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Diskriminierungserfahrungen von MigrantInnen aus der Russischen Föderation in Österreich

Eine qualitative Studie der empirischen Sozialforschung

Bachelorarbeit 2013 59 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Theorie und Forschungsstand

3. Design und Methoden

4. Ergebnisse
4.1 Feldbeschaffenheit und -zugang
4.2 Zentrales Modell
4.3 Thesen, Theorie und Fazit

5. Reflexion des Forschungsprozesses

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang: Offenes Kodieren Gesamt

Tabellenverzeichnis:

Tabelle 1: Projektdesign

Tabelle 2: zentrales Modell

Vorwort

Diese Schrift entstand als Qualifikations- und Abschlussarbeit für das Bachelorstudium „Soziologie“ an der Universität Wien. Daher ergreife ich an dieser Stelle die Möglichkeit, mich für erhaltene Unterstützungen zu bedanken. Mein Dank gilt besonders Frau Dr. med. univ. Sandra Piwonka, die mich davon überzeugte, nach vielen Jahren zum zweiten Mal die Universitätsbank zu drücken und mir immer mental zur Seite stand, ebenso an Amor von Trogenbach, der meine Launen ertrug, mich aufheiterte und mein Leben bereicherte. Danke auch an alle meine Universitätslehrerinnen und -lehrer, die sich immer Zeit genommen haben, meine Fragen zu beantworten und meine Einwürfe zu diskutieren und somit wesentlich zur Erweiterung meines intellektuellen Horizonts beigetragen haben. Nicht zuletzt gilt mein Dank auch meinen KommilitonInnen, mit denen ich gemeinsam verschiedene Arbeiten im Zuge des Studiums schrieb, für die größtenteils gute Zusammenarbeit. Mit einigen verbindet mich inzwischen mehr als nur der Studienalltag. Namentlich möchte ich Herrn Hermann Helke danken, der in dieser Arbeit auch ein wenig zur Qualitätssicherung beitrug.

1. Einleitung

Wussten Sie, dass der „Rote Platz“ in Moskau nichts mit der Farbe Rot zu tun hat? Die Bezeichnung leitet sich vom russischen Wort „krasnij“ ab, das in ursprünglicher Form „schön“ bedeutet. Beim „Russischen Bären“ handelt es sich nicht um ein Säugetier, sondern um ein Insekt, nämlich einen Schmetterling. In der Gesellschaft der Russischen Föderation wird es als tabu angesehen, in der Öffentlichkeit zu pfeifen, da man davon ausgeht, dass man mit dem Pfeifen sein Geld „wegpfeift“. Wer seine Tasche am Boden abstellt, beschwört Unglück herauf (vgl. Unicredit Bank Austria 2013: 37). Tradierte Einstellungen, Verhaltens- und Umgangsweisen basieren auf lokal entstandener Kultur. Hauptträger einer Kultur sind die Menschen. Diese exportieren ihre Kultur und Habitus durch Emigrationen in andere (Kultur)gebiete. Damit sind hier vor allem Nationalstaaten gemeint. Viele EU-Staaten haben sich von klassischen Auswanderungs- in Einwanderungsländer gewandelt, um den Arbeitskräftebedarf zu befriedigen.

Österreich hat sich zu einem Einwanderungsland „wider Willen“ entwickelt. Die Bevölkerung hat realisiert, dass das „alte Modell“ der Gastarbeit nicht mehr aktuell ist. Mittlerweile ist Österreich eine Einwanderungsgesellschaft geworden, und die überwiegende Mehrheit der BürgerInnen sieht das auch so (vgl. Statistik Austria 2012: 96). Knapp 16 % der Bevölkerung ist nicht in Österreich geboren. Im internationalen Vergleich liegt dieser Anteil über dem des klassischen Einwanderungslandes USA (vgl. Statistik Austria 2013a). Der Wanderungssaldo mit dem Ausland ist seit vielen Jahren positiv, d. h. es immigrieren mehr Menschen nach Österreich als Personen das Land verlassen.

Auch der Wanderungssaldo mit europäischen Nicht-EU-Staaten steigt seit 2010 stetig. Interessantes Detail dabei ist, dass verheiratete Frauen aus nichteuropäischen Staaten zu über 80 % ohne ihren Partner nach Österreich immigrieren (vgl. OECD 2013: 40). Die größte Gruppe der europäischen Nicht-EU-Staatsangehörigen war im Jahr 2012 die Gruppe von Personen aus der Russischen Föderation, gefolgt von Personen aus Serbien, Bosnien und Herzegowina. Der Wanderungssaldo von russischen MigrantInnen stieg im Vergleich zu 2009 um das Dreifache (vgl. Statistik Austria 2013b). Daher wurde die Auswahlgesamtheit dieser Studie auf internationale MigrantInnen, die aus der Russischen Föderation nach Österreich migrierten, festgelegt. Nach der Definition der UN sind internationale MigrantInnen: „any person, who changes his or her country of usual residence“ (UN 1998). Dabei ist diese internationale Migration mehr als eine physische Neuansiedlung und bedeutet für die betroffenen Personen auch einen Wechsel der rechtlichen Position, die mit einer Neudefinition der Zugehörigkeit zu einer und einem Ausschluss aus einer Gesellschaft einhergeht (vgl. Parnreiter 2000: 34).

Im Jahr 2012 lebten insgesamt 27.300 Personen russischer Herkunft in Österreich. Damit stellen die RussInnen die fünftgrößte Community aus dem Nicht-EU-Raum dar. Zudem steht das größte russisch-orthodoxe Gotteshaus in Mitteleuropa in Wien (vgl. Verein Medien-Servicestelle Neue ÖsterreicherInnen 2013: 1ff). Bei den AsylwerberInnen bilden Personen aus der Russischen Föderation die zweitgrößte Gruppe nach Afghanistan (vgl. OECD 2013: 234; Statistik Austria 2012: 8). Betrachtet man das letzte Jahrzehnt gesamt, stellen die RussInnen sogar die größte AsylantInnengruppe dar (vgl. OECD 2012: 59). Die Russische Föderation ist auch seit langem ein wichtiger Handelspartner Österreichs. Es werden Rohstoffe wie Erdöl, Erdgas, Metalle und Holz nach Österreich importiert und im Gegenzug Maschinen, Anlagen und pharmazeutische Produkte exportiert (vgl. Unicredit Bank Austria 2013: 37). Viel wichtiger als der Güterimport – zumindest aus soziologischer Sicht – ist der Personenimport aus der Russischen Föderation nach Österreich in Form von ImmigrantInnen. Schließlich geht es um Menschen mit ihren Biographien, Erlebnissen und persönlichen Erfahrungen, aber auch um die Auswirkungen dieser Erfahrungen für die persönliche Lebensqualität und Integration dieser Personen in die österreichische Gesellschaft.

Mit qualitativ-interpretativen Vorgangsweisen ist es möglich, biographische Lebensverläufe und konkrete, persönliche Erfahrungen prozessual und tiefgehend zu analysieren und induktiv, geeignete Thesen und Theorien zu generieren. Die qualitative Sozialforschung geht zudem von den Prinzipien der Offenheit, der Kommunikation und der Reflexivität aus, wobei der Prozesscharakter betont wird. Ein weiterer Vorteil von qualitativen Ansätzen ist durch die große Flexibilität im Forschungsprozess gegeben. Auf geänderte Anforderungen und Situationsänderungen kann unmittelbar reagiert werden. Daher kann sich die Forschungsfrage im Zuge der Untersuchung auch ändern, ohne die Studie an sich obsolet zu machen.

Derzeit gibt es nur wenige Studien, die sich qualitativ mit der Lebenssituation von internationalen MigrantInnen und deren Eingliederung in die einheimische Bevölkerung des Ziellandes auseinandersetzen. Ein Forschungsdefizit im Bereich der Integration wurde auch von der OECD erkannt, welche Österreich explizit auffordert, diesen signifikanten Mangel zu beheben (vgl. OECD 2012: 107). In diesem Sinne soll die geplante Arbeit auch einen bescheidenen Beitrag zur Mängelbeseitigung darstellen.

Im Fokus dieser qualitativ-interpretativen Studie steht das Thema der persönlichen Konfrontation mit Diskriminierung, das ein wesentliches Integrationshemmnis darstellt. Mit Diskriminierung ist eine Ungleichbehandlung gemeint, die den Gleichheitsgrundsatz (keine Benachteiligung auf Grund der Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe oder Kategorie) verletzt (vgl. Han 2010: 302). Die OECD meint dazu: „Discrimination is a key obstacle to the full integration of immigrants and their offspring into the labour market and the society as a whole“ (OECD 2013: 191). In der Annahme, dass sich MigrantInnen aus der Russischen Föderation einer gewissen Fremdenfeindlichkeit in Österreich ausgesetzt sehen, bestehen die Herausforderungen für sie darin, mit ihren konkreten Diskriminierungserfahrungen umzugehen und diese auf individuelle Weise zu bewältigen. Bisherige strukturelle Erklärungsmuster sehen in mangelnder formeller Qualifikation der inländischen und zugewanderten Bevölkerung einen Grund zur gegenseitigen Ablehnung (vgl. Statistik Austria 2012: 98). Im Gegensatz zu vielen quantitativen Arbeiten, die vorwiegend auf den Arbeitsmarkt fokussieren, sollen in dieser qualitativ-interpretativen Studie die konkreten Diskriminierungserfahrungen der MigrantInnen untersucht werden, auch wenn diese außerhalb der Erwerbstätigkeit auftreten bzw. die Personen nicht erwerbstätig sind. Somit ist hier eine größere Auswahlgesamtheit gegeben. Außerdem können ansonsten unbeobachtete Phänomene wie persönliche Einstellungen, Emotionen, Präferenzen und Motive in der Analyse biographisch tiefgehend berücksichtigt werden, was in quantitativen Arbeiten nicht der Fall ist. Die OECD sieht dies ähnlich und schreibt in Bezug zu Integrationsschwierigkeiten dazu:

„Such persisting disadvantages may still be partly attributable to other facors, such as differences in social and professional networks, soft skills, concentration in certain geographical areas or fields of study or other un-observed characteristics and personal traits such as motivation.“ (OECD 2013: 192).

Aus dem Vorstehenden leitet sich die Forschungsfrage ab, welche konkreten Diskriminierungserfahrungen MigrantInnen aus der Russischen Föderation in Österreich gemacht haben? Dabei ist es für diese Arbeit wichtig, wie die Personen mit diesen Erfahrungen umgehen, was diese Erfahrungen für die individuelle Integration in die österreichische Gesellschaft bedeuten und welche Auswirkungen diese Erfahrungen auf ihre Lebensbiographie und Lebensqualität haben? Ziel dieser Arbeit ist das bessere Verständnis für die tiefere, individuelle Bedeutung der Diskriminierung, dem persönlichen Umgang mit Klischees und Stereotypen, der Offenlegung von konkreten Handlungsstrategien und Konsequenzen für die Betroffenen. Mit dieser Analyse soll eine Theorie generiert werden, die zum Verständnis des Phänomens der Diskriminierung beiträgt und empirisch fundiert ist. Dabei ist diese Arbeit als Fallstudie zu betrachten, was die Reichweite der Studie limitiert. Eine inhaltliche Repräsentativität ist gegeben. Zur Datenerhebung wurden vier Interviews herangezogen, die mit Hilfe der Grounded Theory analysiert wurden. Nachdem diese Studie als Einzelarbeit entstand, wurde auf Qualitätssicherungsmaßnahmen besonders Wert gelegt. Den interessierten LeserInnen werden in dieser Studie auch ein theoretischer Background, sowie methodische Details der Grounded Theory geboten.

2. Theorie und Forschungsstand

Die Themen der Migration und Diskriminierung bilden wesentliche Schwerpunkte der sozialwissenschaftlichen Forschung. Das Migrationsthema ist weit ausdifferenziert, wobei in dieser Arbeit die internationale Migration von Bedeutung ist. Betrachtet man die Wanderungsgründe von Menschen bieten sich dazu ebenfalls mehrere Theorien an. Es spielen seit langer Zeit bekannte Faktoren wie das Stadt-Land-Verhältnis, die räumliche Distanz, der technologischer Standard und vor allem die Dominanz von ökonomischen Motiven eine Rolle (vgl. Ravenstein 1889 zit. n. Lee 1966: 48). Die neoklassische Ökonomie, die breite Verwendung findet, geht in ihrem Erklärungsmodell von der Ungleichzeitigkeit von Angebot und Nachfrage aus. Neuere Ansätze wie etwa die Theorie des dualen Arbeitsmarktes oder die Weltsystemtheorie versuchen, Wanderungsmotive mit einem erhöhten Statuserwerb im Zielland und/oder einer fortschreitenden Globalisierung zu begründen (vgl. Parnreiter 2000: 27). Generell kann man davon ausgehen, dass als negativ empfundene Zustände und Lebensbedingungen im Herkunftsland als Push-Faktoren migrationsfördernd wirken. Umgekehrt begünstigen positive Lebensbedingungen im Zielland als Pull-Faktoren die Migration. Im Unterschied zu „Gästen“ kommen die „Fremden“ in ein Zielland, um dort zu bleiben. Damit werden sie zu einem Teil der Gruppe selbst (vgl. Simmel 1992b: 764ff). Dies wirft die Frage auf, wie die Gruppe mit ihren neuen Mitgliedern umgeht? Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung von MigrantInnen bilden leider auch heute noch mögliche Verhaltensweisen und Handlungsstrategien.

In der Gesellschaft ist durch eine bestehende Instinktunsicherheit von einer latenten Fremdenangst (Xenophobie) ursächlich auszugehen. Etwaige Abweichungen werden durch den Vergleich mit anderen Personen festgestellt. Je zahlreicher die Unterschiede vorkommen, desto größer wird die Unsicherheit. Menschen möchten mit ihren Handlungen jedoch Unsicherheit vermeiden und Sicherheit gewinnen (vgl. Kröll 2009: 112ff). Mögliche Handlungsweisen dazu finden im ethischen und biologisch begründeten Rassismus statt. Letzterer wurde durch einen kulturellen Rassismus abgelöst (vgl. Bade 1996: 14). Die OECD sieht diskriminierendes Verhalten weniger in individuellen Präferenzen, sondern in negativen Stereotypen über MigrantInnen und deren Kinder begründet (vgl. OECD 2013: 193). Diese Ansicht kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass jede Person für diskriminierende Handlungen Verantwortung übernehmen sollte.

Gordon W. Allport hat die Erscheinungsformen feindseliger Ablehnung in fünf Kategorien hierarchisch typisiert. Erstens sieht er die Verleumdung als mildeste Form von Diskriminierung an. Dabei werden fremdenfeindliche Gefühle und Gedanken in verbalen Äußerungen formuliert. Zweitens kann ein Ausweichen und Verweigern von sozialen Kontakten durch Vermeidung stattfinden. Den Fremden wird dadurch kein direkter Schaden zugefügt, jedoch werden durch das Vermeiden entstehende Unbequemlichkeiten in Kauf genommen. Drittens nennt er die Diskriminierung als faktische Handlung. Durch nachteilige Ungleichbehandlung der „Fremden“ in allen Lebensbereichen äußert sich abwertendes Verhalten. Als Beispiele wären der Arbeits- und Wohnungsmarkt anzuführen, genauso das Gesundheitswesen. Viertens kann sich Ablehnung durch Gewaltanwendung äußern. Personen wird dabei direkter Schaden zugefügt und sie werden durch unterschiedliche Formen physischer Gewalt erniedrigt. Fünftens kann sich feindselige Ablehnung in ihrer extremsten Form durch Vernichtung äußern. Dazu zählen Mord, Massenmord und Genozid (Allport 1971 zit. n. Han 2010: 310f). Diese Handlungen stellen die grausamste Form von Fremdenfeindlichkeit dar.

Indirekt wirken diskriminierende Handlungen aber auch auf die Betroffenen zurück und generieren somit Reaktionen. Im Zuge einer Studie über Rassismus in den USA entwickelte Robert K. Merton seine „Self-Fulfilling Prophecy“. Anlass war das Phänomen, das eine weiße, dominierende Personengruppe einer farbigen Fremdgruppe den Zutritt zu gewerkschaftlichen Institutionen verweigerte. Die Begründung dieser Handlungsweise war die Stigmatisierung der Fremdgruppe als Streikbrecher. In der Folge wurden tatsächlich viele Farbige zu Streikbrechern, weil sie eben aus den Gewerkschaften ausgeschlossen waren. Sie verfügten über keinen institutionellen Rückhalt. Das wussten auch die Arbeitgeber, die aus diesem Grund gerne Farbige einstellten (vgl. Merton 2010: 91f). Die OECD weist ebenfalls darauf hin, dass negative Stereotype, die sich in einer Diskriminierung von ImmigrantInnen äußern, zu einer Self-Fulfilling Prophecy werden können (vgl. OECD 2013: 194). Allerdings sind die Folgen und nichtintendierte Nebenfolgen zielgerichteter, sozialer Handlungen meist nur retrospektiv aufzudecken.

Diskriminierung behindert aber auch die Integration von MigrantInnen. Zu diesem Schluss kommt auch die OECD: „Discrimination is a key obstacle to the full integration of immigrants and their offspring into the labour market and the society as a whole“ (OECD 2013: 191). Zudem ist Diskriminierung ein wichtiger Aspekt für die Integrationspolitik, da die Menschenrechte für Gleichbehandlung verletzt werden (ebda: 194). Es ist aber nicht immer leicht, eine tatsächliche Diskriminierung festzustellen, da geringere Resultate von MigrantInnen gegenüber den Natives auch andere Ursachen haben können. Dazu zählen Qualifikationen und (Arbeits)erfahrungen, die in einem unterschiedlichen Kontext und in einer anderen Sprache erworben wurden und sich in einer aktuellen Benachteiligung auswirken. Negative Effekte können auch durch bisher unbeobachtete Charakteristiken und persönlichen Eigenschaften wie z. B. Motivationen entstehen (ebda: 192). Somit besteht hier eine wesentliche Forschungslücke, die besonders durch qualitativ-interpretative Sozialforschung geschlossen werden könnte, wozu auch vorliegende Arbeit einen Beitrag leisten möchte.

Wie wirkt sich Diskriminierung auf die Betroffenen aus? Bei allen Schwierigkeiten, verschiedene Stufen von Diskriminierung in Gruppen und Ländern zu messen, scheint die Aussage gesichert, dass Männer häufiger von diskriminierenden Praktiken betroffen sind als Frauen. Die meisten Studien zur feindseligen Benachteiligung von Personen konzentrieren sich auf den Arbeitsmarkt. In diesem Bereich werden die MigrantInnen beim Zugang zu Beschäftigung und bei Karrieremöglichkeiten diskriminiert. Sie müssen auch mit geringeren Löhnen und Gehältern leben (vgl. OECD 2013:193ff). Die Unzufriedenheit in Bezug auf Demokratie und Institutionen der Zielländer steigt. Da formelle Qualifikationen nicht erwartungsgemäß honoriert werden, können Bildungs- und Trainingsinvestitionen geringer ausfallen, was einen wirtschaftlichen Verlust für das Zielland bedeutet. Auch die soziale Kohäsion wird reduziert. Auf Betroffenenseite verringert sich das Wohlbefinden, sowie die physische und psychische Leistungsfähigkeit (vgl. ebda: 12ff). Im Bewerbungsprozess müssen MigrantInnen zwischen drei bis fünfmal so viele Bewerbungen abschicken als Personen ohne Migrationshintergrund (vgl. OECD 2012: 28). Damit ist ein Bezug zu konkreten, individuellen Lebensumständen gegeben, die in dieser Arbeit vertiefend untersucht werden. MigrantInnen haben überdies ein viermal so hohes Risiko in der wenig gebildeten Unterschicht zu landen als Natives (vgl. ebda: 34). Auch hier besteht weiterer Forschungsbedarf.

In allen Bereichen der Interaktion mit MigrantInnen kann eine Diskriminierung auftreten. Dies gilt nicht nur für den Arbeitsmarkt, sondern auch für den Wohnungs- und Kreditmarkt, um nur einige Beispiele zu nennen (vgl. OECD 2013: 194ff). Durch Diskriminierung sinkt die Produktivität im Arbeitsmarkt, was zwar nicht neu ist, für Österreich aber einige Relevanz besitzt, da nur wenige Antidiskriminierungseinrichtungen bestehen (vgl. OECD 2012: 27). Um Alltagsprobleme zu bewältigen, bieten NGOs, Kirchen und der Wiener ArbeitnehmerInnen Förderungsfond (WAFF) Hilfestellungen an. Diese beziehen sich neben der Arbeits- und Wohnungssuche besonders auf Sprachprogramme (vgl. OECD 2012: 70ff). Letztere werden jedoch als wenig effektiv kritisiert.

Als Strategie gegen Diskriminierung werden Sensibilisierungsmaßnahmen vorgeschlagen, die negative Vorurteile überwinden helfen sollen (vgl. OECD 2013: 12). Weniger als 30 % der österreichischen Bevölkerung ist bewusst, dass Diskriminierungspraktiken gesetzlich verboten sind. Dies ist einer der niedrigsten Prozentsätze in allen OECD-Ländern. Damit einhergehend besteht ein akuter Forschungsmangel über dieses Phänomen, wie auch über Integration in Österreich (vgl. OECD 2012: 102ff). Weitere Strategien bestehen in der Anerkennung von ausländischen Bildungsabschlüssen und in spezifischeren Sprachtrainings. Diese Studie hat sich auch zur Aufgabe gemacht, konkrete Handlungs- und Bewältigungsstrategien zu erforschen und in ihren Konsequenzen zu beleuchten.

Eine quantitative Studie des GfK-Instituts beschäftigt sich mit der Integration von MigrantInnen der ersten und zweiten Generation aus südost- und osteuropäischen Ländern, sowie der Türkei und der Russischen Föderation in Österreich. Insgesamt wurden knapp 3.500 Personen befragt (vgl. GfK 2009: 8). Dabei wurde ermittelt, dass russische und türkische MigrantInnen die geringsten Privatkontakte zu ÖsterreicherInnen pflegen, die meisten Sprachprobleme mit der deutschen Sprache aufweisen und sich am wenigsten integriert fühlen. Trotzdem weisen Personen aus der Russischen Föderation und Rumänien die stärkste Österreich-Identifikation auf. Viele Menschen mit Migrationshintergrund sehen sich von Seiten der Mehrheitsbevölkerung mit Diskriminierung konfrontiert. Von den Befragten gaben 57 % an, von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit betroffen zu sein. Zudem kritisieren 46 % fehlende Chancen für MigrantInnen (vgl. ebda: 12ff). Leiderwurden keine Aspekte konkreter Erlebnisse der Personen untersucht, was qualitativ-interpretativen Studien wie dieser vorbehalten bleibt.

Ein anderer Forschungsbericht schildert die Situation und Status russischer Staatsangehöriger tschetschenischer Herkunft in der österreichischen Grundversorgung. Die quantitative Befragung von mehr als 200 Betroffenen wird qualitativ durch sieben Experteninterviews in verschiedenen Stadien des Projektes aufgewertet (vgl. IOM 2009: 8f). Die Grundversorgung beinhaltet verschiedene Leistungen (Lebensmittel, Wohnen, Krankenversicherung, Beratung, etc.) für AsylwerberInnen und –berechtigte, Vertriebene und Personen mit Abschiebeschutz in Österreich (vgl. ebda: 15). Im Bericht wird festgestellt, dass die AsylantInnen unter Integrationsproblemen leiden, da die Asylverfahren lange dauern und die Personen Integrationsbemühungen unterlassen, da sie Angst haben, diese könnten umsonst sein. Erst nach Erhalt eines positiven Bescheids, werden diese Bemühungen verstärkt (vgl. ebda: 16). Viele Betroffene sind persönlich mit den Bereichen Sicherheit, Politik und Gesundheit in ihrem Heimatland unzufrieden und wählen Österreich als Zielland, da sie einerseits schon Kontakte nach Österreich haben und andererseits die österreichische Asylpolitik in Tschetschenien einen guten Ruf hat (vgl. ebda: 47). Die Migration nach Österreich bedeutet für die Betroffenen eine Neudefinition ihrer sozialen Beziehungen. Dies fällt Frauen leichter, da sie einerseits ihre Rollen als Mütter und Ehefrauen fortsetzen können, andererseits leichter Zugang zum österreichischen Arbeitsmarkt finden. Über ihre Erfahrungen in Österreich befragt, gaben viele Personen an, dass sie das Leben in Österreich zwar als positiv bewerten, die Fragen nach NGOs, Rechtsberatungen und Behörden jedoch mit der Antwortkategorie „nicht zutreffend“ beurteilen. Dies legt den Schluss nahe, dass die Befragten entweder den Behörden oder aber den InterviewerInnen misstrauen (vgl. ebda: 48). Diese Vorbehalte sollten sich in qualitativen Studien abmildern bzw. verflüchtigen, da konkrete, persönliche Lebensumstände und der Umgang mit negativen Erfahrungen und Diskriminierungen untersucht werden könnte.

Interessant ist, dass das Thema Religion für in Österreich lebende Tschetschenen wichtiger wird, als es zuvor im Herkunftsland der Fall gewesen ist, was auch für andere ethnische Gruppen gilt. Die Religion bietet den Personen ein Mittel zur Wahrung ihrer Werte, die sie durch den liberalen Lebensstil in Österreich gefährdet sehen. Außerdem bietet Religion ein Gefühl von Sicherheit und Schutz. Dadurch werden Empfindungen von Identität und Zugehörigkeit bewahrt (vgl. ebda: 49). Im Fall eines Verbleibs in Österreich werden von den Befragten ihre mangelnden Deutschkenntnisse als größte Herausforderung betrachtet und eine Unterstützung zur Behebung dieses Mangels für notwendig erachtet. Dasselbe gilt für die Integrationsbereiche Arbeitsmarkt und Gesundheitsversorgung (vgl. ebda: 51). Dabei bleibt nicht nur offen, wie die MigrantInnen ihre Religion konkret leben, sondern auch wie sie mit den genannten Herausforderungen in ihrer weiteren Lebensbiographie umgehen.

Viele befragte MigrantInnen (besonders Männer) wurden von den Einheimischen diskriminierend als stolz, rücksichtslos und arrogant klassifiziert. Diese Eigenschaften machen den Umgang mit ihnen schwierig. Die meisten MigrantInnen bestritten die Zuschreibung von Stolz nicht, sahen jedoch das Dasein als BittstellerInnen und die diskriminierende Behandlung als Unterlegene als ernstes Problem an. Als wirksame Handlungsstrategien gegen Diskriminierung und für eine erfolgreiche Integration werden der respektvolle Umgang mit den Menschen und die Anerkennung ihrer kulturellen Werte empfohlen (vgl. ebda: 56). Obwohl diese Handlungsstrategien sicher zu einer besseren Integration der MigrantInnen in Österreich beitragen, unterbleibt eine detaillierte, qualitative Analyse auf der Seite der Betroffenen. Wie gehen die MigrantInnen konkret mit Diskriminierungserfahrungen um? Welche individuellen Handlungs- und Umgangsstrategien ergeben sich daraus? Wirkt sich diskriminierendes Verhalten womöglich als „Self-Fulfilling Prophecy“ aus?

Diesen offenen Fragen soll in vorliegender Arbeit nachgegangen werden und haben den Autor in der Wahl des Forschungsgegenstandes geleitet und sensibilisiert, ohne dabei den explorativen Charakter gegenständlicher Studie zu vernachlässigen.

3. Design und Methoden

Wie alle Studien mit qualitativem Forschungsdesign orientiert sich diese Arbeit auch an den Prinzipien der Offenheit, der Kommunikation, des Prozesscharakters und der Reflexivität (vgl. Lamnek 2005: 20ff, Lueger 2010: 24ff). Ein flexibles Reagieren auf das Untersuchungsfeld und den daraus geschlossenen Analyseergebnissen ist zentral. Als Projektdesign wurde der qualitative Forschungsablauf nach Lueger angenommen (vgl. Lueger 2010: 30):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Projektdesign

Ausgehend von der Planungs- und Orientierungsphase, in der grundsätzliche Entscheidungen und Positionierungen vorgenommen werden, bilden die Forschungszyklen das Herz der Arbeit (Details werden bei den verwendeten Methoden erläutert). Die einzelnen Erhebungs- und Auswertungszyklen werden durch Zwischenbilanzen und Reflexionen abgeschlossen. Diese bilden die Grundlage für die flexible Planung weiterer Zyklen. Abgeschlossen wird diese Phase durch das Erreichen eines analytischen Endpunktes, ev. einer theoretischen Sättigung. In der Forschungsdarstellung werden die erzielten Ergebnisse angeführt und in den wissenschaftlichen Kontext eingebunden.

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Details

Seiten
59
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656565345
ISBN (Buch)
9783656565291
Dateigröße
670 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v266226
Institution / Hochschule
Universität Wien – Institut für Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
Migration Diskriminierung internationale Migration Russische Föderation Russland Österreich Ungleichbehandlung Piwonka Heinz Piwonka Bachelorarbeit Fremdenfeindlichkeit Gruppe Minoritäten Minderheiten Benachteiligung qualitativ Grounded Theory narratives Interview problemzentriertes Interview Experteninterview empirische Sozialforschung

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Titel: Diskriminierungserfahrungen von MigrantInnen aus der Russischen Föderation in Österreich