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Probleme bei der deutschen Übersetzung von J. K. Rowlings "Harry Potter and the Philosopher’s Stone"

"Harry Potter und der Stein der Weisen"

Hausarbeit 2013 29 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2.Treue zum Original – zwischen Übersetzung und Bearbeitung

3.FRITZ’ Abweichungen vom Original
3.1.Übersetzungsfehler

1 Einleitung

Die vergleichende Betrachtung verschiedener Ausgaben eines literarischen Werkes birgt immer wieder überraschende Erkenntnisse, die Aufschluss über den Umgang des Bearbeiters mit dem Gedankengut eines Autors geben. Besonders spannend wird dieser Vergleich, wenn Originaltext und Neuausgaben in unterschiedlichen Sprachen vorliegen, die Ausgangssprache also in eine andere übertragen wurde. In diesem Fall bedürfen gleich mehrere Aspekte einer intensiven Untersuchung: Zum einen die Fragen zur Translation selbst, also etwa, welche Prämisse der Arbeit des Übersetzers zugrunde lag und wie er besonders herausfordernden stilistischen und inhaltlichen Übersetzungsaspekten begegnete. So kann zunächst einmal festgestellt werden, welche Priorität der Übersetzer der größtmöglichen Nähe seiner Fassung zum Original einräumte und wie stark somit auch sein Einfluss auf die Wirkung des neu entstandenen Textes sein dürfte. Zum anderen kann, sofern in der übersetzten Version bereits mehrere Ausgaben vorliegen, untersucht werden, wie der Übersetzer bzw. der betreuende Buchverlag sein Translat weiterentwickelte und wie er dabei auf mögliche Kritik zu seiner Arbeit einging.

Eine zusätzliche Herausforderung erwartet den Übersetzer, wenn er es mit einer ganzen Buch reihe zu tun hat, deren vollständigen Inhalt er bei der Übersetzung des ersten Bandes noch nicht kennt. Denn während dem Autor des Originalwerkes meist bewusst ist, wie sich sein Text im Fortlauf der Reihe entwickelt, kann der Übersetzer oft nur mutmaßen, was die LeserInnen in den bisher unveröffentlichten Folgewerken noch erwarten wird – dies gilt ins­besondere für belletristische Texte. So erscheinen einige Passagen der Übersetzung des ersten Bandes mit dem Wissen aus dem nächsten Buch der Serie im Nachhinein möglicherweise unlogisch und müssen für die nächste Auflage bzw. Ausgabe entsprechend überarbeitet werden.
Dies trifft auch auf die Übersetzung des Kinder- und Jugendbuches Harry Potter und der Stein der Weisen (im Original: Harry Potter and the Philosopher’s Stone ), dem ersten Band der Harry Potter -Reihe, zu: Während die Autorin des Ausgangstextes, Joanne K. Rowling, von vorneherein die ganze Geschichte von Band 1 bis 7 angelegt hatte, kannte der deutsche Übersetzer Klaus Fritz den Inhalt der Folgebände zum Zeitpunkt der Translation von Harry Potter and the Philosopher’s Stone noch nicht. [1] Das machte die Erstausgabe seiner übersetzten Textfassung anfällig für Fehler und Ungereimtheiten, die es in den folgenden Ausgaben zu korrigieren galt.

Die vergleichende Analyse des Originaltextes von Rowling und der drei Übersetzungsausgaben[2] von Fritz bildet den Gegenstand der vorliegenden Arbeit. Untersucht werden soll dabei zum einen die Qualität des zwischensprachlichen Transfers, also Fritz’ übersetzungshandwerkliche Herangehensweise, und zum anderen die Textentwicklung der deutschen Fassung im Laufe weiterer Ausgaben. So wird festgestellt, wie sich der Übersetzer selbst auf der einen und der betreuende Verlag auf der anderen Seite um größtmögliche Treue zum Original bemühten. Diese Prämisse wird in den Forschungsbeiträgen Ingeborg Rieken-Gerwings und Rudolf Zimmers, die das theoretische Gerüst der vorliegenden Arbeit bilden, wiederholt als höchstes Ideal der literarischen Übersetzung beschrieben (vgl. hierzu u. a. Kap. 2). Maßgebend für meine Betrachtungen und Bewertungen war deshalb stets die Frage, wie stark dem Anspruch der größtmöglichen Nähe zum Ursprungstext Rechnung getragen wurde und wie im Sinne des Textverständnisses in der Zielsprache bisweilen Kompromisse gefunden wurden.

Die Wahl des Untersuchungstextes fiel auf den ersten Band der Reihe, da hierin eine Vielzahl von Figuren und Termini, die der Reihe eigen sind und die Geschichte um Harry Potter ausmachen, eingeführt werden. Auch verschiedene Sprechweisen der Figuren kommen in Harry Potter and the Philosopher’s Stone in besonderem Maße zur Geltung. Die Übersetzung solcher Begriffe und Passagen dürfte eine große Herausforderung für Klaus Fritz dargestellt haben.

Da ich bei der vergleichenden Betrachtung von Original und Translat jede noch so kleine Auffälligkeit in der Übersetzung vermerkt und betrachtet habe, hätte die vollständige Untersuchung des ersten Bandes den Rahmen dieser Arbeit deutlich gesprengt. Ich habe mich deshalb auf den Vergleich des ersten sowie des fünften Kapitels von Harry Potter and the Philosopher’s Stone mit jenen aus Harry Potter und der Stein der Weisen beschränkt, da auf diese Abschnitte die oben genannten Eigenschaften des ersten Bandes (vermehrtes Auftauchen bestimmter Termini, Einführung zahlreicher Figuren) in besonderer Weise zutreffen. Allerdings lieferten selbst diese beiden Kapitel einen so umfangreichen Untersuchungsbefund, dass ich eine Auswahl zu meinen Resultaten treffen musste. Ich fokussiere mich in der vorliegenden Arbeit daher auf folgende Aspekte der Übersetzung:

Im ersten Untersuchungsteil (Kap. 3) soll festgestellt werden, wie sehr sich Klaus Fritz im Allgemeinen, also mit Blick auf den Gesamttext, um die Einhaltung der Prämisse „Treue zum Original“ bemühte. Unabhängig von bekannten Schwierigkeiten der literarischen Übersetzung wird so offengelegt, welcher individuelle Leitfaden für seine Arbeit maßgebend war. Dazu werden die eklatantesten Abweichungen seiner Fassung vom Original aufgelistet und untersucht, ob und wie Bedeutungsveränderungen, Anpassungen sowie Auslassungen in der späteren deutschen Ausgabe 3 korrigiert wurden.

Der zweite Teil der Analyse (Kap. 4 und 5) widmet sich problematischen Aspekten, die in der Forschungsliteratur als typische Schwierigkeiten der literarischen Übersetzung beschrieben werden: An diesen Stellen stehen Übersetzer immer wieder vor der Entscheidung, ob der Treue zum Original auch zu Lasten der Verständlichkeit für die zielsprachlichen Leser stattgegeben werden sollte. Hierzu werde ich exemplarisch für Fritz’ Umgang mit problematischen stilistischen Aspekten seine Übertragung eines Dialekts untersuchen und bewerten. Anhand seiner Übersetzung der Personennamen soll gezeigt werden, wie Fritz einer in der Forschungsliteratur vielfach thematisierten inhaltlichen Schwierigkeit der literarischen Übersetzung begegnete.

2 Treue zum Original – zwischen Übersetzung und Bearbeitung

Die Übersetzung eines literarischen Textes birgt gegenüber Fachübersetzungen die Schwierigkeit, dass immer auch der künstlerische Aspekt berücksichtigt werden muss.[3] Das bedeutet, dass neben der sprachlichen Formulierung auch die stilistische und inhaltliche Ebene des Ausgangstextes im Zentrum des Übersetzungsprozesses stehen.[4] Im Idealfall sollten weder in Form noch in Inhalt Abweichungen gegenüber dem Original auftreten, da diese beiden Komponenten bei literarischen Texten untrennbar miteinander verbunden sind.[5] Theoretisch muss der Übersetzer, so Rieken-Gerwing, „in der Zielsprache dieselbe Kombination der vom Originalautor intendierten und benutzten inhaltlichen und stilistischen Ausdrucksmittel finden, so daß[6] bei den Rezipienten des Zielsprachenlandes dieselbe Wirkung erzielt wird wie bei denen der Ausgangssprache.“[7] Dieses Ideal ist jedoch, wie sie selbst einschränkt, nicht realisierbar. Grund hierfür sind die unterschiedlichen Konstruktionen verschiedener Sprachen sowie das Vorhandensein kultureller Spezifika, die LeserInnen aus anderen Nationen und Kulturkreisen als der des Ausgangssprachenlandes nicht geläufig sind. Hinzu kommt, dass der Übersetzer nicht der Autor eines Textes, sondern selbst bereits Rezipient und somit Interpret ist.[8] Aufgrund dieser Schwierigkeiten muss der Übersetzer vor der Translation jedes Satzes bzw. Sinnabschnitts neu die Entscheidung treffen, ob er der inhaltlichen oder der stilistischen Treue zum Original Priorität einräumt.[9] Angesichts der Komplexität von literarischen Übersetzungen ist es dabei nicht möglich, Kriterien festzulegen, die genau bestimmen, welche Übersetzungsmethode in welchem Fall korrekt ist. Ziel der Translation kann also nur die Annäherung an das Original sein.[10] Die Grenze zwischen Übersetzung und Bearbeitung ist deshalb fließend und lässt sich nicht exakt definieren.[11]

Die Übersetzung kinder- und jugendliterarischer Texte bringt die oben beschriebenen Schwierigkeiten oft noch in verstärkter Form mit sich, so etwa den Umgang mit Kulturspezifika: Rieken-Gerwing weist auf den wichtigen Beitrag literarischer Übersetzungen zum kulturellen Austausch und zur Völkerverständigung hin, der für Kinder- und Jugendbücher von besonders großer Bedeutung ist. In diesem Sinne sollte der Grad an Adaptionen so gering wie möglich gehalten werden[12] : „Der Übersetzer muß […] einen Weg finden, den Ausgangstext mit seinen kulturellen Eigenheiten unter Berücksichtigung des Aspektes der Rezipientenangemessenheit möglichst getreu wiederzugeben.“[13] Eine vorrangige Orientierung am kindlichen Leser (mit etwaigen Verständnisschwierigkeiten) darf, so Rieken-Gerwing, nie das generelle Ziel des Übersetzers sein.[14] Auch für kinderliterarische Translationen gilt deshalb grundsätzlich die Prämisse der Treue zum Original.[15] Werden zugunsten des Lesegenusses für junge LeserInnen bewusste Veränderungen am Ursprungstext, wie z. B. Auslassungen, zugelassen, wird damit auch der Übergang von der Übersetzung zur Bearbeitung hingenommen[16] – die Folge ist eine minderwertige Übersetzungsqualität.[17] In diesem Zusammenhang weist Rieken-Gerwing auch darauf hin, dass der Übersetzer unbedingt davon absehen sollte, den Originaltext „verbessern“ zu wollen.[18] Von einer „Bearbeitung“ kann gesprochen werden, sobald

Eingriffe in stilistische oder inhaltliche Charakteristika eines literarischen Textes mit dem Ziel der Verbesserung der literarischen Qualität oder der bewußten Förderung ideologischer, pädagogischer oder ökonomischer Interessen eines Verlages oder von Vermittlergruppen vorgenommen [werden].[19]

Die folgenden Kapitel dieser Arbeit werden zeigen, wie sicher Klaus Fritz sich im Spannungs­feld zwischen der Wahrung größtmöglicher Nähe seiner Textfassung zum Original und der verständlichen Umsetzung des Ausgangstextes für deutsche LeserInnen bewegte.

3 Fritz’ Abweichungen vom Original

Als Maßstab für meine Analyse und die Bewertung von Klaus Fritz’ Übersetzung und die Prüfung, welche Priorität er der Treue zum Original einräumte, legte ich folgende Frage zugrunde: Würde eine Rückübersetzung der deutschen Fassung ins Englische eine Version hervorbringen, die nahezu identisch (wenn nicht vom Wortlaut, so doch zumindest vom Sinn her) mit dem Original von J. K. Rowling wäre? Alle daraufhin zu vermerkenden Stellen in der deutschen Fassung wurden von mir sorgfältig und unter Zuhilfenahme verschiedener Quellen (Nachfrage bei englischen Muttersprachlern, Wörterbüchern, Forumsdiskussionen) geprüft, bevor ich sie in meine Auswertung einbezog.

Beim genauen Abgleich der betrachteten Kapitel 1 und 5 aus Original- und Übersetzungsfassung fallen immer wieder Übersetzungen auf, die im Sinne einer möglichst originalgetreuen Übersetzung aus unterschiedlichen Gründen als „misslungen“ bewertet werden können. Diese Abweichungen vom Ausgangstext wurden von mir in fünf Hauptgruppen unterteilt:

1. Offenkundige Übersetzungsfehler, also Übertragungen eines Wortes oder einer Wortfolge mit bestimmter Bedeutung zu einem Wort oder einer Wortfolge mit vom Original abweichender Bedeutung (entscheidend ist für die Einordnung als Übersetzungs fehler hierbei, dass die deutsche Sprache durchaus passende Äquivalente zu den ausgangssprachlichen Formulierungen geboten hätte, die ohne Einbußen für die Textverständlichkeit hätten verwendet werden können)
2. Textliche Veränderungen, die sich daraus ergeben, dass bestimmte Kulturspezifika für deutsche LeserInnen angepasst wurden, um verstanden zu werden
3. Auslassungen, also fehlende Wörter, Sätze oder Passagen
4. Übersetzungen, die nicht zwingend als falsch, zumindest jedoch als missglückt bzw. ungünstig bewertet werden können, weil sie z. B. einen Verlust an Witz oder sprachlicher Raffinesse gegenüber dem Ausgangstext mit sich bringen und in deutscher Fassung übermäßig umständlich klingen
5. „Verbesserungen“ von Formulierungen gegenüber dem Original.

Die markantesten dieser Abweichungen werden im Folgenden tabellarisch präsentiert und kommentiert. Da ich bei meiner Untersuchung keinerlei textlichen Unterschiede zwischen der ersten Hardcover-Ausgabe (Ausgabe 1) und der Belletristik-Ausgabe (Ausgabe 2) feststellen konnte, sind in den folgenden Tabellen nur die Vergleichsergebnisse aus den Ausgaben 1 und 3 (der Taschenbuchausgabe) vorgestellt. Die in der dritten Ausgabe verbesserten Abschnitte sind in den folgenden Tabellen farbig hinterlegt. Die Namen Rowling und Fritz werden mit „R.“ und „F.“ abgekürzt. Die Seitenangaben beziehen sich jeweils auf die englische bzw. die beiden deutschen Ausgaben, mit denen ich arbeitete (vgl. Fußnote 2).

3.1 Übersetzungsfehler

Beginnend mit den echten Übersetzungsfehlern zeigt Tabelle 1, wo Klaus Fritz durch falsch übersetzte Wörter teils erhebliche Bedeutungsveränderungen oder die Grundlage für Missverständnisse für deutsche LeserInnen zu verantworten hat. Außerdem wird sichtbar, ob und wie diese Fehler in der späteren dritten Ausgabe von Harry Potter und der Stein der Weisen verbessert wurden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Übersetzungsfehler

[...]


[1] Diese Information erhielt ich auf Anfrage dankenswerterweise direkt vom CARLSEN Verlag, der die deutschen Fassungen der Harry Potter -Reihe publiziert.

[2] Verglichen wurden der Originaltext Harry Potter and the Philosopher’s Stone in der Ausgabe „Hardcover“ (ISBN 978-0-7475-3269-9), in erster Auflage erschienen 1997 bei BLOOMSBURY, und die deutsche Übersetzungsfassung Harry Potter und der Stein der Weisen in den drei Ausgaben „Hardcover Jugendbuch“ (ISBN 978-3-551-55167-2), erste Aufl. 1998, das „Hardcover Belletristik“ (ISBN 978-3-551-55200-6), erste Aufl. 2000, und „Taschenbuch“ (ISBN 978-3-551-35401-3), erste Aufl. 2005, alle erschienen bei CARLSEN.

[3] Ingeborg Rieken-Gerwing: Gibt es eine Spezifik kinderliterarischen Übersetzens? Untersuchungen zu Anspruch und Realität bei der literarischen Übersetzung von Kinder- und Jugendbüchern. Frankfurt am Main [u. a.] 1995, S. 45.

[4] ebd., S. 49.

[5] vgl. ebd., S. 54.

[6] In der zitierten Forschungsliteratur verwendete Schreibweisen, die den Regeln der alten Rechtschreibung folgen, wurden von mir nicht als nach heutigem Standard fehlerhaft kenntlich gemacht.

[7] ebd., S. 54.

[8] ebd., S. 55.

[9] ebd., S. 56.

[10] ebd.

[11] ebd., S. 52.

[12] ebd., S. 92f.

[13] ebd., S. 94.

[14] vgl. ebd., S. 91.

[15] ebd., S. 92.

[16] ebd., S. 91.

[17] ebd.

[18] ebd., S. 93.

[19] ebd.

Details

Seiten
29
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656576013
ISBN (Buch)
9783656575993
Dateigröße
544 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v266947
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für Deutsche und Niederländische Philologie
Note
1,0
Schlagworte
Harry Potter Übersetzung Translation und der Stein der Weisen Übersetzungsaspekte Carlsen Kinderbuch Jugendbuch Fantasy

Autor

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