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"Die Frauen sind silberne Schalen, in die wir goldene Äpfel legen“. Zu den Gedichten 1,3 von Properz und „Der Besuch“ von Goethe

Ein Vergleich

Hausarbeit 2013 25 Seiten

Klassische Philologie - Latinistik - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Properz I, 3
2.1 Zeitgeschichtliche Einordnung
2.2 Formale Analyse
2.2.1 Gliederung der Elegie
2.2.2 Sprachliche Auffälligkeiten
2.3 Inhaltliche Analyse
2.3.1 Mythologische Episoden – Abschnitt I
2.3.1.1 Ariadne
2.3.1.2 Andromeda
2.3.1.3 Bacchantin
2.3.2 Der Liebhaber – Abschnitt II
2.3.3 Cynthia – Abschnitt III
2.4 Typische Motive der römischen Liebeselegie
2.5 Symbolik und Interpretation

3. Goethes Der Besuch
3.1 Einordnung
3.2 Gliederung des Gedichts und Inhalt
3.3.Sexuelle Anspielungen
3.4 Gesamtinterpretation

4. Abschließender Vergleich
4.1 Symbolik
4.2 Gemeinsamkeiten und Unterschiede

5. Schlussbemerkung

6. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einführung

Cynthia, Ariadne, Ophelia, Schneewittchen, Dornröschen – was haben diese Charaktere der antiken und neuzeitlichen Literatur gemeinsam? – Richtig. Ihren Schlaf. Sie alle ähneln sich im Motiv der „schlafenden Schönheit“, deren Erwachen oder Einschlafen von einem Liebhaber initiiert oder auf eine gewisse Weise beeinflusst wird. Das Motiv der schlafenden Frau, die oftmals als die Schönste ihrer Zeit dargestellt wird, ist vielleicht so alt wie die Literatur selbst. Es zieht sich durch die gesamte Literaturgeschichte und lässt sich auch in anderen Sparten wie der Kunst, dem Film oder der Musik finden. Allerdings findet sich das Motiv in jeder Geschichte verändert vor und dient daher jedes Mal einem anderen Zweck innerhalb des jeweiligen Werkes.

Die grimmsche Figur Schneewittchen, die im gleichnamigen Märchen als so schön beschrieben wird, dass die gesamte Umwelt inklusive der Tier – und Pflanzenwelt um sie trauert, als sie vergiftet von einem Apfel in einen ewigen Schlaf fällt, wird von einem Prinzen erlöst. Auch im Märchen Dornröschen wird die Hauptfigur von einem Prinzen aus ihrem 100-jährigen Schlaf wachgeküsst. Hier trägt das Motiv des Aufwachens also zum glücklichen Ausgang, dem „Happy End“ der Geschichte bei. In William Shakespeares Hamlet wird das Motiv in der Dramenfigur Ophelia noch weiter gesponnen – so weit sogar, dass die Geliebte nicht mehr aufwacht, sondern stirbt. Vollkommen anders jedoch als die oben beschriebenen Autoren nutzt Properz dieses Motiv im dritten Gedicht des ersten Elegien-Buches. Besonders auffällig ist ein Zusammenhang von Elegie 1,3 mit dem Goethe-Gedicht Der Besuch, das im Jahr 1797 veröffentlich wurde und welchem die Elegie 1,3 offensichtlich als Vorlage diente. Auch Goethe – inspiriert von der Frauen in seinem Leben - nutzte das Motiv der „schlafenden Geliebten“ und baute sein Gedicht darauf auf. Dennoch unterscheidet sich dessen Funktion in beiden Gedichten, was schließlich durch die Verwendung weiterer Motive und Symbole auch zu unterschiedlichen Ergebnissen hinsichtlich der Interpretation und Wirkung führt. In der folgenden Arbeit soll deshalb zuerst eine Einordnung der Elegie in das Gesamtwerk des Properz und später im Hinblick auf die Gattung der Liebeselegie erfolgen. Demnach soll eine genaue sprachliche und inhaltliche Analyse sowie eine Interpretation die Betrachtung der Elegie 1,3 vervollständigen. Anhand dieser Analyse wird ein Vergleich mit dem goetheschen Werk hinsichtlich seiner Entstehungszeit, des Inhalts und der Symbolik und zu guter Letzt ein eigener Interpretationsversuch angestrebt, der mit einem Vergleich der Ergebnisse beider Analysen abgeschlossen werden soll.

2. Properz I, 3

2.1 Zeitgeschichtliche Einordnung

Macht man sich an die Aufgabe, ein Gedicht von Grund auf zu analysieren und zu entschlüsseln, ist es zuerst von Nöten, sich mit den biographischen und zeitgeschichtlichen Hintergründen des jeweiligen Autoren, in diesem Fall des römischen Dichters Properz, bekannt zu machen. Denn diese nehmen selbstverständlich Einfluss auf das dichterische Wirken eines Autoren. Der römische Kallimachos, wie der Dichter heute häufig genannt wird, wurde wahrscheinlich um 50 v. Chr. in Umbrien /Italien geboren, wie aus seinen eigenen Elegien 1, 22 und 4, 1 hervorgeht.[1] Das Geburtsjahr kann nicht sicher rekonstruiert werden, aber aus seinem Gedicht 4, 1, in dem Properz vom „baldigen“ (mox) Anlegen der Männertoga nach der Landverteilung 41 v. Chr. spricht, kann ein Geburtsdatum um 50 v. Chr. erschlossen werden, da die Männertoga üblicherweise zwischen dem 14. bis 16. Lebensjahr angelegt wurde.[2]

Das zu analysierende Gedicht findet sich im ersten von vier Büchern an Elegien, - im sogenannten Monobiblos - die Properz zwischen 29 v. Chr. und 16 v. Chr. verfasst hat.[3] Bereits im ersten Vers des ersten Gedichts in Buch 1 wird deutlich, worum sich die Gedichte dieses Bandes drehen sollen: Cynthia. Der Name geht zurück auf den Berg Kynthos auf Delos, wo Apoll geboren sein soll und deshalb bei Catull, Vergil, Horaz und Properz als Kynthios bezeichnet wurde. Hinter Cynthia verbarg sich nach Apuleius wahrscheinlich eine Italikerin namens Hostia.[4] Inwieweit die Elegie 1,3 sich der Motivik der römischen Liebeselegie bedient, soll zu einem späteren Punkt noch näher erläutert werden.

2.2 Formale Analyse

Zu einer vollständigen Analyse eines Gedichts gehört selbstverständlich eine formale Betrachtung. Diese soll zunächst eine Gliederung beinhalten, um einen Überblick über die Zusammensetzung und Einteilung der Verse zu Gruppen zu erhalten. Demnach muss eine kurz gehaltene sprachliche Betrachtung anhand der Wortwahl und zuletzt eine Erläuterung der Charakteristika der Liebeselegie folgen.

2.2.1 Gliederung der Elegie

Zunächst soll eine eigene Gliederung der Elegie unter Berücksichtung einiger Gliederungen, die in der Forschungsliteratur zu finden sind, einen Überblick über den Aufbau verschaffen.

Der im Hexameter verfasste Text lässt sich meiner Ansicht nach im Gesamten in drei große, übergeordnete Themenabschnitte gliedern. Der erste einleitende Abschnitt reicht von V. 1 – 8 (I). Da hier von Cynthia und zum Vergleich herangezogenen Frauengestalten der antiken Mythologie die Rede ist, könnte eine passende Titulierung an dieser Stelle beispielsweise „Cynthia und ihr Vergleich mit mythologischen Frauengestalten“ lauten. Der mittlere, bedeutend längere Themensektor konzentriert sich auf das elegische Ich – oder vermeintlich Properz – als ankommenden und verweilenden Liebhaber von V. 8 – 30 (II), der sich mit der schlafenden Cynthia beschäftigt. Der letzte große Abschnitt, V. 31 – 46 (III), handelt vollständig von Cynthia, die erwacht, Properz mit Vorwürfen überhäuft und zuletzt von ihrer eigenen Erschöpfung berichtet. Es stellt sich also bereits hier heraus, dass die Figur Cynthia dem Gedicht einen Rahmen und somit eine Einheit verleiht.

Meine Gliederung des Gedichtes in drei große Teile, I, II und III, deckt sich in diesem Punkt mit der Einteilung in drei Teile, A, B und C, die Werner Hering in den „Wiener Studien“ (1972) vornahm, allerdings unterscheiden sich die vorgenommenen Verseinteilungen voneinander.[5] Werner zählt zu seinem Teil „A“ die Verse 1-12, während ich den Beginn eines neuen Abschnittes bereits bei V. 8 sehe. Zwar ließe sich ein späterer Umschwung des Gedichts bei V. 12 erklären, da bis zu diesem Vers der Sprecher in der ersten Person von sich spricht (V. 12 : „…conor adire“), dennoch steht dieser Einteilung meiner Ansicht nach im Wege, dass die drei mythologischen Anspielungen von Ariadne, Andromeda und der Bacchantin im Vers 8 mit der erstmaligen Erwähnung von Cynthia als ihrer Vergleichsfigur ihren Abschluss finden und somit hier schon bei V. 9 ein neuer Teil beginnt, nämlich die Beschreibung der Ankunft des Liebhabers (V. 9: „cum traherem vestigia“).[6]

Es ist des Weiteren möglich, die von mir so benannten Teile II und III differenzierter zu betrachten und zu gliedern. Abschnitt II beinhaltet zum Einen IIa) von Vers 9 bis 12 Properz’ Ankunft des elegischen Ich bei Cynthia samt einer Beschreibung seines physischen und psychischen Zustandes und zum Anderen IIb) von Vers 13 bis 18 sein Hadern und den Umgang mit seiner Begierde, die durch die Betrachtung der schlafenden Cynthia und seinen alkoholisierten Zustand ausgelöst wird. Es folgen außerdem die Unterabschnitte IIc) von Vers 19-26 und IId) von Vers 27 bis 30, mit dem der Gliederungsabschnitt II schließt. Ersterer beinhaltet Properz’ Spiel mit der schlafenden Cynthia, letzterer handelt von seinen Verlustängsten bezüglich der Geliebten. Abschnitt III konzentriert sich vollständig auf Cynthias Reaktion nach ihrem Erwachen und lässt sich ebenso in drei kleine Unterabschnitte gliedern: IIIa) Cynthias Erwachen von Vers 31 bis 34, IIIb) Cynthias Vorwürfe gegenüber ihrem Liebhaber Properz und IIIc) Cynthias Gemütszustand aus ihrer eigenen Sicht, womit das Gedicht im Vers 46 abschließt.

2.2.2 Sprachliche Auffälligkeiten

Nach ausführlicher Gliederung des Gedichts soll nun kurz auf sprachliche Auffälligkeiten eingegangen werden.

Bei der Betrachtung der Wortwahl innerhalb der Mythen-Vergleiche fallen unterschiedliche Meinungen in der Sekundärliteratur auf. A. Wlosok geht in seinem Aufsatz zur dritten Elegie davon aus, dass Properz, ohne eine direkte Eigenleistung im Sinne einer Wortwahl zu erbringen, die Ausdrücke „desertis litoribus“ und „cedente carina“ aus Catulls Carmen 64 entnommen und verändert in sein Gedicht integriert hat, um an Ariadnes Klage in jenem Gedicht zu erinnern, so dass diese Klage bei der Ariadne in seinem Gedicht 1,3 unterschwellig mit anklingt. Er geht also von einem intertextuellen Zusammenhang aus und sieht die Wortwahl hier als Verstärkung der Lamentation Cynthias.[7] S. J. Harrison dagegen lässt diese Beziehung zwischen Carmen 64 und Elegie 1,3 außen vor und formuliert in seinem Aufsatz „Drink, Suspicion and Comedy in Propertius 1.3“ einen anderen Gedanken. Das Präsens im Partizip „cedente“ drücke einen ingressiven oder linearen Aspekt aus, so dass Theseus, der hier mit „cedente“ gemeint sei, seine Ariadne, in diesem Fall Cynthia, gerade erst verlassen habe, oder sich noch im Prozess des Verlassens befände. Aus der Verbindung dieses Aspekts mit dem Adjektiv „languida“, das eindeutig auch eine sexuelle Konnotation in sich trage, gehe hervor, dass in keinem Fall Properz als Theseus gemeint sein könne, sondern es sich um einen dritten beteiligten Mann handeln müsse, der zu Cynthias Erschöpfung beigetragen habe.[8] Für Harrison verändert die Wort – und Tempuswahl an diesem Punkt seinen ganzen Interpretationsansatz. Eine ähnliche tragende Bedeutung hat meiner Meinung nach das erneute Aufgreifen der Worte „desertus“, „languidus“, „fessus“ und „somnus“ aus den Versen 1-6 im dritten Teil der Elegie, was später für die von mir vorgenommene Interpretation relevant werden wird.

2.3 Inhaltliche Analyse

Eine Analyse nach Gliederung und formalem Charakter eines Gedichts ist nur insofern sinnvoll, als demnach auch eine ausführliche inhaltliche Betrachtung folgt.

Beim ersten Lesen der Elegie fällt sofort auf, dass nicht Cynthia als erste Frau im Text genannt wird, wie es eigentlich der Einordnung des Gedichtes ins erste Elegienbuch entspräche, das doch so unanfechtbar und offensichtlich von Properzens Liebe zu Cynthia in all ihren positiven und negativen Facetten handelt – nein – als erste weibliche Person im Gedicht ist eine ganz bestimmte Kreterin genannt: V. 2: „languida desertis Cnosia litoribus“.

Mit „ Cnosia “ ist hier in Verbindung mit dem Adjektiv „ Thesea “ (V. 1) die erste von drei mythologischen Frauenfiguren gemeint: Ariadne aus dem Theseus-Mythos. Des Weiteren folgen Vergleiche mit Andromeda, einer Figur aus dem Perseus-Mythos, und einer beliebig gewählten, namenlosen Bacchantin. Dieses „Trio“ soll nun jeweils einzeln näher erläutert und der Sinn dieser Vergleiche dargelegt werden.

2.3.1 Mythologische Episoden – Abschnitt I

2.3.1.1 Ariadne

Der Theseus-Mythos findet sich ursprünglich in der Parallelbiographie Crassus und Theseus von Plutarch. Es wird berichtet, dass Theseus, der König von Athen und Sohn von Ägeus und Äthra, und Ariadne, die Tochter des kretischen Königs Minos, sich ineinander verliebten, nachdem der attische Königssohn nach Kreta gesegelt war, um den dort im Labyrinth hausenden Minotaurus zu töten und so die diesem versprochenen sieben Jungfrauen und Jünglinge zu retten. Ariadne war bemüht, Theseus bei seiner Aufgabe, den Minotaurus zu töten, zu helfen. Sie gab ihm einen Faden, den er am Eingang des Labyrinths befestigen sollte, um so den Weg zurück zu finden, und ein Schwert zur Bezwingung des Halbmenschen. Theseus bezwang so den Minotaurus und fand den Weg aus dem Labyrinth. Seinen Plan, Ariadne mit nach Athen zu nehmen, um sie dort zu heiraten, konnte er jedoch nicht ausführen. Aus Angst vor dem Zorn des Gottes Dionysos, der ihm im Traum erschienen war und Ansprüche auf Ariadne erhob, ließ er das Mädchen allein auf der Insel Naxos alleine zurück.[9]

Die Verse 1 und 2 des Gedichtes beziehen sich auf eben genau diese „Verlassens-Szene“ des Theseus-Mythos:

„Qualis Thesea iacuit cedente carina,

languida desertis Cnosia litoribus” (V. 1-2)

Die verlassene Ariadne, hier mit Cnosia gemeint, der Bezeichnung für eine weibliche Bewohnerin Knossos, der Hauptstadt Kretas, befindet sich in erschöpftem Zustand am Strand und trauert um Theseus, der gerade auf seinem Schiff die Insel ohne sie verlassen hat. In

[...]


[1] Vgl. Syndikus, H. P.: Die Elegien des Properz, Darmstadt 2010, S. 11

[2] Vgl. ebd., S. 13

[3] Vgl. ebd., S. 16

[4] Vgl. ebd., S. 20

[5] Vgl. Hering, W.: Properz I 3, In: WS 85, 1972, S. 45-78

[6] Alle lat. Textzitate in der Arbeit sind folgender Ausgabe entnommen: Properz, Elegien. Lateinisch und Deutsch, hrsg., eingel. u.
übers. v. D. Flach, Darmstadt 2011.

[7] Vgl. Wlosok, A.: Die dritte Cynthia-Elegie des Properz (Prop. 1,3), In: Hermes 95, 1967, S. 339

[8] Vgl. Harrison, S. J.: Drink, Suspicion, and Comedy in Propertius 1.3, In: PCPhS 40, 1994, S. 19

[9] Vgl. Schwab, G.: Die schönsten Sagen des klassischen Altertums, Wien 1974, S. 143 ff.

Details

Seiten
25
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656679981
ISBN (Buch)
9783656679943
Dateigröße
573 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v265928
Institution / Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Note
1,0
Schlagworte
frauen schalen äpfel vergleich gedichte properz besuch goethe

Autor

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