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Intelligenzentwicklung im Alter

Erkenntnisse & Maßnahmen

Hausarbeit 2007 25 Seiten

Psychologie - Beratung, Therapie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Intelligenzentwicklung im Alter

1. Begriffsdefinition „Intelligenz“
1.1 Intelligenzmessung
1.2 Intelligenzstrukturmodelle
1.2.1 Modell mehrerer gemeinsamer Faktoren nach THURSTONE
1.2.2 Berliner Intelligenzstrukturmodell (BIS) nach JÄGER

2. Intelligenzentwicklung im Alter
2.1 Unterscheidung von fluider und kristalliner Intelligenz nach CATTELL
2.2 Relevanz des Intelligenzmodells von HORN/CATTELL für die alters- spezifische Intelligenzmessung
2.3 Aktuelle Erkenntnisse der Gehirnforschung
2.3.1 Der Aufbau des Gehirns
2.3.2 Veränderungen der Gedächtnisleistung im Alter
2.3.2 Praktische Vorschläge für Gedächtnistrainings mit älteren Menschen

3. Zusammenfassung & Schlussfolgerung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Angesichts des viel zitierten demographischen Wandels, der die aktuelle und zukünftige Entwicklung hinsichtlich der Alterszusammensetzung unserer Bevölkerung in Deutschland beschreibt, wird das Altern in unserer Gesellschaft einem neuen Diskurs zugeführt. Insbesondere für Fachpersonen aus den Bereichen der Pädagogik, Sozialpädagogik und Psychologie, die neben Ärzten1 und Pflegern überwiegend mit der professionellen Betreuung und Beratung von Menschen höheren Alters betraut werden, gilt es daher ein gesichertes und aus wissenschaftlicher Perspektive überprüfbares Wissen zu erwerben, dass sie zu einem erfolgreichen Umgang mit ihren Klienten befähigt.

Erkenntnisse aus der Gehirnforschung weisen darauf hin, dass sich die kognitive Entwicklung mit dem Alter verändert. Doch geht es nicht nur darum, alterstypische Erkrankungen wie Demenz und Alzheimer als eine ihrer Unterformen, rechtzeitig zu diagnostizieren, um ihnen mit entsprechenden Mitteln entgegenzuwirken bzw. individuell angemessene Lösungsmöglichkeiten zu entwickeln, die das Leben mit der Krankheit für Betroffene und Angehörige erleichtern; aus dem Spezialgebiet der Intelligenzforschung sind vielmehr auch Bedingungen bekannt, unter denen sich bestimmte Bereiche der Intelligenzentwicklung so fördern lassen, dass Menschen bis ins hohe Alter hinein herausragende Leistungen vollbringen können.

Dass eine Steigerung von Intelligenz auch bei älteren Menschen möglich ist, entspricht nicht unserer gängigen Erfahrung bzw. Wahrnehmung. Lernen wird in unserer Gesellschaft eher der Jugend und dem frühen Erwachsenenalter, insbesondere in der Phase des Berufseintritts, zugeschrieben. Dass damit wichtige Ressourcen unausgeschöpft bleiben, soll anhand dieser Arbeit aufgezeigt werden. Auch das Selbstbild alter oder älterer Menschen kann stark darunter leiden, dass ihnen weniger zugetraut wird, als sie zu leisten vermögen. Daher soll anhand der Ausführungen in Kap. 3 dieser Arbeit gezeigt werden, welche Möglichkeiten und Trainingsmaßnahmen zur Anwendung kommen können, um das - vielleicht an mancher Stelle - brachliegende Potential älterer Menschen in der Beratungssituation zu fördern und hervorzuheben und damit evtl. auch das Bewusstsein in der Bevölkerung zu verändern.

Intelligenzentwicklung im Alter

Aktuelle Erkenntnisse aus der Gehirnforschung weisen darauf hin, dass Intelligenzentwicklung im Alter anders verläuft, als in jungen Jahren, z.B. in Kindheit und Jugend. Das Wort „Entwicklung“ beschreibt einen nach vorne gerichteten Prozess; das heißt an der Zeitachse des Lebens ausgerichtet eine Veränderung mit zunehmendem Alter. Ob diese Veränderung positiv verläuft, d.h. nach allgemeinem Verständnis einen Erhalt bzw. eine Verbesserung/Steigerung von Intelligenzleistungen hervorbringt, hängt von unterschiedlichen Merkmalen, u.a. biologischen Einflüssen des Alterungsprozesses, aber auch anderen Faktoren, wie bspw. sozialer Integration und (Lern-)Anregungen aus der Umwelt ab. Da der Prozess sehr vielschichtig verläuft und verschiedene Aspekte, z.B. bei Trainingsmaßnahmen, zu berücksichtigen sind, sollen diese hier näher untersucht werden.

1. Begriffsdefinition „Intelligenz“

Der von dem lateinischen Substantiv „intelligentia“ abgeleitete Begriff „Intelligenz“ bedeutet übersetzt soviel wie „Einsicht“ bzw. „Erkenntnisvermögen“ (vgl. HAAS/v. KIENLE 1979, S. 276). In der Psychologie stellt Intelligenz einen Sammelbegriff für kognitive Fähigkeiten dar. Darunter subsumieren sich u.a. Möglichkeiten des Verstehens, Abstrahierens und Problemlösens, aber auch die Verwendung von Sprache und analytische Fähigkeiten, wie sie beispielsweise in der Mathematik benötigt werden (vgl. ARNOLD/EYSENCK/MEILI 1997, S. 998). WECHSLER definiert 1956 Intelligenz als „die zusammengesetzte oder globale Fähigkeit des Individuums, zweckvoll zu handeln, vernünftig zu denken und sich wirkungsvoll mit seiner Umgebung auseinanderzusetzen.“ (S. 13) Angesichts der Vielfalt an Literatur und Forschung zum Thema zeigt sich, dass eine einheitliche Definition des Intelligenzbegriffs nicht existiert. „Undiskutiert ist, daß unter I. eine Fähigkeit, d.h. eine Bedingung2 oder ein Bedingungskomplex3 bestimmter Leistungen zu verstehen ist“ (ARNOLD/EYSENCK/MEILI 1997, S. 998), welche sich auf allgemeine „Denkprobleme“ (ebd.) und deren Lösung bezieht (vgl. ebd.). In einigen Definitionen wird die Intelligenz noch um den Begriff der „Anpassung“ erweitert, d.h. intelligent ist bzw. handelt, wer sich z.B. schnell in einer neuen Umwelt zurechtfindet (anpasst) (vgl. WEITZEL 2006, S.55). BINET4, welcher gemeinsam mit dem französischen Arzt und Psychologen SIMON5 zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts die ersten Intelligenztests für Schulkinder entwickelte, schreibt: „Die Intelligenz ist als unabhängig von den Phänomenen der Sinneswahrnehmung, dem Gefühlsleben und dem Willen zu betrachten. Sie stellt vor allem eine Fähigkeit des Erkennens dar […].“ (zit. n. GÖPFERT 1927, S. 8) Hier zeigt sich in der Definition der Intelligenz eine Abgrenzung zu nicht-kognitiven Leistungen, also z.B. emotionalen Abläufen. Gemeinhin wird der Intelligenz in unserer Gesellschaft ein hoher Stellenwert beigemessen, stehen mit ihr doch häufig Leistung und Erfolg, insbesondere im Berufsleben, in Verbindung (vgl. hierzu z.B. die Studien von SCHMIDT/HUNTER in: KLEINMANN/STRAUß (Hg.), 2000)

1.2 Intelligenzmessung

Der IQ (Intelligenzquotient) ist der bekannteste Indikator, um die Intelligenzleistung einer Person zu bestimmen. Doch was genau misst er? Während der IQ mit einem Wert bei 100-120 als Indikator für durchschnittlich gute Lösekompetenzen eines Menschen gilt, Werte die darüber liegen auf überdurchschnittliche Fähigkeiten hinweisen, gilt es voraus zu schicken, dass der sich allgemein hin eingebürgerte IQ-Wert, der in der nichtwissenschaftlich agierenden Bevölkerung hohe Popularität genießt, stärker differenziert werden muss. Um ein Verständnis für die Bedeutung des IQ zu erlangen, ist das Zustandekommen des Wertes genauer zu analysieren.

„Intelligenz ist das, was der Intelligenztest misst“ lautet die Aussage des US- amerikanischen Psychologen Edwin G. BORING (1886-1968) (vgl. http://www.nndb.com/people/931/000117580/). Die Aussage deutet darauf hin, dass Intelligenz keine feststehende Komponente ist, sondern Aufschluss darüber gibt, was der jeweilige Test (von denen es unterschiedliche gibt) gemessen hat. Intelligenztests sind z.T. unterschiedlich aufgebaut und beinhalten verschiedene Schwerpunkte, so dass das Ergebnis bei ein- und derselben Person auch unterschiedlich ausfallen kann.

Bei BINET und SIMON (s. S. 5), welche 1904 den ersten Intelligenztest überhaupt entwickelten, um die kognitiven Leistungen von Schulkindern zu überprüfen, wurde das Lebensalter in Bezug zur Problemlösekompetenz gesetzt und mit der Leistung von Gleichaltrigen verglichen (vgl. GÖPFERT 1927, S. 10). Daraus ergibt sich folgende Formel:

Abb. 1: Ermittlung des Intelligenzquotienten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Intelligenzquotient)

Später wurde die Skalierung mit dem Mittelwert 100 dann auch auf Erwachsene ausgedehnt. Als Berechnungsfaktor wird bei Personen über dem 15. Lebensjahr allerdings nicht mehr das Lebensalter (LA) zugrunde gelegt, sondern bei den meisten Intelligenztests für Erwachsene werden Altersgruppen standardmäßig zusammengefasst (z.B. in der Gruppe 19-60 Jahre), wobei die durchschnittliche Leistung anderer Erwachsener im Verhältnis zur Testperson als Richtwert gilt (vgl. HOLLING/PRECKEL/VOCK 2004, S. 97). In der Literatur wird dies als Abweichungs- IQ mit dem Mittelwert 100 und der Standardabweichung 15 bezeichnet6. Der erste Intelligenztest für Erwachsene wurde 1932 von WECHSLER7 entwickelt.

1.2 Intelligenzstrukturmodelle

WECHSLER schlussfolgerte aus seinen Alltagsbeobachtungen, dass Intelligenz nicht auf einen einzelnen Faktor zurückzuführen sei: schließlich gibt es Personen, die zwar bei Schultests keine herausragenden Leistungen vollbringen, ihren Alltag aber überdurchschnittlich gut bewältigen (vgl. seine Definition S. 5 u. die Anpassungstheorie S. 6). Zudem stellte er fest, dass manche Menschen z.B. in verbalen Tests eher schlecht abschneiden, dafür aber über ein hervorragendes mathematisch-analytisches Gedächtnis verfügen und umgekehrt. Wem aber sollte man nun einen hohen IQ diagnostizieren? Die Erkenntnis, dass diese Frage schwierig zu beantworten ist, veranlasste verschiedene Wissenschaftler dazu, Intelligenzstrukturmodelle mit div. Komponenten zu konzipieren.

1.2.1 Modell mehrerer gemeinsamer Faktoren nach THURSTONE

Ein relativ einfaches Modell stellt das von THURSTONE8 dar, welcher Intelligenz in sieben Primärfaktoren unterteilt.

Abb. 2: Modell mehrerer gemeinsamer Faktoren nach THURSTONE

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: HOLLING/PRECKEL/VOCK 2004, S. 19)

Nach THURSTONE „kann die Intelligenz einer Person […] als Profil der Ausprägungsgrade einzelner Primärfaktoren dargestellt werden.“. (HOLLING/PRECKEL/VOCK 2004, S. 19). Es muss allerdings hinzugefügt werden, dass THURSTONE davon ausging, dass es zwischen den einzelnen Komponenten Verbindungen gibt, diese also nicht vollständig unabhängig voneinander funktionieren9, sondern miteinander in Verbindung stehen (vgl. ebd.). Das 1984 von JÄGER entwickelte Berliner Intelligenzstrukturmodell trägt dieser Ansicht Rechnung.

1.2.2 Berliner Intelligenzstrukturmodell (BIS) nach JÄGER

JÄGER10 nimmt mit seinem Berliner Intelligenzstrukturmodell (kurz BIS) eine weitere Differenzierung hinsichtlich kognitiver Leistungen vor. Aus dem Modell wird ersichtlich, dass einzelne Gebiete offensichtlich mit anderen Teilleistungen korrelieren, wobei die Korrelationsfelder und ihre Bezügle zueinander variieren (s. Abb. 3, S. 8).

Abb. 3: Berliner Intelligenzstrukturmodell nach JÄGER (1982, 1984)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: HOLLING/PRECKEL/VOCK 2004, S. 24)

Die Zusammensetzung einzelner Leistungen zu einer durchschnittlichen Gesamtleistung lässt nach JÄGER auf eine „Allgemeine Intelligenz“ schließen. Der IQ-Wert aus einem Test gibt somit zunächst Aufschluss über eine Gesamtleistung, unabhängig davon, aus welchen Teilleistungen sich diese zusammensetzt. Um die kognitiven Leistungen einer Person zu erfassen, wird daher in IQ-Tests mittlerweile eine grosse Bandbreite unterschiedlicher Aufgaben dargeboten. Wie aus der Abbildung weiterhin ersichtlich wird, ist das Wissen in einem Netzwerk organisiert ist. Dies deckt sich auch mit Erkenntnissen aus der aktuellen Gehirnforschung (vgl. hierzu z.B. ROTH 1996; 2001). Eine wesentliche Unterscheidung wird von JÄGER hinsichtlich inhaltlicher und operativer Fähigkeiten vorgenommen (s. Abb. 3). Mit seinem integrativen, hierarchisch organisierten Modell ist es ihm gelungen, die prinzipielle Annahme, dass jede intelligente Leistung durch eine Kombination der verschiedenen Merkmale bestimmt wird wie beispielsweise das Einprägen und Reproduzieren von Informationen, was hier unter dem Bereich „Merkfähigkeit“ subsumiert wird, zu veranschaulichen. Zum Lösen einer komplizierten Rechenaufgabe wäre bspw. nicht nur das numerische Gedächtnis (inhaltliche Fähigkeit) gefordert, sondern auch die Übertragung und Anwendung einer Rechenregel (Formel) aus dem Wissensbereich auf einen neuen Kontext (operative Fähigkeit). Während die Aktivierung von Wissen, das Bilden von Analogien und Strukturen, die Merkfähigkeit und das Herstellen von Zusammenhängen für die Beurteilung der Intelligenz eine wichtige Rolle spielen, ist darüber hinaus auch die Zeit, in der dies geschieht bedeutsam. Für IQ-Tests wird daher auch immer ein Zeitlimit vorgesehen, in dem die Aufgaben zu bewältigen sind (vgl. LAUSTER 1992, S. 12).

[...]


1 Zu Gunsten der Lesbarkeit des Textes beschränke ich mich auf die Verwendung der männlichen Form, weise aber darauf hin, dass immer auch die weibliche mitgemeint ist

2 Im Original kursiv

3 Im Original kursiv

4 Alfred BINET, 1857-1911, französischer Pädagoge und Psychologe

5 Théodore SIMON, 1873-1961

6 zur Vertiefung von Verfahren der Intelligenzmessung dient z.B. GUTHKE 1996 od. SCHMID 1977

7 David WECHSLER; 1896-1981. US-amerikanischer Psychologe, spezialisiert auf Intelligenzforschung

8 Louis THURSTONE; 1887-1955. US-amerikanischer Ingenieur und Psychologe

9 Ausnahmen bilden nach aktuellem Erkenntnisstand der Gehirnforschung Personen mit Schädigungen von Teilbereichen des Gehirns, z.B. in Folge eines Unfalls, die z.T. in der Lage sind, herausragende Leistungen in einzelnen Teilbereichen zu erbringen, ohne dass die dafür normalerweise mitwirkenden Hirnregionen aus anderen Bereichen beteiligt sind; eine weitere Ausnahme können Personen mit einer angeborenen Schädigung des Gehirns darstellen, die als „Savants“ bekannt sind. Man bezeichnet so Personen mit einer sog. „Inselbegabung“, die trotz kognitiver Behinderung eine aussergewöhnliche Leistungsfähigkeit in einem bestimmten, abgegrenzten Bereich aufweisen, die die Leistung nichtbehinderter Personen bei weitem überschreiten kann. In alltäglichen Lebenssituationen sind diese Personen - in zahlreichen Fällen Autisten - aufgrund ihrer Behinderung jedoch nicht alleine überlebensfähig u. benötigen Hilfe (vgl. hierzu z.B. TREFFERT 1989)

10 Adolf Otto JÄGER; deutscher Psychologe und Intelligenzforscher

Details

Seiten
25
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783656565789
ISBN (Buch)
9783656565727
Dateigröße
5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v266598
Institution / Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg – Bildung
Note
1,7
Schlagworte
Intelligenz Entwicklung Alter

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Titel: Intelligenzentwicklung im Alter