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Nähe und Distanz im sozialpädagogischen Kontext

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 29 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Herausforderungen sozialpädagogischer Arbeit
1.1 Mangelnde Professionalisierung
1.2 Das sozialpädagogische Arbeitsbündnis
1.3 Finanzielle und institutionelle Gegebenheiten
1.4 Fazit

2. Nähe und Distanz als Kernproblem sozialpädagogischen Handelns
2.1 Begriffsbestimmung
2.2 Die notwendige Balance von Nähe und Distanz als professionelle sozialpädagogische Handlungskompetenz

3. Wege zur Balance von Nähe und Distanz im sozialpädagogischen Kontext
3.1 Nähe und Distanz zur eigenen Biografie als professionelle Voraussetzung
3.2 Reflexive Biographiebetrachtung – ein erster Schritt zur Balance von Nähe und Distanz
3.2.1 Fallbeispiel: Das Dilemma von Nähe und Distanz eines Wohngruppenleiters
3.2.2 Möglichkeiten zur reflexiven Bearbeitung biographischer Einflüsse
3.3 Psychoanalytisches Verständnis im sozialpädagogischen Prozess
3.4 Übertragung und Gegenübertragung

4. Fazit

Literaturverzeichnis

0. Einleitung

Nähe und Distanz im Sozialpädagogischen Kontext als eines der Kernprobleme sozialpädagogischen Handelns zu benennen erscheint plausibel. Schließlich findet sich die Sozialpädagogik im täglichen Umgang mit sozialen Problemlagen von Menschen immer wieder in einem Beziehungskontext mit ihren Klienten wieder, der einem ständigen Wechsel von Nähe und Distanz Genüge tun muss, um eine Optimierung von Lebensbewältigung erzielen zu können. Die Frage, um die es im Kern geht lautet:“ Wie sieht ein angemessenes Verhältnis von Nähe und Distanz im Sozialpädagogischen Kontext aus und wie ist dieses zu erreichen“?

Zu Recht wird immer wieder ein ausbalanciertes Verhältnis von Nähe und Distanz zwischen dem Professionellen und Adressaten/innen gefordert, doch so einfach sich die Forderung stellen lässt, umso schwieriger gestaltet sich deren professionelle Umsetzung. Aufgrund dessen sollte man meinen, dass die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem der Erziehungswissenschaft inhärentem Thema vielfach stattgefunden hat. Doch trotz der praktischen Relevanz im pädagogischen Kontext erwartet den Interessierten eine mangelnde reflexiv-wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Thema im Bereich der Erziehungswissenschaften.

Unter der Begrifflichkeit „Nähe und Distanz“ findet sich so gut wie keine Publikation und häufig gelangt man nur auf „verbalen Umwegen“ auf Randnotizen zu diesem Kern-problem der Sozialpädagogik (vgl. Thole; Cloos 2006, 123ff). Die Problematik von „Nähe und Distanz“ wurde vor allem im Rahmen pädagogischer Professionalisierungs-diskussionen thematisiert. Ein Ergebnis hieraus lautet, dass eine generell gültige Definition pädagogischer Beziehungen im Hinblick auf die genannte Problematik nicht möglich ist (vgl. Schweppe 2011, 85). Dies erscheint zunächst desillusionierend und zugleich einleuchtend, betrachtet man die unterschiedlichen Ebenen, welchen sich professionelles Handeln in diesem Kontext ausgesetzt sieht.

Die pädagogische Professionalität in diesem Bereich bewegt sich laut Margret Dörr und Burkart Müller auf drei miteinander verwobenen Ebenen (vgl. Dörr; Müller 2006,16). Hierzu zählen die pädagogische Beziehung zwischen Professionellen und Adressaten/innen, die persönliche Motivation der Sozialpädagoginnen und schließlich die institutionelle Ebene. Doch selbst wenn die Thematik sehr komplex ist und sich auf unterschiedlichen Ebenen bewegt, so sollte es doch möglich sein Voraussetzungen zu formulieren, welche sowohl die persönliche Konstitution von Sozialpädagoginnen, als auch institutionelle Notwendigkeiten betreffen, um die Balance von Nähe und Distanz in der pädagogischen Beziehung zumindest optimieren können.

In der vorliegenden Arbeit interessiert mich zunächst, auf welche wissenschaftlichen Erkenntnisse sich die Sozialpädagogik in ihrem alltäglichen beruflichen Kontext beziehen kann und welchen spezifischen Herausforderungen sie gegenübersteht.

In der Professionalisierungsdebatte um die Sozialpädagogik wird die Bewältigung von Ungewissheit als Kern professioneller Handlungskompetenz genannt (vgl. Müller 2002, 80). Laut der Aussage von Fritz Schütz hierzu, begegnen wir der Sozialpädagogik als „bescheidener Profession“ (vgl. Schütze 1992). Wenn Sozialpädagoginnen in ihrem Berufsalltag durch die Individualität der Fälle nicht auf allgemeingültige Handlungskonzepte zurückgreifen können, der Umgang mit Ungewissheit als professionelle Voraussetzung genannt wird und wir letztendlich davon ausgehen, dass auch der „subjektive Faktor“ eine Rolle für die erfolgreiche pädagogische Intervention spielt, so ist letztendlich viel von dem Umgang und der persönlichen Konstitution der Professionellen abhängig. Durch deren professionellen Habitus in der sozial-pädagogischen Beziehung ist es möglich, das Verhältnis von Nähe und Distanz in diesem Kontext bewusst zu gestalten und reflexiv zu bearbeiten, so dass eine Balance von Nähe und Distanz der jeweiligen pädagogischen Beziehung immer wieder neu austariert werden kann.

Ich möchte mich im Rahmen dieser Arbeit der Frage nähern, welche persönlichen Voraussetzungen Sozialpädagoginnen in diesem Spannungsverhältnis von Nähe und Distanz mitbringen sollten, um einen professionellen Umgang mit diesem Problem sozialpädagogischen Arbeitens leisten zu können. Daraus ableiten möchte ich die möglichen Auswirkungen auf die pädagogische Beziehung und die Anforderungen an institutionelle Strukturen und Angebote von Ausbildungsstätten und Arbeitgebern. Sprachlich werde ich mich der Einfachheit halber auf die Verwendung der weiblichen Berufsbezeichnung beschränken, da der sozialpädagogische Arbeitsbereich nach wie vor hauptsächlich von weiblichen Professionellen repräsentiert wird.

1. Herausforderungen sozialpädagogischer Arbeit

Die sozialpädagogische Arbeit unterliegt vielfältigen Herausforderungen auf unterschiedlichen Handlungsebenen. Ihnen gemein ist die Tatsache, dass die Sozialpädagogin im beruflichen Kontext auf diese Herausforderungen professionell zu reagieren hat, um ihre pädagogische Handlungskompetenz unter Beweis zu stellen. Auf einige zentrale Herausforderungen möchte ich nachfolgend eingehen, um die Grundproblematik sozialpädagogischen Handelns zu verdeutlichen.

1.1 Mangelnde Professionalisierung

Der besondere Status oder die Problematik der Sozialpädagogischen Arbeit besteht in der Schwierigkeit eindeutiger Professionalisierung in ihrem Bereich. Dies liegt nach Schütze nicht zuletzt darin begründet, dass sich die Sozialarbeit nicht auf einen völlig eigenständigen, maßgeblich eigenproduzierten und eigenkontrollierten abgegrenzten höhersymbolischen Sinnbezirk zur Selbststeuerung und Reflexion ihrer Berufsarbeit zurückziehen kann“ (vgl. Schütze 1992, 146). Sozialpädagogisches Wissen stammt demnach aus sehr unterschiedlichen Disziplinen, welche zum Teil miteinander in Konflikt stehen. Dieses „geliehene Wissen“ führt nach Schütze zu mangelnder professioneller Handlungskompetenz, „da die Sozialarbeiterin bei der Anwendung wissenschaftlicher Theorien und Verfahren noch stärker von den Paradoxien professionellen Handelns überwältigt wird, als die Vertreter anderer Professionen“ (vgl. Schütze 1992, 146). Diese Argumentation erscheint zunächst einleuchtend, greift bei weitergehenden Überlegungen zu Besonderheiten sozialpädagogischer Arbeit jedoch zu kurz. Denn im Gegensatz zu vielen anderen Professionen, welche sich in ihrer täglichen Arbeit mit Hilfe am Menschen befassen (Bsp. Medizin, Psychologie), ist keine andere Profession so stark in die Lebenswelt der Menschen involviert, wie die Sozialpädagogik. Und gerade durch diese Nähe am „Subjekt" besteht eine professionelle Herausforderung, die sich immer wieder, durch die individuelle Ausrichtung sozialpädagogischer Fallkonstellationen, mit „Nicht-Wissen“ konfrontiert sieht. Denn das theoretisch erworbene Wissen stößt auf das „Nicht-Wissen-Können“ in der Praxis .

Deshalb könne jenes Pädagogische prinzipiell nicht positiv expliziert werden, vielmehr mache dieses Nicht - Wissen und Nicht-Wissen-Können den Kern pädagogischen Handelns und der Professionalität aus, deren Aufgabe folglich darin besteht, die Beziehung zwischen einem Wissen und einer Situation, einem Fall, einer Singularität herzustellen, einer Singularität, die dem Wissen Widerstand bietet als etwas ihm Fremdes, vor ihm Verschlossenes und insofern Absolutes“ (vgl. Wimmer 1996, 425).

Die Sozialpädagogin ist in ihrer Arbeit mit einer Singularität von Fällen konfrontiert, welche sich immer wieder wissenschaftlichen Erkenntnissen und daraus entwickelten Handlungskonzepten entzieht. Somit sieht sie sich auf sich selbst und die ihr zur Verfügung stehende Handlungskompetenz zurückgeworfen. Der persönlichen Haltung und Konstitution der Sozialpädagogin kommt hierdurch eine besondere Bedeutung zu. Die sozialpädagogische Situation ist somit nicht lediglich durch die Singularität des Falles, sondern auch durch die individuelle Handlungskompetenz der jeweiligen Sozialpädagogin gekennzeichnet. Eine Konstellation, auf die ich im Rahmen dieser Arbeit noch näher eingehen werde.

1.2 Das sozialpädagogische Arbeitsbündnis

Wendet man den Fokus nun auf den „Arbeitsgegenstand“ sozialpädagogischen Handelns – den Menschen, so besteht die Aufgabe der Sozialpädagogin darin, gemeinsam mit diesen Menschen, welche sich meist in einer schwierigen Lebenssituation befinden, Handlungsstrategien zur Lebensbewältigung zu erarbeiten, bzw. Handlungskompetenz zu optimieren. Der Kontakt zwischen Sozialpädagogin und Klienten kommt aufgrund eines inneren oder äußeren Leidensdrucks auf Seiten des Klienten zustande und impliziert eine selbst intendierte oder auch oktroyierte Veränderung einer bestimmten Lebenssituation. Die Sozialpädagogin ist in ihrem Streben darauf angewiesen, dass sich der Klient auf die Arbeit einlässt:

Kern - Aufgabe des Pädagogischen, sei die Bewältigung der antinomischen Grundstruktur, durch Erziehung eine Intention verfolgen zu können, weil, was gewollt wird, nur vom Anderen selbst hervorgebracht werden kann“ (Wimmer 1996, 425f.).

Ein zentrales Kriterium professionellen Handelns liegt somit in der Fähigkeit des Pädagogen, Klienten für Veränderung gewinnen zu können. Die Betonung liegt hierbei auf „gewinnen können“ denn, „über besondere Sanktionsmittel innerhalb der Interaktion mit Klienten verfügen Sozialpädagoginnen in aller Regel nicht. Ihr Sanktionsmittel ist meist nur die Entscheidung nicht zu helfen“ (vgl. Baecker 1994, 97).

Inwieweit ein sozialpädagogisches Arbeitsbündnis zustande kommen kann ist nicht zuletzt davon abhängig, wie die Sozialpädagogin ihrem Gegenüber begegnet, inwieweit sie ihn dort abholen kann wo es gerade steht und eine Basis des Vertrauens geschaffen wird. Hierbei stellt sich sicherlich auch die Frage nach dem subjektiven Faktor des Sozialpädagogen.

„Die Person der Sozialpädagogin/ der Pädagogin wurde seit der Reformpädagogik von der theoretischen Diskussion vernachlässigt. Vor dem Hintergrund objektiver Methoden schien kein Platz mehr für den „subjektiven Faktor“. Demgegenüber halten wir es für wichtig gerade auf die subjektiven Momente im Erziehungsprozess hinzuweisen, weil eine Ausblendung dieses Themas für sozialpädagogisch intensive Arbeitsfelder wie die Heimerziehung fatale Folgen hat. Die reflektierte Subjektivität des Erziehers gehört zu den wichtigsten Komponenten pädagogischen Handeln“ (Frischenschlager; Mayr 1982, 5).

Davon ausgehend, dass der subjektive Faktor für die erfolgreiche sozialpädagogische Arbeit eine zentrale Rolle spielen kann, setzt die aktive Auseinandersetzung mit dieser „Subjektivität“ als professionelles Element sozialpädagogischer Arbeit voraus. Bestätigung für diese These liegt in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Einfluss biographischer Aspekte der Sozialpädagogin, deren Einfluss auf sozialpädagogisches Handeln erkannt wurde. „Die Feststellung, dass die biographischen Verläufe von Menschen, die in pädagogischen Feldern arbeiten, im Zusammenhang mit ihrem beruflichen bzw. professionellen Handeln stehen, ist auch empirisch unumstritten“ (vgl. Graßhoff; Schweppe 2009, 308). Die Herausforderung, die Klienten für den sozialpädagogischen Prozess zu gewinnen, bedingt das Einlassen können auf die Persönlichkeit des Klienten, um fall- und personenadäquat agieren zu können. Das zu erstellende Arbeitsbündnis erfordert auch in diesem Fall die Bewältigung des „Nicht-Wissen-Könnens“ aufgrund der Singularität von Fällen und Persönlichkeiten. Die sozialpädagogische Begegnung als Ort von vielfältigen Unsicherheiten und persönlichen Einstellungen.

1.3 Finanzielle und institutionelle Gegebenheiten

Die sozialpädagogische Arbeit ist durch institutionelle Rahmung und den Bedarf öffentlicher Förderung an externe Faktoren gebunden, welche auch Auswirkungen auf die Möglichkeit professioneller Interventionen, und somit auch auf die Beziehung von Nähe und Distanz, mit sich bringen. In der institutionellen Einbindung sozialpädagogischen Handelns unterliegt diese nicht selten finanziellen und strukturellen Restriktionen, welche die geforderte professionelle Bearbeitung von Fällen negativ beeinflusst.[1] Der Singularität von Fällen kann z.B. durch bestehenden hohen Arbeitsdruck nicht nachgekommen werden und man greift zu allgemeinen Kategorien, um die Arbeitsflut bewältigen zu können. Der Mensch und seine Geschichte kann nicht zum Thema gemacht werden, so dass die sozialpädagogische Intervention oberflächlich bleibt und professionellen Ansprüchen langfristig nicht genügen kann. „Eigentlich wäre es notwendig, jeden Einzelfall je individuell auf das Sorgfältigste zu untersuchen. Stattdessen greift die professionelle Sozialarbeit unter den Bedingungen des hohen Arbeitsdrucks zu systematischen Routinevereinfachungsmitteln der Zuordnung“ (Schütze 1996, 230).

Ein weiterer Aspekt, der die institutionelle Rahmung anbelangt und sozialpädagogisches Arbeiten beeinflusst, ist die institutionelle Kultur. Wie schon vorab erwähnt wurde, muss sich sozialpädagogisches Handeln am Einzelfall ausrichten und kann nicht immer auf wissenschaftlich fundierte Handlungskonzepte zurückgreifen. Diese Tatsache bringt immer auch eine gewisse Unsicherheit hinsichtlich sozialpädagogischer Interventionen mit sich.„ Die Berufsexperten im Sozialwesenbereich können die Vagheits- und Risikosituationen dadurch einseitig vereinfachen, dass sie den Alternativenspielraum der Entscheidungsmöglichkeiten für sich und die Klienten auf das „sicher Machbare“ einschränken“ (Schütze 2002, 158). Im Fall einer sich als „lernenden Institution“ verstehenden Einrichtung ist es möglich, sozialpädagogisch nicht nur nach Sicherheitsgesichtspunkten zu handeln, welche auf Kosten der Entscheidungsfreiheit von Klienten gehen können, sondern Wege zu beschreiten, welche ein Optimum hinsichtlich sozialpädagogischer Arbeitsergebnisse ermöglichen.

[...]


[1] Durch massive Arbeitsbelastung in Institutionen besteht z.B. die Tendenz, „die Biographie des betroffenen Klienten in ihrem Ganzheitscharakter und in ihrer Vielfältigkeit aus den eigenen Analysetätigkeiten auszublenden. (...) Es ist einfacher, sich auf (allgemeine) Problem- und Verlaufskurvenmechanismen theoretisch ganz partialisierend zu konzentrieren, als die empirischen Bedingungen ihrer Wirksamkeit in Gestalt ihrer konkreten Einbettung in eine ganz bestimmte Lebenssituation und Lebensgeschichte mit zu erfassen. Das würde ja die Gefahr aufkommen lassen, dass zusätzliche, möglicherweise zentrale, Hintergrundprobleme in den Blick geraten, die noch viel mehr Arbeit machen könnten, als bisher schon von der Sozialarbeiterin zu leisten ist“ (Schütze 2002, 159).

Details

Seiten
29
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656577638
ISBN (Buch)
9783656577577
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v267008
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Erziehungswissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
nähe distanz kontext

Autor

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