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Kirchen-und Religionskritik in Theodor Storms Novelle "Im Schloß"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 19 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kirchen- und Religionskritik
2.1. Die alte Exzellenz – Repräsentant einer überkommenen Zeit
2.2. Anna – zwischen Märchenwelt und Kinderglauben.
2.3. Der Oheim – Naturforscher als wahre Nachfolger
2.4. Arnold – idealer Bildungsbürger und „Phantast“
2.5. Die Liebe als neue Religion

3. Schluss

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„[D]iese Arbeit bin ich selbst, mehr als irgend etwas, das ich sonst in Prosa schon geschrieben hätte.“[1] Mit diesen Worten beschreibt Theodor Storm seine Novelle Im Schloß[2]. In diesem Werk, das von der dreifachen Befreiung[3] der jungen Adeligen Anna aus den „Banden der Religion, der Klasse und der Ehe [...]“[4] handelt, setzt sich Storm mit den metaphysischen, sozial-politischen und menschlich-moralischen Problemen seiner Zeit auseinander.[5] Von besonderer Bedeutung ist hierbei seine kritische Auseinandersetzung mit Religion sowie der Verbindung von Kirche und Adel. Ein biografischer Zusammenhang mit seinem Werk ist dabei kaum abzustreiten,[6] denn obwohl Storm bereits in den Jahren der Revolution politisch engagiert war[7] und in früheren Werken Kritik an Adel und Kirche übte,[8] wurde diese in der Zeit seines Heiligenstädter Exils schärfer, da er dort unmittelbar mit aristokratischem Standes-dünkel und der Katholischen Kirche konfrontiert wurde.[9] Aufgrund dieser Erfahrungen betrachtete Storm „Adel und Kirche [...] [als] die zwei wesentlichsten Hemmnisse einer durchgreifenden sittlichen Entwicklung unsres [sic!], sowie anderer Völker.“[10]

Während Storm selbst diese Novelle bereits früh für eine seiner bedeutendsten Arbeiten hielt,[11] war die Meinung seiner Zeitgenossen sehr ambivalent: das bürgerlich-liberale Publikum beurteilte die Novelle positiv, da sie harsche Kritik an der Sonderstellung des Adels übte. In adeligen Kreisen rief dies wiederum großen Unmut hervor.[12] Doch war es Storm ein großes Anliegen, seine demokratische Einstellung kundzutun und die Menschen für die gesellschaftlichen Verhältnisse zu sensibilisieren:

Habe ich keine Wirksamkeit auf die Gemüter, und in letzter Instanz auf die Taten der Menschen, so haben es Dichter und Denker überhaupt nicht [...] Es wäre doch sehr merkwürdig, wenn durch mein „Im Schloß“, das in der „Gartenlaube“ von mehreren hundert Tausend Menschen gelesen, und mit Begeisterung gelesen ist [...] wenn dadurch nicht in vielen der Leser ein Nachdenken, eine Vorstellung, eine neue Einsicht oder ein schärferes Empfinden und Auffassen dieser Verhältnisse des Lebens bewirkt worden wäre [...] Bin ich ein Dichter, so habe ich mit dem aus meinem Innersten Ausgeprägten auch eine Wirkung auf mein Volk. Freilich ist unsre Wirkung nicht so rasch und so handgreiflich, als wenn eine Armee gesiegt hat; aber daß die Wirkung da ist, das empfinden doch in unsrer Zeit die Gewalthaber deutlich genug.[13]

Diese in der Novelle zum Ausdruck gebrachte Haltung Storms führt David A. Jackson als Erklärung dafür an, dass sie in bestimmten Zeiten der deutschen Geschichte weniger rezipiert wurde und auch in der damals vorherrschenden Literaturwissenschaft kaum Beachtung fand.[14] In der neueren Forschungsliteratur ist das Interesse an Storms Novelle jedoch stark gewachsen und so gilt sie heute gar als „Schlüsseltext seines mittleren Werkes und als seine wichtigste literarische Auseinandersetzung mit Religionskritik und christlicher Religion.“[15] Von besonderer Relevanz für diese Arbeit ist die Darstellung Christian Demandts[16], der in seine textimmanente Interpretation auch Aspekte der Religions-, Philosophie- und Kulturgeschichte miteinbezieht. Eine Rolle spielt ebenfalls Heinrich Detering[17], der anhand einer textimmanenten Interpretation das Spannungsverhältnis zwischen Religionskritik und religiöser Suche herausarbeitet. Beachtung findet auch die biografische und zeitgeschichtliche Interpretation David A. Jacksons[18]. Dieser beschäftigte sich am umfassendsten mit der Frage der Religion bei Theodor Storm und betont besonders dessen Beeinflussung durch Ludwig Feuerbach.[19] Gegenstand dieser Arbeit ist die Frage, welche Aspekte von Kirchen- und Religionskritik[20] in der Novelle Im Schloß dargestellt werden. Dies wird anhand der Betrachtung der verschiedenen Figuren realisiert. Im Anschluss daran wird dargestellt, wie in der Novelle die Liebe als neue Religion entfaltet wird. Diese Thematik und die Befunde der Untersuchung der Figuren werden im Fazit gebündelt.

2. Kirchen- und Religionskritik

2.1. Die alte Exzellenz – Repräsentant einer überkommenen Zeit

Es war früher das Jagdschloß eines reichsgräflichen Geschlechtes gewesen; die lebensgroßen Familienbilder bedeckten noch jetzt die Wände des im obern Stock gelegenen Rittersaales, wo sie vor einem halben Jahrhundert beim Verkaufe des Gutes mit Bewilligung des neuen Eigentümers vorläufig hängen geblieben und seitdem, wie es schien, vergessen waren.[21]

Bereits diese Darstellung des alten Schlosses zu Beginn der Novelle verdeutlicht die im Verfall begriffene Gesellschaftsschicht des Adels. Ergänzt wird diese durch die Beschreibungen der adeligen Schlossbewohner: „ein[e] weißköpfig[e] alte Ex-zellenz“ (480), „ein blasses [...] Mädchen“ (480) und ein „kränkliche[r]“ (480),„verkrüppelte[r] Knab[e]“[22] (481). Das adlige Kind verkörpert eigentlich als neue Generation Hoffnung und Zukunft. Jedoch ist es durch seine Krankheit stark geschwächt und beeinträchtigt,[23] wodurch es nicht nur dem verfallenen Adelsstand entspricht, sondern dessen zukunftslose Perspektive antizipiert.

Die Kritik am Adel wird vor allem in der Figur der alten Exzellenz entfaltet. An ihm wird ausführlich veranschaulicht, wie das Huldigen aristokratischer Standesdünkel zu Entfremdung und Isolierung führen.[24] Anstatt sich dem Leben und den Lebenden auszusetzen, das heißt hier in Kontakt zu den Mitgliedern der Dorfgemeinschaft zu treten (vgl. 480f) und seinen eigenen Kindern ein aktiver und vor allem liebevoller Vater zu sein (vgl. 491)[25], zieht es die alte Exzellenz vor, in eine längst vergangene Zeit zu flüchten: „im Zwielicht in dem öden Rittersaale mit seinem Rohrstock auf- und abwandern[d]; den weißen Kopf gesenkt, nur zuweilen vor einem der alten Bilder stehen bleibend [...]“ (488) oder er unternimmt einsame Spaziergänge (vgl. 481f) und hofft darauf, ein Bild des Königs als Geschenk zu erhalten (vgl. 501). Dieses Festhalten am Alten, längst Überkommenem wird auch dadurch bestätigt, dass die alte Exzellenz als Mensch ohne jegliches Interesse an modernen Ideen, Naturwissenschaften, der modernen Musik oder anderen Künsten beschrieben wird (vgl. 501).

„[D]ie selbstsichere Insolenz des Adels [...]“[26], die durch die alte Exzellenz verkörpert wird, findet in der Ballszene ihren Höhepunkt, als diese unter fadenscheinigen Gründen die Veranstaltung verlässt (vgl. 516) und damit die anwesenden Bürgerlichen demütigt (vgl. 517).[27] Storm demonstriert an dieser Stelle sein hervorragendes „Beobachtungs-vermögen für die Nuancen menschlichen Verhaltens [...]“[28] und formuliert nicht ohne Stolz:

[...]


[1] Storm an seine Mutter, Brief vom März 1862 (undatiert). Zitiert nach Theodor Storm: Theodor Storms Briefe an die Heimat aus den Jahren 1853-1864. Hrsg. von Gertrud Storm. Berlin 1914, S. 179-181, hier S. 180.

[2] Theodor Storm: Im Schloss. In: Ders.: Sämtliche Werke in vier Bänden. Bd. 1: Gedichte, Novellen 1848-1867. Hrsg. von Karl Ernst Laage und Dieter Lohmeier (LL). Frankfurt a.M. 1998, S. 480-528.

[3] Vgl. Heinrich Detering: Kindheitsspuren. Theodor Storm und das Ende der Romantik. Heide 2011, S. 250.

[4] Ebd.

[5] Vgl. Patricia M. Boswell: Theodor Storms Heiligenstädter Novelle „Im Schloß“. In: Schriften der Theodor-Storm-Gesellschaft (STSG) 40 (1991), S. 17-32, hier S. 17. Dieses Jahrhundert ist unter anderem geprägt von Fortschritts- bzw. Wissenschaftsoptimismus aber auch damit einhergehender Skepsis. Schriften von Feuerbach und Nietzsche führen zur Dekonstruktion theologischer Dogmen und Glaubenssätze und damit zu einer verstärkten Säkularisierung und Diesseitsorientierung. Weiterhin ist es eine Zeit, in der das erstarkende Bürgertum immer weniger dazu bereit ist, die Sonderstellung des Adels und sein Bündnis mit einer konservativen Kirche zu akzeptieren. Eine ausführliche Darstellung liefert Martin Nies: Soziokulturelle und denkgeschichtliche Kontexte und literarische Konstituierung des Literatursystems ‚Realismus‘. In: Realismus (1850-1890). Zugänge zu einer literarischen Epoche. Hrsg. von Marianne Wünsch. Kiel 2007 (Literatur- und Medienwissenschaftliche Studien, Bd. 7), S. 41-60.

[6] Zu den Anregungen zum Stoff der Novelle, insbesondere der Ähnlichkeiten der Schauplätze in der Novelle mit Storms Kindheit vgl. LL I, S. 1115f. Weiterhin sei darauf hingewiesen, dass Storm in seiner Heiligenstädter Zeit die Briefe an seine Verlobte Constanze erneut gelesen hat, sodass in dieser Novelle „buchstabengetreu Gefühle und Sprachwendungen auf[genommen werden], die Storm zum ersten Mal in den Briefen an seine Braut gebraucht hat.“ David A. Jackson: Theodor Storm. Dichter und demokratischer Humanist. Eine Biographie. Berlin 2001, S. 145 (Husumer Beiträge zur Storm-Forschung, Bd. 2).

[7] Karl Ernst Laage: Der kritische Storm. Zum politischen und gesellschaftlichen Engagement des Dichters. 2., überarbeitete Auflage. Heide 1990, S. 13ff.

[8] So beispielsweise in der Novelle Veronica, in der Storm den Katholizismus aufs Schärfste kritisiert. In den Gedichten Gesegnete Mahlzeit und Der Lump kritisiert Storm das Bündnis von Thron und Altar.

[9] Vgl. Boswell: „Im Schloß“, S. 19f . Vgl. auch Karl Ernst Laage: Theodor Storm. Leben und Werk. 8., erweiterte und überarbeitete Auflage. Husum 2007, S. 44f. An dieser Stelle soll auch darauf hingewiesen werden, dass Storm in seiner Kirchenkritik stark zwischen Katholizismus und Protestantismus unterscheidet. So kritisiert er - auch aufgrund der bereits angesprochenen Erfahrungen in Heiligenstadt - den Katholizismus mit seinen Prozessionen und seiner Bevormundung der Gläubigen aufs Schärfste, während er den Protestantismus auch aufgrund des Prinzips der kritischen Bibellektüre als vorwärtsweisend bewertet, aber dennoch annimmt, dass dieser sich letztlich auch selbst aufheben würde. Vgl. David A. Jackson: Storms Stellung zum Christentum und zur christlichen Kirche. In: Theodor Storm und das 19. Jahrhundert. Vorträge und Berichte des Internationalen Storm-Symposiums aus Anlaß des 100. Todestages Theodor Storms. Hrsg. von Brian Coghlan und Karl Ernst Laage. Berlin 1989, S. 41-99, hier S. 65ff.

[10] Storm an seine Eltern. Brief vom 12. Dezember 1861 (datiert). Zitiert nach Theodor Storm: Theodor Storms Briefe an die Heimat. Hrsg. von Gertrud Storm. Berlin, 1914, S. 170-173, hier S. 172.

[11] Vgl. Stellenkommentar zu Theodor Storm: In: Ders.: Sämtliche Werke in vier Bänden. Bd. 1: Gedichte, Novellen 1848-1867. Hrsg. von Karl Ernst Laage und Dieter Lohmeier (LL). Frankfurt a.M. 1998, S. 1108-1133, hier S. 1116. Die Bedeutung dieser Novelle für Storm veranschaulichen Laage und Lohmeier auch durch den Hinweis, dass Storm „[b]ei keiner seiner anderen Novellen [...] so häufig in den schon gedruckten Text eingegriffen [hat] wie bei Im Schloß.“ LL I, S. 1115.

[12] Vgl. LL I, S. 1117f.

[13] Storm an seinen Sohn Hans, Brief vom Mai 1868 (undatiert). Zitiert nach Theodor Storm: Briefe an seine Kinder. Hrsg. von Gertrud Storm. Braunschweig 1916, S. 51-53, hier S. 51f.

[14] Vgl. David A. Jackson: Theodor Storm‘s Democratic Humanitarianism. The novella „Im Schloss“ in context. In: Oxford German Studies 17 (1988), S. 10-50, hier S. 10. Vgl. außerdem Achim Küpper: „Das kommt von all´ dem Bücherlesen“! Intertextualität, Erzählproblematik und alternative Lesepläne in Theodor Storms Novelle: „Im Schloß“. In: STSG 54 (2005), S. 93-133, hier S. 93.

[15] Heinrich Detering: Im Schloß. Zweideutige Wirklichkeiten. In: Interpretationen. Theodor Storm. Novellen. Hrsg. von Christoph Deupmann. Stuttgart 2008, S. 33-47, hier S. 33.

[16] Vgl. Christian Demandt: Religion und Religionskritik bei Theodor Storm. Berlin 2010 (Husumer Beiträge zur Storm-Forschung, Bd. 8), S. 127-169.

[17] Vgl. Detering: Zweideutige Wirklichkeiten, S. 33-47 sowie ders.: Kindheitsspuren, S. 248-266.

[18] Vgl. Jackson: Democratic, S. 10-50 sowie ders.: Theodor Storm, S. 116-139.

[19] Vgl. Jackson: Christentum, S. 55f. Jackson muss dennoch zugeben, dass die Lektüre Feuerbachs durch Storm bisher nicht nachgewiesen werden konnte. Vgl. ebd., S. 59. Vgl. hierzu außerdem Karl Ernst Laage: „Wenn ich doch glauben könnte!“ Theodor Storm und die Religion. Boyens 2010, S. 17f. Dennoch legen bestimmte Textstellen eine Beeinflussung Storms durch Feuerbach nahe. Vgl. Jackson: Theodor Storm, S. 134ff. Auch Demandt bezieht in seiner Untersuchung der Novelle Aspekte der Auffassung Feuerbachs mit ein. Er weist sowohl auf Parallelen zwischen Storm und Feuerbach aber auch auf Unterschiede hin. Vgl.: ders.: Religion, S. 130f, 148. Die Verfasserin weist darauf hin, dass sie in ihren Ausführungen auch auf Feuerbach verweist, wenn es ihr sinnvoll erscheint.

[20] Die Unterscheidung zwischen Kirchen- und Religionskritik erscheint sinnvoll, da sich die Kirchenkritik auf die Institution an sich bezieht, die beispielsweise die Vormachtstellung des Adels und damit eine rückständige Gesellschaftsordnung stützt. Dagegen thematisiert die Religionskritik die Frage nach Gott im Allgemeinen sowie die der Glaubenspraxis und -inhalte.

[21] Theodor Storm: Im Schloss. In: Ders.: Sämtliche Werke in vier Bänden. Bd. 1: Gedichte, Novellen 1848-1867. Hrsg. von Karl Ernst Laage und Dieter Lohmeier (LL). Frankfurt a.M. 1998, S. 480-528, hier S. 480. Zitate aus Im Schloß im Folgenden mit Seitenangabe in Klammern.

[22] Jackson deutet Kunos Behinderung als Folge von „aristocratic inbreeding.“ Ders.: Democratic, S. 39.

[23] Diese wird im weiteren Verlauf durch den Tod des kleinen Kuno, Annas Kind, der alten Exzellenz und letztlich auch Annas Ehemann bekräftigt. Zur ausführlichen Kontrastierung der sich im Verfall befindenden Adelsfamilie und der gesunden, aufstrebenden Bauernfamilie vgl. Boswell: Im Schloß, S. 23f.

[24] Vgl. Jackson: Theodor Storm, S. 136. Patricia M. Boswell bezeichnet in diesem Kontext die alte Exzellenz als „einzige echt tragische Gestalt der Novelle [...]“. Dies.: Theodor Storms Heiligenstädter Novelle „Im Schloß“. In: STSG 40 (1991), S. 17-32, hier S. 22.

[25] Vgl. hierzu auch die Ausführungen in 2.2 und 2.3.

[26] Boswell: „Im Schloß“, S. 21.

[27] Jackson verweist in diesem Kontext auf Storms bürgerliche Leserschaft, bei der solch eine Szene „eine beträchtliche Wirkung haben würd[e].“ Ders.: Theodor Storm, S. 138.

[28] Boswell: „Im Schloß“, S. 22.

Details

Seiten
19
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656579540
ISBN (Buch)
9783656579533
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v267218
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für deutsche Literatur
Note
1,3
Schlagworte
kirchen-und religionskritik theodor storms novelle schloß

Autor

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Titel: Kirchen-und Religionskritik in Theodor Storms Novelle "Im Schloß"