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Die Theorie der Interdependenz von Islam, Menschenrechten & Säkularismus

Nach 'Abdallāhi Ahmad An-Na'īm

Hausarbeit 2013 15 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. An-Na’ïm's Philosophie
2.1 Die interkulturelle Universalität der Menschenrechte
2.2 Die interne Reformierung des islamischen Rechts auf Grundlage der Methodik Mahmoud Mohamed Taha's
2.3 Die Wiederbekräftigung des Säkularismus für muslimische Staaten

3. Schlussfolgerung - Die Theorie der Interdependenz zwischen Islam, Menschenrechten und Säkularismus

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Beziehung zwischen Islam und Menschenrechten ist ein wichtiger Aspekt im gegenwärtigen Diskurs über die Schwierigkeit, international anerkannte Menschen­rechte in allen Teilen der Welt durchzusetzen. Die zunehmend öffentliche Rolle des Islams in modernen muslimischen Staaten hat dieses Thema seit jeher geprägt. Abgegrenzt von den „westlichen“ Rechtswissenschaftlern sollen in dieser Arbeit Ideen des sudanesischen muslimischen Juristen 'Abdallähi Ahmad An-Na’ïm vorgestellt werden. Dieser hat sich neben seiner Forschung auch für öffentliche Angelegenheiten eingesetzt. Im Gegensatz zu anderen muslimischen Gelehrten, die sich sichtbarer mit diesem Diskurs beschäftigen, lässt sich An-Na’ïm nicht in die Gruppe der „Fundamentalisten“, sondern in die der „Unorthodoxen und Reformisten“ einordnen (Voll 1990 : ix). In seiner Stellung wird er oft von eher konservativen und fundamentalistischen muslimischen Oberhäuptern beobachtet (vgl. Voll 1990 : ix). An-Na’ïm's Ideen sind nicht in einem Vakuum entstanden. Seine eigenen Erfahrungen als früherer Student in Khartoum sowie der große Einfluss seines Engagements in den siebziger Jahren mit der Republican Brotherhood im Sudan prägen sein Denken bis heute. Der spirituelle Anführer der Republican Brotherhood, Mahmoud Mohamed Taha, gilt als sein philosophisches Vorbild. Taha gründete die Bruderschaft in den frühen fünfziger Jahren, in einem Sudan, der von traditionellen muslimischen Parteien dominiert wurde. Er hegte schon früh den Gedanken einer islamischen Reformierung und Liberalisierung, die von konfessionellen Kräften dominiert werden sollte. Er wurde 1985 vom sudanesischen Regime unter Ja’far Numayry exekutiert, nachdem er sich viele Jahre mit der Republican Brotherhood gegen die anhaltende radikale Islamisierungsreform Ja’far Numayry's gewehrt hatte (vgl. Voll 1990 : xf). Wie damals bei Mahmoud Mohamed Taha, spielen die äußeren politischen und sozialen Umstände eine große Rolle bei An-Na’ïm's Entwicklung seiner Philosophie über den Islam und die Menschenrechte.

Es ist wichtig zu erwähnen, dass diese Arbeit keine kritische Auseinandersetzung mit An-Na’ïm's Philosophie bedeutet. Ich werde im folgenden Abschnitt seine Gedanken und Hauptargumente aufzeigen, die zu seiner Theorie der Interdependenz zwischen Islam, Menschenrechten und Säkularismus führen. Dabei habe ich Arbeiten seiner Forschung zwischen 1987 - 2008 analysiert.

2. An-NaTm's Philosophie

Der Ausgangspunkt für An-NaTm's Auseinandersetzung mit dem Diskurs über die Interdependenz des Islams, der Menschenrechte und des Säkularismus, ist die Frage nach deren Universalität und Definition. Ausschlaggebend für seine Beschäftigung mit diesem Thema war die Rushdie Affäre 1990 und die sich nachziehende Erlassung einer fatwa von Ayatollah Khomeini (vgl. Voll 1990 : x). An-NaTm behauptet in seinem Essay „What do we mean by universal?“, welches er 1994 veröffentlichte, dass Menschenrechte in ihrer Definition ein Konzept darstellen, das in seinem Umfang, Inhalt sowie in seiner Anwendung universell ist. Dabei kennzeichnet es eine Reihe weltweit anerkannter Rechte oder Ansprüche, die allen Menschen aufgrund ihres Menschseins, ohne Unterscheidung wie etwa nach Rasse, Geschlecht und Religion, zustehen (vgl. An-NaTm 1994 : 120). Die U.N. Menschenrechtserklärungen, Richtlinien und Vereinbarungen die seit 1948 etabliert wurden, verfügen alle, ohne demographische Beschränkung, über dieselbe Prämisse (vgl. An-NaTm 1990 : 162).

2.1 Die interkulturelle Universalität der Menschenrechte

Es gibtjedoch bisher keine Aussicht auf den universellen Einsatz solcher Rechte, da es bis zu diesem Zeitpunkt keine zumindest grundlegende Einigung über ihr Konzept, Umfang und ihres Inhaltes gibt (vgl. An-NaTm 1994 : 121). Zwar sind potentiell mächtige und kräftige Wahlkreise für weltweite universelle Menschenrechte - einschließlich der islamischen Welt - vorhanden, aber diese Wahlkreise können nie in einem globalen Projekt, auf rein westlich-liberalen Vorstellungen über die einzelnen bürgerlichen und politischen Rechte, mobilisiert werden (vgl. An-NaTm 1994 : 128). Zusammen mit anderen Rechten und neuen Formulierungen werden alle Menschenrechte nur auf die allgemeine Achtung und Geltung durch den Diskurs und Dialog vertrauen müssen (vgl. An-NaTm 1994 : 128). Das Hauptproblem bei der Etablierung universeller Standards über kulturelle, besonders über religiöse Grenzen zu etablieren, besteht nach An-NaTm darin, dass jede Tradition ihren eigenen internen Referenzrahmen besitzt, dajede Tradition die Gültigkeit ihrer Vorschriften und Normen aus eigenen Quellen ableitet (vgl. An-NaTm 1990 : 162). Dennoch gibt es ein gemeinsames normatives Prinzip: die goldene Regel der Reziprozität[1]. Diese ist unabhängig von der kulturellen Tradition und philosophischer Überzeugung (vgl. An-Na’ïm 1990 : 163). An-Na’ïm sieht auch die Schattenseite dieses Prinzips: Es gib in diesem Zusammenhang die Tendenz von kulturellen, und besonders religiösen, Traditionen, die die Anwendung des Prinzips der Reziprozität anderer Mitglieder ihres kulturellen oder religiösen Tradition einschränken. Die historische Konzeption des Prinzips unter der Scharia gilt nicht im gleichen Umfang für Frauen und Nicht-Muslime wie für die muslimischen Männer (vgl. An-Na’ïm 1990 : 163). Damit wird mit der Gewährung eines niedrigeren Status und der benachteiligten Behandlung von Frauen und Nicht-Muslimen nicht das gleiche Maß an Ehre und Menschenwürde garantiert, wie es den muslimischen Männern durch die Scharia zusteht. An-Na’ïm zeigt auf, dass der Dialog für die interkulturelle Universalität in gutem Glauben vorgenommen werden muss, mit gegenseitiger Achtung und Sensibilität für die Integrität und grundlegenden Ansprüchen derjeweiligen Kulturen, mit einem offenen Geist und der Erkenntnis, dass bestehende Formulierungen in diesem Prozess geändert oder sogar abgeschafft werden müssen (vgl. An-Na’ïm 1994 : 122). Liest man den Koran und die Sunna, so merkt An- Na’ïm an, findet man sowohl liberale als auch konservative Tendenzen. Ausschlaggebend ist, welche Entscheidungen Muslime aufgrund ihres historischen Hintergrunds wählen (vgl. An-Na’ïm 1994 : 125). Ohne zu sehr in die Details bestimmter kultureller Traditionen zu gehen, definiert An-Na’ïm seine grundlegenden transkulturellen Begründungen für die universellen Normen der Menschenrechte unter folgenden Kriterien: Menschenrechte sind Rechte, die Menschen aufgrund der Eigenschaft ihres menschlichen Daseins, ohne Unterscheidung nach Rasse, Geschlecht und Religion, zustehen (vgl. An-Na’ïm 1990 : 164). An-Na’ïm behauptet mit Anwendung des Prinzips der Reziprozität unter allen Menschen und nicht nur unter den Mitgliedern einer bestimmten Gruppe, müssten die universellen Menschenrechte die eine kulturelle Tradition für seine eigenen Mitglieder beansprucht, auch Mitgliedern anderer Traditionen zugestanden werden, wenn man von ihnen eine gleiche Behandlung erwartet(vgl. An-Na’ïm 1990 : 164).

Im Jahr 2000 greift er das Thema der Universalität nochmals auf. In seinem Essay „Islam and Human Rights: Beyond the Universality Debate“, merkt er an, dass die Umsetzung von internationalen Normen für Menschenrechte injeglichen Gesellschaften ein durchdachtes und fundiertes Engagement der Religion im weiteren Sinne erfordert (vgl. An-Na’ïm 2000 : 95). Diese üben einen starken Einfluss auf das menschliche Verhalten aus, ohne dabei die formelle Beziehung zwischen Religion und Staat in einer Gesellschaft zu berücksichtigen (vgl. An-Na’ïm 2000 : 95).

[...]


[1] Näheres zum Begriff der Reziprozität in: An-Na’im, 'Abdallähi Ahmad: Toward an Islamic Reformation. Civl Liberties, Human Rights and International Law. New York: Syracuse Univ. Press, 1990, Seite 163f.

Details

Seiten
15
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656569596
ISBN (Buch)
9783656569589
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v266512
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
2,0
Schlagworte
theorie interdependenz islam menschenrechten säkularismus nach aḥmad an-naʾīm

Autor

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