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Ciceros Rolle in der Endphase der "res publica". Der letzte Kampf für die Freiheit

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 24 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Cicero und die res publica nach Caesars Tod
1.1 Historischer Hintergrund
1.2 Ciceros Rolle im letzten Kampf für die res publica

2. Freiheit - ein vager Begriff
2.1 Libertas und der Verfall der überkommenen Staatsform
2.2 Ciceros Libertas
2.3 Abgrenzung zu anderen Freiheitsbegriffen

Schluss

Literaturverzeichnis

Quellenverzeichnis

Einleitung

„ Er warnt und eifert und agitiert und spricht, um die Verschworenen und das Volk zu entschlossenem Handeln zu zwingen. Aber - welthistorischer Fehler! - er selbst handelt nicht. Alle M ö glichkeiten liegen jetzt offen in seiner Hand. Der Senat ist bereit, ihm beizupflichten, das Volk wartet eigentlich nur auf einen, der entschlossen und kühn die Zügel anreißt, die Caesars starken Händen entfallen. Niemand würde widerstreben, alle erleichtert aufatmen, ergriffe er jetzt die Regierung und schaffte Ordnung im Chaos.

Marcus Tullius welthistorische Stunde, die er seit seinen Catilinarischen Reden so heißersehnt, nun ist sie endlich gekommen mit diesen Iden des März, und wüß te er sie zu nützen, wir alle hätten anders Geschichte in unseren Schulen gelernt. “ 1

Welche Rolle spielte Cicero im politischen Machtgefüge der späten römischen Republik nach Caesars Tod? Lagen tatsächlich alle Möglichkeiten offen in seiner Hand und er wusste sie nur nicht zu nutzen? Stefan Zweig zeichnet ein Bild von Cicero, das ihn als glühenden Verfechter der res publica präsentiert - die Speerspitze im Kampf für eine Staatsform, die unter dem Druck nach Macht strebender Einzelpersonen einzuknicken drohte. Zu zeigen, dass sich die politische Lage durchaus komplexer darstellte und Cicero keinesfalls für alle Römer der rettende Heilsbringer war, zu dem er sich selbst stilisierte, ist ein Ziel dieser Hausarbeit. Zweigs historische Miniatur über Ciceros Handeln oder Nicht-Handeln in der Endphase der römischen Republik mag eher von literarischem als von wissenschaftlichem Wert sein - sie wirft dennoch eine interessante Frage auf: Wäre Cicero in der Lage gewesen, nach Caesars Tod die politische und militärische Macht an sich zu reißen? Um dem auf den Grund zu gehen, soll im Folgenden die politische Lage der letzten Jahre der Republik skizziert und vor allem Ciceros Verhältnis zu einem der bestimmenden Protagonisten dieser Phase in den Vordergrund gerückt werden: zum Caesarerben Octavian.

Wie keinen anderen verknüpfte Cicero den Begriff libertas mit der Idee vom römischen Staat. Es war die Freiheit der res publica und des römischen Volkes, für die er kämpfte und letztendlich sein Leben lassen musste. Doch was meinte Cicero, wenn er von Freiheit sprach? Was bedeutete libertas im Verständnis einer Gesellschaft, die noch weit davon entfernt war, sich über Menschenrechte Gedanken zu machen? Im zweiten Teil der Hausarbeit soll diesen Fragen nachgegangen werden. Hierfür ist ein Blick in Ciceros staatstheoretische Schrift De re publica unumgänglich, repräsentiert sie doch wie kaum ein anderes Dokument Ciceros Vorstellungen von einem idealen Staat, der nur auf der Basis der Freiheit existieren kann. Die Missstände, die Cicero in De re publica anprangert, können ein Verständnis dafür bilden, warum die römische Republik letztendlich dem Untergang geweiht war.

Außerdem soll noch ein durchaus lohnender Blick auf andere Definitionen und Vorstellungen von Freiheit gewagt werden. Ein Vergleich mit Ciceros libertas kann deutlich machen, wie sich unser heutiges Verständnis von Freiheit, von dem des Cicero unterscheidet.

Kaum ein anderer Autor der Antike wird im Bezug auf politische Fragestellungen der modernen Demokratie so oft herangezogen wie Cicero. Am Schluss steht die Frage, ob diese Rückgriffe gerechtfertigt sind und ob Ciceros libertas und seine Staatstheorie heute überhaupt noch von Relevanz sind.

1. Cicero und die res publica nach Caesars Tod

1.1 Historischer Hintergrund

Die letzten eineinhalb Jahre im Leben Ciceros waren geprägt von dramatischen Ereignissen, die Wilfried Stroh dazu bewogen haben, diese letzte Phase der res publica gleich einem Drama in fünf Akte einzuteilen2. Dieser Gliederung möchte ich hier folgen.

I. Nach den Iden

Nach der Ermordung Caesars am 15. März 44 v. Chr. auf dem Forum durch eine Gruppe von Verschwörern um M. Brutus und Cassius herrschte in Rom große Verunsicherung. Die Caesarianer fürchteten sich vor den Verschwörern, die Verschwörer wiederum vor der Rache der Caesarianer. In dieser Phase stellte sich Cicero, der von den Plänen nichts gewusst hatte3, dessen Namen Brutus aber bei Caesars Ermordung ausgerufen und ihn somit quasi zum geistigen Vater der Verschwörung gemacht hatte, hinter die Tat und bewirkte am 17. März eine Amnestie für die Verschwörer. Im Gegenzug blieben Caesars Verordnungen gültig. In den folgenden zwei Wochen versuchte Cicero M. Brutus und Cassius zu überreden, den Konsul und Caesarianer Antonius zu beseitigen, der sich Caesars Vermögen zu eigen gemacht hatte und immer mehr an Einfluss gewann. M. Brutus und Cassius aber flohen aus Rom und infolgedessen zog sich auch Cicero Anfang April aus Rom zurück, mit dem Plan, erst im Janur 43 zurückzukehren, wenn Antonius' Macht nach Ablauf seines Konsulats nicht mehr so erdrückend sein würde. Allerdings betrieb Antonius ab Juni 44 eine offensichtlich senatsfeindliche Politik und ließ sich für das Jahr 43 nicht wie geplant Makedonien, sondern die strategisch bedeutende Provinz Gallia Cisalpina übertragen.4 II. Zwei Reden gegen Antonius

Entgegen seines Plans, kehrte Cicero schon am 31. August 44 nach Rom zurück - wohl als Reaktion auf eine offensive Rede Caesars Schwiegervater Piso gegen Antonius. Cicero verfasste die ersten beiden Philippischen Reden gegen Antonius, der wiederum in einer Invektive Cicero für alles Übel verantwortlich machte, das Rom in den vorausgegangenen zwanzig Jahren erfahren hatte. Das ohnehin schon angespannte Verhältnis zwischen den beiden eskalierte und die davor gewahrte amicitia zerbrach. Bei der amicitia im politischen Rom kann natürlich in keiner Weise von einer freundschaftlichen Beziehung im Sinne eines engen Vertrauten die Rede sein. Amici waren politische Freunde auf der Basis von Respekt gegenüber den Interessen des anderen.5

Seit Mai 44 hatte der neunzehnjährige Octavian, als Adoptivsohn rechtmäßiger Erbe Caesars - in finanzieller wie in sozialer Hinsicht - ins politische Geschehen eingegriffen und seine Ansprüche gegenüber Antonius erhoben. Antonius hatte nicht nur das politische Erbe Caesars angetreten, sondern auch dessen Güter an sich gerissen. Dies führte zwischen den beiden zum offenen Konflikt, der die Voraussetzung für einen Pakt Octavians mit den Republikanern bildete.6 Den Namen Octavian trug er wahrscheinlich nie, sondern wurde nach seinem Adoptivvater Gaius Iulius Caesar genannt, was für ihn hinsichtlich der politischen Legitimation seiner Ansprüche von großer Bedeutung war.

Während Octavian und Antonius ab Oktober 44 zum Krieg gegeneinander rüsteten, kam es zu einer neuen politischen Entwicklung: Decimus Brutus, der Stadthalter der Provinz Gallia Cisalpina und Mitverschwörer bei der Ermordung Caesars, verweigerte auf Ciceros Bitten hin die Übergabe seiner Provinz an Antonius. Daraufhin zog dieser nach Oberitalien und belagerte D. Brutus bei Mutina. Octavian stellte sich scheinbar auf die Seite des Senats und zog ebenfalls nach Oberitalien, um D. Brutus zu Hilfe zu kommen. In Folge dieser Ereignisse brach ein Bürgerkrieg aus.7

III. Mit Demosthenes gegen den Staatsfeind

Am 20. Dezember 44 hielt Cicero die dritte Philippische Rede, die deshalb von so großer Bedeutung war, weil sie enorme Konsequenzen nach sich zog: Cicero gelang es mit seiner Ansprache, ein Bündnis zwischen dem Senat - der überwiegend aus alten Caesarianern bestand - den Caesarenmördern und dem Caesarerben Octavian zu schmieden, das sich gegen Antonius stellte.8

Bis zum 21. April 43 hielt Cicero weitere zehn Philippische Reden, deren Name eine von Cicero wohl scherzhafte Anspielung auf die Reden des Demosthenes gegen Philipp von Makedonien waren. Durch diese Analogie - Demosthenes sah sich in den Reden als großen Kämpfer für die Freiheit Athens - wird auch wieder deutlich, wie sich Cicero und seine Bedeutung für die res publica einschätzte.9

Am 21. April siegte das Bündnis in der Schlacht bei Mutina, Antonius allerdings konnte mit einem Teil seiner Truppen entkommen.

IV. Die Peripetie

Nun, da der Zweck des Bündnisses erfüllt war - die vermeintliche Beseitigung des Antonius - brachen die alten Gräben zwischen den Anhängern Caesars und seinen Mördern wieder auf. Octavian weigerte sich, unter dem Oberfehl des D. Brutus zu stehen und nachdem Antonius sich am 29. Mai 43 mit Lepidus, dem Statthalter der Provinz Gallia Narbonensis, verbündet hatte, zeichnete sich ab, dass wohl keine Partei stark genug sein würde, um den Krieg zu gewinnen. Ende Juli 43 besetzten 400 Centurionen Octavians den Senat, der sich weigerte, Octavian zum Konsul zu wählen. Zu diesem Zeitpunkt schien der Senat schon zu erkennen, dass Caesars Erbe in der Position des Konsuls eine Machtposition einnehmen würde, die die republikanische Freiheit berohen würde. Zudem forderten die Centurionen im Namen Octavians, die Ächtung des Antonius aufzuheben, was nur zu klar verdeutlichte, dass Octavian nicht mehr daran dachte, gegen Antonius Krieg zu führen.10

Manfred Fuhrmann stellt die These auf, dass das Bündnis Octavians mit den Republikanern nur zu dem Zweck diente, sich vor Antonius zu beweisen. Die Siege von Mutina hätten diesen Zweck erfüllt und seien die Basis für eine Verständigung mit Antonius gewesen.11 Nachdem Octavian auf Rom marschiert war und sich am 19. August 43 schließlich doch zum Konsul hatte wählen lassen, schloss er Ende Oktober mit Antonius und Lepidus den Pakt von Bononia. Das zweite Triumvirat war geschaffen. Ob Octavian der res publica die Treue gehalten hätte, wenn der Senat ihm das Konsulat sofort gewährt hätte - wie Cicero es verlangte - ist äußerst fraglich, lässt sich aber historisch nicht eindeutig klären.12

V. Ciceros Tod

Um ihre Soldaten bezahlen zu können, griffen die tres viri auf eine altbewährte Strategie zurück: die Enteignung der wohlhabendsten und einflussreichsten Männer Italiens. Auf der Proskriptionsliste fand sich dann auf Bestreben des Antonius auch der Name Ciceros wieder. Octavian, der von Cicero gefördert und in der dritten Philippischen Rede in den höchsten Tönen gelobt worden war, stellte sich zunächst gegen diese Entscheidung, musste aber letztendlich dem Willend es Antonius nachgeben.13

Am 7. Dezember 43 wurde Cicero auf der Flucht nach Griechenland ermordet. Sein Kopf und seine Hände wurden in Rom an die rostra genagelt. Dies war, gerade weil sich Cicero in seiner zweiten Philippika in gewisser Weise als Verkörperung der res publica inszeniert, ein Sinnbild für die gekreuzigte Republik.14

1.2 Ciceros Rolle im letzten Kampf für die res publica

Wieviel Einfluss auf die politischen Vorgänge hatte Cicero in der Endphase der römischen Republik? Wäre er in der Lage gewesen, die Macht an sich zu reißen? Er erkannte, dass in der Spaltung der Caesarianer durch den Konflikt zwischen Octavian und Antonius die einzige Möglichkeit bestand, die res publica zu retten. Doch ein Mord an Caesar, ohne die von Caesar gefestigten Strukturen aufzubrechen, hielt er für nutzlos. „ Wir jubeln, daßer ermordert ist, aber was er angerichtet hat, lassen wir bestehen! “ 15 Schnell wurde ihm klar, dass mit Antonius nicht zu paktieren war und dieser eigentlich mit Caesar hätte beseitigt werden müssen. So blieb allein Octavian, auf den er setzen konnte und den er versuchen musste für den Kampf gegen Antonius zu gewinnen. Will man jedoch die Frage beantworten, wie groß Ciceros Einfluss war, muss sein Verhältnis zu Octavian geklärt werden und wie stark diese Abhängigkeit seine Position schwächte.

Nach dem Sieg des Bündnisses über Antonius am 21. April 44 in der Schlacht bei Mutina stellte sich die Frage, ob sich Octavian dem Senat gegenüber loyal verhalten würde. Zahlreiche Korrespondenzen geben einen Einblick darin, wie sein Verhältnis zu Cicero - und damit sein Verhältnis zur res publica - eingeschätzt wurde.

Die Briefwechsel Ciceros mit Atticus vom 21. April 44 bis Mitte November 44 verdeutlichen, dass Cicero der Überzeugung war, der junge Octovian wäre ihm wohlgesonnen und es daher durchaus möglich wäre, ihn zu lenken. So schrieb Cicero am wahrscheinlich so stellen, wie wir es wünschen. “ 17 Allerdings war ihm auch bewusst, dass die Unterstützung Octavians ein gewisses Risiko barg:

„ Octavius verkehrt hier freundschaftlich und h ö chst ehrerbietig mit mir.[...] Was meinst du, wenn der junge nach Rom käme, wo unsere Befreier sich nicht sicher fühlen k ö nnen? Deren Ruhm wird ewig dauern,[...] aber wir werden h ö chstwahrscheinlich nichts mehr zu melden haben. “ 18

„ Aber wir müssen sehr auf der Hut sein; wohin ihn sein jugendliches Alter, sein Name, sein Erbe, seine Erziehung schließlich einmal führt, weißniemand.[...] Trotzdem müssen wir ihn f ö rdern und wenigstens verhindern, dass er sich mit Antonius verbindet. “ 19

Cicero meinte erkannt zu haben, dass Octavian das kleinere Übel war. Er fürchtete zwar, dass Octavians jugendliches Alter und seine Verwandtschaft mit Caesar ihn unberechenbar machen würde, im schlimmsten Fall zu einem noch schlimmeren Tyrannen als sein Stiefvater. Im Falle einer Niederlage des Octavian sei es aber mit Antonius „ [...]nicht mehr auszuhalten. Man weißalso nicht, wem man den Sieg g ö nnen soll “ 20 .

Da es keinen anderen Weg gab, musste sich Cicero trotz seiner Vorbehalte dazu entscheiden, Octavian zu stützen. In seiner dritter Philippischen Rede am 20. Dezember lobte Cicero Octavian in den höchsten Tönen. Der Zeitpunkt war gut gewählt hatte doch D. Brutus an diesem Tag erklärt, er wolle seine Provinz gegenüber Antonius behaupten. Um den Senat im Kampf gegen Antonius auf Octavian einzuschwören, stilisierte er ihn zum Retter der Republik:

„ Es war Gaius Caesar, der junge Mann,[...] der, mit geradezu unglaublicher und g ö ttlicher Einsicht und Tapferkeit begnadet,[...]ein kraftvolles Heer[...] sich verschafft und dafür sein väterliches Verm ö gen verschwendet hat. [ … ] Er hat es nicht verschwendet, sondern im Heil des Staats angelegt.[...] Hätte nicht dieser eine junge Mann die wilden Triebe und grausamen Pläne jenes Rasenden vereitelt, dann wäre der Staat von Grund auf vernichtet worden “ 21

Auch nach der Schlacht bei Mutina am 21. April 43 war Cicero noch der Auffassung, Octavian lenken zu können, auch wenn er in einem Brief an Brutus einräumte, dass dies

[...]

Details

Seiten
24
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656563303
ISBN (Buch)
9783656563297
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v266298
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Seminar für Alte Geschichte
Note
3,0
Schlagworte
ciceros rolle endphase kampf freiheit

Autor

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