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Exegetische Belegarbeit zu ApG 3,1-10

Quellenexegese 2013 19 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Hauptteil
Übersetzung der Perikope
Erläuterungen zur Arbeitsübersetzung
Die Perikope in synchroner Betrachtung
Die Perikope in diachroner Betrachtung

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis
Quellen
Literatur

Einleitung

Im Lauf der nachfolgenden Arbeit soll die Perikope „Die Heilung des Gelähmten im Tempel“ (ApG 3,1- 10) einer eingehenden Betrachtung unterzogen werden. Dazu erfolgt zuerst eine Arbeitsübersetzung, deren Intention und Situiertheit in einer kurzen Überlegung dargestellt wird, da es die Übersetzung, für jeden denkbaren Leser in jeder Situation, kaum zu geben scheint. Die Entscheidungen für die Fälle, in denen von den etablierten Übersetzungen abgewichen wurde, werden anschliessend ausgeführt, um die Gedankengänge nachvollziehbar zu machen.

Der Textkritik wird kein eigener Abschnitt gewidmet, dass einzige in diesem Zusammenhang auftretende erwähnenswerte Problem wird im Rahmen der diachronen Betrachtung abgehandelt, da es aufgrund seiner theologischen Implikationen dort am plausibelsten zu erörtern ist. Im Rahmen der synchronen Betrachtung wird versweise vorgegangen, beziehungsweise in der Reihenfolge, in der Personen, Themen und Besonderheiten auftreten. Im Rahmen der diachronen Betrachtung wird von den Themen und Problemen ausgegangen, so dass sich teilweise eine andere Reihenfolge ergibt, welche ehr den thematischen Zusammenhängen folgt.

Der Blick auf Literatur und Forschungsstand liefert ein uneinheitliches Bild. Ausgehend von M. Dibelius[1] war das Bild von Lukas als „Historiker“ in Frage gestellt worden. Hierbei machten sich verschiedene Autoren daran, die Berichte und Erzählungen „kritisch“ zu überprüfen, wobei sie selber anachronistisch vorgingen und die Maßstäbe ihrer Zeit auf Lukas' Arbeitsweise projizierten[2]. Dass dessen Darstellungen jedoch sehr wohl den Regeln des historischen Diskurses seiner Zeit entsprachen, ist eine neuere Entdeckung, die am Ende einer Forschungsgeschichte steht, in deren Verlauf neben dem historischen Wert des lukanischen Doppelwerkes auch dessen Theologie zur Debatte gestellt wurde. Vor allem aufgrund der Unterschiede zwischen dem Paulus der Apostelgeschichte und dem Paulus der Briefe ist Lukas' Werk als „frühkatholizistisch“[3] verunglimpft worden, „lukanische Theologie“ wurde pejorativ gebraucht[4]. Inzwischen ist sowohl in der Bewertung der Theologie als auch des historischen Wertes des lukanischen Doppelwerkes eine Ebene erreicht worden, die es gestattet, mit einem Augenzwinkern auf den Anfang der Diskussion zurückzublicken: Eines der neuesten Werke zum Thema leiht sich seinen Titel ausgerechnet bei einem Aufsatz von Martin Dibelius aus dem Jahr 1948: „Lukas, der erste christliche Historiker“[5].

Im Kontext der allgemeinen[6] und speziellen[7] Literatur zu Wundererzählungen nimmt die Perikope eine ehr randständige Position ein, wird oftmals ehr der Vollständigkeit halber betrachtet, und dass, obwohl sie sowohl die erste Wundererzählung in der ApG als auch das erste berichtete Wunder von Petrus ist. Zudem weist sie interessante Parallelen zu Heilungswundern von Jesus und Paulus auf.

In der Perikopenreihe fällt sie als Predigttext auf den 12. Sonntag nach Trinitatis, so dass sich immerhin festhalten lässt, dass die Perikope im Bereich der homiletischen Literatur eine Beachtung gefunden hat, die ihr in anderen Bereichen versagt blieb.

Hauptteil

Übersetzung der Perikope

Die eigene Übersetzung[8] der Perikope erfolgte in der Intention, eine etwas kommunikativere Übersetzung als Luther 1984 zu liefern, ohne sich deshalb wie die Gute Nachricht Bibel hauptsächlich an der Struktur der Zielsprache zu orientieren. Die Übersetzung dient dem Unterricht, weshalb pädagogische und theologische Überlegungen zu verschränken sind: Welche theologische Aussage der Perikope soll wie übersetzt, also sprachlich aufbereitet werden, um den impliziten Schüler zu erreichen? Dieser implizite Schüler ist an der Schwelle zur Oberstufe, also in der 10. Klasse und ca. 15/16 Jahre alt. Er entstammt einem weitgehend entkonfessionalisiertem Umfeld, weshalb die Vorüberlegung zur 1984er Lutherbibelrezension, die ursprüngliche Sprachgestalt der Lutherbibel als Teil deutschen Kulturerbes zu erhalten, eine untergeordnete Rolle spielt. Gleichzeitig soll die Gestalt der Lutherbibel aber nicht soweit verlassen werden, dass eine eventuell vorhandene konfessionalisierte Minderheit, welche den Text kennen könnte, sich daran stören würde. Weiterhin besteht auch bei nicht religiös sozialisierten Jugendlichen die Erwartung, dass ein religiöser Text in anderer Gestalt daherkommt als moderne Belletristik, weshalb wie folgt vorgegangen wurde: Nach der Anfertigung einer eigenen Übersetzung wurde diese mit einer Interlinearübersetzung[9], Luther 1984[10], Menge- Bibel[11], Einheitsübersetzung[12] und Gute Nachricht- Bibel[13] verglichen. Als für die Schüler wichtiger theologischer Punkt wurde gesehen, dass eine Gleichsetzung von Armut mit materieller Bedürftigkeit zu kurz greifen kann, weil sie die soziale Dimension von Armut ausblendet. Die Übersetzung wurde so gestaltet, dass dieser Aspekt klar hervortritt, möglichst ohne so zu verengen, dass nur noch dieser Aspekt zu erkennen ist.

Zu diesem Vorgehen einige rechtfertigende Worte: Wie schon bei der ersten Luther- Übersetzung zu erkennen ist („ allein aus Gerechtigkeit“) spielen die Intentionen des Übersetzers bei der Wiedergabe des Textes eine wichtige Rolle. Wo es nicht die Intentionen sind, da ist es die sprachliche Verortung des Übersetzers, bei Luther also beispielsweise das Mittelhochdeutsche des 16. Jh. auf der Sprachgrenze zwischen nieder- und hochdeutschem Sprachraum, welche eine „originalgetreue“ Wiedergabe des Textes erschwert.

Eine möglichst objektive Wiedergabe der Originalsprachstruktur scheint in Form einer Interlinearübersetzung möglich, allerdings unterliegen vor allem Adjektive (freidig, blöd, etc.) oftmals einem deutlichen Bedeutungswandel, der es zu verschiedenen Zeiten nötig macht, sie anders wiederzugeben: Eine Interlinearübersetzung des 16. Jh. sieht anders aus als eine Moderne.

Da eine Interlinearübersetzung nur für Kenner der Originalsprache verständlich ist, wäre noch dieser Verständnisweg zu überlegen: Nur die Originalsprache. Hierbei bleibt zu bedenken, dass ich nicht Mitglied der Sprachgemeinschaft bin, sondern höchstens Versteher am Ende eines Entwicklungs- und Vermittlungsprozesses, der die Sprache als das vermittelt, als das wir sie heute kennen: Die κοίνή wird vermittelt von durch attisches Griechisch geprägten Gräzisten, (welche sie gelegentlich als primitive Sprachstufe betrachten), im Rahmen akademischer Lehrveranstaltungen (wo stets die Habitualisierungs- und Professionalisierungsproblematik zu bedenken bleibt), etc. Auch wenn die Größe individuell sehr unterschiedlich ausfallen mag: von der Originalsprache trennt heute ein (garstiger) Graben.

Bliebe als Weg noch eine Dekonstruktion a la Derrida zu überlegen: Indem ich mich aller Vorausbedingungen, Einschränkungen und Verortungen entledige und dies auf den Text beziehe, gewinne ich ein umfassendes Verständnis seiner Konstruktion, kann diese durchstreichen und ein breiteres Textverständnis gewinnen. Abgesehen davon, dass schon die Bewusstmachung meiner eigenen Verstehensbedingungen ehr frommer Wunsch als machbares Projekt ist, stehe ich am Ende des Weges vor einer unlösbaren Aufgabe, sogar wenn es mir gelungen ist ihn soweit zu gehen, dass der Text dekonstruiert vor mir liegt. Wenn ich nur das Ergebnis beschreiben, geschweige denn eine eventuelle Erkenntnis vermitteln will, muss ich diese (sprachlich) kon struieren.

So erscheint es allein redlich, den Gedanken an Objektivität aufzugeben, da auch diese subjektiv konstruiert wird. Ähnliches gilt für den Anspruch, eine Übersetzung zu fertigen, die allen Ansprüchen gerecht wird: sprachliche Korrektheit und Nähe zur Originalsprache plus gute Verständlichkeit in der Zielsprache, Wiedergabe aller möglichen theologischen Lesarten ohne Bevorzugung der Selbstpräferierten, wissenschaftlicher Anspruch ohne prätentiöse Habitualisierung, usw. Deshalb folgt aus dem Gesagten:

Die gewählte Übersetzung hat ihren Platz in der konkreten Vermittlungssituation Schule, präferiert eine explizit genannte theologische Lesart, versucht der Sprachgestalt sowohl der Originalsprache als auch Luthers die nötige Ehre zu erweisen und den Zugang zu anderen möglichen theologischen Lesarten nicht zu verschliessen. Hiermit gibt der Autor Rechenschaft über seine Übersetzungsintention, seinen impliziten Leser und seine sprachliche Selbstverortung, ohne den Anspruch zu erheben, diese wäre vollständig oder er in der Lage sich seiner Verstehensbedingungen umfassend bewusst zu werden. Der Anforderung, eine Übersetzung für alle Gelegenheiten und jeden möglichen Leser zu liefern fühlt er sich nicht gewachsen, weshalb eine Einengung auf eine Vermittlungssituation und die genannte Hörerschaft vorgenommen wurde.

[...]


[1] Dieser begann 1923, betreffs der historischen Verwertbarkeit vor allem der ApG mißtrauisch geworden, mit stilkritischen Untersuchungen, welche als Aufsätze bis 1948 erschienen sind und in einem Sammelband vorliegen: Dibelius, M.: Aufsätze zur Apostelgeschichte (FRLANT 60). Göttingen 1968.

[2] Nach Grässer, E.: Forschungen zur Apostelgeschichte. Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament, Bd. 137, Tübingen 2001, S. 140, betrifft dies vor allem Bultmann und in seinem Gefolge Vielhauer, Käsemann, Conzelmann, Dinkler und Klein.

[3] Grässer: Forschungen, S. 140.

[4] Ebd., s.S.

[5] Marguerat, D.: Lukas, der erste christliche Historiker. Eine Studie zur Apostelgeschichte. Abhandlungen zur Theologie des Alten und Neuen Testaments, Bd. 92. Zürich 2011.

[6] Fiederlein, F. M.: Die Wunder Jesu und die Wundererzählungen der Urkirche. München 1988;

Theißen, G.: Urchristliche Wundergeschichten. Ein Beitrag zur formengeschichtlichen Erforschung der synoptischen Evangelien. Studien zum Neuen Testament, Bd. 8, Gütersloh 1990; Grässer, E.: Forschungen zur Apostelgeschichte. Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament, Bd. 137, Tübingen 2001.

[7] Williams, B.E.: Miracle stories in the biblical book Acts of the Apostles. Mellen biblical Press Vol. 59. New York 2001, S. 56; Roth, S. J.: The blind, the lame and the poor. Character types in Luke- Acts. Journal for the study of the New Testament. Supplement series, Vol., 144, Sheffield 1997; Lüdemann, G.: Das frühe Christentum nach den Traditionen der Apostelgeschichte. Ein Kommentar, Göttingen 1987.

[8] Übersetzung nach: Novum Testamentum Graece, 27. revidierte Aufl., Aland, K. u. B., Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart (Hrsg.), 9. korrigierter Druck 2006.

[9] Dietzfelbinger, E (Übers.): Das Neue Testament, Interlinearübersetzung griechisch- deutsch, 4., durchges. Aufl., griechischer Text nach Nestle- Aland 26. Aufl, Stuttgart 1990.

[10] Luther 1984, zitiert nach: http://www.bibelwissenschaft.de/nc/online-bibeln/luther-bibel-1984/lesen-im-bibeltext/bibelstelle/Apg%203,%201-10/anzeige/context/#iv , Zugriff am 1.2.2013.

[11] http://www.bibelwissenschaft.de/nc/online-bibeln/menge-bibel/lesen-im-bibeltext/bibelstelle/Apg%203,%201-10/anzeige/context/#iv

[12] Die Bibel. Altes und Neues Testament. Einheitsübersetzung, Herder 1980.

[13] Gute Nachricht- Bibel, zitiert nach: http://www.bibelwissenschaft.de/nc/online-bibeln/gute-nachricht-bibel/lesen-im-bibeltext/bibelstelle/Apg%203,%201-10/anzeige/context/#iv , Zugriff am 1.2.2013.

Zusammenfassung

Im Lauf der nachfolgenden Arbeit soll die Perikope „Die Heilung des Gelähmten im Tempel“ (ApG 3,1- 10) einer eingehenden Betrachtung unterzogen werden. Dazu erfolgt zuerst eine Arbeitsübersetzung, deren Intention und Situiertheit in einer kurzen Überlegung dargestellt wird, da es die Übersetzung, für jeden denkbaren Leser in jeder Situation, kaum zu geben scheint. Die Entscheidungen für die Fälle, in denen von den etablierten Übersetzungen abgewichen wurde, werden anschliessend ausgeführt, um die Gedankengänge nachvollziehbar zu machen.
Der Textkritik wird kein eigener Abschnitt gewidmet, dass einzige in diesem Zusammenhang auftretende erwähnenswerte Problem wird im Rahmen der diachronen Betrachtung abgehandelt, da es aufgrund seiner theologischen Implikationen dort am plausibelsten zu erörtern ist. Im Rahmen der synchronen Betrachtung wird versweise vorgegangen, beziehungsweise in der Reihenfolge, in der Personen, Themen und Besonderheiten auftreten. Im Rahmen der diachronen Betrachtung wird von den Themen und Problemen ausgegangen, so dass sich teilweise eine andere Reihenfolge ergibt, welche ehr den thematischen Zusammenhängen folgt.
Der Blick auf Literatur und Forschungsstand liefert ein uneinheitliches Bild. Ausgehend von M. Dibelius war das Bild von Lukas als „Historiker“ in Frage gestellt worden. Hierbei machten sich verschiedene Autoren daran, die Berichte und Erzählungen „kritisch“ zu überprüfen, wobei sie selber anachronistisch vorgingen und die Maßstäbe ihrer Zeit auf Lukas' Arbeitsweise projizierten. Dass dessen Darstellungen jedoch sehr wohl den Regeln des historischen Diskurses seiner Zeit entsprachen, ist eine neuere Entdeckung, die am Ende einer Forschungsgeschichte steht, in deren Verlauf neben dem historischen Wert des lukanischen Doppelwerkes auch dessen Theologie zur Debatte gestellt wurde. Vor allem aufgrund der Unterschiede zwischen dem Paulus der Apostelgeschichte und dem Paulus der Briefe ist Lukas' Werk als „frühkatholizistisch“ verunglimpft worden, „lukanische Theologie“ wurde pejorativ gebraucht. Inzwischen ist sowohl in der Bewertung der Theologie als auch des historischen Wertes des lukanischen Doppelwerkes eine Ebene erreicht worden, die es gestattet, mit einem Augenzwinkern auf den Anfang der Diskussion zurückzublicken: Eines der neuesten Werke zum Thema leiht sich seinen Titel ausgerechnet bei einem Aufsatz von Martin Dibelius aus dem Jahr 1948: „Lukas, der erste christliche Historiker“.

Details

Seiten
19
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656565321
ISBN (Paperback)
9783656565284
DOI