Lade Inhalt...

Identitätsstiftende Aspekte bei Migrationserfahrungen. Russlanddeutsche und Gastarbeiter aus Italien.

Ein Vergleich.

von Thomas Fischer (Autor)

Bachelorarbeit 2013 49 Seiten

Kulturwissenschaften - Sonstiges

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung
1.2. Studien und Grundannahme

2. Begriffsdefinitionen und rechtliche Rahmenbedingungen
2.1 Begriffsdefinitionen
2.1.1 Kultur
2.1.2 Identität
2.1.3 Ethnizität
2.1.4 Sprache und Kultur
2.1.5 Integration
2.1.6 Deutschland ein Einwanderungsland?
2.2. Rechtliche Rahmenbedingungen
2.2.1 Arbeitsmigration aus Italien
2.2.2 Rechtliche Grundlage für die Anerkennung des Status „Spätaussiedler"

3. Italiener in Deutschland. Geschichte, Auswanderungsgründe undkulturelles Profil der Migranten
3.1 „Transalpini“ und „Schiavi di Hitler“. Geschichte der italienischen Arbeiter in Deutschland bis 1955
3.2 Auswanderungsmotive
3.3 Soziales und kulturelles Profil der italienischen Einwanderer

4. Russlanddeutsche. Geschichte, Auswanderungsgründe, kulturelles Profil
4.1 Geschichte der Russlanddeutschen
4.1.1 Geschichte bis zur Deportation 1941
4.1.2 Rehabilitation und Situation bis 1991
4.2 Auswanderungsmotive
4.3 Soziales und kulturelles Profil der Russlanddeutschen
4.4 Typologie

5. Versuch einer vergleichenden Analyse

6. Fazit

7. Quellenverzeichnis
7.1 Bücher
7.2 Internetquellen

„Ein Land mit nur einer Sprache und einer Sitte ist schwach und gebrechlich. Darum ehre die Fremden und hole sie ins Land.“

Stephan I., der Heilige (975-1038), erster König der Ungarn (ungar. István I.)

1. Einleitung.

Wenn ich nicht wissen würde, dass dieses Zitat aus dem frühen Mittelalter stammt, wäre ich in keiner Weise davon beeindruckt. Aber gerade weil es so alt ist, finde ich es wahrlich bemerkenswert. Es bedurfte eines außerordentlichen Scharfsinns für jemanden aus jener Zeit, um diese Erkenntnis zu gewinnen. Auch wenn Stephan der I. ein Heiliger war, war er ein Mensch seiner Zeit und die Erfahrungen im Umgang mit anderen Sprachen und Kulturen waren damals aufgrund vieler Faktoren sehr eingeschränkt.

Heutzutage ist die Welt, in vielerlei Hinsicht, zu einem großen Dorf geworden. Telekommunikation und Internet machen es möglich, dass jeder mit einem Anschluss jede beliebige andere Person mit einem Anschluss an jedem noch so abgelegenen Ort in der Welt in Sekundenschnelle sehen, hören und mit ihr sprechen kann. Visafreies Reisen und Billigflieger machen es möglich in Rom zu frühstücken, in Frankfurt zu arbeiten und das Wochenende auf einer der spanischen Inseln zu verbringen.

Aber noch vor 150 Jahren wäre so ein Wochenplan nicht denkbar gewesen. Der damals herrschende Alltag im Abendland ähnelte vielmehr dem aus der Zeit Stephan des I., als heutigem Multi-kulti-, Smartphone- und First-World-Problems-Alltag. Mit anderen Worten hat das Abendland in den letzten 150 Jahren mehr Fortschritt erzielt als in einem ganzen Millennium davor. Die Wissenschaft und der Mensch haben Enormes geleistet. Ein idealtypischer Europäer von 1863 und ein Europäer von 2013 haben nicht viel gemeinsam. Die Europäer von heute leben nicht mehr auf dem Land, sondern überwiegend in der Stadt. Sie sind alphabetisiert und leben in einer Dienstleistungsgesellschaft anstatt in einem Agrarsystem. Sie genießen in vollen Zügen die Radio-, Tele- und Internetkommunikation. Die Kraft- und Luftfahrt sind für die Menschen von heute eine Selbstverständlichkeit. Mit ihnen werden die Vorstellungen von „weit“ und „nah“ überdacht und mit Berücksichtigung neuer Geschwindigkeiten angepasst in die Lexika übernommen. Und wenn man mit einer Tankladung 1000 Kilometer fahren kann, ist man früher oder später außerhalb der Grenzen des eigenen Dorfes, der eigenen Provinz, des eigenen Staates und des eigenen Kontinents. Das impliziert eine Begegnung mit Menschen aus einer anderen Region, aus einem anderen Land, Staat oder Kontinent, die, womöglich, einen anderen Dialekt oder eine andere Sprache sprechen, andere Speisen essen, andere Feiertage haben oder auch eine andere Religion. Man begegnet anderen Kulturen. Man ist in der Lage zwischen der eigenen und einer fremden Kultur zu unterscheiden, indem man die Differenzen bewusst wahrnimmt: „Sie sind anders als meine Leute“.

Die Fremde und das Unbekannte machen den Leuten oft Angst, aber mindestens genauso oft machen sie die Leute neugierig. Die Leute fangen an immer mehr in andere Länder zu reisen, andere Sitten kennenzulernen und zu absorbieren; sie lernen neue Sprachen kennen. Dadurch modifiziert und bereichert sich auch ihre eigene Kultur. Sie lernen, nicht nur in einer Kultur zu leben, sondern in mehreren. Dadurch entsteht auch Bedarf an Experten für andere Kulturen, die zwischen der heimischen und der fremden Kultur vermitteln können, da man ohne das Verständnis für die andere Kultur nicht in der Lage ist, erfolgreiche zwischenmenschliche Beziehungen und desto weniger Geschäftsbeziehungen zu den anderen aufzubauen und zu pflegen.

Die Industrielle Revolution verändert auch die Arbeitswelt und bringt enorme Menschenmengen auf der Suche nach Arbeit in die Städte. Es wird jedoch schnell klar, dass die Industrie und das Förderband ihre Besitzer dazu befähigen, die Nachfrage mit dem Angebot um das Hunderttausendfache zu übertreffen. Man muss die Ware auf andere Märkte bringen, doch dazu ist der Kontakt mit den Geschäftsleuten aus anderen Kulturen unablässig. Ähnlich verhält es sich mit der Arbeitskraft. Früher oder später ist die Industrie soweit ausgebaut, dass sie für den Binnenbedarf in vollem Umfang sorgen kann und keine Perspektive zum Ausbau und damit zur Schaffung neuer Arbeitsplätze mehr verspricht. So reift in den arbeitslosen Bauern der Wunsch fortzuziehen, an einen Ort, wo man leicht eine Beschäftigung finden und somit für sich selbst und für die eigene Familie sorgen kann. Auf diese Art und Weise entsteht das Phänomen der Migration. Mittlerweile gibt es mehrere Arten von Migration, z.B. Arbeitsmigration, Wirtschaftsmigration oder Fluchtmigration. Was auch immer der Grund für die Migration ist, es entsteht dadurch eine Konstellation, bei der die Menschen ihren Lebensmittelpunkt aus einer gewohnten Umgebung in eine andere fremde Umgebung verlagern und dort für einen Zeitraum bleiben, der bei jedem unterschiedlich lang sein kann. Migration bringt für die Auswanderer viele Veränderungen mit sich, die nicht nur in unmittelbarem Verhältnis zum Transfer von einem Ort zum anderen stehen, sondern eher kultureller Natur sind.

Im Jahr 2011 lebten in Deutschland 80,23 Millionen Menschen (DESTATIS 2011), davon 15,96 Millionen mit Migrationshintergrund (DESTATIS 2011a).

Zur Bevölkerung mit Migrationshintergrund zählen alle, die nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland zugezogen sind, alle in Deutschland geborenen Ausländer/-innen und alle in Deutschland mit deutscher Staatsangehörigkeit Geborene mit zumindest einem zugezogenen oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil. Der Migrationsstatus einer Person wird somit sowohl aus ihren persönlichen Merkmalen zu Zuzug, Einbürgerung und Staatsangehörigkeit wie auch aus den entsprechenden Merkmalen der Eltern abgeleitet. Dies bedeutet, dass in Deutschland geborene Deutsche einen Migrationshintergrund haben können, sei es als Kinder von Spätaussiedlern, als Kinder ausländischer Elternpaare oder als Deutsche mit einseitigem Migrationshintergrund. Dieser Migrationshintergrund leitet sich dann ausschließlich aus den Eigenschaften der Eltern ab. (DESTATIS 20111)

Mit anderen Worten haben knapp 20 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen einen Migrationshintergrund. Seit Beginn der 60er Jahre bis weit in die 70er Jahre hinein wanderten große Zahlen an Arbeitsmigranten aus unterschiedlichen Herkunftsländern nach Deutschland ein. Seit 1987 (und noch verstärkt nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion) bis 1997 wanderten insgesamt ca. 1,5 Millionen Spätaussiedler nach Deutschland ein. Die damaligen Bundesregierungen haben es versäumt, den Einwanderern eine angemessene Hilfe bei der Integration und Eingliederung in die deutsche Gesellschaft zu leisten. Die Folgen dieser Versäumnisse bekommt die Gesellschaft der Bundesrepublik seit geraumer Zeit zu spüren. In Deutschland wachsen hunderttausende Kinder von Ausländern heran, die, trotz durchaus vorhandener Intelligenz, zu einem großen Teil nicht den Hauptschul-, geschweige denn Realschulabschluss oder das Abitur schaffen. Andererseits gibt es eine große Zahl an Menschen mit Migrationshintergrund, die einen Hochschulabschluss schaffen und hohe gesellschaftliche und politische Positionen erreichen. Woher stammen diese Unterschiede?

Migranten gelten schon seit mehr als einem Jahrhundert als eine bedeutende ökonomische Variable. Angesichts der enormen Migrantenzahlen ist ein rationaler und wissenschaftlicher Umgang mit dem Thema immens wichtig. Es ist notwendig die Migranten zu verstehen, um sie erfolgreich in die bundesdeutsche Gesellschaft integrieren zu können. Und wenn die Wirtschaftler, Politik- und Sozialwissenschaftler die ökonomischen und sozialen Aspekte erforschen können, so muss die Erforschung der kulturellen Aspekte von Philologen und Kulturwissenschaftlern übernommen werden.

Vorliegende Arbeit versteht sich als kulturwissenschaftlich. Mit dieser Prämisse wird hier versucht zwei Einwanderergruppen zu vergleichen und zu analysieren: Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion (oder Russlanddeutsche) und italienische Gastarbeiter. Die italienischen Gastarbeiter sind als erste Nationalität per Abkommen eingeladen worden und bildeten bis in die 1970er Jahre die größte Gruppe. Außerdem gelten die Italiener als die am besten integrierte Gruppe. Die Russlanddeutschen sind mit über 2,5 Millionen Personen die größte Einwanderergruppe und gehören per Definition dem deutschen Volk an. Das Hauptaugenmerk dieser Arbeit liegt auf dem kulturellen Vergleich dieser Gruppen, um am Ende Rückschlüsse darauf ziehen zu können, ob ein gemeinsamer kultureller Ursprung von Vorteil auf dem Weg zur Assimilation ist, bzw. zu beobachteten, welche Rolle die gemeinsame Ausgangskultur im Akkulturationsprozess spielt. Diese zwei Gruppen haben denkbar unterschiedliche Anfangsvoraussetzungen, unterschiedliche Ziele und Struktur. Kritische Auseinandersetzung mit diesen Erkenntnissen ist nötig um die kulturellen Aspekte der identitätsbildenden Prozesse offenzulegen und zukünftig pragmatisch, in Bezug auf Migration und Integration, einsetzen zu können.

Im 2. Kapitel werden die für das Thema relevanten Begriffe definiert, solche wie Kultur, Identität, Ethnizität und Integration, sowie der rechtliche Rahmen für die Migration vorgestellt.

Im 3. Kapitel wird die Gruppe der italienischen Gastarbeiter im diachronen Querschnitt vorgestellt. Im Vordergrund stehen die Auswanderungsmotive und das kulturelle Profil dieser Gruppe heute und vor der Auswanderung.

Im 4. Kapitel werden die Russlanddeutschen nach dem gleichen Muster wie die Gastarbeiter vorgestellt.

Im 5. Kapitel wird versucht, anhand des im 2. Kapitel herausgearbeiteten kulturtheoretischen Instrumentariums, die relevanten Daten aus dem 3. und 4. Kapitel auszuwerten und zu vergleichen.

1.2 Empirische Studien und Grundannahme.

Als Grundlage für den Vergleich dient eine qualitative Studie zu italienischen Gastarbeitern von Yvonne Ryker aus dem Jahre 2003 „Ein Stück Heimat findet man ja immer“. Zu Russlanddeutschen werden in erster Linie die qualitativen Studien von Svetlana Kiel „Wie deutsch sind Russlanddeutsche?“ aus dem Jahre 2009 und „Brüchige Zugehörigkeiten. Wie sich Familien von „Russlanddeutschen ihre Geschichten erzählen“ von Gabriele Rosenthal, Viola Stephan, Niklas Radenbach aus dem Jahr 2011 herangezogen. Die Autoren aller 3 Studien erheben die auszuwertenden Daten mittels autobiografischer Interviews. Die Auswertung der Daten zielt darauf ab, „gruppenübergreifende kollektive Orientierung aufzudecken, die aus den biographischen Gemeinsamkeiten der Gruppenmitglieder resultiert“ (Kiel 2009: 68).

Das Hauptanliegen dieser Arbeit ist eine Analyse der Veränderungen der kulturellen Identität im Zuge der Migration. Es ist evident, dass im Zuge der Migration die Identität eines Menschen Veränderungen unterzogen wird. In dieser Arbeit wird versucht die konkreten Veränderungen offenzulegen und zu analysieren.

Die kulturelle Leistung besteht im Anschluss an eine Migration darin, Strategien für den Umgang mit auftretenden Widersprüchlichkeiten zu entwickeln. Die zu bewältigende Irritation der Migranten resultiert dabei aus einer anhaltenden Orientierung an der Herkunftskultur und einer gleichzeitigen Konfrontation mit Elementen der neuen kulturellen Umgebung (Bausinger 1986: 155).

Im Folgenden werden Phasen beschrieben, die ein Migrant auf dem Weg zu einer kulturellen Anpassung durchläuft (s. 2.1.5). Dabei geht es darum, dass ein Migrant sich der aufnehmenden Kultur annähert und sie, im Idealfall, auch komplett übernimmt (Assimilation). Demnach müssten die Russlanddeutschen, da sie per Definition dem deutschen Volk angehören, den Italienern auf dem Weg zur Integration voraus sein, da sie ja bereits der „deutschen Kultur“ angehören. Dies ist anhand empirischer Daten zu überprüfen. Erfährt der ethnische Aspekt eine besondere Bedeutung hinsichtlich der kulturellen Identität im Rahmen einer Migration2 ?

2. Begriffsdefinitionen und rechtliche Rahmenbedingungen.

2.1 Begriffsdefinitionen.

2.1.1 Kultur.

Heutzutage begegnet man jeden Tag Menschen aus anderen Kulturen. Man spricht von kulturellen Unterschieden oder kultureller Vielfalt. Jeder versteht, was mit „Kultur“ gemeint ist. Die Definition von Kultur erweist sich allerdings als problematisch, da es keine einheitliche Definition gibt und die Definition auch je nach Bereich unterschiedliche Aspekte des Phänomens Kultur impliziert.

Edward T. Hall schlägt eine sehr einfache Definition des Kulturbegriffs vor, indem er Kultur mit Kommunikation gleichstellt: „Culture is communication“ (Hall 1959: 97). Jack Goody differenziert den Begriff „Kultur“ weiter aus:

First there is “culture” in the sense of learned behavior (and its products) that which in general but not in detail distinguishes mankind from other animal species that are overwhelmingly dependent on generic transmission, (…) Secondly, there is “a culture” comprising the patterned behavior of particular group, tribe, nation, class, locality. (Goody 1994: 250)

Diese Definition rückt zwei unterschiedliche Ebenen der Kultur in den Vordergrund. Einerseits ist mit Kultur die Fähigkeit der menschlichen Spezies zu lernen gemeint, die Fähigkeit mit der Außenwelt zu interagieren und Erfahrungen mit der Welt zu verarbeiten und einzusetzen. Somit dient Kultur als ein Faktor, der das „Menschsein“ praktisch stiftet, indem es den Unterschied zur nichtmenschlichen Welt aufzeigt. Andererseits, stellt Goody fest, ist Kultur ein gruppenstiftendes Phänomen, das eine Grenze präsupponiert, indem es ein typisches gruppeneigenes Verhalten sowie gruppenimmanente Bräuche und Sitten ausmacht und somit eine Ausdifferenzierung der menschlichen Spezies vornimmt (vgl. Römhild 1998: 9). Jede Gruppe hat eine eigene Perspektive auf die Welt und auf das Weltgeschehen, bei der das Raum-Zeit-Kontinuum durch den „Filter“ der jeweiligen Kultur rezipiert wird. Dementsprechend ist auch die menschliche Geschichte, die Geschichte von Kulturen, es ist unmöglich, die Geschichte der Menschheit in anderen Begriffen zu denken (vgl. Huntington 2002: 49).

Zivilisation und Kultur meinen beide die gesamte Lebensweise eines Volkes; (…) Beide implizieren die „Werte, Normen, Institutionen und Denkweisen, denen aufeinanderfolgende Generationen einer gegebenen Gesellschaft primäre Bedeutung beigemessen haben.“ (ebd.: 51). „Jede Kultur sieht sich als Mittelpunkt der Welt und schreibt ihre Geschichte als zentrales Drama der Menschheitsgeschichte“ (ebd.: 74).

Anhand dieser Aussagen kann man feststellen, dass Kultur vereinend nach Innen und abgrenzend nach Außen wirkt. Kultur ist ein Gegenstück bzw. die Ursache für den Verfremdungseffekt, den Viktor Školovskij in seinem Aufsatz „Kunst als Verfahren“ von 1916 beschrieb, da:

(…) Kultur allgemein gesehen eine rahmende Funktion besitzt, die dazu dient, dass durch Menschen Orientierungsrahmen für Menschen geschaffen werden. Da diese sinnvolles Handeln ermöglichen, wird Kultur zu einem elementaren Medium der Sinnproduktion. Ausgehend von diesen Annahmen ist der Begriff von Kultur in erster Linie zu verstehen als analytische Abstraktion zur Entdeckung und Beschreibung von sinnstiftenden Bedeutungsmustern unter Menschen (Kiel 2009: 55).

2.1.2 Identität.

Mit dem Begriff „Identität“ verhält es sich ähnlich wie mit dem Kulturbegriff. Jeder weiß, was es heißt, doch kann man es nur schwer in Worte fassen. Der Duden definiert den Begriff „Identität“ folgendermaßen: „1. völlige Übereinstimmung mit jemandem, etwas in Bezug auf etwas; Gleichheit. 2.a. Echtheit einer Person oder Sache; völlige Übereinstimmung mit dem, was sie ist oder als was sie bezeichnet wird. b. (Psychologie) als „Selbst“ erlebte innere Einheit der Person“ (Duden 2013). Der Punkt 2.a gibt die Substanz der banalen und vordergründigen Vorstellung über die Identität wider, so wie sie im Personalausweis ihren Ausdruck findet. Punkt 2.b bietet eine andere Vorstellung vom Identitätskonzept an. Indem das „Selbst“ und die „Person“ erwähnt wird, wird eine Persönlichkeit als Ganzes impliziert. Mit anderen Worten erlebt sich eine Person als Ganzes, als eine Einheit von Vorstellungen, Fähigkeiten, Wissen und Werten. Wenn man sich seiner Identität nicht sicher ist, so spricht man von einer Krise der Identität, und zwar: „(…) Identität nicht im Sinne der Ausweispflicht (…), sondern Identität als Übereinstimmung nicht nur mit der Umgebung, sondern vor allem mit sich selbst“ (vgl. Bausinger 1986: 142). In diesem Sinn ist kulturelle Identität: „die Möglichkeit, über die Erfahrung einer definierten Kultur sich selbst zu erfahren und sich zuhause zu fühlen“ (ebd.). Mit anderen Worten ist eine Person ein Gebilde aus verschiedenen „Bausteinen“, die einzeln betrachtet auch anderen Personen, auch aus unterschiedlichen Kulturen, zu eigen sein können. Es ist das Zusammenspiel, die Kombination der „Bausteine“, die eine Person bzw. eine Kultur ausmacht.

Der Einzelne erfährt sich selbst ja nicht nur in der Auseinandersetzung mit Anderen, sondern auch in seiner kulturellen Ausstattung mit einer bestimmten Sprache, mit bestimmten Überlieferungen, bestimmten Eigenheiten der materiellen Kultur, mit Normen und Werten. Diese kulturelle Dimension trägt zu meiner Identität bei; sie liefert Werkzeuge zur ständigen Herstellung oder Stabilisierung von Identität (ebd.: 143).

Das Konzept der „kulturellen Identität“ ist jedoch noch etwas zu vage und allgemein, um adäquat dieser Untersuchung Rechnung zu tragen. Es muss noch weiter durch die ethnische Komponente eingegrenzt werden. In dieser Hinsicht werden u.a. folgende Aspekte der kulturellen Identität vordergründig: Bewertung einer Sprache als Muttersprache, Einstellung zur Monogamie, Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft, statt zu einer anderen, Wahrnehmung eines gemeinsamen historischen Schicksals als typisch empfundene Kulturelemente (vgl. Kiel: 45). Wichtig ist, dabei zu beachten, dass Identität im Sinn dieser Arbeit ein subjektives Phänomen ist. Es ist das Ergebnis der Selbstreflexion und Selbstzuweisung, aber auch ein Produkt der Fremdzuweisung und konstituiert sich in vollem Umfang erst durch das Zusammenspiel dieser Ebenen, der Selbst- und der Fremdidentifikation.

2.1.3 Ethnizität.

Eine der ersten Definitionen von Ethnizität oder ethnischer Identität (vom griechischen ethnos -Volk, Volkszugehörige) stammt vom Gründervater der Soziologie Max Weber.

„Wir wollen solche Menschengruppen, welche aufgrund von Ähnlichkeiten des äußeren Habitus oder der Sitten oder beider oder von Erinnerungen an Kolonialisation und Wanderung einen subjektiven Glauben an eine Abstammungsgemeinschaft hegen, wenn sie nicht ‘Sippen’ darstellen, ‘ethnische’ Gruppen nennen, ganz einerlei, ob eine Blutsgemeinschaft vorliegt oder nicht.“ (Weber 1972: 237).

Durch Webers Dekonstruktion des Ethnizitätbegriffs wird evident, dass dieser Begriff auf subjektiven Kategorien basiert, von Mensch erschaffen und somit nicht naturgebunden ist. Dabei stellt sich die Frage nach der Funktionalität des Begriffs und nach der Funktionalität des Konzepts einer Gemeinschaft, deren konstituierende Elemente ethnischer Natur sind. Der norwegische Anthropologe Frederic Barth legt den Fokus seiner Forschung, anders als viele seiner zeitgenössischen Kollegen, auf die Schnittstellen der zwischenethnischen Interaktion und nicht auf die spezifische Substanz der jeweiligen Ethnien. „The critical focus of investigation from this point of view becomes the ethnic boundary that defines the group, not the cultural stuff that it encloses.“ (Barth1969: 9). Die Frage nach dem Inhalt verliert dabei an Bedeutung, die Aufgabe der Wissenschaft ist demnach die Erforschung der Prozesse der Grenzziehung.

Regina Römhild führt folgende Thesen an, um die allgemeine Rekonstruktion der Ethnogenese einer Gruppe von Menschen zu analysieren:

1. „Ethnische Identität läßt sich verstehen als eine räumliche, kulturelle und soziale Identitäten potentiell übergreifende Kategorie.“

(…) Dies ist z.B. mit Blick auf Migranten bedeutsam, die ein Bewußtsein ethnischer Zugehörigkeit zu ihrem Ursprungsland trotz einer veränderten kulturellen Praxis in der Aufnahmegesellschaft beibehalten oder wiederentdecken können. Bedeutsam im Sinne eines politisch-strategischen Einsatzes ist dieses Charakteristikum aber gerade auch für die Möglichkeit einer Vergemeinschaftung von Menschen mit unterschiedlichen soziokulturellen Hintergründen zu einer ethnischen oder nationalen Bewegung. (Römhild 2008: 137).

2. „Ethnische Identität entsteht auf der Grundlage von aufeinander bezogenen

Fremd- und Selbstzuschreibungen.“

War man in der älteren Literatur zum Thema noch vielfach davon ausgegangen, daß sich ethnische Gruppen entlang äußerer Merkmale „objektiv“ bestimmen lassen, so gewann im Zusammenhang mit Barths konzeptioneller Revision die Vorstellung an Gewicht, daß ethnische Identität ein zugeschriebenes Phänomen und damit ein subjektives, „von den Betroffenen konzipiertes Konstrukt der Wirklichkeit“ (…) ist, das – von außen betrachtet – bar jeder objektiven Begründung sein kann (ebd.: 138).

Die Einschätzung, daß der Status und die kollektive Orientierung von Einwanderern letztlich doch weniger von einer selbstgewählten Zuordnung als von den Fremdzuschreibungen der Aufnahmegesellschaft mitbestimmt werden, führte neben der Kritik an gesellschaftlichen Konzepten auch zur kritischen Revision des wissenschaftlichen Beitrags zur Etikettierung und Positionierung der Migranten als Fremde (…) (ebd.: 139).

3. „Das Denken in ethnischen Kategorien ist eine konjunkturelle und kontextabhängige Begleiterscheinung komplexer Nationalisierungsprozesse.“

Diese These bezieht sich einerseits darauf, daß ethnische Identität im Horizont einzelner Gruppen kein einmal etabliertes, konstantes Phänomen ist, sondern ihre Bedeutung im Lauf der Zeit und in unterschiedlichen Kontexten verändern kann. Zum anderen bezieht sich die These auf die Zeitlichkeit und Kontextabhängigkeit des Phänomens „ethnische Identität“ in einem allgemeineren Sinn: Wenn die jeweilige Unterscheidung von „Innen“ und „Außen“, von „Eigenem“ und „Fremden“, von „Freund“ und „Feind“ ein prinzipielles gesellschaftliches Grundproblem darstellt (…), dann ist die Unterscheidung entlang ethnischer Identität eine Möglichkeit, auf dieses Problem zu reagieren (ebd.: 140).

Ethnizität ist ein äußerst polemisierbarer Begriff. Der fließende Übergang zwischen Ethnizität im deskriptiven Sinn und Ethnizität im politischen Diskurs erzeugt dieses Potential zur Polemik. Die semantischen Überschneidungen zwischen Kultur, Identität und Ethnizität sind evident, davon stammen auch die trivialen Überlagerungen der Teilbedeutung von einem Begriff auf den anderen und scheinbare direkte Abhängigkeit eines vom anderen. Deswegen ist bei Verwendung dieser Termini die begriffliche Klarheit von signifikanter Bedeutung.

2.1.4 Sprache und Kultur.

Nach der Klärung der Definitionen von Kultur, Identität und Ethnizität erscheint es evident, dass die Sprache eine der entscheidenden Rollen bei der Formation der ethnisch-kulturellen Identität spielt. Die Sprache kann in bestimmten Kontexten sogar der einzige bzw. der entscheidende Faktor für die Vergemeinschaftung gewisser Gruppen sein. Aus diesem Grund gehört die Annahme, dass zwischen Sprache und Kultur eine enge Beziehung besteht, zu den Selbstverständlichkeiten der Linguistik und Anthropologie. Die Modelle, die die kausalen Zusammenhänge zwischen der Sprache und der tradierten Realität beschreiben, sind jedoch nicht eindeutig und werden kontrovers diskutiert (vgl. Dorfmüller-Karpusa 1993: 19). Im Wesentlichen lassen sich zwei Hauptrichtungen ausmachen, die den Diskussionsverlauf bestimmen: „a) Die Kultur prägt die Sprache, und das Denken wird in der Sprache widergespiegelt. In anderen Worten, die Sprache ist ein Instrument, wodurch der Mensch sich ausdrückt. b) Die Kultur und somit die Sprache determinieren das Denken. In anderen Worten, die Sprache ist ein Instrument, mit dem der Mensch die Welt erfasst.“ (ebd.: 20). Die 2. Hypothese stammt von Edward Sapir und Bejamin Whorf, die erkannten, dass mehrere kognitive Prozesse durch die jeweilige Sprache bedingt werden und je nach Sprache unterschiedlich sind. Sie behaupten weiter, dass eine Sprache die kommunikativen Bedürfnisse jeder Gesellschaft, in der sie verwendet wird, adäquat bedient, sprich alle Konzepte, die die Gemeinschaft der Sprecher kennt, können mithilfe der Sprache benannt und erklärt werden. Und in den Fällen, in denen die Sprechergemeinschaft mit einem Konzept zu tun hat, das, aus welchem Grund auch immer, in der jeweiligen kulturellen Praxis nicht vorhanden ist, verfügt eine Sprache über eine Vielfalt an Instrumenten, mit denen das Konzept in die jeweilige Realität aufgenommen werden kann. Demnach ist die Sprache eine Referenz, die das Denken determiniert, aber auch gleichzeitig eingrenzt. Die Grenzen der Sprache werden somit zur Grenze für das Denken. Ergo: Denken außerhalb der Sprache ist unmöglich (vgl. ebd.).

G.H. Mead merkt noch an, dass „die Wirklichkeit erst durch Interaktion zustande kommt.“ (vgl. ebd.: 23). Somit entsteht die Realität durch die Verwendung der Sprache.

„Jeder übernimmt in der Gesellschaft jeweils bestimmte sozial vorgegebene Rollen, die in der Sprache ihre Entsprechung finden. Dies bedeutet, daß die jeweils übernommene Rolle wiederum die Sprachverwendung bestimmt. Die Menge aller von einer Person übernommenen Rollen konstituieren seine soziale Identität, die sich parallel zu seiner personalen Identität entwickelt“ (ebd.).

Überspitzt und vereinfacht ausgedrückt heißt das: man ist, was man ist; man ist, was man genannt wird.

[...]


1 https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Bevoelkerung/MigrationIntegration/Migrationshintergrund/Aktuell.html (Zugriff 12.07.2013, 18.30 MESZ)

2 Vgl. Kiel 2009: 59

Details

Seiten
49
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656573289
ISBN (Buch)
9783656573234
Dateigröße
709 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v266061
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,6
Schlagworte
Gastarbeiter Russlanddeutsche Migration Integration Assimilieung Kultur Identität Ethnizität Einwanderungsland Ethnie

Autor

  • Thomas Fischer (Autor)

Teilen

Zurück

Titel: Identitätsstiftende Aspekte bei Migrationserfahrungen. Russlanddeutsche und Gastarbeiter aus Italien.