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Die faschistische Sozialpolitik. Opera Nazionale Balilla und Opera Nazionale Dopolavoro

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 26 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Zeitalter Weltkriege

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Opere als Mittel zur Organisation der Massen

3. Die Opera Nazionale Balilla
3.1. Der Weg zur Gründung der O.N.B
3.2. Das Programm der O.N.B
3.3. Die O.N.B. und die Hitlerjugend

4. Die Opera Nazionale Dopolavoro
4.1. Das Programm der O.N.D
4.2. Die O.N.D. und die "Kraft durch Freude"-Organisation

5. Die Resultate der O.N.B. und O.N.D

6. Fazit

7. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

"Zusammen mit anderen Institutionen sorgte das Dopolavoro dafür, die nationale Solidarität zu schaffen und gewährleisten. - In der Schule, von der Elementarklasse bis zur Universität, in der Opera Balilla, den Fasci Giovanili (den Jugendbünden, in der Partei), der Miliz und durch die Korporationen fühlt sich der heutige Italiener, ob Unternehmer oder Arbeiter, ob Aristokrat oder Bürger, ob reich oder arm, den anderen Volksgenossen verbrüdert, weil ihre Ziele gemeinsam sind."[1]

- Giuseppe Renzetti[2], 1934

Das vorliegende Zitat von Giuseppe Renzetti unterstreicht die Signifikanz der staatlichen und parastaatlichen Institutionen - wie zum Beispiel die angesprochenen Opera Nazionale Dopolavoro (O.N.D.) und Opera Nazionale Balilla (O.N.B.) - für das Erreichen eines zentralen Ziels der faschistischen Politik in Italien: die Bildung eines Konsenses sollte in ganz Italien vor allem durch diese Massenorganisationen realisiert und etabliert werden. Diese Konsensbildung sollte, obwohl es auf den ersten Blick so aussieht, als ob die Mitglieder der O.N.B. und O.N.D. allesamt freiwillig Mitglieder dieser Institutionen wurden, durch Druck und Zwang erreicht werden, der vom faschistischen Regime selbst aufgebaut wurde.

Die Opera Nazionale Dopolavoro und Opera Nazionale Balilla gelten als die zentralen Elemente des Faschismus, um die faschistische Ideologie unter den italienischen Bürgern zu etablieren und einen Konsens zu erreichen. Sie zeichneten sich durch die große Mitgliederzahl und das Organisieren verschiedener Aktivitäten aus. Die O.N.D. sprach vor allem Arbeitnehmer an; die O.N.B. dagegen war eine reine Jugendorganisation. Damit wurden zwei zahlenmäßig sehr große Bevölkerungsgruppen angesprochen; auch nahmen beide Gruppen eine besonders wichtige Rolle im Faschismus ein: die Arbeiter bildeten die Basis einer gut funktionierenden Wirtschaft und die Jugend hatte als Nachfolgegeneration zur Machtsicherung und als zukünftige Soldaten eine vielleicht noch wichtigere Funktion.

Diese Seminararbeit legt den Anspruch auf die Beantwortung folgender Leitfrage:

Ist das Vorhaben des faschistischen Regimes, einen dauerhaften Konsens zur Sicherung ihres Herrschaftsanspruches mit Hilfe der beiden wichtigsten Massenorganisationen, der Opera Nazionale Dopolavoro und Opera Nazionale Balilla, zu etablieren, tatsächlich gelungen?

In der folgenden Arbeit wird also die Sozialpolitik im faschistischen Italien thematisiert. Die Thematik der faschistischen Sozialpolitik wird in den Gesamtkontext des italienischen Faschismus und seiner Ziele und Umsetzungen eingeordnet. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt auf den beiden Massenorganisationen und parastaatlichen Einrichtungen Opera Nazionale Dopolavoro und Opera Nazionale Balilla als zentrale Elemente der faschistischen Sozialpolitik.

Zunächst wird ein Blick auf die Opere als Institution selbst gerichtet. Dabei sind deren Ausrichtung, die Stellung im Staat und die Zielsetzungen zentral. Im Fokus der beiden Institutionen der faschistischen Sozialpolitik stehen die Ziele, die das faschistische Regime durch Etablierung solcher Massenorganisationen anvisierte, die Umsetzung der Ideen und letztendlich die erzielten Ergebnisse. Die Untersuchung des konsensualen Anspruches des faschistischen Regimes steht dabei im Mittelpunkt. Ebenfalls wichtig ist die Frage, warum es Arbeitnehmer und Jugendliche gab, die nicht Mitglied in der O.N.B. oder O.N.D. waren. Außerdem wird nach der Differenz zwischen Anspruch und Realität des faschistischen Vorhabens, das heißt, der tatsächliche Nutzen für die Zielgruppe, gefragt.

Der zu untersuchende Zeitraum umfasst die jeweilige Vorgeschichte der Institution und reicht bis zu deren Ende nach dem Zweiten Weltkrieg. Hauptsächlich wird jedoch der Zeitraum der Faschisierung Italiens, also Mitte der 1920er Jahre bis zum Anfang der 1930er Jahre untersucht. Ein Vergleich - im Falle der O.N.D. - mit der deutschen nationalsozialistischen Kraft durch Freude-Organisation und zwischen der O.N.B. und dem deutschen Pendant, der Hitlerjugend, ist unumgänglich, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede - auch in der Ideologie - zu erkennen. Ebenso wird dadurch deutlich, ob und inwiefern die faschistischen Einrichtungen Vorbilder für nationalsozialistische Einrichtungen waren oder ob das nationalsozialistische Regime aufgrund des faschistischen Vorreiters gezielt Änderungen vorgenommen haben. Die Vergleiche werden an geeigneten Stellen gezogen; insgesamt jedoch bleibt die faschistische Sozialpolitik in Italien im Fokus. Abschließend werden die Ergebnisse der Arbeit in einem Fazit zusammengefasst.

Quellen liegen zu dieser Thematik natürlich zumeist in der italienischen Sprache vor, die hier mangels Sprachkenntnissen nicht herangezogen werden können. Deswegen stützt sich diese Arbeit auf deutsche Quellen oder deutsche Übersetzungen italienischer Quellen. Besonders hilfreich ist die Reihe "Italien in Vergangenheit und Gegenwart", aus welcher insbesondere das Werk von Giuseppe Renzetti[3] über die Jugend Italiens dem Kapitel über die O.N.B. als Quelle dient. Eine weitere zentrale Quelle ist die Monographie Hans Hartmanns[4], über seine Besuche in Italien, bei denen er sowohl die italienischen Dopolavoro -Einrichtungen besucht hat, als auch mit italienischen Mitarbeitern sowie Mussolini selbst gesprochen hat. Die genannten Quellen sind jeweils im NS-Staat ins Deutsche übersetzt worden. Die O.N.B. wird als "Stoßtrupp Italiens"[5] ebenfalls beleuchtet. Diese Quelle bekommt durch ein Vorwort von Giuseppe Renzetti besondere Autorität verliehen, sodass sie als Quelle über die O.N.D. nicht außen vor gelassen werden darf. Als vergleichende Quelle zum Dopolavoro stützt sich die Arbeit auf Robert Leys "Reden und Gedanken für das schaffende Deutschland"[6].

Die aktuelle Forschungslage über die italienische Sozialpolitik ist nicht so präsent wie andere Aspekte des Faschismus in Italien, jedoch bekommen immer wieder einzelne Elemente der Sozialpolitik Aufmerksamkeit. Essentiell für diese Arbeit ist Victoria de Grazias "The culture of consent"[7]. Sie beleuchtet die Maßnahmen des italienischen Regimes, einen Massenkonsens besonders durch Massenorganisationen zu kreieren. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht dabei die Opera Nazionale Dopolavoro. Die Monographie von Daniela Liebscher[8], sowie ihre Aufsätze zum Vergleich der Opera Nazionale Dopolavoro mit der deutschen nationalsozialistischen "Kraft durch Freude"-Organisation aus den Zeiten der späten 90er-Jahren und des Beginn des 21. Jahrhunderts sind aufgrund ihrer Aktualität und Thematik wichtig für diese Arbeit.

Die Monographie "Believe, Obey, Fight"[9] von Tracy Koon beschäftigt sich mit der Jugendbewegung und den Jugendorganisationen im faschistischen Italien. Ergänzend zu der Monographie von Tracy Koon zur Thematik der O.N.B. ist die Arbeit von Ute Schleimer[10], die zusätzlich einen Vergleich zur nationalsozialistischen Hitlerjugend zieht.

2. Die Opere als Mittel zur Organisation der Massen

Die Opere Nazionale Dopolavoro und Balilla waren zur Zeit ihrer Gründungen nicht die ersten Opere Italiens. Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs war ein erhöhtes Interesse an sozialer Fürsorge in Italien zu beobachten, sodass schnell die sogenannten Opere gegründet wurden. Beispiele für solche Gründungen sind die Opera Bonomelli, eine katholische Wohlfahrtseinrichtung für immigrierende Italiener, und die Opera Nazionale Combattenti, eine Einrichtung für Kriegsveteranen. Die Opere waren parastaatliche Einrichtungen, die zwar dem Staat oder einem Ministerium unterstanden, jedoch fast komplett autonom agieren konnten. Dieser Umstand führte zu einer großen Flexibilität in ihren finanziellen Modalitäten sowie in ihren Verbindungen zu anderen lokalen und regionalen Einrichtungen. Dies wiederum gewährleistete dem Regime eine enge Vernetzung mit den lokal ansässigen Initiativen und Einrichtungen.[11]

Von Beginn hatten die meisten Opere ein heroisches und nationalistisches Bestreben, welches sich bei vielen Einrichtungen schon in der Ergänzung Nazionale im Namen widerspiegelt. Außerdem kann in dem Aufkommen dieser Einrichtungen ein gemeinnütziger Aufschwung gedeutet werden, der den Menschen in Italien nach dem Ersten Weltkrieg zugutekommen sollte.[12]

Das Ziel des faschistischen Regimes war es, das Netz sozialer Fürsorge zukünftig über ganz Italien auszubauen und zeitgleich einen Konsens in der Bevölkerung zu erreichen, um die Regierung und den Faschismus als Ideologie zu etablieren und zu stabilisieren. Die zwei "Brennpunkte des italienischen Lebens"[13], die O.N.B. und O.N.D., werden in der Folge als die wichtigsten Opere und als die zentralen Elemente und Instrumente der faschistischen Konsensbildung betrachtet.[14]

3. Die Opera Nazionale Balilla

Bevor die O.N.B. am 3. April 1926 gegründet wurde, gab es bereits nach dem Ersten Weltkrieg erste Jugendorganisationen, von denen einzelne Elemente in der späteren O.N.B. aufgegriffen wurden. Aus einer allgemeinen Jugendmobilisierung nach dem Ersten Weltkrieg resultierte auch die Gründung der antisozialistischen und antikatholischen Schüler- und Studentenorganisation Avanguardie studentesca dei Fasci di Combattimento zunächst in Mailand, später auch in weiteren italienischen Städten, sodass sich schnell eine überregionale Struktur und Organisation bilden konnte. Kurz nach ihrer Gründung bekannten sie sich zu den Fasci di Combattimento, gewannen dadurch an Macht und hatten letztendlich ein Stimmrecht in den Versammlungen des Kampfbundes. Die faschistische Bewegung verstand sich selbst als Revolution der Jugend und unterstützte die Jugend zunächst in ihrem Vorhaben mehr Macht zu übernehmen.[15]

Aufgrund der Nähe zu den Kampfbünden kam es zu einer zunehmend militärischen Ausrichtung der Avanguardie und der Formierung von Squadre. Ziel der Avanguardie war eine Reform der körperlichen Ertüchtigung, die tägliche Gymnastikstunden sowie die Etablierung von Sportunterricht innerhalb der Schulen vorsah; zudem wurde eine Verstärkung der Sozialfürsorge gefordert.[16]

[...]


[1] RENZETTI, Giuseppe: Der Korporative Staat (Italien in Vergangenheit und Gegenwart 1), Leipzig 1934, S. 19.

[2] Giuseppe Renzetti war 1934 Präsident der italienischen Handelskammer in Deutschland. Dabei pflegte er sehr gute Beziehungen zu Deutschland.

[3] RENZETTI, Giuseppe: Faschismus, Jugend und Intellektualismus (Italien in Vergangenheit und Gegenwart 5), Leipzig 1934. (im Folgenden zitiert als: RENZETTI: Faschismus, Jugend).

[4] HARTMANN, Hans: Der Faschismus dringt ins Volk. Eine Betrachtung über das Dopolavoro, Berlin 1933. (im Folgenden zitiert als: HARTMANN: Faschismus).

Dr. Hans Hartmann reiste 1931 nach Italien und besuchte dort sowohl O.N.D. als auch O.N.B. Einrichtungen. Neben seiner publizistischen Tätigkeit war Hartmann Volksbildner. Renzetti beschreibt ihn in seinem Vorwort als einen ausgewiesenen "Kenner der faschistischen Lehre".

[5] HARTMANN: Faschismus, S. 90.

[6] LEY, Robert: Durchbruch der sozialen Ehre. Reden und Gedanken für das schaffende Deutschland, Berlin 1937. (im Folgenden zitiert als: LEY: Durchbruch der sozialen Ehre).

[7] DE GRAZIA, Victoria: The culture of consent. Mass organization of leisure in fascist Italy, Cambridge; New York 1981. (im Folgenden zitiert als: DE GRAZIA: Consent).

[8] LIEBSCHR, Daniela: Freude und Arbeit. Zur internationalen Freizeit- und Sozialpolitik des faschistischen Italien und des NS-Regimes (Italien in der Moderne), Köln 2009. (im Folgenden zitiert als: LIEBSCHER: Freude und Arbeit).

[9] KOON, Tracy: Believe, Obey, Fight. Political Socialization of Youth in Fascist Italy, 1922-1943, London 1985. (im Folgenden zitiert als: KOON: Believe, Obey, Fight).

[10] SCHLEIMER, Ute: Die Opera Nazionale Balilla bzw. Gioventù Italiana del Littorio und die Hitlerjugend - eine vergleichende Darstellung, Münster 2003. (im Folgenden zitiert als: SCHLEIMER: Opera Nazionale Balilla).

[11] DE GRAZIA: Consent, S. 33f.

[12] Ebd. S. 34.

[13] HARTMANN: Faschismus, S. 90.

[14] DE GRAZIA: Consent, S. 3f.

[15] SCHLEIMER: Opera Nazionale Balilla, S. 88-93; WANROOY, Bruno: Italian Society und Fascism, in: Adrian Lyttelton (Hrsg.): Liberal and Fascist Italy 1900-1945 (The Short Oxford History of Italy), Oxford 2002, S. 176. (im Folgenden zitiert als: WANROOY: Italian Society).

[16] SCHLEIMER: Opera Nazionale Balilla, S. 90.

Details

Seiten
26
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656564416
ISBN (Buch)
9783656564386
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v266636
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,7
Schlagworte
Italien Faschismus ONB OND Balilla Dopolavoro Sozialpolitik Opera

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