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Die Gottesknechtslieder

Hausarbeit 2013 15 Seiten

Theologie - Biblische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Einleitung

B. Die vier Gottesknechtslieder
1. Kontext
2. Der Gottesknecht
3. Das erste Lied: Jes 42, 1-9
4. Das zweite Lied: Jes 49, 1-9
5. Das dritte Lied: Jes 50, 4-9
6. Das vierte Lied: Jes 52, 13–53, 12
6.1 Übersicht
6.2 Erläuterung zu einigen Begriffen
6.2.1 Knecht
6.2.2 Wir
6.2.3 Leiden
6.3 Perspektive
6.3.1 Kollektive Deutung
6.3.2 Einzelne nicht messianische Deutung
6.3.3 Einzelne messianische Deutung
6.3.4 Offene Deutung
6.4 Vergleichstexte
6.4.1 Gottesknecht und Menschensohn: Mk 10, 45
6.4.2 Das Kelchwort: Mk 14, 24
6.4.3 Zu den Verbrechen gerechnet: Lk 22, 37
6.4.4 Der äthiopische Kämmerer: Apg 8, 26-40
6.5 Auslegung

C. Schluss

A. Einleitung

Zu den zentralen Texten des Alten Testaments zählen die vier Gottesknechtslieder (Jes 42, 1-9; 49, 1-9; 50, 4-9; 52,13-53,12). Sie stehen im Kontext des babylonischen Exils. Diese Periode ist eine Zeit der Entwurzelung für die Verbannten Israels, denn die Exilerfahrung führt das Volk zu einem neuen Anfang.

Die Vernichtung des Tempels und Jerusalems, der Untergang aller politischen und religiösen Institutionen und die Deportation der oberen Klasse sind, sowohl eine soziale und politische Katastrophe, als auch eine Glaubenskrise. Das Volk hat viele Schwierigkeiten bei der Glaubensweitergabe. Ihm ist nicht ganz bewusst, dass sie Gottes erwähltes Volk sind. Das Volk trägt sein Schicksal mit Ergebenheit, aber gleichzeitig lebt es in einer tiefen Depression. In diesem hoffnungslosen Kontext sind die Gottesknechtslieder eine wertvolle Hilfe für das Volk, um die Wirklichkeit neu zu verstehen, und sie bringen eine neue Perspektive gegen die Ratlosigkeit und Resignation.

Bernhard Duhm schlug 1892 vor, dass die vier Gottesknechtslieder eine Einheit innerhalb eines heterogenen Textes - dem Deuterojesajabuch - bilden, was jahrelang wie ein Axiom verstanden wurde. Obwohl diese Meinung bis heute verbreitet ist, gibt es auch andere Expertenmeinungen, die auch nicht zu vernachlässigen sind. Seitdem wurde, sowohl über dieses Thema als auch über die Identität des Knechtes, viel geschrieben und diskutiert.

Nach einer Beschreibung der ersten Drei Lieder, die den Plan Gottes für seinen Knecht darlegen, wird das vierte Lied im Detail untersucht. Obwohl die Texte für die Zeitgenossen des Propheten geschrieben wurden, lasen die Urchristen die Texte in Bezug auf Christus. Die Ostererfahrung, die die ersten christlichen Gemeinden machten, beeinflusste die Interpretation dieser Lieder, vor allem die des Vierten. Deswegen konzentriert sich diese Arbeit auf eine christliche Perspektive der Lieder und versucht, eine Gesamterklärung darzustellen und die Auseinandersetzung um die Identität des Gottesknechtes zu erläutern.

B. Die vier Gottesknechtslieder

1. Kontext

Das Buch Jesaja gliedert sich in drei Teile: Protojesaja (1-39), Deuterojesaja (40-55) und Tritojesaja (56-66). Protojesaja ist zwischen dem 8.-7. Jh. v. Chr. unter assyrischer Hegemonie entstanden. Das erste Jesaja enthält eine Botschaft: das Volk hat Gott vergessen und aus diesem Grund gibt es ein Gottesgericht. Als Folge der Gottesvergessenheit kommt das Unheil über das Land. Durch das Gericht kann sich die gläubige Gemeinde von den Sünden befreien und sich in eine erneute Gottesgemeinschaft verwandeln. Deuterojesaja wurde wahrscheinlich im babylonischen Exil (um 550 v. Chr.) geschrieben. Das zweite Jesaja liefert dem Volk eine Trostbotschaft, denn es verkündet den Untergang Babylons und die Heimkehr der Verbannten. Außerdem schildert Deuterojesaja die Konfrontation mit den babylonischen Götterbildern und den Übergang zum Monotheismus.[1] Tritojesaja behandelt die Probleme der nachexilischen Gemeinde und die Entstehung eines neuen Jerusalems, das mit JHWH als einzigen wahren Gott ein anziehendes Pilgerziel für alle Völker sein wird, denn die Gottesverehrung ist allen Menschen offen.

In den Kapiteln des zweiten Jesajas befinden sich die vier Gottesknechtslieder. Die vier Texte haben einen analogen Sprachstil und thematisch haben sie als durchgängige Figur den Knecht JHWHs. Laut Jörg Sieger stellten die vier Lieder wohl eine eigene kleine Sammlung dar,[2] die die deuterojesajanische Schule im Jesajabuch eingefügt hat.

Das Volk hat eine demütige Zeit erlebt, in der sich folgende Meinung verbreitete: Ein starkes und mächtiges Reich ist Hinweis darauf, dass JHWH der wahre Gott ist, im Gegensatz zu den heidnischen Göttern. Aber die Befreiung kommt durch die Hand des heidnischen Königs Kyrus in einer Art, in der es keine wundervollen und spektakulären Taten Gottes gibt (wie z.B. bei der Befreiung von Ägypten).

Der zweite Jesaja beharrt besonders auf einer Idee: Gott, der Herr, herrscht über alle Völker und wird alles neu machen. Das soll der Knecht im ganzen Volk verbreiten.

2. Der Gottesknecht

In der Apostelgeschichte spricht der äthiopische Kämmerer mit Philippus über das Vierte Lied vom Gottesknecht (Apg 8, 34). Der Kämmerer fragt von wem der Prophet in diesem Lied spricht. Bis heute bleibt diese Frage ganz aktuell. Manche identifizieren den Gottesknecht mit dem Propheten, andere aber mit dem Messias, wieder andere mit einem Gerechten oder sogar mit dem ganzen Volk Israel.

Wer ist also der Gottesknecht? Diese Frage wird auch unter den Wissenschaftlern diskutiert. Die Debatte geht darum, ob der Knecht JHWHs als Individuum (einzelne Deutung) oder als Israel (kollektive Deutung) zu sehen ist.

Wahrscheinlich sind beide Vorschläge richtig. In der alttestamentlichen Tradition ist der Gottesknecht die Führungsfigur einer Gemeinschaft, ihr Führer und Vertreter. Daher kann man im Kontext des vierten Liedes den Gottesknecht als Einzelnen, der für sein Volk leiden muss, deuten. Dieses stellvertretene Leiden zur Sündenvergebung hat eine sehr wichtige Bedeutung im Neuen Testament. In der christlichen Tradition ist Jesus Heilmittler aller Völker und er zeigt am Kreuz das Handeln Gottes inmitten der Ungerechtigkeit, so wie der Knecht stellvertretend die Schuld der sündigen Menschen trägt.

Wie oben genannt, wurden die vier Lieder in den fließenden Text des Zweiten Jesajas eingefügt, was zur Folge hatte, dass die Figur, von der der Autor spricht, in Vergessenheit geraten war. Es war nicht mehr wichtig, wer der Knecht historisch war, sondern mit wem man ihn vergleichen kann. Deswegen wurde das Thema der Texte zum zentralen Interpretationspunkt. Die ersten Christen holen die Figur des Knechtes aus der Vergessenheit zurück und füllen das Neue Testament mit vielen Zitaten aus den vier Liedern, mit denen die neutestamentliche Urgemeinde Jesus und den Gottesknecht vergleichen.

3. Das erste Lied: Jes 42, 1-9

Im ersten Lied handelt es sich um die Vorstellung bzw. die Berufung des Gottesknechtes. Der Knecht ist der Erwählte Gottes und soll das Recht den Völkern bringen (42, 1). Um seine Mission zu erfüllen, wird dem Knecht der Geist Gottes gegeben. Der Knecht wird unermüdlich und gewaltlos an seiner Mission festhalten, bis sie verwirklicht ist und sich das Recht auf der Erde etabliert hat. „Er bringt den Völkern die Wahrheit“[3] und verweist auf Gottes Erbarmen.

Der Begriff „Recht“, der drei Mal in diesem Text genannt wird, hat eine vielfältige Bedeutung und wird oft in der Bibel benutzt. „Recht“ bedeutet, dass Gott der Herr ist und kein anderer seinen Platz einnehmen kann. Das Recht bringt den Völkern die Liebe Gottes und verwandelt die Menschen und gibt ihnen volle Dignität. Das soll der Knecht den Völkern verkündigen, damit die Menschen wirklich leben.[4] Die ersten vier Verse sind in der Er-Form geschrieben. Sie beschreiben die Eigenschaften des Knechtes. Ab dem fünften Vers spricht Gott in der Ich-Form. Er stellt das Auftreten seines Erwählten vor. Er benennt ihn zum Licht für die Völker und designiert ihn als Bund für sein Volk (42, 6).

[...]


[1] Vgl. L. Schwienhorst-Schönberger, Einleitung in das Alte Testament (GK LB 4). Hg. von Theologie im Fernkurs, Würzburg 2009, 109.

[2] Vgl. J. Sieger, „Die Gottesknechtslieder“,

http://www.joerg-sieger.de/einleit/zentral/03zuk/zent43.htm (24.5.2013).

[3] J. Sieger, Die Gottesknechtslieder.

[4] Vgl. G. Florio, Shalom. Itinerario biblico per l’evangelizzazione degli adulti, Brescia (Editrice Queriniana) 1984, 200.

Details

Seiten
15
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656569152
ISBN (Buch)
9783656569145
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v266686
Institution / Hochschule
Katholische Akademie Domschule Würzburg
Note
1,3
Schlagworte
Gottesknechtslieder Jesaja

Autor

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Titel: Die Gottesknechtslieder