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Geheime Rüstungszusammenarbeit zwischen der Sowjetunion und Deutschland in den 1920/30er Jahren. Die Panzerschule Kama

Studienarbeit 2012 18 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Neuere Geschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ausgangslage der deutsch-sowjetischen Beziehung
2.1. Staat im Staate
2.2. Reichswehr und Versailles
2.3. Problempunkte für das deutsche Militär
2.4. Grundlage der Sowjetunion

3. Zusammenarbeit Deutschland-Sowjetunion
3.1. Zeitliche Gliederung der Zusammenarbeit
3.2. 1920-1923: Militärische Ungewissheit
3.3. Krisenjahr
3.4. 1923-1926: Locarnokrise

4. Panzerschule Kazan
4.1. Beginn
4.2. Ziel und Erprobung
4.3. Ende

5. Fazit

6. Quellenverzeichnis

7. Literaturverzeichnis
7.1. Monografie
7.2. Handbücher und Lexiken

8. Bilderverzeichnis

1. Einleitung

Die Entwicklung neuer Waffensysteme und Taktiken erfordert genügend Zeit, insbesondere, um Rückschläge verkraften zu können. So lief die Entwicklung des heute noch im Einsatz befindlichen Kampfpanzers Leopard 2 bereits 1969 mit ersten Versuchen an, ausgeliefert wurde das Serienmodell jedoch erst ab 1977. Dieses Projekt, obwohl technisch immer noch aktuell und komplex, war dank der vorhergehenden Partnerschaft mit den USA realisierbar, welche nützliches Knowhow zur Verfügung stellen konnten.[1]

Das Beispiel zeigt, dass von der ersten konkreten Planung bis zur Serienfertigung immerhin acht Jahre verstrichen sind. Wie nun hat es aber Deutschland geschafft, ab 1935, als das „Gesetz für den Aufbau der Wehrmacht“[2] verabschiedet worden ist, bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939, eine moderne Armee aufzubauen, die die theoretische Schlagkraft besass, halb Europa zu erobern.

Aufgrund eines Vergleichs von notwendigen Entwicklungszeiten kann vermutet werden, dass die Bestimmungen des Friedensvertrages von Versailles von 1919[3], der die militärische Entwicklung und Schlagkraft Deutschlands stark eingeschränkte, bereits während der Zeit der Weimarer Republik von 1919-1939[4] hintergangen und von deutscher Seite die Wiederaufrüstung systematisch geplant worden war. Denn ohne eine längerfristige Vorbereitung wären die deutschen Rüstungserfolge in den 1930ern nicht möglich gewesen, da Deutschland bei Beendigung des Ersten Weltkrieges über wenig Erfahrung in der Konstruktion von Panzern verfügte, mitunter weil die Kraftfahrtruppe im Ersten Weltkrieg nicht ausreichend ausgebaut worden war.[5]

Diese Vermutung weiterentwickelnd stellen sich weitere W-Fragen, etwa nach dem „Was?“ und „Wo?“. In welchen Bereichen wurde geforscht und entwickelt, so dass die deutsche Wehrmacht von einer kleindimensionierten Grenzschutztruppe zu einer den britischen und französischen Armeen an Schlagkraft ebenbürtiger Gegnerin werden konnte? Wo wurde geforscht? Etwa in Deutschland, das nach dem 1. Weltkrieg von interalliierten Militärkomissionen überwacht wurde, was jede Rüstungsanstrengung verunmöglicht hätte?

Um diese konkret auf die Deutsche Panzerwaffe bezogenen offenen Fragen zu klären, werde ich eine grundlegende Analyse der Entwicklung im Bereich Panzer und Taktik vornehmen, da diese mitunter für die Erfolge im Blitzkrieg von 1940 gegen Frankreich[6] verantwortlich waren. Zeitgleich gilt es jedoch, auch die deutschen Bemühungen um eine anfänglich getarnte Wiederaufrüstung zu studieren. Diese Grundlagenarbeit an Hand von Sekundärliteratur und wenigen Quellen, in Form der offiziellen Verträge von Versailles, Rapallo oder Locarno, soll das Grundgerüst für meine Arbeit bilden, die mit einer kurzen Zusammenfassung und einer persönlichen Einschätzung enden wird. Wie Manfred Zeidler in seinem Buch „Reichswehr und Rote Armee“ schreibt, ist die Quellenlage sehr dürftig, da jegliche Zusammenarbeit inoffiziell und geheim verlaufen ist. Die wenigen Akten und Verwaltungsdokumente wurden durch die Zerstörung und das Chaos Ende des Zweiten Weltkrieges 1945, respektive Abtransport in amerikanische und sowjetische Archive, weiter dezimiert. Deshalb arbeitet die Forschung mehrheitlich mit Dokumenten aus dem privaten Nachlass der involvierten Personen aus Militär und Politik.[7]

2. Ausgangslage der deutsch-sowjetischen Beziehung

2.1. Staat im Staate

Die Grundlage für die rüstungstechnische Zusammenarbeit zwischen Sowjetunion und Weimarer Republik bildete die unnachgiebige Politik der Entente-Mächte in Bezug auf die politische und wirtschaftliche Isolierung sowie die diplomatische Nichtbeachtung des Verlierers. Als 1918 der Erste Weltkrieg für Deutschland in einer Niederlage und nachfolgenden bürgerkriegsähnlichen Zuständen endete, wurde bereits von militärischer wie politischer Seite über eine Wiederaufrüstung nachgedacht. Ein Grossteil der deutschen Bevölkerung, vor allem die politische und militärische Führung, empfand das alliierte Diktat von Versailles bzw. die Übernahme der Alleinschuld am 1. Weltkrieg und die politische wie militärische Entmündigung als traumatisches Erlebnis, das die Festigung des demokratischen Systems beeinträchtigte.[8]

Problematisch für das Versailler- bzw. Weimarer-Deutschland der Zwischenkriegszeit war, zusätzlich zum vornehmlich französischen Druck in Bezug auf Reparationszahlungen, die Existenz zweier Staatsapparate. Dabei stand dem zivilen Regierungssystem die Führungsstruktur der Reichswehr gegenüber. Die Entwicklung der Armee als „Staat im Staate“ setzte in Deutschland bereits während des 1. Weltkrieges 1914-18 ein. Die Oberste Heeresleitung (OHL), lenkte spätestens in ihrer dritten Zusammensetzung unter Führung von Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg[9] und General Erich Ludendorff[10] die Geschicke des Reiches und war folglich nicht nur für die Führung des deutschen Heeres, die ihr von Kaiser Wilhelm II.[11] übertragen wurde, zuständig. Diese interne Führungsinfrastruktur überlebte inoffiziell den Sturz der deutschen Monarchie und das Ende des Ersten Weltkrieges, obwohl sie im Widerspruch zu den internationalen Verpflichtungen Deutschlands stand. Da es die deutsche Militärführung nach dem Ersten Weltkrieg geschickt geschafft hatte, sich sowohl von der Schuld an der Niederlage im Krieg zu distanzieren und sich gleichzeitig ihren alten Status durch die Zusammenarbeit mit den neuen republikanischen Kräften zu sichern, spielte sie in der Folge ihren starken Einfluss auf die durch Wahlen legitimierte Zivilregierung im Hintergrund aus.[12] Neben der Sicherung der alten Privilegien war es ein Anliegen der deutschen Generalität, die Wehrfähigkeit Deutschlands wiederherzustellen, wenn nötig auch durch Verletzung des Versailler Vertrages.[13]

Die Aufrüstung wurde nicht nur konkret geplant, sondern auch praktisch im rüstungstechnischen Bereich vorbereitet. Bevor in dieser Arbeit genauer auf dieses Thema eingegangen wird, folgt im nächsten Unterkapitel die Erläuterung der Probleme, welchen sich die in der strategischen Bewegungsfreiheit vertraglich stark eingeschränkte Reichswehr bei der Verfolgung ihrer Ziele gegenübersah.

2.2. Reichswehr und Versailles

Die Reichswehr war eine der Weimarer-Republik von den Entente-Mächten zugestandene Selbstschutztruppe, respektive eine pro-forma Armee, die der geografischen Grösse Deutschlands in keinster Weise gerecht wurde. Der Versailler Vertrag regelte in den Artikeln 159 bis 213 die Organisation, Ausrüstung und Stärke des zukünftigen deutschen „Friedensheeres“.[14] Doch bevor diese komplexen Bestimmungen in die endgültige Organisation einflossen, wurde am 10. Februar 1919 mit der „Regelung der vorläufigen Reichsgewalt“ als Reaktion auf die verworrenen und bürgerkriegsähnlichen Zustände, bereits der Grundstein für die zukünftige Reichswehr gelegt.[15] Die deutschen Streitkräfte, respektive die „vorläufige Reichswehr“ und die „vorläufige Reichsmarine“, verfügten in diesem Moment über ca. 400`000 Mann, was nicht den Versailler Bestimmungen entsprach, welche maximal 115`000 Mann vorsahen. Gebildet wurde das neue Heer aus Einheiten der ehemaligen kaiserlichen Armee und aus vom Reichswehrminister ausgewählten Freikorps.[16]

Mit der Festigung des republikanischen Systems und der Ausmusterung der Freikorps wurden auch Reichswehr und Reichsmarine den Bestimmungen des Versailler Vertrages angepasst. Erlaubt war schlussendlich eine Gesamtgrösse von 115`000 Mann, jeweils 100`000 Mann für die Land- und 15`000 Mann für die Seestreitkräfte. Die Landstreitkräfte bestanden dabei aus „nur“ 10, je 7 infanteristischen und 3 kavalleristischen, Divisionen.[17] Neben dieser offiziellen Reichswehr existierten auch nach dem Bürgerkrieg weiterhin inoffizielle Organisationen und Einheiten, teilweise von offizieller Seite unterstützt.[18]

Der Aufgabenbereich der Reichswehr sollte sich nach alliierter Vorstellung auf die Wahrung der inneren Sicherheit sowie auf den Grenzschutz beschränken. Die Gefahr eines militärisch mächtigen Deutschland wollten die Entente-Mächte, allen voran Frankreich, durch strikte Beschränkung der Grösse und Bewaffnung der Streitkräfte neutralisieren. Die Armee wurde somit subsidiär eingesetzt bzw. zur Unterstützung anderer Sicherheitsorganen konzipiert. Auch die dezimierte Marine war vor allem für seepolizeiliche Aufgaben vorgesehen.[19]

Vor allem in der Anfangsphase der noch jungen Republik wurden die Truppen in der ihr von alliierter Seite zugedachten Funktion eingesetzt. So dienten sie der Niederschlagung innerer Unruhen, zum Schutz der Ostgrenze gegen die neu entstandenen Staaten im Baltikum oder gegen Polen. Allerdings ignorierte die deutsche Seite bereits zu diesem grundsätzlich legitimen Zweck Bestimmungen des Versailler Vertrages. Beispielweise wurden Waffenbestände der alten kaiserlichen Armee in Verstecken gelagert, um im Falle militärischer Auseinandersetzungen mit den Nachbarn gerüstet zu sein.[20]

[...]


[1] http://www.panzerpower.de/ger/leo2_geschichte.htm (23.10.12; 23:15).

[2] Neugebauer, Karl-Volker: Grundkurs deutsche Militärgeschichte 2. Das Zeitalter der Weltkriege 1914-1945. Völker in Waffen. München 2007, S. 244.

[3] http://www.britannica.com/EBchecked/topic/626485/Treaty-of-Versailles (24.10.12; 08:20).

[4] http://www.britannica.com/EBchecked/topic/639027/Weimar-Republic (24.10.12; 08:30).

[5] Neugebauer, Grundkurs deutsche Militärgeschichte 2, 2007, S. 36. ; Zabecki, David T: The German 1918 offensives. A case study in the operational level of war. London 2006, S. 59ff.

[6] http://www.britannica.com/EBchecked/topic/69464/blitzkrieg (24.10.12; 08:43). ; http://www.britannica.com/EBchecked/topic/648813/World-War-II/53540/The-invasion-of-the-Low-Countries-and-France (24.10.12; 08:55).

[7] Zeidler, Manfred: Reichswehr und Rote Armee. 1920-1933. Wege und Stationen einer ungewöhnlichen Zusammenarbeit. München 1993, S. 19ff.

[8] Kolb, Der Frieden von Versailles, 2005, S. 60ff, S. 71ff. ; Schüddekopf, Der Erste Weltkrieg, 1977, S. 248f. ; Schwabe, Klaus: Art. Versailler Vertrag. In: Enzyklopädie Erster Weltkrieg. Paderborn 2003, S. 945-947.

[9] *1847-†1934; deutsch-preussischer Generalfeldmarschall und Präsident der Weimarer Republik; (Chickering, Roger: Art. Hindenburg. In: Enzyklopädie Erster Weltkrieg. Paderborn 2003, S. 554-557. ; Neugebauer, Grundkurs deutsche Militärgeschichte 2, 2007, S. 155.).

[10] *1865-†1937; deutscher-preussischer General und Politiker während der Weimarer Republik; (Kitchen, Martin: Art. Ludendorff. In: Enzyklopädie Erster Weltkrieg. Paderborn 2003, S. 685. ; Neugebauer, Grundkurs deutsche Militärgeschichte 2, 2007, S. 60.).

[11] *1859-†1941; letzter deutscher Kaiser aus dem Hause Hohenzollern; (http://www.wasistwas.de/geschichte/beruehmte-personen/artikel/link//beed8b1d05/article/kaiser-wilhelm-ii.html (17.11.12; 20:13).).

[12] Dietz, Andreas: Das Primat der Politik in kaiserlicher Armee, Reichswehr, Wehrmacht und Bundeswehr. Tübingen 2011, S. 168, S. 187. ; Neugebauer, Handbuch deutsche Militärgeschichte 2, 2007, S. 155. ; Pöhlmann, Markus: Art. Oberste Heeresleitung. In: Enzyklopädie Erster Weltkrieg. Paderborn 2003, S. 754-755.

[13] Neugebauer, Grundkurs deutsche Militärgeschichte 2, 2007, S. 136, S. 138.

[14] http://www.documentarchiv.de/wr/vv05.html (25.10.2012; 17:10).

[15] Neugebauer, Handbuch deutsche Militärgeschichte 2, 2007, S. 116. ; Dietz, Das Primat der Politik in kaiserlicher Armee, Reichswehr, Wehrmacht und Bundeswehr, 2011, S. 188.

[16] Neugebauer, Grundkurs deutsche Militärgeschichte 2, 2007, S. 118.

[17] Citino, Robert M: The Evolution if Blitzkrieg Tactics. Germany defends itself against Poland, 1918-1933. Westport 1987, S. 47ff. ; Neugebauer, Handbuch deutsche Militärgeschichte 2, 2007, S. 120. ; Zeidler, Manfred: Reichswehr und Rote Armee. Weg und Stationen einer ungewöhnlichen Zusammenarbeit. München 1993, S. 33ff.

[18] Dietz, Das Primat der Politik in kaiserlicher Armee, Reichswehr, Wehrmacht und Bundeswehr, 2011, S. 225. ; Zeidler, Reichswehr und Rote Armee, 1993, S. 140.

[19] Zeidler, Reichswehr und Rote Armee, 1993, S. 140.

[20] Nakata, Jun: Der Grenz- und Landesschutz in der Weimarer Republik 1918-1933. Die geheime Aufrüstung und die deutsche Gesellschaft. Freiburg im Breisgau 2002, 82ff, S. 96ff. ; Neugebauer, Grundkurs deutsche Militärgeschichte 2, 2007, S. 109, S. 113, S. 118ff.

Details

Seiten
18
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656563082
ISBN (Buch)
9783656563112
Dateigröße
870 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v266370
Institution / Hochschule
Universität Basel – Historisches Seminar
Note
1.0
Schlagworte
Geheimdiplomatie Kama Rüstunszusammenarbeit Sowjetunion Panzer Deutschland Reichswehr Schwarze Reichswehr Weimarer Republik Rote Armee

Autor

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