudia Schmied).

Auf die Frage, über welche solide Bildung die Jugendlichen mit 15 bzw. 16 Jahren verfügen, kann PISA möglicherweise eine Antwort bieten. Ein Blick auf die jüngste PISA-Studie 2009 lässt jedoch erkennen, dass die Leistungen der einzelnen Schülerinnen und Schüler mit ihrer sozialen Herkunft und damit verbundenen Erwartungen an das Bildungssystem zusammenhängen. Auch Pierre Bourdieu hat sich im Laufe seiner Arbeit über Ungleichheiten im Bildungssystem Gedanken gemacht.

Das zweite Kapitel ermöglicht Einblicke in die Theorie Bourdieus. Besonderes Augenmerk wird auf die Klasse als Entstehungskontext des individuellen Habitus gelegt. Der Erwerb des Habitus und sein Spielraum für Handlungen wie auch Bourdieus Kapitalbegriff werden knapp dargestellt. Für Pierre Bourdieu spiegelt die Bindung des Habitus an die Klassenlage soziale Ungleichheit wider und trägt zu ihrer Reproduktion bei. Die jeweilige Position des Individuums und seine unterschiedlichen Strategien des Kapitaleinsatzes sind auch für die Bildungslaufbahn entscheidend. Im Bereich der Bildung (Zugang und Laufbahn) deckt er mit seiner Theorie Ungleichheiten innerhalb eines Klassensystems auf. Das öffentliche Bildungssystem mit all seinen Selektions- und Bewerbungsprozessen erhält seine Legitimation aufgrund der Behauptung der Chancengleichheit. Gemeinsam mit Passeron erkennt Bourdieu diese Auffassung einer Chancengleichheit als Illusion[4]. Bourdieu sieht die Bildungschancen in Abhängigkeit von der Kapitalausstattung der Herkunftsfamilie, dem Bildungsniveau der Eltern und klassenspezifischen Bildungserwartungen (2001:32). Ein unterschiedliches Verfügen über (ökonomisches, kulturelles und soziales) Kapital führt zu unterschiedlichem strategischen Verhalten. Mangelt es z.B. an kulturellem Kapital bzw. Bildungskapital, so fehlen in weiterer Folge die Informationen über lohnende Investitionsmöglichkeiten, eine Vertrautheit im Umgang mit Strukturen der Schule und der erworbene Habitus wird riskante Bildungswege erschweren (Krais/Gebauer 2005:41).

Im dritten Kapitel wird das österreichische Schulsystem vorgestellt, es werden das Konzept und die Befunde der PISA-Studie erläutert sowie auf Chancenungleichheit im Sinne Bourdieus untersucht. Ein OECD-Projekt wie PISA liefert der Bildungspolitik Grundlagen für Qualitätsverbesserung[5]. Es zeigt verschiedene Stärken und Schwächen des österreichischen Bildungssystems auf. Betrachtet werden die Leistungsunterschiede insbesondere im Hinblick auf Bildung der Eltern, sozioökonomische Faktoren und Migration. Der Sozialstatus der Familie hat weltweit Einfluss auf die Leistungen der Schüler. Die angestrebte Chancengleichheit aller Kinder innerhalb des Schulsystems scheint hinsichtlich dieser Ergebnisse als nicht gegeben. Der Schluss des Kapitels bietet Raum für Kritik an PISA. Z.B. stellt sich für Richard Münch die Frage nach dem Sinn, 15-jährige Schüler/Innen hinsichtlich ihres auf dem Arbeitsmarkt verwertbaren Humankapitals zu untersuchen.

Der Darstellung der Ergebnisse und des Konzepts der PISA-Studie folgen im vierten Kapitel analytische Überlegungen, die diese Befunde in einen engeren Zusammenhang zur Theorie Bourdieus stellen. Seine wissenschaftliche Arbeit liefert ein, auch auf österreichische Verhältnisse anwendbares, Erklärungsmodell für vorhandene Leistungsunterschiede. Die von Passeron und Bourdieu festgestellte Chancenungleichheit im französischen Schulsystem führt zu einer kritischen Betrachtung des österreichischen Schulsystems. Das Augenmerk wird auf Chancengleichheit, soziale Herkunft, Bildungserwartungen und Bildungslaufbahnen gerichtet. Das früh differenzierende österreichische Schulsystem und mögliche Distinktionsmittel aktueller Klassenkämpfe im Bildungsbereich bilden das Kernstück dieses Kapitels.

Das Schlusskapitel fasst gewonnene Einblicke in Bourdieus wissenschaftliche Arbeiten und das Konzept PISA zusammen. Die Heterogenität der Schülerschaft im Hinblick auf Chancengleichheit sowie die unterschiedlichen Voraussetzungen der Kinder und die Verschiedenheit der Herkunftsfamilien werden angesprochen. Sie können nicht ignoriert werden, sondern viel eher als Ausgangspunkt dienen für neue pädagogische Ansätze. In diesem Sinne bildet ein Appell Bourdieus an die Hochschuldidaktik den Abschluss.

2. Chancengleichheit und Klassenunterschiede bei Bourdieu

2.1 Der Habitus

Pierre Bourdieus Habitustheorie ist als ein offenes Konzept angelegt und wird je nach Untersuchungsschwerpunkt unterschiedlich interpretiert (Schwingel 1998:53). Im Rahmen dieser Arbeit wird auf die wichtigsten Merkmale des Habitus, verstanden als Haltung des Individuums in der sozialen Welt und als Produkt seiner Einbindung in die objektiven Strukturen seiner Klasse, eingegangen. Der Habitus stellt eine allgemeine Grundhaltung bzw. Disposition gegenüber der Welt dar. Er gilt als generatives Prinzip, das Motive und Bedürfnisse, Geschmack und Lebensstil erzeugt (Bourdieu 1987:279).

Bourdieu sieht den Habitus als inkorporiertes Klassensystem (1987:740). Klassifiziert wird das Individuum durch die Lebensverhältnisse. Habitus ist die typische Art zu denken, die stets von der sozialen Lage bestimmt wird. Die Strukturebene für die soziale Positionierung findet innerhalb dreier Klassenlagen[6] statt (Bourgeoisie, Kleinbürgertum und Volksklasse). Sie bilden den jeweiligen Rahmen kollektiver Identität. Zur Unterscheidung der Klassen dienen Bourdieu die zur Verfügung stehenden Kapitalsorten ökonomisches, kulturelles, soziales sowie symbolisches Kapital[7]. Diese strukturellen Bedingungen wie auch Einkommen, Geschlecht, Alter und Berufsstand stehen in einer Wechselbeziehung zu praktischen Handlungsweisen und Einstellungen (Abels 2010:211). Die Praxisebene wird im sozialen Raum durch Lebensstile geprägt. Die Klassenzugehörigkeit ist auch hier ausschlaggebend.

Der Habitus gilt als Erzeugerprinzip der individuellen wie kollektiven Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata und vermittelt zwischen den in Wechselwirkung stehenden Ebenen (zwischen der Struktur- und Praxisebene). Dem Habitus kann man sich niemals entziehen. Er wird einverleibt. Das bedeutet, dass er auch körperlich in einen Menschen übergeht. Bourdieu verweist bewusst auf die körperlichen Dimensionen wie Körperhaltung, Mimik, Gestik und das Aussehen des Körpers als Teil des Habitus.

Innerhalb einer Klassenlage spricht Bourdieu dem Einzelnen durchaus viele Freiheiten und Möglichkeiten zu. Der Habitus wird allgemein jedoch als relativ träge und stabil beschrieben. Bourdieu verweist mehrfach darauf, dass ein Individuum sich in der sozialen Welt nicht aus innerer Freiheit bewegt, sondern erst durch die gesellschaftlich präformierten Denk- und Handlungsdispositionen zur sozialen Praxis befähigt wird. Zusammenfassend gesagt ist der Habitus ein Ausweis für die Verinnerlichung gesellschaftlicher Verhältnisse. Er macht uns innerhalb einer Klassenlage kompetent. Mit dem Habitus-Konzept skizziert Bourdieu einen gesellschaftlich prädeterminierten Akteur, wirkend in all seinen gegenwärtigen und zukünftigen Handlungen (vgl. Fuchs-Heinritz/König 2005:113).

2.1.1 Sozialisation - Erwerb des Habitus

Erworben wird der Habitus, die Prägung der Dispositionen, während der (primären) Sozialisation innerhalb der Herkunftsfamilie. Hier wird die Wahrnehmung der Umgebung vorstrukturiert (Fuchs-Heinritz/König 2005:121). Sozialisation wird verstanden als Erwerb von Normen, Regeln und angepasstem Verhalten. In den ersten Lebensjahren werden das Sprechen, Vertrauen und Zurechtfinden in der Umgebung geprägt. Die primären Erfahrungen werden in der Familie erworben. Die Familie ist wiederum eingebettet in klassifizierten Strukturen. Das Elternhaus mit seiner jeweiligen Ausstattung an Kapital prägt, so Bourdieu, das Denken und Handeln des Einzelnen entscheidend mit. Zwar ändern sich die materiellen und kulturellen Ressourcen innerhalb eines Lebenslaufes und verändern auch den Habitus, jedoch nicht grundlegend. Die Anbindung an eine bestimmte Klassenlage beeinflusst die gesamten Denk- und Bewertungsmuster. Sie „färbt“ darauf ab, wie die Welt strukturiert, bewertet und interpretiert wird. Von Kindheit an ermöglicht der Habitus ein [nicht bewusstes] fragloses Bewegen innerhalb der bekannten sozialen Welt und somit auch, darin erfolgreich zu handeln. Der Habitus geht in Fleisch und Blut über, wird als natürlich erfahren (Bourdieu 1987:686). Demnach determiniert das Elternhaus zwar nicht zur Gänze die Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsmuster der Kinder, aber sorgt für einen dem Milieu entsprechenden Rahmen und lässt alternative Handlungsweisen schwerer zu.

2.2 Kapitalarten im Überblick

Kapital ist für Bourdieu akkumulierte Arbeit in materieller, verinnerlichter oder inkorporierter Form. Die Kapitalarten (vorwiegend meint er das ökonomische, das kulturelle und das soziale Kapital) sind partiell ineinander transformierbar. Zwar lassen sich alle Kapitalarten mit Hilfe von ökonomischem Kapital erwerben, jedoch nur unter immenser Transformationsarbeit und wirksamen Formen von Macht (Bourdieu 1997:70).

Unter ökonomischem Kapital versteht Bourdieu finanzielle Mittel und materiellen Besitz wie Geld, Eigentum an Produktionsmitteln, Immobilien usw.

Kulturelles Kapital ist in unterschiedlichen sozialen Feldern einsetzbar, umfasst Wissen und qualifikatorische Ressourcen. Es tritt in objektivem Zustand in Form von Büchern, Kunstwerken usw., in inkorporiertem Zustand in Form von Fertigkeiten und Kompetenzen oder in institutionalisierter Form als Bildungstitel, Patente, Schulabschlüsse usw. auf. Mit Hilfe des kulturellen Kapitals beurteilen wir andere, können Einstellungen erwerben und festigen. Es befähigt einen Geschmack, z.B. einen bestimmten Musikgeschmack, zu entwickeln. Der Habitus wird durch das kulturelle Kapital gebildet. Diese Bewertungsgrundlage macht uns letztendlich innerhalb der Gesellschaft konkurrenzfähig.

Soziales Kapital fasst Bourdieu im weitesten Sinne als soziale Beziehungen und Netzwerke auf. Dieses Kapital wirkt als Multiplikator bei der Generierung von ökonomischem und kulturellem Kapital. Das soziale Kapital ist erheblich von der familiären Herkunft abhängig und bedarf ständiger „Beziehungsarbeit“, um es aufrecht zu erhalten. Auch andere Kapitalarten werden von Bourdieu genannt, sie sprechen eine andere Ebene an.

Unter symbolischem Kapital versteht er beispielsweise sozial zugeschriebene Ehrbarkeit und Respektabilität (Reputation, Kreditwürdigkeit, Prestige) (Burzan 2007:127-129).

Das Zusammenspiel von ökonomischem, kulturellem und sozialem Kapital beeinflusst die Positionierung des Einzelnen im sozialen Raum. Welche soziale Positionierung eingenommen wird, hängt von der Summe der Kapitalien, deren jeweiliger Struktur und den sozialen Laufbahnen im Zeitverlauf ab. Eine soziale Klasse definiert Bourdieu nicht an einem Merkmal (wie Geschlecht, Alter, sozialer Herkunft, Rasse etc.) oder einer Summe von Merkmalen, sondern „durch die Struktur der Beziehungen zwischen allen relevanten Merkmalen“ (Bourdieu 1987:182). Für Bourdieu ist mit dem Verfügen über Kapital stets eine Einteilung in (drei) Klassen verbunden.

2.3 Die Einteilung in Klassen

In „Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft“[8] bezeichnet Bourdieu die französische bzw. westliche Industriegesellschaft als eine Klassengesellschaft, welche sich reproduziert. Er sieht die Klasse im Entstehungskontext des individuellen Habitus bzw. als Raum, innerhalb dessen es zu „wahrscheinlichen“ Strategien des Einsatzes von Kapital kommt. Darunter versteht er, dass innerhalb einer Klasse spezifische Erziehungsstile und Lebensführungsmuster herrschen, welche zur Inkorporierung des Klassenhabitus bzw. einer innerhalb der Klasse vorherrschenden „doxa“[9] führen. Was demnach innerhalb der Welt als richtig oder falsch empfunden wird, die Muster der Wirklichkeitsdeutung, werden hier gebildet. Für eine Klasse und den damit verbundenen Ethos[10], ist die Ausstattung von Kapital in qualitativer und quantitativer Hinsicht von Bedeutung. Die fraglose Einordnung in eine Klasse wird durch den Habitus unterstützt, er dient auch als Bewertungsgrundlage für die Klassenlage anderer Individuen (Bourdieu 1987:736). Bourdieu spricht zwar von Klasse, versteht diese aber als sozialen Raum. Der soziale Raum ist strukturiert, wie ein geografischer Raum, z. B. ein Ort. Bourdieu siedelt einige Menschen „oben“, andere „unten“ oder in der „Mitte“ an (Bourdieu 1997:35). Dabei betont er, dass sein Gesellschaftsbild nicht statisch zu verstehen ist. Innerhalb der beschriebenen Anordnung haben die nahe beieinander angesiedelten Menschen ein engeres Verhältnis, vergleichbar mit einer Nachbarschaft. Je näher, desto wahrscheinlicher ist der Kontakt. Lebensstile drücken die soziale Position innerhalb des Raumes aus. Ähnlich wie der geografische Ort ist auch der gesellschaftliche Raum determiniert, allerdings auch immer veränderbar (Bourdieu 1997:36-37).

Konkret teilt Bourdieu die französische Gesellschaft der 1960er Jahre in folgende drei Klassen: Die Volksklasse, das Kleinbürgertum und die Bourgeoisie. Seine Einteilung der Klassen erfolgt sowohl unter Berücksichtigung von Art und Umfang der verfügbaren Kapitalsorten als auch der Unterschiede in Geschmack[11] und Lebensstil[12].

2.3.1 Die Volksklasse

Die Volksklasse oder die Beherrschten umfasst Arbeiter und Bauern. Im untersten Bereich siedelt Bourdieu angelernte Arbeiter, Hilfsarbeiter und Landarbeiter an. Bei der Kapitalausstattung mangelt es schlichtweg an allem. Die Einstellung zur Welt und zu den Kulturgütern bestimmt das Alltagsdenken. Dinge werden als selbstverständlich hingenommen, in von der Natur bestimmten Kategorien betrachtet und danach beurteilt, was man praktisch damit machen kann. Das Selbstbewusstsein festigt sich durch die Überzeugung, dass alle anderen die Welt genau so sehen wie man selbst (Abels 2010:220). Die Angehörigen dieser Klasse neigen zur Unbeholfenheit, Schwerfälligkeit, Bescheidenheit, Gutmütigkeit und Schüchternheit. Im alltäglichen Klassenkampf kann man seine Möglichkeiten gut einschätzen und trifft pragmatische Arrangements.

2.3.2 Das Kleinbürgertum

Das Kleinbürgertum oder die Mittelklasse ist dreigeteilt. Grundsätzlich versteht Bourdieu darunter aufsteigende und absteigende Fraktionen, Angestellte und kleine Selbstständige. Der Habitus scheint bei Aufsteigern dieser Klasse vom Ethos der Enthaltsamkeit und Sparsamkeit geprägt zu sein bis hin zu einer gewissen Bildungsbeflissenheit. Absteiger zeichnen sich durch Konformismus und Überangepasstheit aus. Im Verhalten drückt sich dies beispielsweise durch Argwohn, Steifheit, Strenge, Überkorrektheit und ständige Sorge um richtiges Benehmen aus.

Die Angehörigen dieser Klasse versuchen, sich durch Prätention und Abgrenzung von der Masse abzuheben[13]. Im alltäglichen Klassenkampf wird die Nähe zu „besseren Kreisen“ in ihrer Klasse gesucht und versucht zu imponieren. Gleichzeitig wird klar differenziert zwischen anderen ihrer Klasse, über deren schlechten Geschmack wird gespottet. Die Mittelklasse ist die wohl mobilste Klasse, da es hier die häufigsten Auf- und Abstiege und die feinsten Abstufungen sozialer Differenzierungen gibt. Bildung ist in dieser Klasse von entscheidender Bedeutung, denn es gilt stets einen besseren Status zu erreichen oder zumindest den erreichten Status zu erhalten. Die „richtigen“ Bildungsabschlüsse sind zumindest eine Grundbedingung hierfür. Die Höhe des Abschlusses wird assoziiert mit einem bestimmten Kanon. Bezeichnend ist auch, dass die Angehörigen dieser Klasse meist über einen guten Geschmack und ein umfassendes Repertoire von Wissenswertem verfügen (Abels 2010:216-217).

2.3.3 Die Bourgeoisie

Die Bourgeoisie besteht für Bourdieu vor allem aus Besitzbürgern, Bildungsbürgern, Etablierten und Neureichen. Der entsprechende Habitus drückt sich im Ethos der Wohlhabenheit aus. Ihr Verhalten scheint geprägt von Ungezwungenheit, Freizügigkeit, Offenheit und Zwanglosigkeit. Die Kapitalausstattung ist unterschiedlich verteilt. Bourdieu kommt in seiner statistischen Analyse zu dem Ergebnis, dass extreme Gegensätze die Oberklasse prägen. Jene mit der größten kulturellen Kompetenz (etwa Hochschullehrer oder Künstler) sind auch diejenigen mit dem geringsten Einkommen und umgekehrt verfügen andere (z.B. Unternehmer) zwar über die höchsten Einkommen, aber weisen eine niedrige kulturelle Kompetenz auf. Zwar treffen unterschiedlich habituell geprägte Generationen und Gruppierungen aufeinander, aber allgemein gesagt versteht die herrschende Klasse die Spielregeln der Distinktion[14] und verfügt über eine gewisse Distanz zur Notwendigkeit (Bourdieu 1987:103). Dies zeigt sich etwa darin, dass der „gute Geschmack“ die Form und die Funktion der Dinge trennt und der Bezug zu ihnen in gewissem Sinne zweckfrei ist. Das Leben wird stilisiert, die Aufwertung dient der Zurschaustellung der eigenen Individualität. Innerhalb der herrschenden Klasse wird auf die unterschiedliche Aneignung von kulturellem Kapital geachtet. So blickt etwa jemand, der sein Bildungskapital dem Elternhaus verdankt, verächtlich auf „Aufsteiger“ hinab. Ersterer zeichnet sich dadurch aus, das Bildungskapital von Kind auf akkumuliert zu haben und hat in vielerlei Hinsicht erlernt, es zu differenzieren. Das bedeutet, dass ihn die Inkorporation nicht übermäßig beanspruchte und er an „feinen Unterschieden“ sofort erkennt, wer ein Aufsteiger ist. Dem Aufsteiger kennt man an, dass die Gelassenheit durch den mühevollen Erwerb von kulturellem Kapital fehlt (Abels 2010:212-215). Durch Distinktion und Distanz zur Notwendigkeit lassen sich die Angehörigen dieser Klasse von den anderen Klassen unterscheiden. Innerhalb der Klasse sorgen sie für genügend Stilisierung und scheinen die Fäden des Spiels um die „feinen Unterschiede“ zu ziehen. Ihr kulturelles Kapital, ihr Geschmack, ihre Neudefinitionen des Legitimen, ihre geschickten Bildungsinvestitionen lassen diese Klasse exklusiv bleiben.

2.4 Reproduktion sozialer Ungleichheit am Beispiel Bildung

2.4.1 Soziale Schließung

Der Begriff „soziale Schließung“ steht für allgemeine Mechanismen der Reproduktion sozialer Ungleichheit. Die oben skizzierten Klassen in Bourdieus Modell zeichnen sich durch objektive, kulturelle und soziale Unterschiede aus, „die typische Vorstellungen generieren, was sich in ihren Kreisen geziemt und wie Individualität zum Ausdruck kommen sollte“ (Abels 2010:208). Es herrscht innerhalb einer Klasse eine bestimmte Einigkeit darüber, welche Verhaltensweisen und Lebensstile hoch bzw. niedrig bewertet werden. Für Bourdieu stellt die „Aversion gegen andere unterschiedliche Lebensstile“ eine starke Einschränkung innerhalb einer Klasse dar (1987:105-106). Bourdieu spricht auch von einem Klassenzusammenhalt innerhalb einer Klasse und Abgrenzungsmechanismen (Distinktion) gegenüber anderen Klassen (1987:382). Die ungleiche Verteilung von Kapital prägt die Struktur des gesamten Feldes. Das generelle Ungleichgewicht an Kapital bildet die Grundlage für die spezifischen Wirkungen von Kapital, wie etwa die Fähigkeit, Profite anzueignen oder das Durchsetzen von Spielregeln, die dafür sorgen, dass sie für das Kapital und seine Reproduktion so vorteilhaft wie möglich sind (Bourdieu 1997:58).

In jeder Klasse bedingen sich ökonomisches, kulturelles und soziales Kapital. Innerhalb der Klassen führt die Wechselwirkung zu einer Schließung des sozialen Raums. Ausreichendes ökonomisches Kapital erlaubt beispielsweise lange Ausbildungszeiten, die Kinder erwerben dadurch die „richtige“, im (Bildungs-) Feld angemessene ästhetische Einstellung. Das Verfügen über ausreichend soziales Kapital ermöglicht vielseitige geistige Anregungen und Entwicklungsmöglichkeiten und schafft einen uneinholbaren Vorsprung vor jenen, die nicht über ein derartig anregendes Beziehungsnetz verfügen. Die erlebten Kontakte dienen auch als „Weichensteller“, sie leisten Hilfestellung bei Entscheidungen und erleichtern das (berufliche) Weiterkommen. Genügend ökonomisches und soziales Kapital begünstigen wiederum das kulturelle Kapital. Denn es erweitert sich durch den Kontakt zu ähnlichen Personen gleicher Positionen und gleicher Verhaltensformen. Die Einstellungen und das Selbstbewusstsein werden wechselseitig bestärkt und die herrschende Klasse bleibt in sich geschlossen. Diese Schließung führt dazu, dass die herrschende Klasse die Spielregeln beherrscht und stets verfeinert. Durch Distinktion bleiben die Kapitalarten der herrschenden Klasse exklusiv (Abels 2010:215). Sie sind den anderen, vor allem aufstrebenden Klassen immer einen Schritt voraus. Das gilt auch für Strategien im Bildungsbereich.

2.4.2 Klassenspezifischer Zugang zur Bildung

Der Zugang zur Bildung ist habituell gefärbt. Über „kollektive Wahrheiten“ erzielen die Individuen einer sozialen Gruppe stets Konsens. Konkret erfolgt dies durch wechselseitige Beobachtung und Anerkennung ihres Handelns. Innerhalb eines sozialen Raumes, einer Klasse, herrschen bestimmte kollektive Vorstellungen des richtigen Verhaltens. Auf diese bestimmten Vorstellungen, etwa über Bildung und Bildungswege, lassen sich letztlich die einzelnen Individuen ein und verinnerlichen diese (Abels 2010:211).

[...]


[1] PISA steht für Programme for International Student Assessment, einem 1997 von der OECD initiierten Untersuchungsprogramm. OECD ist die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

[2] Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur.

[3] Aus: „Die Bildungsreform für Österreich. Das Gesamtkonzept in der Umsetzung.“

[4] Seine Untersuchungen („Die Illusion der Chancengleichheit“) beziehen sich auf Frankreich der 1960er und 1970er Jahre.

[5] Das Bild wird durch die beiden Studien PIRLS (Progress in International Reading Literacy Study) und TIMSS (Trends in International Mathematics and Science Study) ergänzt.

[6] Siehe Kapitel 2.3.

[7] Siehe Kapitel 2.2.

[8] Erscheinungsjahr in Frankreich 1979.

[9] Basale Deutungsmuster, die innerhalb einer Klasse vorherrschen.

[10] Unter dem Klassenethos versteht Bourdieu die innerhalb der Klasse vorherrschenden Richtigkeitsvorstellungen bezogen auf die individuelle Lebensführung und das Zusammenleben des Kollektivs.

[11] Geschmack sieht er als „Neigung und Fähigkeit zur (materiellen und/oder symbolischen) Aneignung einer bestimmten Klasse […] Gegenstände und Praktiken“ zu bewerten, als Erzeugerformel, die dem Lebensstil zugrunde liegt (Bourdieu 1987:282f.). Der Geschmack beeinflusst alle Lebensbereiche (Kleidung, Sprache, Musik usw.).

[12] Geschmackliche Präferenzen sind nicht unabhängig voneinander, sie sind durch den Habitus [des Herkunftsmilieus] zu typischen Lebensstilmustern verbunden (Fuchs-Heinritz/König 2005:72).

[13] Prätention bedeutet für Bourdieu ein ständiges Schielen auf die schönen Dinge, z.B. der Bourgeoisie.

[14] Distinktion bezeichnet das ständige Definieren und Neudefinieren des Legitimen.

Details

Seiten
55
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656576952
ISBN (Buch)
9783656577010
Dateigröße
2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v265641
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften
Note
2,0
Schlagworte
pisa-studie österreich licht bourdieu konzepts chancengleichheit bildungssystem

Autor

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Titel: PISA trifft Bourdieu. Ein Blick auf die Chancengleichheit im (österreichischen) Bildungssystem