Lade Inhalt...

Kreatives Übersetzen. Scenes-and-Frames-Semantik

Ein deutsch-italienischer Vergleich von Kochrezepten

Hausarbeit 2011 37 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Textkompetenz
2.1 DerBegriffTextsorte
2.2 Der kulturelle Aspekt in der Textkompetenz
2.3 Zur kontrastiven Textologie
2.4 Textsortenkonventionen

3. Das kreative Übersetzen
3.1StandderForschung
3.1.1 Das Vierphasenmodell
3.1.2 Kognitive Prozesse innerhalb des Vierphasenmodells

4. Übersetzungsstrategie der Scenes-and-Frames-Semantik
4.1DiePrototypensemantik
4.2. Die Scenes-and-Frames-Semantik
4.2.1 Scenes-and-Frames-Semantik: Typen des kreativen Denkens

5. Anwendungsbeispiele aus der italienischen Gastronomie
5.1 Übersetzungen von Kochrezepten
5.2 Fremdsprachliche, kulturelle Bearbeitungen von Kochrezepten

6. Schlussbetrachtung

7. Literaturverzeichnis

1 .Einleitung

Die Übersetzungswissenschaft stellt mit ihren wechselseitigen Ansätzen eine vielfältige und anspruchsvolle Wissenschaft dar. Kontrastiv-linguistisch orientierte Betrachtungen, in denen der Begriff Äquivalenz zentraler Untersuchungsgegenstand zwischen Ausgangs- und Zieltext war, bis hin zu Paradigmawechseln durch deskriptive Methoden, in denen der Kulturbegriff ausschlaggebend war, untermauern diese These.

In der vorliegenden Hausarbeit wird sich auf diese Vielfalt bezogen. In erster Linie bildet sich die Übersetzungswissenschaft aus der Textkompetenz heraus. Fest definierte Kriterien führen zu Anfertigung und Übersetzung von Texten. Hinsichtlich dieser feststehenden Abgrenzungen stellt sich die Frage, ob sie in Ausgangs- und Zielsprache gleich bzw. übertragbar sind.

Im Mittelpunkt der Hausarbeit steht also die Kultur der Ausgangs- und Zielsprache: Inwieweit ist Kultur ein Bestandteil beim Übersetzen? Welche Übersetzungsprobleme stellen sich bei diesem kulturorientierten Ansatz?

Kultur als zentraler Übersetzungsgegenstand schlägt sich in verschiedenen Übersetzungsstrategien nieder. In dieser Hausarbeit handelt es sich um die Scenes-and-Frames-Semantik, die Teil des kreativen Übersetzens ist.

Die vorhergehenden Überlegungen werden anhand gastronomischer Fachtexte aus der italienischen Sprache analysiert. Es handelt sich um italienische Kochrezepte, die zum Einen ins Deutsche übersetzt wurden, oder zum Anderen eine kulturell-fremdsprachliche Bearbeitung erfahren haben: Zeigt sich wirklich der kulturelle Aspekt bei den Übersetzungen bzw. Bearbeitungen? Wie wurden diese realisiert? Wie schlagen sich die Überlegungen aus der Textkompetenz in der deutschen und italienischen Sprache nieder?

Die Schlussbetrachtung fasst die Ergebnisse dieser Fragestellungen noch einmal zusammen und zieht ein Fazit bezüglich ihrer Wichtigkeit für die Übersetzungswissenschaft.

2. Textkompetenz

2.1 Der Begriff Textsorte

Kem dieser Hausarbeit ist die Betrachtung des kulturellen Aspektes von gastronomischen Fachtexten, die übersetzt oder bearbeitet wurden. Hierbei muss die Textsorte Fachtext zunächst definiert werden, um einen Einstieg in die Probleme zu erlangen, die bei Übersetzungen oder Bearbeitungen auftreten können. Reiss und Vermeer definierten 1984 Textsorten als „überindividuelle Sprech- und Schreibakttypen, die an wiederkehrende Kommunikationshandlungen gebunden sind und bei denen sich aufgrund ihres wiederholten Auftretens, charakteristische Sprachverwendungs- und Textgestaltungsmuster herausgebildet haben“ (vgl. Holzer, 2002:61).

Reiss und Vermeers Versuch einer Definition ist nur einer von vielen in der Textlinguistik. So ist auch die nun folgende Aufspaltung des zentralen Begriffs Textsorte in Textklassen und -typen eine von zahlreichen Klassifikationen. Reiss und Vermeer verstehen unter Textsortenklassen folgendes:1

- Generelle Textsorten(klassen), zu denen zum Beispiel die Textsorten Brief, Märchen, Epos, oder Vereinbarung gehören. Sie sind wohl in jeder Schriftkultur vorhanden.
- Übereinzelsprachliche Textsorten(klassen), wie zum Beispiel Sonetten, Oratorien oder Passionsspiele, die zwar in vielen, aber nicht in allen Kulturen vertreten sind. Sie weisen dennoch eher spezifische Merkmale auf.
- Einzelsprachliche Textsorten(klassen), die sich nur auf einen Kulturraum beschränken, zum Beispiel das japanische Haiku oder das japanische No-Spiel.

Als weitere Einteilung gelten Texttypen. Sie lauten wie folgt:2

1. darstellende oder informative Texttypen
2. ausdrucksbetonte oder expressive Texttypen
3. appellbetonte oder operative Texttypen

Beispiele für darstellende Texttypen sind Zeitungsartikel der Sorte Nachricht oder Meldung; sie haben einen rein informierenden Charakter und sind nicht wertend. Eine Kondolenzkarte gehört zu den expressiven Texttypen, da sie die mitmenschliche Anteilnahme an einen Todesfall bekundet. Neben beispielsweise Werbetexten gehört ebenfalls der Untersuchungsgegenstand dieser Hausarbeit dazu, nämlich Kochrezepte. Diese Fachtexte fordern zu einer Tat auf, sie geben Anweisungen zur genauen Ausführung und Herstellung des Gerichtes.

2.2 Der kulturelle Aspekt in der Textkompetenz

Der vorhergehende Einstieg in die Textlinguistik wirft nun erste Fragen bezüglich Übersetzungen auf: Sind die Klassifikationen von Texttypen injeder Sprache gleich? Lassen sie sich bei einer Übersetzung einfach übertragen? Oder müssen hierbei andere Klassifikationen unternommen werden? Wovon sind diese Klassifikationen abhängig?

Der Schlüsselbegriff zu diesen Fragestellungen ist Kultur. Jeder Text unterliegt einer kulturspezifischen Prägung, sie sind gebunden an die Kommunikation und somit an diejeweilige Gesellschaft. Diese Sprach- und Kulturgemeinschaft gilt es beim Übersetzen zu berücksichtigen, schon Reiss und Vermeer sagten 1984: „Translation ist nicht nur ein sprachlicher, sondern immer auch ein kultureller Transfer“ (vgl. Schreiber, 1993: 20). Die kulturellen Faktoren die beim Erstellen eines Textes mitwirken sind zahlreich. Dazu zählen Bildungsgrad, gesellschaftliche Erfahrungen, psychosoziale Eigenheiten, sowie Besonderheiten des wirtschaftlichen Lebens und die politische Situation eines Landes.3 Betrachtet man diese Vielfalt, wird klar, dass die Übersetzung eines Textes erschwert wird. Die Ansprüche an den Übersetzer gehen also über die simple Annahme von einer „Übertragung eines Textes von einer Sprache in die andere“ hinaus und überschreiten die Grenze der Sprach- und Kulturgemeinschaft, bezüglich der der Übersetzer über genügend Wissen verfügen muss.

2.3 Zur kontrastiven Textologie

Die Übersetzungswissenschaft legt also ein großes Augenmerk auf den kulturellen Aspekt der Textkompetenz, denn die spezifischen Sprach- und Strukturmuster von Texten einzelner Sprachen sind grundverschieden. Die kontrastive Textologie vergleicht diese textsortenspezifischen Merkmale.4 Eine schwierige Aufgabe, denn wie bekannt sind Thematik und Funktion der Texte in Ausgangs- und Zielsprache nicht immer identisch. Als ersten Schritt müssen daher die textinternen und -externen Merkmale definiert und analysiert werden.5 Zudem orientieren sich die Untersuchungen innerhalb der kontrastiven Textologie „fast durchgängig an Ergebnissen der textlinguistischen Forschung und speziell an Vorschlägen zur Beschreibung und Klassifikationen von Textsorten. In den Vordergrund geraten so einerseits Analysen zur Makrostruktur, also den charakteristischen Teiltexten einer Textsorte und ihrer Abfolge, andererseits Untersuchungen zur illokutionären Struktur, denn es wird weitgehend vorausgesetzt, dass die Kommunikations-funktion eine besonders geeignete Grundlage für die Klassifikation darstellt“ (vgl. Adamzik; 2001: 21).

Im Falle der vorliegenden Hausarbeit erweist sich diese Methode als erfolgreich und zudem als sehr einfach, da die Kriterien, die zur Textsortenklassifikation (hier: Kochrezepte) herangezogen werden, in beiden Kulturen identisch sind. Dies wird im folgenden Kapitel näher erläutert.

2.4 Textsortenkonventionen

Wie bereits in Kapitel 2.1 definiert, lassen sich Textsorten durch Regelhaftigkeiten zusammenfassen, die konventionalisiert wurden. Für das Übersetzen relevant sind nun Textsortenkonventionen, also die Annahme fester, kulturspezifischer, sprachlich-struktureller Muster innerhalb der Sprachverwendung.6 Sie erleichtern die Identifizierung eines Textes, erfüllen zudem „Erwartungsnormen seitens der Adressaten und spiegeln soziolektale Sprachmuster der Sprechergruppen wider“ (vgl. Frank/Kittel/Greiner, 2004: 650).

Die Konventionen beziehen sich zum Einen auf die Makroebene, (d.h. zum Beispiel auf den inhaltlichen Textaufbau, Texteinteilung und -form7 ), als auch auf die Mikroebene (zum Beispiel auf die grammatikalisch-syntaktische, oder auf die lexikalische Gestaltung, sowie Interpunktion und Phraseologie).8

Angewandt auf den Fachtext Kochrezept zeigen sich für die deutsche und italienische Sprache folgende, für den Analyseteil dieser Hausarbeit relevanten, Textsortenkonventionen:

Textaufbau

Die inhaltlichen Strukturierung sind für deutsche und italienische Kochrezepte konventionalisiert.9 Es zeigt sich ein festes Ablaufschema: Der Rezeptname, der am Anfang des Rezepts steht, nimmt die Funktion der Überschrift ein. Es folgen Angaben zur Personenzahl, Zubereitungszeit, Zutaten und Mengenangabe, sowie der appellative Inhaltsteil, d.h. die Ausführungen zur Zubereitung des Gerichts.

Zusätze wie Mengen- und Kalorienangaben (die abgekürzt werden), weiterführende Tipps oder Anmerkungen zur Zubereitung oder den Produkten, Fotos zur Verstärkung, etc., sind ebenfalls in beiden Kulturen vorhanden.

Textfunktion

Nach den in 2.1 geklärten Texttypen, nehmen Kochrezepte sowohl im Italienischen, als auch im Deutschen eine appellative Funktion ein. In diesem Fall sind sie einfach übertragbar, denn in beiden Kulturen werden die Leser aufgefordert.

Grammatikalisch-syntaktische Merkmale

Mikrostrukturell bestehen Kochrezepte vermehrt aus einzelnen Aufzählungen, die in Form von Ellipsen, anstelle von Parataxen, realisiert werden. Kohäsionsmittel wie Konnektoren passen sich diesen elliptischen Formen an. Ein weiteres zentrales Merkmal der Textsorte Kochrezept sind auf grammatikalischer Ebene die infinitivischen Imperative, die sich an den Leser richten. Als Unterschied zum Italienischen und Deutschen ist hierbei jedoch die Syntax zu erwähnen: Während sich die Infinitivkonstruktionen im Deutschen in Endstellung befinden, sind sie im Italienischen syntaktisch als Satzanfang angeordnet.

Davon abgesehen existiert noch eine andere grammatikalische Form, um die appellative Funktion der Textsorte zu realisieren: unpersönliche Formulierungen zur Vorgangsbeschreibungen mit Hilfe des Konjunktiv I, wie zum Beispiel „man nehme“. Im Italienischen bedient man sich hierfür dem sogenannten si impersonale (zum Beispiel „si mettono le cipolle“).

Basierend auf den in diesem Kapitel geschilderten Eigenschaften der Textkompetenz, zeigen sich zusammenfassend folgende Besonderheiten für die Translation: Zum Ersten liefert die „Feststellung der dominanten Funktion (informativ, expressiv, appellativ) eine erste Richtlinie dafür, welche Textelemente für die Zieltextproduktion wesentlich sind. Texttypen können dabei noch weiter differenziert werden in verschiedene Textsorten. Diese zeichnen sich durch konventionelle Muster aus, die kulturspezifisch sind und deren Kenntnis entscheidend ist für eine den Erwartungen der Zielrezipientinnen angemessenen Gestaltung des Translats“ (vgl. Kadric/Kaindl/Kaiser-Cooke, 2010:112).

3. Das kreative Übersetzen

3.1 Stand der Forschung

Nachdem die Wichtigkeit von Textkompetenz im Zusammenspiel mit Kultur beim Übersetzen hervorgehoben wurde, liegt das Augenmerk nun auf den verschiedenen Übersetzungsstrategien. Erwähnenswert ist zunächst, dass kulturelle Zusammenhänge beim Übersetzen bis in die Neunzigerjahre kaum Beachtung fanden.10 Das Übersetzungskonzept des deutschen Theologen und Philosophen Friedrich Schleiermachers, nach dem originalsprachliche Texte in ihren lexikalischen, syntaktischen, morphologischen und metrischen Besonderheiten im Sinne der Wiedergabe des Geistes der fremden Kultur zu übertragen seien, war bis dahin vorherrschend.11 Im Laufe der Geschichte der Übersetzung und der Übersetzungswissenschaft wurden weitere Ansätze entwickelt, die sich auf einer anderen Ebene mit der Fragestellung „Kultur übersetzen?“ beschäftigen. Für diese Hausarbeit möchte ich mich auf das vergleichsweise junge Konzept des kreativen Übersetzens von Paul Kußmaul beziehen. In seinem gleichnamigen Werk aus dem Jahr 2000 betont er zunächst den Stellenwert des Übersetzens in unserer Gesellschaft; die täuschende Vorstellung, dass Übersetzen das reine Übertragen eines Ausgangstextes in die Zielsprache sei, mit dem der Übersetzer keinerlei Probleme habe, da er beide Sprachen perfekt beherrscht.12 Sofern sich die Übersetzungsprobleme auf die lexikalische Ebene beziehen, mag diese Annahme auch stimmen, doch Kußmaul berichtigt diese Täuschung, wenn es sich um stark kulturgebundene Phänomene handelt, wie z.B. idiomatische Wendungen, Anspielungen, Wortspiele oder Wortschöpfungen. Eine angemessene Übersetzung hierbei, die von einer Mehrheit akzeptiert wird, nennt Kußmaul das Mehr-oder-weniger- Prinzip.13

3.1.1 Das Vierphasenmodell

Beim Konzipieren von Übersetzungen soll dieses Prinzip also berücksichtigt werden, doch zunächst erläutert Kußmaul die kognitiven Vorgänge, die beim kreativen Übersetzen ablaufen. Der Denkprozess, der im Übersetzer stattfindet, sobald er auf ein Problem stößt, ist die Basis beim kreativen Übersetzen. Laut Kußmaul führt allein schon der richtige Denkprozess zu einer Lösung des Übersetzungsproblems. Diese Prozesse fasst er im sogenannten Vierphasenmodell zusammen: Präparation, Inkubation, Illumination und Evaluation.14 Die Phasen sehen wie folgt aus:

1. Präparation

Diese Phase wird auch Vorbereitungs- oder Verstehensprozess genannt. Das vorliegende Übersetzungsproblem wird hierbei zunächst durch bereits bestehendes Wissen zu lösen versucht. Gelingt dies nicht, muss das Weltwissen durch Recherchen erweitert werden. Persönliche Erfahrungen bestimmen diese Phase ebenfalls, sowie bereits ein gewisser Grad an Kreativität, denn der Kontext, in dem das Übersetzungsproblem situiert ist, lässt verschiedene Interpretationsansätze zu. Diese sind wiederum von den Faktoren Zeit und Raum abhängig, da das dazugewonnene Wissen und die Erfahrungen das Verstehen und Interpretieren des Textes beeinflussen.

2. Inkubation: 3. Illumination

Da die Grenzen dieser beiden Phasen sehr nah aneinander liegen, werden sie an dieser Stelle zusammengefasst. Die Inkubationsphase ist ein Prozess, der im Unterbewusstsein abläuft. In ihm wird nach der Präparationsphase das vorhandene Wissen kombiniert. Die dadurch entstehenden Assoziationen führen schließlich zu einer Lösung, der sogenannten Illumination. Mentale Blockaden können in dieser Phase ebenfalls auftreten, diese können jedoch durch eine Pause und Ablenkung gebrochen werden. Auch hierbei handelt es sich wieder um einen unterbewussten Prozess, in dem das Gehirn weiterarbeitet und somit eine Lösung findet.

[...]


1 Holzer, 2002:61

2 ebd.

3 Holzer, 2002: 63f

4 Holzer, 2002: 64

5 Holzer, 2002: 65

6 Frank/Kittel/Greiner, 2004:490

7 Kadric/Kaindl/Kaiser-Cooke, 2010:110f

8 ebd.

9 Frank/Kittel/Greiner: 2004:650

10 Wolf,2010:44

11 ebd.

12 Kußmaul, 2002:17ff

13 ebd.

14 Kußmaul, 2002:57

Details

Seiten
37
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656553922
ISBN (Buch)
9783656554066
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v265745
Institution / Hochschule
Universität des Saarlandes
Note
2,0
Schlagworte
Kreatives Übersetzen Kulturspezifika Scenes-and-Frames Scenes Frames Kochrezepte Vierphasenmodell Prototypensemantik kreatives Denken

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Kreatives Übersetzen. Scenes-and-Frames-Semantik