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Macht, Gestaltung der internationalen Ordnung und Menschenbild im Politischen Realismus von Morgenthau und im Strukturellen Neorealismus von Waltz

Essay 2002 8 Seiten

Politik - Internationale Politik - Allgemeines und Theorien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vergleichen Sie folgende Begriffe aus der Perspektive des Politischen Realismus (Morgenthau) und des Strukturellen Neorealismus (Waltz):
1.1 Macht
1.2 Gestaltung der internationalen Ordnung
1.3 Menschenbild
1.4 Bedingungsfaktoren für politisches Handeln im internationalen System

2. Was bedeutet das „Problem der Analyseebene“ in der internationalen Politik und welche Konsequenzen ergeben sich daraus?

3. Stellen Sie die Unterschiede und Ähnlichkeiten zwischen dem Ansatz des Strukturellen Neorealismus (Waltz) und dem Interdependenzansatz von Keohane/ Nye fest.

4. Wie lauten die Kernaussagen der „Anarchischen Gesellschaft“ von Hedley Bull?

1. Vergleich von Politischem Realismus (Morgenthau) und Strukturellem Neorealismus (Waltz)

1.1 Macht

Sowohl der Politische Realismus, als auch der Strukturelle Neorealismus betrachten Macht als Kernfaktor für die internationalen Beziehungen. Jedoch gibt es einige wesentliche Unterschiede zwischen beiden Theorien, die es zu beachten gilt. Der Politische Realismus setzt mit der Feststellung an, dass die Politik durch den „im Sinne von Macht verstandene[n] Begriff des Interesses“1 geleitet und von objektiven Gesetzen beherrscht wird. Morgenthau betont, dass Internationale Politik nichts anderes sei, als ein „ein Kampf um Macht“2. Unter diesem weiten Begriff von Macht fasst er „alle gesellschaftlichen Beziehungen, die diesem Ziel dienen, von der physischen Gewaltan- wendung bis zu den feinsten psychologischen Bindungen, durch die ein geistiger Wille einen anderen beherrschen kann“3, zusammen.

Außerdem versteht Morgenthau Macht, in Anlehnung an Max Weber, als Herrschaft von Menschen über Menschen4 ; Machstreben definiert er als menschlichen Trieb, um zu überleben. In seinem Werk „Politics among Nations“ hebt er drei mögliche Ziele der Politik hervor: Erstens den Machterhalt (status quo), zweitens die Machterweiterung (Imperialismus), und drittens die Machtdemonstration (Prestigepolitik).5 Die Macht selbst ist im Politischen Realismus ein übergeordnetes Gesetz, demnach also von Zeit und Ort unabhängig. Jedoch ist zu bemerken, dass ihr Inhalt, d.h. ihre Umsetzung oder Ausübung eng mit den kulturellen und zeitgeschichtlichen Gegebenheiten verknüpft ist. Ferner ist Macht rational und immer relativ. Sie dient einzig und allein dem Selbstzweck.

Der Machtbegriff bei Waltz definiert sich dagegen über das sogenannte Sicherheits- und Machtdilemma. Da sich ein Staat bei jeder seiner Handlungen unsicher über der Erfolg und die Gewinnverteilung sein muss, können niemals alle Staaten von einer Veränderung profitieren. Demnach muss es das Ziel eines Staates sein, sich selbst zu erhalten und ein Selbsthilfesystem zu entwerfen.6 Im Gegensatz dazu propagiert der Realismus die Machterweiterung. Ferner steht die „Balance of Power“7, das Gleichgewicht der Mächte, als zentraler Begriff im Vordergrund der neorealistischen Überlegungen. Durch dieses Gleichgewicht, welches laut Waltz automatisch entsteht, wird das Verhalten der einzelnen Staaten erklärt.

Es lässt sich behaupten, dass der Begriff von Macht im realistischen Sinne eher eng gefasst ist und sich v.a. auf die militärische Stärke bezieht, wohingegen der neorealistische Ansatz das Machtverständnis weiter ausdehnt, indem er vorwiegend vom Begriff der Sicherheit spricht und auch ökonomische und ökologische Faktoren miteinbezieht.

1.2 Gestaltung der internationalen Ordnung

Morgenthau stellt die Staaten als Akteure in den Vordergrund und betont den ständigen Wettbewerb und Egoismus, sowie die Bedeutung der Außenpolitik. Da jeder Staat nach Macht strebt, existiert ein ständiger Kampf jeder gegen jeden, was wiederum bedeutet, dass derjenige zum Untergang verurteilt ist, der aufgibt. Die internationale Ordnung entsteht, so der Realismus, durch ein Gleichgewicht der Mächte, welches sich durch Stabilität im Sinne einer Abwesenheit von Krieg definiert. Dieses Gleichgewicht der Mächte entsteht zwangsläufig und ist unvermeidlich.8 Konsequenz dieser Gleichgewichtssituation ist das Entstehen von Bündnissen auf der Basis gemeinsamer Interessen. Dabei muss aber unter allen Umständen immer verhindert werden, dass einer der beteiligten Staaten zu mächtig wird und eine dominante Position, einer Weltherrschaft gleichbedeutend, erlangt.

Waltz definiert die internationale Struktur über die Verteilung der sogenannten capabilities, d.h. die Verteilung der Macht, auf einzelne Einheiten (units). Diese Verteilung der Macht lenkt das Verhalten und die Absichten der Staaten. Internationale Systeme unterscheiden sich durch die Zahl der Großmächte, deren Hauptinteresse in der Erhaltung des bestehenden Systems liegt. Auch Waltz geht, ähnlich wie Morgenthau, von einem anarchischen System aus, das die Gesamtheit aller units darstellt. Die Einheiten handeln nach dem sogenannten Selbsthilfeprinzip, was bedeutet, dass jeder Staat prinzipiell gewaltbereit sein muss. Aus diesem Grund bereiten sie sich eigenständig auf den schlimmstmöglichen Zustand vor und treffen dementsprechende Vorbereitungen zu ihrem Schutz, wie z.B. Abschreckungs- und Verteidigungsmaßnahmen, oder Bündnisse. Nach Waltz lässt sich genau dann von einem Zustand der „Balance of Power“ sprechen, wenn die gegebene Ordnung anarchisch ist und ein System vorliegt, in dem sich Einheiten gegenüberstehen, deren Ziel das eigene Überleben ist. Im Vordergrund seiner Theorie steht die Sicherheit, die eine Hauptüberlegung aller Staaten darstellt. Die Staaten selbst sieht Waltz nach seinem „Black Box-Prinzip“ als funktional gleich. Ihn interessiert das Innere eines Staates demnach nicht . Der einzigen Unterschied, den er zwischen den verschiedenen Einheiten trifft, liegt in der unterschiedlichen Verteilung der Macht.

1.3 Menschenbild

Das Menschenbild, welches vom Politischen Realismus vertreten wird, ist negativ. V.a. das Gedankengut von Hobbes und Niebuhr übten einen starken Einfluss auf die Entwicklung des realistischen Menschenbilds aus. Hobbes beispielsweise behauptete, dass der Mensch von Natur aus egoistisch veranlagt sei und dass, aufgrund eines fiktiven Naturzustandes, ein Krieg jeder gegen jeden existiere. Dementsprechend herrscht Anarchie; das Machtstreben ist ein menschlicher Trieb als Notwendigkeit, um zu überleben.9 Auch Niebuhr ging von der These aus, dass der Mensch eher seinen egoistischen Interessen folge, als der Moral oder der Ethik.10

Während der Realismus die menschliche Natur auf die Nationalstaaten als Hauptakteure überträgt, verzichtet der Strukturelle Neorealismus auf eine Übertragung der Menschennatur. Er geht dagegen vom Internationalen System aus und stellt somit eher einen deduktiven Ansatz dar, welches die Natur des Menschen nicht benötigt.

1.4 Bedingungsfaktoren für politisches Handeln im internationalen System

Wie bei der Analyse der bisherigen Begriffe, ist auch bei den das politische Handeln im Internationalen System bedingenden Faktoren eine abweichende Grundhaltung zwischen Realismus und Neorealismus festzustellen.

Morgenthau stellt den Zustand des Gleichgewichts der Mächte in den Vordergrund, dessen Aufgabe es ist, die innere Stabilität des Systems zu gewährleisten. Die Vormachtstellung eines Staates muss unter allen Umständen verhindert werden, d.h., keines der Elemente darf so stark werden, dass es in der Lage ist, andere zu dominieren; gleichzeitig muss jedes Element aber so mächtig bleiben, dass eine eigene Verteidigung möglich ist.11 Morgenthau nennt zwei Mittel, den Frieden zu erhalten. Erstens, den „selbständige[n] Mechanismus der gesellschaftlichen Kräfte, der in dem Machtkampf auf internationaler Ebene im Gleichgewicht der Mächte zum Ausdruck kommt“, und zweitens, die „normative Beschränkung dieses Machtkampfes durch das Völkerrecht, die internationale Moral, und die Weltmeinung.“12

Waltz dagegen hebt den anarchischen Zustand als bestimmende Konstante hervor. Staaten existieren in einem anarchischem System, wobei ihr Machtpotential bedingt ist durch die Verteilung der capabilitites. Das System, welches die Grundlage der weiteren Überlegungen bildet, ist um so stabiler je weniger Einheiten in ihm existieren.

[...]


1 Morgenthau, Hans: Macht und Frieden. Gütersloh, 1963. S. 50.

2 Ebd.: S. 69.

3 Ebd.: S. 55.

4 Ebd.: S. 124.

5 Ebd.: S. 81.

6 Waltz, Kenneth W.: Theory of International Politics. New York, 1979. S. 118.

7 Ebd.: S. 118.

8 Morgenthau, Hans: Macht und Frieden. S. 145/ 146.

9 Hobbes, Thomas: Leviathan- oder Stoff, Form und Gewalt eines kirchlichen und bürgerlichen Staates. Suhrkamp, 1992. S. 96.

10 Hartmann, Jürgen: Internationale Beziehungen. Opladen, 2001. S. 26.

11 Morgenthau, Hans: Macht und Frieden. S. 147.

12 Ebd.: S. 68.

Details

Seiten
8
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638289788
Dateigröße
382 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v26732
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Geschwister Scholl Institut für Politische Wissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Vergleich Begriffe Macht Gestaltung Ordnung Menschenbild Perspektive Politischen Realismus Strukturellen Neorealismus Einführung Internationale Politik

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