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Rohstoffsicherungspolitik Chinas in Afrika. Erklärungsansätze der Realismus-Theorie

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 20 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Ferner Osten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2.Die Realismus-Theorie

3.Rohstoffvorkommen auf dem afrikanischen Kontinent und dessen Bedeutung nach der Realismus-Theorie

4.Interessen Chinas an der Rohstoffsicherung in Afrika

5.Historischer Umriss der Beziehungen zwischen China und Afrika nach dem 2. Weltkrieg bis Anfang der 1990er Jahre

6.Formen der Rohstoffsicherung
6.1 Politische Zusammenarbeit
6.2 Wirtschaftliche Zusammenarbeit
6.3 Entwicklungszusammenarbeit
6.4 Weitere Felder der Zusammenarbeit zur Rohstoffsicherung

7. Analyse anhand der Realismus-Theorie

8. Fazit und Ausblick

9. Abkürzungsverzeichnis

10. Bibliographie
10.1 Monographien
10.2 Beiträge in herausgegebenem Buch
10.3 Arbeitspapiere und Studien
10.4 Internetseiten
10.5 Datensätze

1.Einleitung

China ist durch sein rasant wachsendes Wirtschaftswachstum auf dem Weg vom Schwellenland zum „Global Player“. Um das Wachstum aufrecht zu erhalten und den steigenden Energie- und Rohstoffbedarf des Landes zu decken, versucht der Staat neue Absatzmärkte und externe Ressourcenvorkommen zu erschließen. Seit Ende der 1990er Jahre hat die Volksrepublik China ihre Direktinvestitionen, die Entwicklungszusammenarbeit sowie die Migration und den Außenhandel auf die Länder Afrikas massiv ausgeweitet. Neben den zuvor politischen Motiven rückten vor allem wirtschaftliche Interessen bei der Zusammenarbeit mit den afrikanischen Staaten in den Vordergrund. Das gestiegene Engagement und die wachsende Präsenz Chinas schrecken die westlichen Industriestaaten auf und lassen sie befürchten, den Einfluss auf die Rohstoffe Afrikas zu verlieren. Welche Maßnahmen China warum ergreift, um sich die Rohstoffe in Afrika zu sichern, werde ich anhand der Theorie des Realismus‘ analysieren.

2.Die Realismus-Theorie

Die Realismus-Theorie betrachtet ausschließlich souveräne Staaten als „einheitlich handelnde korporative Akteure“ (Schimmelfennig 2010, 67) in den internationalen Beziehungen. Da im internationalen politischen System kein übergeordnetes Gewaltmonopol existiert, geht der Realismus von einer „uneingeschränkten Anarchie in den internationalen Beziehungen“ (Ebd., 66) aus. Die anarchische Struktur bewirke, dass alle Staaten von „existentieller Unsicherheit bedroht“ (Ebd., 69) seien. Im Gegensatz zum Neorealismus behauptet der Realismus nicht, dass das staatliche Handeln allein auf die anarchische Struktur zurückzuführen sei (Vgl. Ebd., 68). Stattdessen argumentiert Hans Morgenthau in seinem 1948 erschienenen Werk „Politics Among Nations“, dass die Außenpolitiken der Staaten von allgemeinen, objektiven Gesetzen bestimmt seien (Vgl. Morgenthau 1948, 49). Diese gehen auf die menschliche Natur zurück und seien von Zeit und Ort unabhängig (Vgl. Ebd., 49f.). Da alle Menschen vom Trieb zu herrschen geleitet seien (Vgl. Ebd., 76), streben Staaten danach, „entweder Macht zu erhalten, Macht zu vermehren oder Macht zu demonstrieren.“ (Ebd., 81)

Für Vertreterinnen und Vertreter des Realismus‘ ist der „im Sinne von Macht verstandene Begriff des Interesses“ (Ebd., 50) der Analyseausgangspunkt. Staaten werden „als zweckrationale, egoistische und nach Macht strebende Akteure konzipiert“ (Schimmelfennig 2010, 68), welche durch ihr Handeln ihren Nutzen erhöhen und ihre Interessen durchsetzen wollen. Das Interesse sei genauso wie der Machteinfluss der Staaten von den jeweiligen politischen und kulturellen Umständen abhängig und im ständigen Wandel (Vgl. Morgenthau 1948, 54, 70). Das grundlegende Interesse aller Staaten bestehe darin, ihre Existenz zu sichern. Um die existenzielle Unsicherheit zu vermindern, werde ein Staat daher seine „ökonomische[n] oder ideologische[n] Ziele stets den sicherheitspolitischen Zielen unterordnen und die Ökonomie und Ideologie in den Dienst der eigenen Sicherheit stellen“ (Schimmelfennig 2010, 69). Das Ausmaß der Unsicherheit sei von „der Machtverteilung und der verfügbaren Technologie“ (Ebd., 66) abhängig, für welche ein Staat im internationalen System selbst sorgen müsse. Dafür „stehen militärische oder militärisch nutzbare Ressourcen an oberster Stelle“ (Ebd., 70). Da alle Staaten nach Macht streben, herrsche in den internationalen Beziehungen eine ständige Machtkonkurrenz. Sie kooperieren daher nur, wenn sie dadurch gleich viel oder mehr Nutzen als andere Staaten erzielen (Vgl. Ebd., 72). Je mächtiger ein Staat ist, desto mehr Bündnispartner werde er jedoch verlieren. Der Grund dafür sei, dass die Partner befürchten müssen, ihm zu einer hegemonialen Stellung zu verhelfen, wodurch sie an Macht einbüßen müssten (Vgl. Ebd., 82). Deshalb schließen sich mächtigere Staaten in der Regel nur schwächeren an (Vgl. Ebd.). Durch diesen Mechanismus entstehe ein internationales Mächtegleichgewicht. Trotzdem schaffen es Staaten durch technologischen, sozialen, politischen, wirtschaftlichen und militärischen Fortschritt für einen bestimmten Zeitabschnitt eine hegemoniale Position im internationalen politischen System aufzubauen (Vgl. Ebd., 84). Beispiele dafür sind Großbritannien im 19. und die USA im 20. Jahrhundert (Vgl. Ebd., 85). Auf Dauer werden sie diese jedoch aufgrund des Fortschrittes anderer Staaten verlieren, wodurch das internationale politische System durch dynamische Hegemoniezyklen geprägt sei (Vgl. Ebd., 84). Da Bündnisse mit anderen Staaten nie sicher seien, versuchen rational agierende Staaten immer unabhängig zu sein (Vgl. Ebd., 72). In Bezug auf die Wirtschaftsbeziehungen schlussfolgert die Realistische Schule, dass sich ein Staat zur Versorgung der heimischen Bevölkerung nicht allein auf den Rohstoffimport beschränken wird (Vgl. Ebd.). Stattdessen halten Staaten „an der Produktion von „strategischen“ Rohstoffen und Gütern auch zu überhöhten Preisen fest und kontrollieren deren Handel“ (Ebd., 73).

Ausgehend von dieser Theorie werde ich das staatliche Handeln Chinas bei der Rohstoffsicherung in Afrika analysieren. Mit den Begriffen „Afrika“ oder „afrikanische Staaten“ definiere ich all jene heute 54 souveränen Staaten, welche sich auf dem afrikanischen Kontinent befinden (Vgl. Länder-Lexikon).

3.Rohstoffvorkommen auf dem afrikanischen Kontinent und dessen Bedeutung nach der Realismus-Theorie

Innerhalb der letzten Jahre hat sich der Weltrohstoffverbrauch massiv ausgeweitet (Vgl. Bormann et al. 2010, 21). Durch die Industrialisierung der Entwicklungs- und Schwellenländer stieg die Nachfrage und führte zu Rohstoffpreissteigerungen sowie dem neu geweckten Interesse an Afrikas Rohstoffquellen (Vgl. Ebd.).

Der afrikanische Kontinent verfügte 2008 über rund 10% der wirtschaftlich förderbaren Erdöl- und über 7,9% der Erdgasreserven (Vgl. Ebd., 22). Damit lag Afrika vor Asien und der Pazifikregion sowie vor Nord-, Süd- und Mittelamerika (Vgl. Ebd.). Die afrikanischen Länder machten 12,4% der weltweiten Erdöl- und 7% der Erdgasproduktion aus (Vgl. Ebd.). Die Erdölreserven würden beim Verbrauch von 2010 weitere 33 Jahre ausreichen, während die globalen Reserven nach 42 Jahre erschöpft sein werden (Vgl. Ebd., 21). Darüber hinaus befanden sich 4% der weltweiten Kohlereserven in Afrika (Vgl. Ebd.). Der Kontinent bietet außerdem ein großes Potenzial für erneuerbare Energien. Dies zeigt beispielsweise das jüngst angestoßene Projekt DESERTEC, welches Solar- und Windenergie von Afrika nach Europa transportieren soll (Vgl. Ebd., 92).

Wichtige Mineral- und Metallressourcen, deren Preise in den letzten Jahren massiv gestiegen sind (Vgl. Ebd., 27), befinden sich ebenfalls dort. So kommen „in Afrika einige der größten Vorkommen an Bauxit, Germanium, Kupfer, Lithium, Nickel, Phosphaten, Titan, Vermiculit und Zirkon sowie größere Reserven an Antimon, Beryllium, Blei, Eisenerz, Thor, Zink und Zinn“ (Ebd., 23) vor. Es sind 88% der weltweiten Diamant-, 55% der Kobalt- und 42% der Goldreserven in Afrika (Vgl. Ebd., 24).

Zwei Fünftel der afrikanischen Fläche ist landwirtschaftlich nutzbar (Vgl. Ebd., 26) und 15% der Weltagrarfläche befindet sich dort (Vgl. Ebd., 58). Außerdem war 2007 ein Sechstel der weltweiten Waldfläche auf dem Kontinent, welcher „ein wichtiger Lieferant von Nahrung, Heiz- und Baumaterial, Arzneipflanzen sowie Wasser“ (Ebd., 29) ist.

Nach der Logik des Realismus‘ sollten Staaten versuchen, den Zugang zu Rohstoffen zu sichern, wenn dies zu mehr Macht gegenüber anderen Staaten führt. Die Öl- und Erdgasvorkommen sind für den Energieverbrauch sowie für die Ausstattung des Militärs der verschiedenen Länder unerlässlich. Der Nahe Osten besaß 2008 59,9% der weltweiten Erdölreserven und machte 31,9% der weltweiten Erdölproduktion aus (Vgl. Ebd., 22). Die knapp werdenden Reserven dieser Region können andere Staaten schnell in Importabhängigkeit zwingen. Daher ist eine Importdiversifizierung notwendig. Die Mineral- und Metallressourcen haben aufgrund der technischen Entwicklungen in der Luft- und Raumfahrt, der Rüstungsindustrie sowie in den Bereichen Elektronik und Elektrotechnik stark an Bedeutung gewonnen (Vgl. Ebd., 24). Wenn sich ein Staat Rohstoffe sichern kann, ist er in der Lage, seine Technologie auszubauen und wiederum zu mehr Macht in den internationalen Beziehungen zu gelangen. Gleichzeitig kann er seine Interessen bei Staaten, die von bestimmten Rohstoffen abhängig sind, eher durchsetzen, wenn er den Handel mit diesen Rohstoffen kontrolliert. Afrika bietet dafür ein großes Potenzial, da viele Rohstoffe weder erschlossen noch unter der Kontrolle von bestimmten Staaten sind (Vgl. Gu 2005).

4.Interessen Chinas an der Rohstoffsicherung in Afrika

Um die Außenpolitik im Kontext der Rohstoffsicherungspolitik Chinas zu verstehen, werde ich zuerst die Interessen Chinas erläutern.

Das Hauptinteresse der Volksrepublik China (VC) liegt bei der Förderung der heimischen Wirtschaft durch eine sichere Energiezufuhr. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Chinas wuchs von 1990 bis 2000 um 207,1% und von 2000 bis 2010 um 342,4% (Vgl. International Monetary Fund). Sie ist heute, gemessen am BIP, die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt hinter den USA (Vgl. Ebd.). Im Zuge dessen stieg Chinas Primärenergieverbrauch[1] von 1990 bis 2000 um 52,5% und von 2000 bis 2010 um 134,3% (Vgl. BP). Seit 2010 ist die VC, mit 20,3%, die weltweit größte Primärenergieverbraucherin vor den USA mit 19,0% (Vgl. Ebd.). Der Weltprimärenergieverbrauch stieg von 1990 bis 2000 um 15,7%, von 2000 bis 2010 um 27,9% (Vgl. Ebd.) und führt zu einer Verknappung und Verteuerung der fossilen Energieträger. China deckte seinen Verbrauch bis 2003 durch einen Mix aus Wasserkraft (6,9%), Öl (23,6%) und Kohle (67%), welche 97,5% der gesamten Energieversorgung ausmachten (Vgl. Gu/Mayer 2007, 14). Bis 2007 konnte die VC ihre Energie noch zu 88% selbst decken (Vgl. Ebd.). Das Wirtschaftswachstum Chinas ist an einen steigenden Energieverbrauch gekoppelt. Aus diesem Grund räumte die chinesische Regierung der Energiesicherheit in ihrem Elften 5-Jahresplan von 2006-2010 eine hohe Priorität ein (Vgl. Jian 2011, 11). Zwar investiert China bereits in Erneuerbare Energien (Vgl. Sieren 2011), um von fossilen Energieträgern unabhängiger zu werden, doch ist es weiterhin von dessen Zufluss abhängig. Erdöl spielt dabei eine entscheidende Rolle. Das Land ist seit 1993 Nettoimporteur des Rohstoffes (Vgl. Asche, Schüller 2008, 27). Im Jahr 2010 importierte es mit 10,9%, nach den USA (21,1%), den weltweit zweitgrößten Anteil (Vgl. Andruleit et al. 2011, 47). Der Import macht momentan mehr als 50% des verbrauchten Erdöls Chinas aus, wovon die Hälfte aus dem Nahen Osten stammt (Vgl. Jian 2011, 3). Dadurch ist China vom Nahen Osten importabhängig. Es liegt im Interesse des Staates neue Energiequellen zu erschließen, um die Energieversorgung sicher zu stellen. Afrika bietet dafür eine Chance, da der Kontinent reich an Erdöl und weiteren Energieträgern ist. Afrikas Erdölquellen bieten außerdem die Möglichkeit, den Erdölzufluss zu diversifizieren und China vom Import des Nahen Ostens unabhängiger zu machen. Neben den Energiequellen ist der Zugang zu den Mineral- und Metallressourcen ebenfalls im Interesse des chinesischen Staates. Durch die Verknappung und Verteuerung sind der Zugang und die Kontrolle über diese Ressourcen ein Vorteil gegenüber anderen Staaten.

[...]


[1] Primärenergie bezeichnet „die in der Natur in ihrer ursprünglichen Form dargebotenen Energieträger, z.B. Steinkohle, Rohbraunkohle, Erdöl, Erdgas, Holz, Kernbrennstoffe, Wasser, Sonne und Wind“ (Gabler Wirtschaftslexikon).

Details

Seiten
20
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656568117
ISBN (Buch)
9783656568087
Dateigröße
571 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v266955
Institution / Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,0
Schlagworte
rohstoffsicherungspolitik chinas afrika erklärungsansätze realismus-theorie

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