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Die metaphysischen Grundlagen der Marktwirtschaft. Eine Untersuchung zu Georg Simmels "Philosophie des Geldes"

Hausarbeit 2012 21 Seiten

Philosophie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Definition des Begriffs Weltbild
2.1 Die Bedeutung des Wertes für das Weltbild
2.1.1 Entstehung von Werten
2.1.2 Objektivierung von Werten
2.1.3 Der ideelle Wert
2.2 Weltbild und Wahrheit

3 Voraussetzungen für ökonomische Prozesse
3.1 Intellektualisierung der Gesellschaft
3.2 Die kulturelle Errungenschaft des Tauschs
3.3 Einführung des Geldes als Wertäquivalent

4 Die Rückwirkungen der Marktwirtschaft auf das Weltbild
4.1 Geld als Endzweck
4.2 Auswirkungen auf die persönliche Freiheit
4.3 Vernachlässigung der Kultivierung der Persönlichkeit

5 Fazit und Kritik

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In der Vorrede zu seiner „Philosophie des Geldes“ aus dem Jahr 1900 stellt Georg Simmel klar, dass das Ziel seiner Arbeit keineswegs in der Förderung nationalökonomischer Erkenntnisse liegt. Vielmehr sieht er in der kapitalistisch ausgerichteten Gesellschaftsordnung seiner Zeit die Widerspiegelung eines von mehreren rivalisierenden „Weltbilder[n], das ich für den angemessensten Ausdruck der gegenwärtigen Wissensinhalte und Gefühlsrichtungen halte“[1]. Das Ansinnen des Soziologen Simmel besteht demzufolge vorrangig darin, das vorherrschende Weltbild und die Werthaltung seiner Zeitgenossen zu untersuchen und darzustellen. Dabei bezieht er klar Stellung gegen die marxistische Werttheorie. Der Unterschied seines Ansatzes zu dem von Marx soll aus diesem Grund verdeutlicht werden. In der kritischen Betrachtung der modernen Gesellschaft finden sich durchaus auch Übereinstimmungen zwischen den beiden Wissenschaftlern. Es stellt sich die Frage, ob Simmel, wenn er von der Vernachlässigung der Kultivierung der Persönlichkeit spricht nicht die gleichen Entwicklungen bezeichnet wie Marx, der die Entfremdung als großes Problem der Moderne wahrnimmt.

Simmel wählt philosophische Untersuchungsmethoden. Dies begründet er damit, dass sich diese Disziplin zum einen eine besonders differenzierte Definition der Grundbegriffe zur Aufgabe gemacht hat. Zum anderen basiert jedes Weltbild auf metaphysischen Grundlagen, deren Erforschung den Einzelwissenschaften verwehrt bleibt, „weil sie keinen Schritt ohne Beweis, also ohne Voraussetzung sachlicher und methodischer Natur, tun“.[2]

Der Untersuchungsgegenstand des Geldes eignet sich in besonderem Maße, um Simmels Vorhaben gerecht zu werden, da die Funktion des Geldes darin besteht, den Wert der Gegenstände – scheinbar objektiv – zu fixieren. Inwieweit dies tatsächlich der Fall ist, soll in dieser Arbeit geklärt werden.

Doch zunächst müssen die Grundbegriffe erläutert werden. Es soll dargestellt werden, wie Weltbild und Wertbegriff zusammenhängen. Darüber hinaus muss auf den Unterschied zwischen objektiven, subjektiven und ideellen Werten eingegangen werden. Da es bei einem Weltbild um das Fürwahrhalten geht, ist es sinnvoll die in der „Philosophie des Geldes“ vertretene Wahrheitstheorie zu betrachten.

In einem zweiten Schritt sollen die Voraussetzungen für die Entstehung der Marktwirtschaft erläutert werden. Bei Simmel finden sich folgende Prämissen: eine zunehmende Intellektualisierung, deren Folge eine klare Subjekt-Objekt-Trennung ist, die kulturelle Errungenschaft des Tauschs und schließlich die Einführung des Geldes als Wertäquivalent. An dieser Stelle muss hinterfragt werden, welche metaphysischen Grundlagen die beiden letztgenannten Entwicklungen ermöglichten.

Das dritte Kapitel soll zeigen, dass die Durchsetzung eines kapitalistischen Systems sowohl positive als auch negative Rückwirkungen auf das allgemeine Weltbild und Wertverständnis hat. Mit der Einführung des Geldes als Wertäquivalent ist ein Maßstab entstanden, der es ermöglicht, alle Dinge des täglichen Lebens – vollkommen unabhängig von ihrem ideellen Wert - in Relation zueinander zu setzen. Das daraus resultierende relativistische Weltbild verschafft dem Individuum zunächst ein höheres Maß an persönlicher Freiheit, weil es sich aus Verpflichtungen gegenüber der Obrigkeit freikaufen kann. Das hat zu einer deutlichen Verminderung von Knechtschaft und Sklaverei geführt. Auf die Frage, inwieweit in einer globalisierten Welt diese Formen der Unterjochung in andere Länder ausgelagert wurden, kann im Rahmen dieser Arbeit leider nicht eingegangen werden. Simmel beschreibt jedoch, wie eine Zunahme des Individualismus das Subjekt in neue Abhängigkeiten bringt.

Weitere Negativfolgen der Marktwirtschaft sind die Suggestion, das Geld könne an die Stelle eines Endzwecks treten und die Vernachlässigung der Kultivierung der Persönlichkeit.

In einem Fazit (Kapitel 5) werden die Ergebnisse schließlich zusammengefasst und einer kritischen Betrachtung unterworfen. Unverkennbar ist Simmels teleologisches Geschichtsverständnis, das den Anschein erweckt, einmal begonnene Prozesse seien nicht mehr umkehrbar. Dies soll hinterfragt werden.

2 Definition des Begriffs Weltbild

2.1 Die Bedeutung des Wertes für das Weltbild

Das positive Wissen des Menschen über die Welt ist lückenhaft. Selbst wenn es der Menschheit gelänge, die Natur restlos zu erforschen und die unüberschaubare Fülle an Informationen in einen logischen Zusammenhang zu bringen, blieben immer folgende Fragen offen: Inwiefern korrespondieren menschliche Wahrnehmung und Wirklichkeit miteinander? Was ist der letzte Grund, auf den sich die Entstehung und der Lauf der Welt zurückführen lassen? Über die metaphysischen Grundlagen kann es keine Gewissheit geben.

Trotzdem bedarf der Mensch einer einheitlichen Anschauung der äußeren Erscheinungen, um sein Leben bewältigen zu können. Aus diesem Grund ergänzt er die Wissensfragmente durch abschließende Begriffe: Werte.

Die Wertung, als ein wirklicher psychologischer Vorgang, ist ein Stück der natürlichen Welt; das aber, was wir mit ihr meinen, ihr begrifflicher Sinn, ist etwas dieser Welt unabhängig Gegenüberstehendes [...] In jedem Augenblick, in dem unsere Seele kein bloßer interessenloser Spiegel der Wirklichkeit ist […] lebt sie in der Welt der Werte, die die Inhalte der Wirklichkeit in eine völlig autonome Ordnung fasst.“[3]

Simmel beschreibt den Wertungsprozess als die von der Natur vorgegebene Weise des Menschen, die auf ihn einwirkenden Sinneseindrücke zu verarbeiten und die Welt zu begreifen. Das Resultat dieses Vorgangs – der Wert – ist jedoch kein natürliches Phänomen, sondern eine „metaphysische Kategorie“[4], denn in der Natur stehen die Dinge nicht in einer Rangfolge zueinander, sondern es herrscht „gleichgültige Notwendigkeit“ und „Allgleichheit“[5]. Alle Objekte sind ausnahmslos den Naturgesetzen unterworfen und ein spezifischer Wert zählt nicht zu ihren natürlichen Eigenschaften.

Aus dem durch Werte ergänzten Wissen über die Natur und ihre Erscheinungen konstituiert sich ein Weltbild. Das Weltbild ist das, was der Mensch für wahr hält, unabhängig vom wirklichen Sein, denn: „Wir sind fähig, die Inhalte des Weltbildes zu denken, unter völligem Absehen von ihrer realen Existenz oder Nichtexistenz.“[6] Der Wert und das Sein sind zwei grundlegend voneinander verschiedene Kategorien. Daraus erklärt sich, dass aus unterschiedlichen Perspektiven, Wissensständen und Hierarchisierungen voneinander differente Weltbilder resultieren.

2.1.1 Entstehung von Werten

Otthein Rammstedt beschreibt die aus dem Briefwechsel Simmels bekannten Schwierigkeiten des Philosophen während der Arbeit an seiner Werttheorie. Rammstedt erklärt sie damit, dass Simmel „ von zentralen Positionen seiner früheren Argumentation meinte Abstand nehmen zu müssen“.[7] Zum einen gab er seine These auf, dass es keinen objektiven Wert geben könne. Gleichzeitig wollte er weiterhin eine relativistische Perspektive vertreten, weil er der Überzeugung war, dass in einem Wertesystem alle Elemente aufeinander bezogen sind; d.h. in Relation zueinander stehen. Außer den objektiven und subjektiven Werten sollte seine Theorie noch eine dritte Kategorie absoluter Werte, die „nicht nur von uns als wertvoll empfunden werden, sondern wertvoll wären, wenn niemand sie schätzte“[8], berücksichtigen.

Um all diesen Anforderungen an seine Werttheorie gerecht zu werden, entwickelte Simmel schließlich einen Ansatz, bei dem die Intensität des Begehrens als Maß für die Höhe des Wertes dient. Damit widerspricht er sowohl Kant als auch Marx.

Für Kant ist der Geldwert „die Summe des Fleisses, mit dem Menschen sich untereinander lohnen.“[9] Deshalb vertritt er die These, dass auf den Erwerb des Geldes genauso viel Fleiß verwendet werden muss wie auf die Produktion von Ware oder den Abbau von Rohstoffen, weil sonst der „Erwerbsfleiss, der den öffentlichen Reichthum zur Folge hat, zugleich schwinden und verkürzt werden“[10] würde. Damit sieht er genau wie Marx im Wert eine Objektivation von Arbeitszeit.

Marx schreibt in „Zur Kritik der politischen Ökonomie“:

“Die Waren, die als Gebrauchswert existieren, schaffen sich zunächst die Form, worin sie einander ideell als Tauschwert erscheinen, als bestimmte Quanta vergegenständlichter allgemeiner Arbeitszeit.“[11] Unter einer Auflistung verschiedener Waren, deren Goldäquivalent angegeben ist, fährt er fort: „Als Wert sind sie identisch, Materiatur derselben Arbeit oder dieselbe Materiatur der Arbeit, Gold.“[12]

Simmel, der sich eingehend mit der nationalökonomischen Literatur beschäftigt hat, zeigt die Schwachstelle der Definition des Wertes als „einheitliche Norm Arbeitskraft“[13] auf. Sie lässt sich am leichtesten mithilfe des zweiten oben genannten Kantzitats verdeutlichen. Ohne größere Schwierigkeiten ließen sich eine Vielzahl von Beispielen finden, die zeigen, dass „ein Quantum unmittelbarer vergegenständlichter Arbeitskraft gegen ein geringeres ebenderselben“[14] eingetauscht wird, ohne dass – wie von Kant behauptet – der Erwerbsfleiß gemindert wird. Ein aktuelles Beispiel dafür sind die zahlreichen Erwerbstätigen, die trotz Vollzeitbeschäftigung Sozialleistungen beantragen müssen, weil ihr Lohn zur Deckung der Grundbedürfnisse nicht ausreicht. Diese Akzeptanz der Diskrepanz zwischen Wert und Preis lässt sich mit einer an der Arbeitsnorm orientierten Werttheorie nicht erklären. Darüber hinaus nennt Simmel noch eine zweite Schwäche: „der Unbegabte, in noch so günstige und verfeinerte Lebensbedingungen versetzt, wird dennoch niemals dasjenige leisten, wozu ebendieselben den Begabten anregen.“[15] Während der gleichen Arbeitszeit erbringen unterschiedlich talentierte Personen vollkommen differente Leistungen. Diesem Sachverhalt schenkt die Marxsche Theorie keine Beachtung.

Simmels Ansatz geht davon aus, dass jeder Gegenstand erst im Moment des Tausches seinen wirtschaftlichen Wert zugewiesen bekommt. Dieser ist abhängig vom subjektiven Begehren der Tauschpartner. Dinge die vom Subjekt nicht wahrgenommen werden bzw., die es nicht begehrt, sind ihm gleichgültig und somit subjektiv wertlos. Ein Individuum bringt nur dann ein Opfer in Form von Geld, eines Gegenstandes oder einer Arbeitsleistung, wenn es dafür etwas erhält, was für es einen Zugewinn darstellt. Ein Wert ist für das Subjekt zudem stets etwas „das zu gewinnen es die Überwindung von Abständen, Hemmnissen, Schwierigkeiten bedarf.“[16] Ständig verfügbare oder unerreichbare Dinge stellen ebenfalls keinen Wert dar. Die Bereitschaft, die Anstrengung aufzubringen, diesen Widerständen zu begegnen, ist nur vorhanden, wenn das Begehren und damit gleichzeitig die Wertschätzung hoch genug sind. Zu „den Fällen des Auseinandertretens von Preis und Wert“ kommt es folglich nur, wenn für das Subjekt die Äquivalenz von Opfer und Gegenstand des Begehrens vorhanden ist, weil “z.B. Befriedigung eines unaufschiebbaren Bedürfnisses, Liebhaberei, Betrug, Monopole und ähnliches“[17] den Tausch für es vorteilhaft machen oder erscheinen lassen. Bezogen auf das oben genannte Beispiel kann man sich Simmels Feststellung anschließen: “niemand würde für einen Hungerlohn arbeiten, wenn er nicht in der Lage, in der er sich tatsächlich befindet, diesen Lohn eben dem Nichtarbeiten vorzöge.“[18]

Die vorangegangenen Ausführungen legen den Gedanken nahe, dass die Wertbildung ein rein subjektiver und willkürlicher Prozess ist. Wie bereits erwähnt, war Simmel jedoch entgegen seiner früheren Position zu der Überzeugung gelangt, dass es objektive Werte gibt. Ihre Entstehung begründet er unter anderem damit, dass der Mensch wie kein anderes Wesen auf soziale Beziehungen und Wechselwirkungen angewiesen ist.

[...]


[1] Georg Simmel: Philosophie des Geldes. In: Georg Simmel: Gesamtausgabe Bd. 6. Hrsg. von Otthein Rammstedt. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1989. Im Folgenden GSG 6 genannt. S. 13.

[2] Ebd. S. 9.

[3] Ebd. S. 24/25.

[4] Ebd. S. 38.

[5] Ebd. S. 23.

[6] Ebd. S. 25

[7] Georg Simmels Philosophie des Geldes. Aufsätze und Materialien. Hrsg. von Otthein Rammstedt. Frankfurt am Main: Suhrkamp. 2003. S. 29.

[8] GSG 6. S. 35.

[9] Immanuel Kant´s Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Hrsg. und erläutert von J.H. von Kirchmann. Berlin: Heimann 1870. S. 99.

[10] Ebd. S. 100.

[11] Karl Marx. Werke. Schriften. In sechs Bänden. Hrsg. von Hans-Joachim Lieber. Bd. VI: Ökonomische Schriften. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1975. S. 885.

[12] Ebd. S. 886.

[13] GSG 6. S. 83.

[14] Ebd. S. 83.

[15] Ebd. S. 580.

[16] Ebd. S. 34.

[17] Ebd. S. 83.

[18] Ebd. S. 81.

Details

Seiten
21
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656572350
ISBN (Buch)
9783656572367
Dateigröße
548 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v266924
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Sozial- und Kulturwissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Geld Marktwirtschaft Glück Gerechtigkeit Georg Simmel Philosophie des Geldes Wirtschaftsphilosophie

Autor

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