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Italien in den 1920er und Anfang der 1940er Jahre. Ein autoritäres Regime?

Eine Analyse anhand des Autoritarismus-Konzeptes von Juan Linz.

Hausarbeit 2012 15 Seiten

Politik - Politische Systeme - Historisches

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2. Das Autoritarismus-Konzept nach Juan Linz

3.Der historische Hintergrund Italiens

4.Von der Regierungsübernahme 1922 bis zur Matteotti-Krise 1924

5.Von der Matteotti-Krise 1924 bis zum Ende des Regimes 1943
5.1 Zum Pluralismus
5.2 Zur Mentalität oder Ideologie
5.3 Zur Mobilisierung
5.4 Zur Herrschaft
5.5 Fazit dieser Phase

6.Einordnung des Regimes und Gesamtfazit

7.Abkürzungsverzeichnis

8.Bibliografie
8.1 Monographien
8.2 Zeitschriftenaufsätze
8.3 Beiträge in herausgegebenen Büchern
8.4 Internetverzeichnis

1.Einleitung

Nach der Regierungsübernahme von Benito Mussolini im Jahr 1922 verwandelte sich das politische System Italiens schrittweise von einem demokratischen in ein nichtdemokratisches System. Zwar war es der eigene Anspruch des „Duce“, den „stato totalitario“[1] zu erschaffen, doch sind sich PolitikwissenschaftlerInnen bis heute nicht einig, ob es sich beim italienischen Faschismus um ein autoritäres oder ein totalitäres politisches System handelte (Vgl. Krämer 2010, 108). Anhand des Autoritarismus-Konzeptes von Juan Linz werde ich das politische System Italiens in den 1920er bis zu seinem Niedergang Anfang der 1940er Jahre analysieren. Abschließend werde ich versuchen festzustellen, ob es ein autoritäres Regime war oder nicht.

Das Autoritarismus-Konzept nach Juan Linz

In seinem Buch „Totalitäre und autoritäre Regime“ unterscheidet Juan Linz 1975 zwischen demokratischen, autoritären und totalitären politischen Systemen sowie politischen Systemen, welche diesen drei Haupttypen nicht zugeordnet werden können[2]. In dem 1964 erschienenen Beitrag „Ein autoritäres Regime – Der Fall Spanien“ legte er die Kriterien für ein autoritäres Regime fest, welche diesen Herrschaftstyp sui generis von anderen politischen Systemen unterscheidet. Danach sei solch ein Regime durch einen begrenzten politischen Pluralismus gekennzeichnet (Vgl. Linz 2011, 19). Dieser könne „rechtlich oder de facto gelten [und] […] auf rein politische Gruppierungen eingeschränkt oder auf Interessengruppen ausgeweitet sein“ (Vgl. Ebd., 21). Darüber hinaus sei es kein verantwortlicher Pluralismus, da das Regime nicht wie in demokratischen Systemen von einer Wählerschaft, sondern von der Unterstützung eines Führers oder einer führenden Gruppe abhängig sei (Vgl. Linz 2009, 131). Statt einer ausformulierten und leitenden Ideologie wie in totalitären Regimen, existieren in autoritären Regimen Mentalitäten (Vgl. Linz 2011, 19). Er unterscheidet jene nach den Überlegungen des Soziologen Geiger, nach welchem Mentalitäten „Wege des Denkens und Fühlens […] [,] eher emotional denn rational“ (Ebd., 25) und gegenwartsbezogen seien. Dagegen besäßen Ideologien „ein starkes utopisches Element“ (Ebd., 26) und seien „mehr oder weniger intellektuell verfasst und organisiert […] und […] schriftlich niedergelegt“ (Ebd., 25). In autoritären politischen Systemen gebe es außerdem keine „intensive und extensive politische Mobilisierung (mit Ausnahme bestimmter Momente in der Entwicklung dieser Regime)“ (Ebd., 19). Die Beteiligung an politischen und parapolitischen Organisationen sei dadurch gering und eine „Entpolitisierung […] für stabile autoritäre Regime charakteristisch“ (Ebd., 31). Die Herrschaft übe „ein Führer (oder manchmal auch eine kleine Gruppe) innerhalb formal ungenau bestimmter, aber ziemlich vorhersagbarer Grenzen“ (Ebd., 19-20) aus. Eine privilegierte Partei oder eine Einheitspartei diene dabei als Zusammenschluss verschiedener gesellschaftlicher Elemente und erreiche nicht die allumfassende Macht totalitärer Parteien (Vgl. Linz 2009, 132).

Ob diese Kriterien auf den italienischen Faschismus in der von mir untersuchten Zeitspanne zutreffen, werde ich in den folgenden Abschnitten analysieren.

Der historische Hintergrund Italiens

Den Grundstein des politischen Aufstiegs des italienischen Faschismus legten die Folgen des Ersten Weltkrieges. Das Land war zwar einer der Kriegsgewinner, doch fiel durch hohe Kriegsausgaben in ein wirtschaftliches Chaos und erhielt weder die gewünschten Territorien an der Ost-Adriaküste noch die Kolonien in Nordafrika (Vgl. Berend 2007, 78). Während der „biennio rosso“ (die zwei roten Jahre) von 1919 bis 1920 verschlimmerte sich die wirtschaftliche und innenpolitische Lage durch Streiks, Fabrikbesetzungen und Unruhen durch die Arbeiterschaft (Vgl. Preis 2003, 42). Vor diesem Hintergrund gründete sich mit Benito Mussolini im März 1919 der italienische antibolschewistische Kampfbund „Fascio italiano di combattimento“, auf dessen Name der Begriff „Faschismus“ zurückgeht. Daraufhin entstanden in weiteren italienischen Städten ähnliche Kampfbünde, welche aufgrund ihrer Uniformen als „Schwarzhemden“ bezeichnet wurden und sich zu einer Massenbewegung entwickelten (Vgl. Schieder 2010, 21). Ihre Mitglieder bestanden aus „Nationalisten, Kriegsveteranen, […] Intellektuelle[n], […] [,] revolutionäre[n] Gewerkschaftler[n], die ihre nationale Identität entdeckt hatten“ (Linz 2009, 197), sowie konterrevolutionären Agrarfaschisten, die sich gegen die revoltierende Arbeiterschaft stellten (Vgl. Ebd., 21). Im Oktober 1921 trafen die verschiedenen Kampfbünde zusammen und gründeten die Partei „Partita Nazionale Fascista“ (PNF) (Vgl. Schieder 2010, 25-26). Seit jenem Kongress bürgerte sich die Bezeichnung „Duce“ für Mussolini, als den Führer der Partei, ein (Vgl. Ebd., 26). Nach Straßenkämpfen zwischen den Schwarzhemden und der Arbeiterschaft, organisierten die Faschisten den Marsch auf Rom, mit dem Ziel, die Regierung zu übernehmen. Anstatt das Militär zu entsenden, beauftragte der italienische König Viktor Emanuel III., mit Unterstützung des Vatikans, der Wirtschaftsverbände und der Liberalen, Benito Mussolini am 29. Oktober 1922 mit der Regierungsbildung (Vgl. Tasca 1994, 336-337).

Von der Regierungsübernahme 1922 bis zur Matteotti-Krise 1924

Der Duce bildete die Regierung mit Vertretern aller Parlamentsparteien, ausgenommen derer der Kommunisten und Sozialisten[3] (Vgl. Schieder 2010, 21). Mitglieder der PNF erhielten fünf der 15 Ministerien. Darunter waren das zentrale Justiz- und Finanzministerium (Vgl. Ebd., 32). Mussolini selbst übernahm neben dem Amt des Ministerpräsidenten außerdem das Außen- und Innenministerium (Vgl. Ebd., 32). Das Parlament stimmte einem Ermächtigungsgesetz zu, nach welchem er bis zum 31.12.1923 ausschließlich durch Dekrete regieren konnte (Vgl. Ebd., 34). Die Grundtendenzen der Politik legte jedoch nicht das Regierungskabinett, sondern der 1922 gegründete Faschistische Großrat unter Vorsitz Mussolinis fest (Vgl. Galasso 1999, 26-27). Er bestand aus den wichtigsten Vertretern und Parteiführern „des Faschismus in ihrer Eigenschaft als Berater der Partei- und Regierungsorgane“ (Vgl. Ebd., 26). Das Gremium entschied allerdings nicht nach kontroversen Debatten, sondern nach der Linie des Duce und wurde zur zentralen „Schaltstelle von Mussolinis persönlicher Diktaturherrschaft“ (Schieder 2010, 35). Die italienische Bürokratie blieb weitgehend autonom und die politischen Eingriffe nahmen im Gegensatz zu vorherigen Regierungen ab (Vgl. Von Klimó 1999, 66). Die zuvor paramilitärischen Schwarzhemden gliederte das Regime im Januar 1923 per Dekret als „Freiwillige Miliz für Nationale Sicherheit“ („Milizia Volontaria per la Sicurezza Nazionale“) in den Staat ein. Dadurch ordnete es die verschiedenen lokal-dominierenden faschistischen Kampftruppen hierarchisch dem Staat unter (Vgl. Schieder 2010, 27-28). Das Eigentum des Klerus wurde nicht wie angekündigt beschlagnahmt. Stattdessen besänftigte das Regime die katholische Kirche durch den eingeführten, verpflichtenden katholischen Religionsunterricht (Vgl. Aquila 1923, 47). Im November 1923 verabschiedete die Regierung ein Gesetz, mit welchem es ein 25-Prozent-Quorum bei Wahlen einführte. Nach diesem erhielt die Wahlliste, die das Quorum überschritt, zwei Drittel der Parlamentssitze (Vgl. Galasso 1999, 25). Bei den Wahlen im April 1924 erreichten die nationalfaschistischen Listen mit 65 Prozent mehr als zwei Drittel der Parlamentssitze (Vgl. Ebd., 30).

[...]


[1] Mussolini benutzte den Begriff erstmals 1923. 1925 wurde er als Staatsbegriff in die italienische Enzyklopädie eingeführt (Vgl. Kahn 2006, 98). Ausdruck fand er vor allem in Mussolinis berühmten Ausspruch: „Alles innerhalb des Staates, nichts außerhalb des Staates, nichts gegen den Staat“ (Vgl. Krämer 2010, 107).

[2] Zu diesen zählt Linz bspw. sultanistische Regime, oligarchische Demokratien, traditionelle Herrschaftsformen, den Caudillismo sowie den Caciquismo (Vgl. Linz 2009, 112).

[3] Die Regierung bestand aus fünf Vertretern der Faschisten, zwei der Popolari, drei der Demokraten und Liberalen und jeweils einem der Konservativen und der Nationalisten (Vgl. Tasca 1994, 356).

Details

Seiten
15
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656568018
ISBN (Buch)
9783656567998
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v266954
Institution / Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,3
Schlagworte
italien anfang jahre regime eine analyse autoritarismus-konzeptes juan linz

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Titel: Italien in den 1920er und Anfang der 1940er Jahre. Ein autoritäres Regime?