Lade Inhalt...

Bildung als Mittel zur Überwindung sozialer Ungleichheiten? Nationale Alphabetisierungskampagnen in Nicaragua

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 19 Seiten

Romanistik - Lateinamerikanische Sprachen, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

1. Einleitung

Die folgende Arbeit untersucht das Potenzial von Bildung zur Reduzierung sozialer Un- gleichheiten. Sie bezieht sich dabei konkret auf staatliche Alphabetisierungskampagnen in Nicaragua. In diesem Kontext wird von der Hypothese ausgegangen, dass die Oberkatego- rie Bildung (im Zusammenwirken mit weiteren Faktoren) in der Theorie ein effektives Mit- tel zumindest zur Verminderung sozialer Ungleichheiten darstellt. Welchen Beitrag kön- nen Bildungspolitiken also im o.g. Sinne leisten, wo liegen die Interessen der Initiatoren von staatlichen oder nichtstaatlichen Bildungs- oder Alphabetisierungsprogrammen, in- wiefern unterliegen diese den jeweils dominanten soziopolitischen Konditionen im be- treffenden Land bzw. sind zielgruppenorientierte Bildungsprogramme überhaupt in der Lage zur Überwindung sozialer Ungleichheit beizutragen und welche weiteren Kategorien oder Faktoren haben Einfluss auf Bildung bzw. welche hierarchischen (Abhängigkeits-) Verhältnisse bestehen zwischen diesen? Dies sind die zentralen Fragestellungen der vor- liegenden Arbeit.

In einem theoretischen Teil werden zunächst einige Definitionen von sozialer Ungleich- heit vorgestellt, um dieses komplexe Forschungsfeld auf den begrenzten Raum einer Hausarbeit zurechtzuschneiden. Gleich zu Beginn wird deutlich gemacht, dass bei bil- dungspolitischen Analysen im Rahmen von sozialer Ungleichheit die ökonomischen Ver- hältnisse einer Region unbedingt zu berücksichtigen sind. So wurden soziale Ungleichhei- ten in den 1980er und 1990er Jahren verstärkt auf Armut und im letzten Jahrzehnt auf Einkommensunterschiede reduziert [vgl. Barozet 2010: 2]. Im Folgenden wird anhand ei- niger Ungleichverteilungskoeffizienten gezeigt, dass soziales Kapital - darin eingeschlos- sen Bildung - bei der Untersuchung und Bekämpfung sozialer Ungleichheiten allenfalls eine untergeordnete Bedeutung einnimmt.

Die im Hauptteil der Arbeit behandelten Alphabetisierungskampagnen wurden nach offi- zieller Lesart lanciert, um soziale Ungleichheiten zu überwinden. Verstanden als Aus- gangspunkt für westliche Bildungsnormen, wird Alphabetisierung in diesem Verständnis zum Parameter für Entwicklung, die folgend als soziale Entwicklung verstanden wird. Ide- alerweise vermitteln Alphabetisierungskampagnen Kompetenzen, die es dem Adressaten ermöglichen, seine neu erworbenen Fähigkeiten profitabel auf dem Arbeitsmarkt zu in- vestieren. Soweit in der Theorie. Doch wie sieht die Praxis von Alphabetisierungspro-grammen im politisch und ideologisch polarisierenden Nicaragua aus? Dort stehen nach der Wahl Daniel Ortegas (2006) wieder Alphabetisierungskampagnen auf der politischen Agenda, die an den frühen Sandinismus erinnern.

2. Soziale Ungleichheiten und Bildung

Soziale Ungleichheit als Forschungsgegenstand wird häufig zuerst anhand ökonomischer Faktoren begriffen: „Soziale Ungleichheit ist das Ergebnis einer ungleichen Verteilung, un- gleich im mathematischen Sinne zwischen den Mitgliedern einer Gesellschaft und im Be- zug auf ihre Ressourcen“ [Bihr/Pfefferkorn 2008: 9]. Ökonomen stellen mittels Statistiken und komplizierter Messverfahren Vergleiche zwischen strukturschwachen und -starken Regionen oder Nationen an, die auf Werten des Bruttonationaleinkommens (BNE) oder Bruttoinlandsprodukts (BIP) basieren. Andere Faktoren, darunter Bildung, kommen dabei oft zu kurz oder werden schlichtweg ignorieret. Doch wer sich mit sozialen Ungleichheiten befasst, muss auch den sozialen Kontext und damit die lokalen Begebenheiten, innerhalb derer diese Ungleichheiten bestehen, in seine Überlegungen mit einbeziehen. Initiativen und Politiken, deren Konzepte auf Chancengleichheit oder die Schaffung von Perspektiven abzielen, scheitern jedoch immer wieder, in dem sie ihre Erfolgsmodelle unreflektiert und unverändert auf einen fremden Kontext übertragen.

Lateinamerika bildet ein regelrechtes Sammelbecken sozialer Ungleichheiten. Beinahe abergläubisch reproduzieren Wissenschaftler das Attribut von der global höchsten sozia- len Ungleichheit für die Region. Tatsache ist, dass exklusive Regime dort seit der Kolonial- zeit ein extremes Ausmaß gesellschaftlicher Ungleichheiten produzieren. Ob Brasilien, Ko- lumbien, Guatemala oder Nicaragua, in Lateinamerika ist jedes Land in stärkerem oder geringerem Ausmaß von sozialer Polarisierung betroffen. Letztere offenbart sich in allen Bereichen der Gesellschaft, wo Einkommen, Gesundheitsversorgung oder Bildungsniveau teilweise radikal voneinander abweichen. Die Gründe hierfür sind zahlreich und nicht Thema dieser Arbeit. Um zumindest einige grundsätzliche Tendenzen zu nennen, sei auf die heterogenen Bevölkerungen, politische Fragmentierung, die Opposition von Zentrum (Stadt) und Peripherie (Land) bzw. die grobe Vernachlässigung ruraler Gebiete in Latein- amerika hingewiesen. Vielerorts hält die (weiße) Oberschicht aus Unternehmern, Groß- grundbesitzern, Industriellen, Politikern und Beamten in den Städten erfolgreich an ihren „traditionellen“ Privilegien fest, welche sich in mindestens akzeptablen Lebens-, Bildungs- und Gesundheitsstandards äußern. Die Geschichte spanisch-portugiesischer, kreolischer, europäischer oder nordamerikanischer Dominanz wirkt bis in die Gegenwart prägend.

Bei sozialer Ungleichheit handelt es sich um ein mehrschichtiges Phänomen, dessen Ebe-nen (oder Dimensionen), trotzdem sie kaum losgelöst von ökonomischen Faktoren analy- siert, dennoch als eigenständige Kategorien von Ungleichheit betrachten werden können. Dementsprechend verhält es sich mit den Untersuchungsgegenständen sozialer Ungleich- heiten, die nach Emmanuelle Barozet so zahlreich sind, dass bei der Bestimmung des Be- griffes „soziale Ungleichheit“ wichtige Präzisierungen bezüglich der benutzten Variablen vorzunehmen seien [vgl. Barozet 2010: 1]. Ihrer soziologischen Argumentation folgend, ist es notwendig, mit der ökonomischen Dominanz im Wertesystem zu brechen und nach weiteren Kategorien zu suchen, die soziale Ungleichheiten bedingen und aufzeigen. Re- sümierend ist festzustellen, dass mehrere Ebenen sozialer Ungleichheit - darunter Un- gleichheit im Gesundheits- und Bildungsbereich, im Einkommen, in Bezug auf Gender, Ethnie/race, Migration, den Zugang zu Wissen, zu sozialem Kapital, Lebenschancen, etc. - nebeneinander in wechselseitig komplexen Verhältnissen koexistieren, deren Mengen sich gegenseitig überlagern und dabei ein regelrechtes System sozialer Ungleichheiten ausbilden. Diese Ebenen lassen sich oft weder präzise voneinander abgrenzen noch in Zahlen erfassen. Trotzdem können Statistiken und Tabellen immerhin ein ungefähres Bild von ungleichen Verhältnissen oder Abhängigkeiten zwischen den o.g. Ebenen vermitteln. Demnach ist neben allen weiteren möglichen Entscheidungskriterien eine starke Depen- denz zwischen Kapitalvermögen und Bildung in qualitativem und quantitativem Sinn her- vorzuheben.

2.1 Die Relation von Bildung und Entwicklung

Marx forderte eine „allseitige und gleiche Bildung für alle. Nur eine allseitige und gleiche Bildung bereitet jede/n Einzelne/n gleichermaßen auf die gemeinsame Beherrschung der Produktion und die gemeinsame Verwaltung der Gesellschaft vor“ *Marx 1956: 194]. In seiner proletarischen aber nicht allgemeingültigen Argumentation zielt Marx von unten nach oben. „Der wahre Wohlstand einer Nation sind die Menschen“ [UNDP 2010: 4], be- kundet demgegenüber der erste Bericht der Vereinten Nationen über menschliche Ent- wicklung. Aus staatlicher Perspektive rechtfertigt das Individuum (als Humankapital1 ) eine von oben initiierte Investition unter der Voraussetzung, dass die erworbenen Qualifikati-

[...]


1 Der unglückliche Begriff wird vom Autor nur in Ermangelung eines zutreffenderen Begriffs verwendet.

Details

Seiten
19
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656564829
ISBN (Buch)
9783656564775
Dateigröße
858 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v266450
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Lateinamerikainstitut
Note
1,0
Schlagworte
Soziale Ungleichheit Bildung Alphabetisierung Alphabetisierungskampagne Nicaragua

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Bildung als Mittel zur Überwindung sozialer Ungleichheiten? Nationale Alphabetisierungskampagnen in Nicaragua