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Ist Jugendkirche ein gelungenes Konzept um Kirche wieder für Jugendliche interessant zu machen?

Bachelorarbeit 2013 58 Seiten

Theologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Religiosität Jugendlicher
2.1 Die Entwicklung von Religiosität in der Adoleszenz
2.2 Die aktuelle Situation der Religiosität Jugendlicher
2.3 Ursachen und Erklärungsversuche zur momentanen Religiosität Jugendlicher

3. Von der Idee zur Realisierung
3.1 Die Idee einer Jugendkirche
3.2 Die Entstehung einer Jugendkirche

4. Das Konzept Jugendkirche
4.1 Wie sind Jugendkirchen organisiert?
4.2 Innovation Jugendkirche

5. Demoskopie über die Jugendkirche
5.1 Die Innovation Jugendkirche aus Sicht der Experten - Einschätzungen, Überlegungen, Ausblicke
5.2 Die Innovation Jugendkirche aus Sicht der jugendlichen Teilnehmer - eine empirische Darstellung
5.2.1 Methodologie der empirischen Untersuchung
5.2.2 Ergebnisse (Sehen)
5.2.3 Auswertung (Urteilen)
5.2.4 Ausblick (Handeln)

6. Fazit

7. Quellen- und Literaturverzeichnis

8. Anhang
8.1 Der Online-Fragebogen
8.2 Die Ergebnisse in Zahlen und Grafiken

1. Einleitung

„ [Das Reich Gottes] gleicht einem Senfkorn [ … ]. Ist es aber ges ä t, dann geht es auf [ … ]. “ (Mk 4,31.32) Lohnt es sich, das Senfkorn Jugendkirche zu säen?

Die Zukunft der Katholischen Kirche hängt am seidenen Faden. Die Religiosität der Menschen befindet sich in einem starken Wandel. Für viele Menschen verliert die Kirche immer mehr an Bedeutung. Heutzutage beginnt das Abwenden bereits im Jugendalter, wie viele Studien beweisen. Deshalb ist die kirchliche Jugendarbeit heut mehr denn je gefordert und elementar.

Sie hat es sich seit circa 20 Jahren zur Aufgabe gemacht, eine innovative Kirchenform zu entwickeln. Sozusagen eine Kirche für die Jugend und von der Jugend. Das experimentelle Konzept nennt sich Jugendkirche und wurde in Deutschland bereits 106 Mal in katholischen Diözesen realisiert.

Dieses noch recht junge Projekt soll den Mittelpunkt dieser wissenschaftlichen Abhandlung darstellen. Nach 20 Jahren des Erprobens ist es an der Zeit, eine Bilanz zu ziehen vor dem Hintergrund der Fragestellung: Ist Jugendkirche ein gelungenes Konzept um Kirche wieder für Jugendliche interessant zu machen?

Zu Beginn dieser Arbeit wird die aktuelle Situation der Religiosität Jugendlicher, sowie deren Wandel mittels verschiedener bestehender Studien beleuchtet und begründet. Es soll vor diesem Kontext dargestellt werden, warum es zu einer Idee von einer Kirche speziell für Jugendliche gekommen ist.

In einem nächsten Schritt (Kapitel 3) werden Ideen und Ansätze für die Realisierung einer Jugendkirche zusammengestellt. In Kapitel 4 wird beschrieben, wie Jugendkirchen organisiert sein können und wie sie sich von der „veralteten“ Kirche abgrenzt.

Um zu einem wissenschaftlich fundierten Ergebnis der Fragestellung zu kommen, werden in Kapitel 5 Expertenmeinungen aus verschiedenen Professionen (Theologie, Sozialwissenschaften) und somit aus verschiedenen wissenschaftlichen Blickwinkeln vorgestellt, bevor es zum Kernpunkt, der Befragung von jugendlichen Teilnehmern der Jugendkirchen, kommt. Mittels einer quantitativen empirischen Online-Umfrage und in Kooperation mit drei verschiedenen katholischen Jugendkirchen, soll festgestellt werden, ob das Konzept Jugendkirche aus Sicht der betroffenen Jugendlichen ein Erfolgreiches ist und ob somit das Ziel der kirchlichen Jugendarbeit, erreicht wurde. Untergliedert wird dieser Teil in die Klärung der Methodologie (5.2.1), das Vorstellen der Ergebnisse (5.2.2), die Auswertung der Ergebnisse (5.2.3) und einen Ausblick, der die Auswertung beurteilt und mögliche Konsequenzen für ein weiteres Handeln daraus schließt.

Zum Schluss werden alle Ergebnisse nochmals kurz präsentiert und die Forschungsfrage dieser Arbeit beantwortet.

2. Die Religiosität Jugendlicher

Folgend wird der Wandel und die aktuelle Situation der Religiosität Jugendlicher unter wissenschaftlichen Aspekten beleuchtet. Da sich vor diesem Hintergrund die katholische Kirche gezwungen sah, sich den Jugendlichen weiter zu öffnen, konnte die Idee einer Jugendkirche erst entstehen.

In Punkt 2.1 wird der Zusammenhang zwischen dem Wandel der Adoleszenz und den damit einhergehenden Veränderungen für die Religiosität von Jugendlichen erläutert. Im nächsten Schritt wird die aktuelle Situation, demnach der Wandel der Religiosität Jugendlicher unter den Dimensionen Kirchenmitgliedschaft, Gottesdienstbesuch, Engagement in kirchlichen Jugendgruppen, persönliches Gebet, das Verhältnis von Religion und Moderne, der Wandel der Religion und den Ergebnissen der Sinus-Milieuforschung beleuchtet.

Abschließend werden Ursachen und Erklärungsversuche zur momentanen Religiosität Jugendlicher formuliert.

2.1 Die Entwicklung von Religiosität in der Adoleszenz

Spricht man von einem Wandel in der Religiosität Jugendlicher, so muss dies im Zusammenhang mit der Geschichte der Adoleszenz geschehen, wie im Folgenden erläutert werden soll.

1950 beschreibt Erikson Adoleszenz als das Suchen und Finden von Identität, in der simultan Kindheitsmuster abgeworfen werden und die Erwachsenenrolle angeeignet wird, in deren Höhepunkt eine Eheschließung bzw. partnerschaftliche Bindung mit anschließender Familiengründung steht. Laut Erikson sei diese Jugendphase mit 20 Jahren abgeschlossen1.

Rund 50 Jahre später stellt sich durch Hurrelmann 2004 heraus, dass sich im Laufe der Jahrzehnte eine eigenständige Jugendphase herausgebildet hat, die weitgehend individualisiert und nicht zu verallgemeinern sei. Außerdem habe sich die Phase der Adoleszenz insoweit verlängert, dass sie bis ins dritte Lebensjahrzehnt andauern kann.2 Im Vergleich zu Erikson wird heute nur noch vom Suchen der Identität gesprochen, was als eingreifende Veränderung für die Religiosität bei Jugendlichen gesehen werden kann.

Die von Hurrelmann beschriebene Verlängerung der Jugendphase wirkt sich auch auf die Entwicklung der Religiosität wie folgt aus: Wenn sich die Selbstfindung bis ins dritte Lebensjahrzehnt verschieben kann, so kann auch die Wahl einer bestimmten religiösen Einstellung verzögert werden, da diese Teil unserer Identität ist. Ein weiteres Indiz für die Beeinflussung von Religiosität durch die Veränderung der Adoleszenz ist der Wandel der Gewichtung von Religion. Jugendliche sehen sich nicht mehr dazu verpflichtet, sich nur für eine Religion zu entscheiden. Inhalte der Adoleszenz, wie Beruf, Karriere, Partnerschaft, Erfahrungen im Ausland, etc. gewinnen in der heutigen Jugend im Vergleich zu Eriksons beschriebener Vorstellung von Adoleszenz immer mehr an Bedeutung. Religion wird dabei oft nur wenig Beachtung geschenkt.3

Dass Religiosität sich in der Adoleszenz verändert, wurde nun kurz umrissen, doch wie Religion tatsächlich von Jugendlichen heutzutage eingeschätzt und bewertet wird und wie sie sich im Laufe der Jahre verändert hat, soll im nächsten Punkt beachtet werden.

2.2 Die aktuelle Situation der Religiosität Jugendlicher

„Wer Jugendliche erreichen, begleiten und bewegen möchte, muss verstehen, was Jugendliche bewegt“.4 Kirchenmitgliedschaft, Gottesdienstbesuch, kirchliche Jugendgruppen, pers ö nliches Gebet Einer aus Daten der Shell-Studie entwickelten Abbildung über die Veränderungen von Kirchenmitgliedschaft, Gottesdienstbesuch, der Teilnahme an kirchlichen Jugendgruppen und persönlichem Gebet5 zwischen 1953 und 2006 ist zu entnehmen, dass die Mitgliedschaft in der christlichen Kirche stetig gesunken ist (von 97% im Jahr 1953 auf 76% im Jahr 2006).

Gaben im Jahr 1953 noch 59% der Jugendlichen an, einen Gottesdienst in den letzten vier Wochen besucht zu haben, waren es im Jahre 1999 schon nur noch 16%. 2006 ist der Wert des Gottesdienstbesuches aus der Tabelle der Shell-Studie gar nicht mehr ersichtlich.

Auch das persönliche Gebet hatte 1953 im Vergleich zu 1984, 1991, 1999 und 2006 einen Höchstwert von 50%. Hier ist jedoch zu erkennen, dass 1984 schon nur noch 36% beteten, 1991 der Wert jedoch auf 39% anstieg. Selbiges ist auch zwischen 1999 (28%) und 2006 (33%) zu beobachten.

Die Mitgliedschaft in kirchlichen Jugendgruppen ist insgesamt als sehr gering einzustufen. Von 10% im Jahre 1953 sind 1999 nur noch 7% übrig, der Wert im Jahr 2006 ist nicht mehr zu erkennen.

Aus der Graphik wird ersichtlich, dass zwar die meisten Jugendlichen noch Mitglied der christlichen Kirche sind, dies jedoch nicht oder nur wenig nach außen hin präsentieren, sondern ihren Glauben eher im persönlichen Gebet ausdrücken.

Ein Wandel ist deutlich sichtbar.

Das Verh ä ltnis von Religion und Moderne

Ob unsere Zeit von Jugendlichen als religionsfördernd oder religionshemmend empfunden wird, erfährt man aus einer Jugendstudie von Ziebertz, Kalbheim und Riegel aus dem Jahre 2003. Daraus geht hervor, dass 60% der unterfränkischen Gymnasiasten aus den Stufen 9, 10 und 11 demgegenüber eine „ambivalente bis skeptische Haltung“6 einnehmen, nur 10% die heutige Zeit als religionsfördernd empfinden und sogar 30% das Hier und Jetzt als religionshemmend einschätzen.7

Was zunächst sehr negativ konnotiert scheint, zeigt in einem weiteren Ergebnis selbiger Umfrage, dass das Empfinden der heutigen Zeit nicht zwangsläufig auch zu einer Ablehnung von Religion und Glaube führt: Nur knapp 16% der Befragten finden Glauben altmodisch und überholt, 30% zeigen sich unentschlossen und etwas mehr als die Hälfte lehnt die Aussage von Überholtheit ab.8

Sich selbst als religiös bezeichnen sich 22%, unsicher sind sich 42% und 33% würden sich als nicht religiös bezeichnen.9

Es zeigt sich, dass inmitten dieser Adoleszenz eine große Unsicherheit herrscht, denn die höchsten Werte wurden dem Mittelfeld, also der Unentschlossenheit und Unentschiedenheit zugeordnet. Dies ist aber auch nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, dass die Befragten zwischen ca. 15 und 17 Jahre alt waren und die Adoleszenz bzw. Selbstfindung bis zum dritten Lebensjahrzehnt andauern kann, wie im vorangegangen Punkt herausgearbeitet wurde.

Der Wandel der Religion

Von einer Monopolstellung der Kirche, die dem „Religiösen“ klar definierte Strukturen und Ritualisierungen zuschrieb, haben wir uns heute gänzlich entfernt. Religion ist stark individualisiert worden. Wie eine Art Patchwork-Decke wird sich eine Religion aus verschiedenen religiösen Ideologien und Wertvorstellungen gebastelt. Man kann also erkennen, dass Religion keine rationale Entscheidung mehr darstellt, sondern eher ein Bauchgefühl widerspiegelt.10

Die Sinus-Milieuforschung - religi ö se und kirchliche Einstellungen Jugendlicher

Mehr Einkommen, Freizeit, Mobilität, Bildung und soziale Sicherheit haben in den letzten Jahrzehnten dazu geführt, dass sich die Gesellschaft neustrukturiert hat. Durch solche Aspekte werden Menschen flexibler und dazu verleitet, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, eigenverantwortlich und individuell zu handeln.

Es wird nicht mehr auf gemeinschaftliche Verhaltensregeln geachtet, sondern man trägt seine Entscheidungen und auch deren Konsequenzen selbst.

Mit den Jahren haben sich so verschiedene soziale Milieus herausgebildet, denen man auch bestimmte Einstellungen zu Religiosität und Kirche zuordnen kann:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Ist-Positionierungen und Bedeutungen der katholischen Kirche in Deutschland11

Anzumerken ist, dass dieses Schaubild die religiöse Einstellung von jungen Erwachsenen im Alter zwischen 20 und 30 zeigt. Doch über den „Umweg der Altersspannen und - schwerpunkte der Milieus“12 konnte Elisa Stams in ihrer Dissertation herausfinden, dass in den C-Milieus der „Neuorientierung“ überdurchschnittlich viele jüngere Altersgruppen vertreten sind - etwa die Hälfte der befragten Jugendlichen ist hier verortet, deshalb soll im Folgenden auf sie näher eingegangen werden.

Zu den C-Milieus gehören die „Modernen Performer“, die „Experimentalisten“ und die „Hedonisten“.

„Moderne Performer“ sind in der Oberschicht, der oberen Mittelschicht und teilweise auch in der mittleren Mittelschicht verortet. Ihre Grundorientierung ist gekennzeichnet durch „Modernisierung“ und „Neuorientierung“. Ihr Kirchenverhältnis ist geprägt durch Irrelevanz. Kirche wird aber trotzdem als sehr kompetent bezüglich Werte und Moral eingeschätzt. „Kirche als virtuelle Basisstation“ bedeutet, dass sie von den Modernen Performern nur dann genutzt wird, wenn sie selber nicht mehr genügend Kraft besitzen oder ihr Ziel aus den Augen verloren haben.13 Sie ordnen sich auch nicht einer Religion zu. Kirche ist für sie wie ein Dienstleistungsunternehmen; wenn es gebraucht wird, wird es auch bewusst genutzt, z.B. durch Gottesdienstbesuche.14

„Experimentalisten“ gehören hauptsächlich dem Milieu der „Neuorientierung“ an, ein kleiner Teil neigt zur „Modernisierung“, ihre Schichtzugehörigkeit befindet sich in der mittleren Mittelschicht und in der unteren Mittelschicht. Im Vergleich zu den „Modernen Performern“ sind sie also weniger einkommensstark und gebildet. Materieller Erfolg und Status haben in den Augen der „Experimentalisten“ keine Bedeutung. Sie sind „auf der Suche nach spiritueller Tiefe und Erfahrung“15 und nehmen Kirche als Instrument für außergewöhnliche Erfahrungen wahr. Allerdings möchten sie nicht von der Kirche geistlich geführt oder eingebunden werden, was oft zu einer großen Gleichgültigkeit gegenüber der katholischen Kirche führt, wenn man sie als Instrument gerade nicht braucht.

Viele „Experimentalisten“ assoziieren mit dieser Institution den „Verlust individueller Entfaltung und Kreativität, Leichtigkeit und Spontaneität“.16

„Hedonisten“ lassen sich der „Neuorientierung“ und „Modernisierung“ zuordnen, sie ist die sozial schwächste Gruppierung der C-Milieus und somit einkommensschwach und wenig gebildet. Charakteristisch für die „Hedonisten“ sind ihr stark ausgeprägtes körperliches Verlangen, aber auch ihr Bedürfnis nach Bewegung und Sinnlichkeit.17 Man nimmt keine Angebote der Kirche wahr, da sie als „Lustkiller“ verstanden wird. Viele Hedonisten fühlen sich von der Kirche nicht toleriert. Durch ihre geringe Bildung nimmt die Gruppierung der Hedonisten ihr Kirchen-Wissen vorwiegend aus der Boulevardpresse.18 Fragen über den Sinn des Lebens gehen sie nicht nach, sie interessieren sich eher für Magie und Übernatürliches.

Die älteren Jugendlichen ab 20 Jahren sind im C-Milieu der Sinus-Milieustudie von 2005 durch ein „Streben nach dem außergewöhnlichen Erlebnis“19 gekennzeichnet. Ihr geringes Interesse an der Kirche zeigt somit, dass diese Institution keinerlei oder nur wenig Überraschung und neue lebensverändernde Erkenntnis für sie bereit hält und deshalb als langweilig und unbeweglich abgestempelt wird.

Allerdings wurde auch erkannt, dass Angebote der Kirche manchmal wahrgenommen werden, aber eben nur wenn sie gerade für die jungen Erwachsenen von Bedeutung und auf ihr Leben bezogen sind.

2.3 Ursachen und Erklärungsversuche zur momentanen Religiosität Jugendlicher

Um die Ergebnisse solcher Studien nutzen zu können und negative Auffassungen evaluieren zu können, bedarf es auch der Kenntnis über die Ursachen und den Kern des Übels.

Der Strukturwandel der Jugend

Heutige Jugendliche zeigen ein hohes Maß an Erfahrung im Umgang mit neuen Medien. Sie lernen in der Schule Dinge, die heutige Erwachsene noch nicht gelernt haben und sind somit in der Aktualität des Wissens den Erwachsenen einen Schritt voraus. Des Weiteren bietet der demographische und ökonomische Fortschritt bzw. Wandel eine gute Ausgangslage für Jugendliche, Erfahrungen im Ausland zu machen. Flüge sind erschwinglich, Auslandsaufenthalte im Rahmen einer Ausbildung werden vom Staat subventioniert und durch die Gründung der Europäischen Union ist es unkomplizierter geworden, die deutsche Grenze zu überschreiten. Somit besitzt die heutige Jugend ein Mehr an Erfahrung und Wissen gegenüber der Jugend der 68er Generation. So kann man durchaus behaupten, Jugendlichkeit sei ein „Markenzeichen von moderner Identität geworden“20, was Jugendlichen seitens der Erwachsenen mehr Respekt und Ansehen verschafft.

Die Jugendzeit ist nicht mehr geprägt von Warten auf das Erwachsenwerden, das Leben wird selbst in die Hand genommen. Dies geschieht vorerst gegenwartsbezogen und erlebnisorientiert.21 Den Jugendlichen ist bewusst, dass im Beruf vieles erschwert wird. Flexibilität und Spontaneität werden zu Fremdwörtern und dies möchten Jugendliche ausnutzen solange sie noch können. Erkennbar ist dies an den immer späteren Erwerbseinstiegen, dafür aber immer früheren „politisch-ethischen, partnerschaftlichsexuellen und kulturell-konsumorientierten“22 Erfahrungen.

Bezogen auf die Religiosität Jugendlicher ist also zu sagen, dass mit der Verzögerung von zukunftsorientierten Entscheidungen, auch die Wahl einer Religionszugehörigkeit aufgeschoben wird, so können bei Umfragen die hohe Rate der Unentschlossenheit und Unentschiedenheit zumindest ein wenig erklärt werden.

Das Auseinanderr ü cken von Religion und Kirche zum Zwecke der Distanzierung Viele Jugendliche verwenden die Begriffe Religion und Kirche synonym, das eine wird nie ohne das andere gedacht. Jugendliche wollen sich individuell frei entfalten, genau dies ist für sie „schwer mit der Kirche zusammenzudenken“.23 Sie kritisieren dabei die religiösen Verpflichtungen, die man gleichzeitig mit der Wahl einer Religion eingeht und können nicht nachvollziehen, warum etwas Privates und Persönliches wie der Glaube nach außen repräsentiert werden sollte.24 Diese Aussage bietet eine Erklärung für die in Punkt 2.2 dargestellte Übersicht über Kirchenmitgliedschaft und persönliches Gebet, die beide relativ hoch einzustufen sind, dagegen aber der öffentliche Gottesdienstbesuch und die Partizipation an kirchlichen Jugendgruppen sehr niedrig zu verorten sind.

Die rituelle Praxis - Der Gottesdienst

In 2.2 haben wir gesehen, dass regelmäßiger Kirchgang bei Jugendlichen nicht mehr selbstverständlich ist.

Gottesdienst wird von einer Vielzahl Jugendlicher als langweilig und starr erlebt, gerade weil der Lebensbezug zu ihnen fehlt.25

Hinzu kommt, dass die Sprache gerade in der Bibel durch Allegorien, Metaphern und Symbolen, die aus einer agrarisch geprägten Zeit stammen, so wirklichkeitsfern geworden ist, dass sie bei Jugendlichen auf Unverständnis trifft. Außerdem fehlt es an ästhetischen Erfahrungen. Es werden keine Bilder und Medien in den Gottesdienst integriert und auch der Körper bleibt starr und eingefroren; wie eine Maschine wechselt man nur zwischen stehen, sitzen und knien. Wie oben erwähnt, sind Jugendliche an körperlichen und außergewöhnlichen Erfahrungen interessiert, ein Gottesdienstbesuch scheint darum das falsche Erlebnis für die heutige Jugend zu sein.

„ Zwischen Ausdrucks- und Darstellungsformen des Christentums und dem, wie Jugendliche ihr Leben zu gestalten und zu bew ä ltigen versuchen, gibt es - neutral gesagt - Kommunikations- und Vermittlungsbedarf “ .26

Kirche wird dominiert von „erwachsenenkulturellen Formen“.27 Der jugendlichen Ästhetik, die eine immer wichtigere Rolle zu spielen scheint im Leben der Heranwachsenden, wird keine Beachtung geschenkt. Eine Kommunikation zwischen Jugendlichen und Kirche wird dadurch begrenzt oder gar behindert. Wie sollen Jugendliche dann christliche und kirchliche Inhalte ernst nehmen und sich zu Eigen machen, wenn sie sie nicht verstehen?

Genau dort befindet sich die katholische Kirche in einer Krise. Denn wenn man christliche und kirchliche Inhalte nicht versteht, dann schwindet auch das Interesse, sich mit Kirche, Religion und Glauben auseinanderzusetzen. Die Folge: Glaube wird nur noch als gleichgültig betrachtet, Glaube erscheint als etwas, was man nicht zum Leben braucht!

Wie also soll die katholische Kirche darauf reagieren?

3. Von der Idee zur Realisierung

Die katholische Kirche ist diesem Wandel ausgesetzt und muss als Institution darauf reagieren um ihre Zukunft zu sichern. Im folgenden Kapitel 3 werden vor diesem Hintergrund die Idee der Jugendkirche, die Vorgehensweise bei der Projektentwicklung zum jetzigen Zeitpunkt, sowie Ansätze für die Realisierung einer Jugendkirche zusammengestellt.

3.1 Die Idee einer Jugendkirche

Angesichts dieses, durch den Wandel der Religiosität entstandenen, großen Grabens zwischen Kirche und Jugend musste aus Sicht der katholischen Kirche eine Brücke geschaffen werden. Eine Brücke, die den Jugendlichen Raum schafft, sich individuell zu suchen und dabei auch ihren „selektiven Umgang“28 mit Religion toleriert.

Eine Brücke, die Räume für „Kreativität und zum Ausprobieren zur Verfügung [stellt]“29, damit Neugierde und Spielraum für außergewöhnliche Erfahrungen geweckt werden können. Eine Brücke, die auf das eigene Leben Bezug nimmt und immer wieder Platz für Diskussionen und Reflexionen bietet.

Eine Brücke, die nicht von einem Glauben ausgeht, sondern eine Auseinandersetzung damit ansetzt, „die hilft, zu reflektierten Entscheidungen zu gelangen“.30

Eine Brücke, die sich den Bedürfnissen heutiger Jugendlicher öffnet, indem sie in verständlicher Sprache die Offenbarung Gottes verkündet.

Eine Brücke zwischen Jugendkultur und kirchlicher Erwachsenenkultur!31

So entstand die Idee einer Kirche für Jugendliche und von Jugendlichen: Die Jugendkirche, die erstmal im Jahre 2000 umgesetzt wurde.

3.2 Die Entstehung einer Jugendkirche

Der Impuls und die Realisierung einer Jugendkirche gehen für gewöhnlich von der Institution Kirche aus, nicht von den Jugendlichen selbst.32

Die folgenden Überlegungen und Ideen stammen meistens vom örtlichen Pfarrer oder einem Pastoralreferenten aus der Nähe. Dies sind die ersten Schritte, die bedacht werden sollten, wenn man eine erfolgreiche Jugendkirche schaffen möchte:

Schritt 1: Bedarfsanalyse

Zunächst werden die betroffenen Jugendlichen dazu befragt, was in der Nähe gebraucht wird, worüber sie sich freuen würden, was unerwünscht ist und wie sie sich eine attraktive Kirche vorstellen.

Besonders häufig werden solche Umfragen in Schulen vollzogen. So erreicht man alle Jugendlichen, auch die kirchenfernen.

Schritt 2: Zielgruppenbeteiligung und Regionalanpassung

Wichtig ist von vornherein, dass die Jugendlichen auch bei ersten Planungen des Konzepts Jugendkirche dabei sind. Denn nur so ist es möglich, die Interessen und Wünsche der Zielgruppe nicht aus den Augen zu verlieren. Außerdem sollte darauf geachtet werden, dass das Angebot auch auf den regionalen Bedarf zugeschnitten ist.

Um eine Zielgruppenbeteiligung möglichst effektiv zu gestalten, können sogenannte „Trendscoutgruppen“33 gebildet werden, die über ein eigenes Mitspracherecht bei der Projektplanung verfügen und ihre Ideen zu interessanten Themen, wie Name und Logo der Jugendkirche, Gestaltung eines Jugendkirchen-Cafés, Wünsche für Veranstaltungen, etc. einbringen können. Damit das Projekt auch ernst genommen wird, sollten erste kleinere öffentliche Veranstaltungen nicht lange hinausgezögert werden, zum Beispiel kann mit einem außergewöhnlichen Schulgottesdienst begonnen werden.

Schritt 3: Erstellung des Konzeptes

Bevor eine Jugendkirche in Betrieb genommen werden kann, muss jedes kleinste Detail bedacht und in einem Jahresrasterplan gefestigt werden, um erste Einschätzungen für den Betriebskosten- und Investitionskosten-Haushalt zu schaffen. In dieser Phase werden die bisher „erträumten Entwürfe zur Jugendkirche einer kritischen Realitätsprüfung unterzogen [und] Strategien zu ihrer Umsetzung entwickelt“.34 Die wichtigsten zu beachtenden Rahmenbedingungen sind die Fragen nach Ort, inhaltlicher Ausrichtung, Veranstaltungsformen, Zeiten, Akzeptanz, Partizipation, Musik, Kooperationspartner, Finanzen, Öffentlichkeitsarbeit, Zeitplan und Organisationsform.35

Mit einem durchdachten Konzept kann das Projekt Jugendkirche schließlich offiziell beginnen.

Schritt 4: Evaluation

Da das Projekt Jugendkirche noch am Anfang seines Daseins steht und noch häufig als Experiment angesehen wird, ist es sinnvoll, verschiedene Projekte, Veranstaltungen, Prozesse und Organisationseinheiten einer ständigen Kontrolle zu unterziehen, damit aus Fehlern gelernt werden kann und Verbesserungen erarbeitet werden können. Denn ein Idealkonzept gibt es noch nicht. Viele Jugendkirchen stehen deshalb in ständigem Erfahrungsaustausch miteinander. Bei der Evaluation stehen die Ziele der Jugendkirche und der einzelnen Veranstaltungen im Vordergrund. Durch Evaluationsbögen, die den Jugendlichen am Ende der Veranstaltung ausgehändigt werden, soll erhoben werden, inwieweit die Bestrebungen erreicht worden sind. In Evaluationsgruppen werden diese Ergebnisse schließlich ausgewertet und gegebenenfalls Verbesserungsvorschläge gesammelt.

4. Das Konzept Jugendkirche

4.1 Wie sind Jugendkirchen organisiert?

Die katholische Kirche hat als Antwort auf den Wandel in der Religiosität das Konzept der Jugendkirche ins Leben gerufen.

Im Folgenden soll auf die in Schritt 3 erwähnten Rahmenbedingungen eingegangen werden, die zum Gelingen einer Jugendkirche beitragen können.

Der Ort

Entscheidend für die Festlegung eines geeigneten Ortes ist seine Erreichbarkeit. Ideal ist eine zentrale Kirche, die nicht zu weit vom Lebensmittelpunkt der Jugendlichen - also Schulen, Freizeittreffs, Wohnort, oder Ähnliches - entfernt liegt.

Soll es überhaupt einen stabilen Ort geben? Es ist auch möglich, dass verschiedene Kirchen zeitlich begrenzt genutzt werden. An manchen Orten wird Jugendkirche sogar in sogenannten Zeltkirchen veranstaltet. Eine weitere Option wäre, dass die Gemeinde vor Ort ihre Kirche den Jugendlichen zur Verfügung stellt, diese aber weiterhin auch selbst nutzt.36

Ist ein konkreter Raum vorhanden, kann man sich Gedanken darüber machen, wie der Kirchenraum gestaltet werden soll, welche Symbole und Dekorationen den Ort ansprechend wirken lassen sollen. Sollen Stühle oder Bänke als Sitzgelegenheiten dienen und wie sollen sie angeordnet werden, um den Raum kommunikativ und attraktiv zu gestalten?

Sobald eine erste Vorstellung erarbeitet worden ist, muss diese mit verschiedenen Personen abgesprochen werden (Pfarrer, Kirchengemeinderat, Bauamt der Diözese, Denkmalamt,…).37 Sind diese Vorstellungen abgesegnet, gilt es herauszufinden, welches Material dazu gebraucht wird und wer diese Änderungen durchführen soll.

Inhaltliche Ausrichtung

In diesem Punkt geht es um die Ziele der jeweiligen Jugendkirche. Dort geht es neben den in Punkt 3.1 vorgestellten allgemeinen Bestrebungen auch um Ziele, die in einem bestimmten zeitlichen Abschnitt mit bestimmten Angeboten erreicht werden sollen.

Zum Beispiel könnte ein Anliegen sein, andere Gruppen oder Szenen von Jugendlichen stärker anzusprechen, beispielsweise die Skaterszene. So organisierte die Jugendkirche TABGHA in Oberhausen eine Skate-Aktion, bei der der Kirchenraum kurzerhand zum Skatepark umfunktioniert wurde.

Jugendkirchen können aber auch Schwerpunkte setzen. So gibt es einige, die sich besonders auf die Liturgiefeiern konzentrieren, andere wiederum legen mehr Wert auf Kirche als Kunst- und Kulturraum und wieder andere stellen sich unter einer gelungenen Jugendpastoral das Kommunizieren über Glauben vor.

[...]


1 Vgl. Gennerich et.al., Jugend und Religion, 2011, S.18.

2 Vgl. ebd.

3 Vgl. ebd., S.19.

4 Borchard et.al., Wie ticken Jugendliche?, 2013, S.36.

5 Vgl. ebd., S.65.

6 Stams, Experiment Jugendkirche, 2008, S. 40.

7 Vgl. ebd.

8 Vgl. Stams, Experiment Jugendkirche, 2008, S.40.

9 Vgl. ebd.

10 Vgl. Stams, Experiment Jugendkirche, 2008, S.34.

11 Wippermann, Wie ticken Jugendliche?, 2008, S.16.

12 Stams, Experiment Jugendkirche, 2008, S.49.

13 Vgl. ebd., S.50.

14 Vgl. ebd.

15 Vgl. Stams, Experiment Jugendkirche, 2008, S.51.

16 Vgl. ebd., S.52.

17 Vgl. Stams, Experiment Jugendkirche, 2008, S.52.

18 Vgl. ebd.

19 Vgl. Stams, Experiment Jugendkirche, 2008, S.53.

20 Stams, Experiment Jugendkirche, 2008, S.25, frei zitiert nach: Ferchhoff, Jugend an der Wende, 1999, S.68.

21 Vgl. ebd. S.26.

22 Hurrelmann, Lebensphase Jugend, 1999, S.298.

23 Stams, Experiment Jugendkirche, 2008, S.42.

24 Vgl. Stams, Experiment Jugendkirche, 2008, S.42.

25 Vgl. Stams, Experiment Jugendkirche, 2008, S.44.

26 Hobelsberger, Experiment Jugendkirche, 2003, S.17.

27 Ebd.

28 Stams, Experiment Jugendkirche, 2008, S.42, frei zitiert nach: Ebertz, Lebenswelt, 2005, S.10.

29 Stams, Experiment Jugendkirche, 2008, S.30.

30 Stams, Experiment Jugendkirche, 2008, S.55.

31 Vgl. Hobelsberger, Experiment Jugendkirche, 2003, S.17.

32 Vgl. Heck, Vom Konzept zur Umsetzung, 2003, S.118.

33 Schönauer, Jugendkirchen-Management, 2012, S.246.

34 Gaab, Wie starte ich eine Jugendkirche, 2009, S.123.

35 Vgl. Gaab, Wie starte ich eine Jugendkirche, 2009, S. 125-127.

36 Vgl. Katholikenratsvollversammlung: http://www.djk-dv-speyer.de/4_service/download/Denkanstoesse.pdf (12.09.13).

37 Vgl. Gaab, Wie starte ich eine Jugendkirche, 2009, S.125.

Details

Seiten
58
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656588405
ISBN (Buch)
9783656588399
Dateigröße
3.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v266214
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
1,3
Schlagworte
Jugendkirche Bachelorarbeit Katholische Theologie Jugendliche Kirche

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