Lade Inhalt...

Johann Gottfried Herders Briefe aus Italien und Johann Wolfgang Goethes "Italienische Reise"

Ein Vergleich

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 26 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Zeit vor den Italienreisen
2.1 Die persönlichen Voraussetzungen und die Zeit in Weimar
2.2 Die Erwartungen und Gegebenheiten vor Reisebeginn

3 Die äußeren Umstände auf der Hinreise und in Rom.

4 Goethe als Vorbild und Konkurrent Herders
4.1 Herder als „Gnadenhungriger“ und Goethe als „Künstlerbursche“
4.2 „Ich bin nicht Goethe“. Herders Abgrenzung von Goethe
4.3 Herders Versuch einer Gleichstellung mit Goethe
4.3.1 Die Kunstbetrachtung in Rom.
4.3.2 Herders „Sinnsuche“ im Vergleich mit Goethes „Wiedergeburt“

5 Fazit

6 Bibliographie

1 Einleitung

Im 18. Jahrhundert galt Italien nicht nur in Deutschland als das Land der großen Hoffnungen. Viele deutsche Schriftsteller pilgerten vor allem in diesem Jahrhundert in den Süden, wo man „neue Anregungen, Inspiration, Entkrampfung, ‚Wiedergeburt’“ erwartete[1]. Häufig wurden Bildung und Selbstfindung miteinander verbunden, wie es auch Johann Wolfgang Goethe zu Beginn seiner Reise in seinen Tagebuch-aufzeichnungen festhält: „Ich mache diese wunderbare Reise nicht, um mich selbst zu betriegen, sondern um mich an den Gegenständen kennen zu lernen.“ (Verona, 17.Sept.1786)[2]. Auch Johann Gottfried Herder macht den eigentlichen Sinn seiner Reise deutlich, indem er in einem Brief schreibt, er reise nicht auf Genuss, sondern auf Gewinn (Weimar, 23.06.1788).

Beide reisen also in ähnlichen Absichten nach Italien, was jeweils eine Flucht aus dem eintönigen Leben in Weimar darstellt, geraten jedoch zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen. Briefe und Tagebucheinträge geben diesbezüglich Aufschlüsse über die Charaktere, ihre Gedanken und Interessen, sowie über persönliche (familiäre und berufliche) Voraussetzungen und ihre jeweiligen Auswirkungen auf die Italienreisen.

In dieser Ausarbeitung sollen ebendiese Umstände herausgearbeitet werden, die Goethe fühlen lassen „bis aufs innerste Knochenmark verändert zu sein“ und die ihn in Rom „einen zweiten Geburtstag, eine wahre Wiedergeburt“ (Rom, 2. Dezember 1786) zählen lassen, während Herder seine Reise als einen großen Fehler ansieht[1] (Rom 15. Oktober 1788) und in Abgrenzung von Goethe schreibt „Auf mich macht Italien in Allem nun Einmal den ganz entgegengesetzten Eindruck; ich kehre wie ein Geist zurück u. kann Dir nicht sagen, wie mir vor dem gewöhnlichen Troß der Buhlerein pp ekelt“ (Brief an Caroline Herder, Rom, 28. März 1789).

Bei der Betrachtung dieser primären Quellen soll allerdings nicht außer Acht gelassen werden, dass beide Bücher zwar unter dem Namen Italienische Reise bekannt sind, sich jedoch in einem sehr wesentlichen Merkmal unterscheiden: Goethe plante die Veröffentlichung seiner Tagebuchaufzeichnungen und einiger seiner Briefe bereits während er sie verfasste, was für das 18. Jahrhundert nicht untypisch war: „Eine sehr positive Einstellung zur Freundschaft, zum Austausch von Gefühlen, zur Teilnahme am Privaten überhaupt machte Formen wie Tagebücher und private Briefe literatur-würdig.“[3]

Dennoch veröffentlichte er den ersten Teil seiner Italienische [n] Reise erst 1818, also dreißig Jahre nach seiner Rückkehr aus Italien, als Teil seiner Autobiographie Dichtung und Wahrheit, was vermuten lässt, dass hier weder ein sachlicher Reisebericht noch vollkommen unbearbeitete Briefe vorliegen.

„Es ist von Anfang an ein Lebensbericht, Beobachtung der eigenen Entwicklung, Niederschlag eigener Erkenntnis einer neuen, unbekannten Realität.[…] In diesem Sinne ist Goethes italienisches Tagebuch vor allem als Selbstdarstellung, als eine Art Rechenschaftsbericht vor sich selbst zu verstehen.“[4]

Gegenteilig verhielt sich diesbezüglich Herder, der, das Briefeschreiben betreffend, eher vorsichtiger Natur war:

„Er fühlte sich stets gehetzt, auch hemmt ihn nicht selten die ihm eigene Scheu, sein Innerstes zu enthüllen, anderen zu viel von sich zu sagen; dazu kam dann noch die Sorge, er möchte falsch verstanden oder seine Briefe könnten gar mißbraucht werden“.[5]

Somit lassen sich in Herders Briefen nur selten umfassende und aufrichtige Berichte über sein Befinden und seine Gedanken finden, wenn sie nicht an ihm höchst vertraute Personen gerichtet sind. Da zu diesen jedoch seine Frau Caroline und zwischenzeitlich auch Goethe gehörten, kann in den zusammengestellten Briefen aus Italien zumeist davon ausgegangen werden, dass sie „ein bedeutsames Zeugnis seines Wesens und Geistes“[6] darstellen.

Aus diesen Briefen kann Herders Italienreise also weitestgehend in ihrem realen Ablauf rekonstruiert werden, da er sie vorwiegend als Kommunikationsmittel einsetzte und, im Gegensatz zu Goethe, nie plante, seine Briefe und Tagebuchaufzeichnungen als „Spiegel des Eigenen“, als „Werk“[7], zu verfassen. So schreibt Herder an seinen Freund Karl August Böttiger: „Ich habe mich nie ganz behaglich in Italien gefunden; daher werde ich es mir auch nie einfallen lassen, eine Reise über Italien zu schreiben.“[8]

Auch unter diesen Gesichtspunkten, sollen die Italienische [n] Reise [n] vergleichend betrachtet werden; die eine als hauptsächlich konstruiertes Werk, die andere als Zusammenstellung überlieferter privater Briefe zweier höchst unterschiedlicher Persönlichkeiten.

Dabei werden sowohl das Verhältnis von Herder zu Goethe, sowie die privaten Umstände beider eine Rolle spielen. Der direkte Vergleich der Texte bildet den Hauptbestandteil dieser Arbeit, wobei intensivere Textarbeit zu den aussagekräftigen Rom- und Neapelaufenthalten vorgenommen wird. Die Ausarbeitung bezieht sich somit nur auf die aktuellen Ausgaben der Italienische [n] Reise jeweils von Johann Wolfgang Goethe und Johann Gottfried Herder.

2 Die Zeit vor den Italienreisen

2.1 Die persönlichen Voraussetzungen und die Zeit in Weimar

In Weimar finden sowohl Goethe als auch Herder den Ort, an dem sie jeweils bis ans Lebensende wohnen sollten. Goethe kommt 1775 auf Einladung des Herzogs Karl August von Frankfurt nach Weimar, wo er stark in die Staatgeschäfte des Herzogs eingebunden wird und am Hof schon bald ein Mann höchsten Ranges ist.

Herder trifft mit seiner Frau Caroline im Sommer 1776, etwa ein dreiviertel Jahr nach Goethe in Weimar ein, allerdings nicht auf Wunsch des Herzogs, sondern auf Goethes Betreiben hin. Als Generalsuperintendent leitet er die Kirchenverwaltung sowie religiöse Unterrichtsfragen.[9] Hier gründet er außerdem seine achtköpfige Familie, während Goethe jahrelang eine Beziehung zu der älteren Charlotte von Stein führt.

Goethe führt im Laufe der ersten Weimarer Jahre immer mehr Staatsämter aus, ist Mitglied des Regierungskabinetts, leitet Bergbauangelegenheiten, Parkgestaltung, Straßenbau und die Finanzbehörde, übernimmt die Kriegskommission und beaufsichtigt das Steuerwesen in Ilmenau.[10] Wenn Herder sich noch im letzten Jahrzehnt dem fünf Jahre jüngeren Goethe „an Reife, Einsicht und Instinkt für das, was in jener Zeit an geistigen Ideen wichtig und wesentlich war“[11] überlegen fühlte[12], so muss er nun erkennen, dass „Goethe […] spätestens seit 1882 das Zentrum des Weimarer Hoflebens“ geworden war; „der Prediger fühlte sich ‚beinah unnütz’ an dem freigeistigen Hof.“[13]

Dazu kommt, dass Herders große Familie aufgrund seiner schlechten finanziellen Lage von dessen schriftstellerischer Arbeit abhängig ist und er ständig unter großem Druck arbeitet. In einem Brief an Johann Gottfried Eichhorn schreibt er in Aussicht auf die Italienreise: „Ich sehne mich herzlich nach dem Ende der Arbeit, die mir zu meinem Zwecke unsägliche, vielleicht unkennbare Mühe kostet.“ (Weimar, 6. Mai 1788).

Doch auch Goethe erkennt schon 1786, dass „[d]ie Fülle der Verpflichtungen [...] den Dichter immer weniger zu Wort kommen [lassen].“[14] Im Gegensatz zu Herder, dessen schriftstellerisches Tun zusätzliche Arbeit darstellt und der sich in Italien Erholung und neues Wissen verspricht, sehnt sich Goethe nach Italien, um dort wieder schriftstellerischen Tätigkeiten nachgehen zu können. Auch er fühlt sich in Weimar „unbrauchbar“[15], da viele seiner Werke bloße Fragmente geblieben sind und selbst Iphigenie nicht zu seiner Zufriedenheit vollendet ist.

Bei beiden wirken sich zusätzlich die „realen Gegebenheiten“ auf das private und berufliche Unbehagen aus: Goethe findet in seinen eigenen Liebesproblemen und seiner eigenen Diskrepanz zwischen Dichter und Staatsmann keine Lösung für Tasso, in den realen Gesellschaftsverhältnissen keine Lösung für Egmont, noch eine zufriedenstellende künstlerische Inspiration für die Figur der Iphigenie.[16]

Ebenso tritt bei Herder „immer stärker die Diskrepanz zwischen Beruf und Überzeugung in sein Bewusstsein“[17], in ihm hatten sich „Verzweiflung, immer tieferes Bewusstsein des Gegensatzes zu den höfisch-absolutistischen Verhältnissen, ein leidenschaftlicher Groll angesammelt.“[18] Es liegt also auf der Hand, weshalb sich beide aus dem Leben in Weimar heraussehnen und große Erwartungen an die Reise nach Italien hegen.

2.2 Die Erwartungen und Gegebenheiten vor Reisebeginn

Man kann sowohl bei Goethe, als auch bei Herder von einer „Flucht“ nach Italien aus den Weimarer Verhältnissen sprechen. Wie Goethe bereits aus Frankfurt geflüchtet ist, flieht er nun aus Weimar in das Land, das er schon seit frühester Kindheit aus der Ferne kennen und lieben gelernt hatte.[19] In Dichtung und Wahrheit schreibt Goethe über seine Kindheitserfahrungen mit Italien: „Innerhalb des Hauses zog meinen Blick am meisten eine Reihe römischer Prospekte auf sich, mit welchen der Vater einen Vorsaal geschmückt hatte [...] Diese Gestalten drückten sich tief bei mir ein.“[20] Seine Zuneigung zu diesem Land wurde bereits in frühester Kindheit geprägt und durch seinen Vater vorgelebt und verfestigt. So ist es nicht verwunderlich, dass es ihn nun „mit unvorstellbarer Gewalt nach Italien [zieht], denn dort, in der Kunst vor allem der Antike, ahnt er seit langem die Möglichkeit eines Zur-Ruhe-Kommens, die Möglichkeit der Stille der Vollkommenheit.“[21]

Auch Herder hegt große Hoffnungen an die Reise nach Italien, die vor allem durch Freunde und Bekannte aufrechterhalten, wenn nicht sogar bestärkt werden. So befürwortet selbst Herzog Carl August in seinem Brief vom 28. April 1788 die „Reise nach dem gelobten Lande“ und Christian Gottlob Heyne schreibt, die Reise müsse für seinen Freund heilsam werden und sie werde auch anderen Frucht bringen (2.Juli 1788). Vor allem Goethes Briefe (bereits aus Italien, aber auch direkt vor Herders Reise) klingen vielversprechend, wenn er schreibt: „Reise glücklich und erbrich den Brief gesund, da wo ich in meinem Leben das erstemal unbedingt glücklich war.“ (5.Juni 1788).

[...]


[1] Maurer, Doris: Pilgrime sind wir alle, die wir Italien suchen… Das Italienerlebnis deutscher Schriftsteller vor und nach Goethes italienischer Reise. In: Göres, Jörn (Hrsg.): Goethe in Italien. Mainz 1986, S.154-167; hier S. 155.

[2] Referenzen aus den Primärquellen Italienische Reise werden zu Übersicht direkt in Klammern im Haupttext hinzugefügt und enthalten den Ort und das Datum des Verfassens, sowie, falls nötig, Absender und/oder Adressat.

[3] Florack-Kröll, Christina: Vom Erlebnis “Italien” zur Veröffentlichung der ‘Italienischen Reise’. In: Göres, Jörn (Hrsg.): Goethe in Italien. Mainz 1986, S.126-132; hier S. 127.

[4] Florack-Kröll 1986, S. 126.

[5] Dobbek, Wilhelm: Herders Briefe. Weimar 1959, S. 5.

[6] Dobbek 1959, S. 5.

[7] Maurer, Michael: Die Briefe des jungen Goethe. Selbstinszenierung, Ich-Spiegelung, Sakralisierung. In: Manger, Klaus (Hrsg.): Goethe und die Weltkultur. Heidelberg 2003, S. 59-172; hier S. 167.

[8] Meier, Albert/ Hollmer, Heide (Hrsg): Nachwort. In: Herder, Johann Gottfried: Italienische Reise. München 1988, S. 623.

[9] Koch, Willi A.: Joh. Gottfried Herder. Mensch und Geschichte. Sein Werk im Grundriss. Stuttgart 1957, S. XIII.

[10] Göres, Jörn: „Wie wahr! Wie seiend!“ Reflexionen zu Goethes Italien-Reisen. In: Hahn, Karl-Heinz (Hrsg.): Goethe Jahrbuch 1988. Bd 105. Weimar 1988, S.11-26; hier S.14.

[11] Koch 1957, S. XIII.

[12] Goethe schreibt in Dichtung und Wahrheit selbst über ihr erstes Kennenlernen in Straßburg und von einem Lehrer-Schüler Verhältnis: „Und so war denn auch kein Tag, der nicht auf das fruchtbarste lehrreich für mich gewesen wäre“ und „Ich verschlang das alles, und je heftiger ich im Empfangen, desto freigiebiger war er im Geben, und wir brachten die interessantesten Stunden zusammen zu.“ (S.445)

[13] Zaremba, Michael: Johann Gottfried Herder. Prediger der Humanität. Eine Biografie. Köln 2002, S.171.

[14] Göres 1988, S.14.

[15] 1788 schrieb er an Carl August: „Die Hauptabsicht meiner Reise war, mich von den phisisch moralischen Übeln zu heilen die mich in Deutschland quälten und mich zuletzt [als Dichter] unbrauchbar machten.“, zitiert in Göres 1988, S.14.

[16] vgl. Göres 1988, S.15.

[17] Koch 1957, S. XIII.

[18] Heise, Wolfgang: Der Entwicklungsgedanke als geschichtsphilosophische Programmatik. Zur Gemeinsamkeit von Herder und Goethe in der frühen Weimarer Zeit. In: Hahn, Karl-Heinz (Hrsg.): Goethe Jahrbuch 1976. Bd. 93. Weimar 1976, S.116-138; hier S.120.

[19] „[...] denn ich muss gestehen, dass meine Reise eigentlich eine Flucht war vor allen den Unbilden, die ich unter dem einundfünfzigsten Grade erlitten, daß ich Hoffnung hatte, unter dem achtundvierzigsten ein wahres Gosen zu betreten.“ (8. September 1786, abends)

[20] Goethe, Johann Wolfgang : Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit. Klaus-Detlef Müller (Hrsg.). Frankfurt a.M. 2007, S.19.

[21] Lüders, Detlev: Schiffer, Linde, Vogel, Eisen. Goethes Urteil über sein erstes Weimarer Jahrzehnt. In: Hahn, Karl-Heinz (Hrsg.): Goethe Jahrbuch 1976. Bd. 93. Weimar 1976, S.139-149; hier S.148.

Details

Seiten
26
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656579557
ISBN (Buch)
9783656579526
Dateigröße
572 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v267215
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,7
Schlagworte
johann gottfried herders briefe italien wolfgang goethes italienische reise vergleich

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Johann Gottfried Herders Briefe aus Italien und Johann Wolfgang Goethes "Italienische Reise"