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Der Mythos und seine systematisch-theologische Funktion

Examensarbeit 2013 77 Seiten

Theologie - Systematische Theologie

Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2. Mythos – ein Versuch der Definition und Systematisierung
2.1. Vom Mythos zum mythus bei Christian Gottlob Heyne
2.2. Mythos – eine begriffliche Annäherung
2.3. Erzählen als eine Grundkonstante der Menschen
2.4. Voraussetzungen für einen Mythos
2.5. Mündlichkeit und Schriftlichkeit von Mythen
2.6. Begründung der Notwendigkeit und herausragenden
Stellung von Mythen
2.6.1. Ein Erklärungsversuch für das „Wunderbare und
Unfassbare“
2.6.2. Ätiologischer Charakter
2.6.3. Verknüpfung von Transzendenz und Immanenz
2.6.4. Anthropologischer Charakter
2.6.5. Versuch einer Bewertung von Übereinstimmungen
zwischen Mythen verschiedener Kulturkreise
im Hinblick auf ihre Grundelemente
2.7. Vergleich dreier Schöpfungsmythen (Enuma Elisch,
Atramchasis und Genesis 1-9)
2.7.1. Geschichtliches
2.7.1.1. Atramchasis
2.7.1.2. Enuma Elisch
2.7.1.3. Urgeschichte (Gen 1-9)
2.7.2. Vergleich der Schöpfungserzählungen
2.7.2.1. Die Schöpfung der Götter
2.7.2.2. Die Schöpfung der Welt
2.7.2.3. Die Schöpfung der Menschen
2.7.3. Kontext und Funktion
2.8. Aktualität von Mythen

3. Resümee

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Mythos ist den Menschen in heutiger Zeit eher fremd geworden. Eigentlich ist das Wort „fremd“ aber nicht ganz zutreffend, um die spezifische Eigenheit des Mythos zu erklären. Anders formuliert ist das, was man unter Mythos heutzutage versteht, nicht mehr das, was es ursprünglich einmal war. Es hat sich eine Wandlung der Wortbedeutung über Jahrhunderte hin vollzogen und in den Köpfen der Menschen festgesetzt. Kaum jemand denkt dabei noch an Schöpfung und Entstehung. Meist wird es benutzt, um etwas zu falsifizieren, im Sinne von: das ist doch nur ein Mythos. Hierzu gibt es in den USA sogar eine Fernsehserie mit dem Namen Mythbusters, gemeint sind hiermit diejenigen, die Mythen zerstören, oder eben auf ihre Echtheit prüfen. Doch sind das eher urbane Legenden, welche hier auf den Prüfstand gestellt werden. So wird zum Beispiel getestet, ob sich ein Handy entzünden kann, wenn die Luft voll von Benzin ist, wie es an Tankstellen der Fall sein kann, denn dort befinden sich überall Hinweisschilder, dass man keine Mobiltelefone nutzen darf. In der Definition der Mythbusters scheinen Mythen dann eher den Charakter von Erzählungen zu haben, die jemand gehört hat, dass sie so passiert sein könnten. Aber niemand weiß mehr, wem das passiert ist; doch die Geschichte hält sich hartnäckig in den Köpfen der Menschen. Im Bedeutungswörterbuch des Dudens wird das Wort „Legende“ als Synonym für das Wort „Mythos“ angegeben[1]. Dies unterstreicht schon den heute am häufigsten gebräuchlichen Umgang, welche den Mythos in die Nähe der Sagen und Märchen rückt. Genauer gesagt lassen sich hier keine Quellen nennen, was die getroffenen Aussagen also wenig glaubhaft macht. Der Volksmund behauptet indes gerne, dass in einer Legende immer ein Funken Wahrheit zu finden ist, doch ob das stets zutrifft, kann wohl nicht abschließend geklärt werden.

Aber das ist natürlich nur ein Aspekt, wie sich das Wort Mythos heute darstellt, bzw. wie es heutzutage verwendet wird. Der Artikel des Dudens führt ebenso „Person, Sache, Begebenheit, die legendären Charakter hat“ [2], als Definition auf. Somit kann heute alles zum Mythos avancieren, was legendären, also mythischen Charakter hat, oder wenn ihm dieser Charakter von außen zugeschrieben wird, z.B. durch die Werbefirmen, die bewusst einzelne mythische Motive - in ihrer ganzen Vielfältigkeit - in ihre zur Schau-Stellung kaufbarer Produkte einbauen. Dazu wird das Objekt, das verkauft werden soll, selbst zu einem Kultobjekt emporgehoben, damit die Verbraucher, wenn sie im Supermarkt oder andernorts einkaufen, zu diesem Produkt greifen, weil sie den Mythos sozusagen mit kaufen. Jens Zeyer spricht in seiner Arbeit über Mythos und Werbung davon, dass der Begriff an sich zwar einen Bedeutungszuwachs erfahren hat, allerdings hat er im Gegenzug an Gehalt eingebüßt. Die großen Mythen der Urzeit werden in einzelne Mytheme oder Mythologeme herunter gebrochen und benutzt, um sie für bestimmte Zwecke zu kanalisieren. Somit ist eine Tendenz zur Kommerzialisierung mit einer gleichzeitig einhergehenden Banalisierung und Trivialisierung gegeben.[3] Genauere Ausführungen hierzu würden den Rahmen dieser Arbeit allerdings sprengen, daher soll es an dieser Stelle bei ein paar Hinweisen belassen werden, denn das Wesentliche ist bereits zu Tage getreten, nämlich, dass sich die Auffassung, was der Mythos ursprünglich ist, verändert hat.

In der hier vorliegenden Arbeit soll es um den Ursprung der Mythen gehen, also um das, was der Begriff vor mehreren tausend Jahren bezeichnete. Auch wenn darauf hingewiesen sein sollte, dass der Begriff erst von den Griechen in späterer Zeit erfunden wurde, als es andere mythische Erzählungen bereits gab. Es geht hier nun um das Themenfeld des urzeitlichen Mythos und seine Funktion für insbesondere die Menschen, die ihn geschaffen und erzählt haben.
Zuerst soll auf diejenige Person eingegangen werden, die maßgeblich dafür verantwortlich gezeichnet wird, dass der archaische Mythos in der Neuzeit wieder zur Geltung kommt und nicht weiterhin als unwahre und unmögliche Geschichte abgetan wird. Anschließend wird eine begriffliche Annäherung an den Mythos-Begriff angestrebt, wobei keine endgültige Definition an dieser Stelle gegeben werden kann. Dies wurde bereits oft versucht, war jedoch, aufgrund der Weitläufigkeit des Begriffsfeldes, immer zum Scheitern verurteilt. Als weiterer Schritt folgt eine kurze Abhandlung über die Wichtigkeit des Erzählens für den Menschen. Sie findet sich an dieser Stelle der Arbeit, weil die Erkenntnisse, die hieraus gewonnen werden können, das bessere Verständnis dessen, was darauf folgt, fördern, da es sich bei den Mythen immer um Erzählungen handelt. Bevor es darum geht, wieso es die Mythen überhaupt gibt und welchen Charakter sie in sich tragen, soll kurz angesprochen werden, welche Voraussetzungen im menschlichen Verständnis geben sein müssen, damit sich ein Mythos überhaupt bilden kann. Nach der Behandlung der Grundmuster der Mythen an sich, was sowohl deren Aussage als auch deren für den Menschen inhärente Funktion beinhaltet, wird der Frage nachgegangen, warum es in verschiedenen Kulturkreisen Mythen mit denselben Motiven gibt. Im Anschluss daran folgt der Vergleich dreier Mythen im Hinblick auf ihren Ursprungscharakter, also die Schöpfung der Götter, der Welt und des Menschen. Dabei werden drei der bekanntesten Schöpfungserzählungen herangezogen, nämlich Atramchasis, Enuma Elisch und die Urgeschichte des Alten Testaments (Gen 1-9). Weil aber die eigentlichen Schöpfungsbeschreibungen in den größeren Erzählungen stets auch über sich hinausweisen, wird im Anschluss an den Vergleich der Kontext der jeweiligen Schöpfungssituationen betrachtet, da sich erst in diesem offenbart, welche Funktionen und Aussagen die Erzählungen überhaupt haben. Vor einem abschließenden Resümee wird kurz auf die Aussagekraft der Mythen für die heutige Zeit eingegangen, hier vor allem auf das Alte Testament und dessen Botschaft für die modernen Christen.

2. Mythos – ein Versuch der Definition und Systematisierung

Als Einstieg in das Thema „Mythos und seine Funktion“ soll zuerst der Begriff an sich umrissen werden. Es wurde hier bewusst das Wort umreißen verwendet, da es fraglich ist, ob der Begriff „Mythos“ tatsächlich in all seinem Umfang definiert werden kann. Viele Wissenschaftler, die sich damit befassten, strebten wohl aus diesem Grunde keine umfassende Definition an, sondern eine lediglich für ihr Vorhaben relevante. So bemerkt Petersen, dass oft ein Nebeneinander von andersartigen Auffassungen des Verständnisses, was unter dem Terminus „Mythos“ zu verstehen ist, existiert.[4]

2.1. Vom Mythos zum `mythus bei Christian Gottlob Heyne

Das griechische Wort μῦθος steht für Laut, Wort, Rede, Erzählung, sagenhafte Geschichte. Doch muss sich hier bewusst gemacht werden, dass die Bedeutung des Wortes für unsere heutige Zeit nicht einfach ungebrochen aus dem antiken Griechenland übernommen wurde. Im Lateinischen wurde μῦθος durch fabula wiedergegeben, wovon sich unser heutiges Wort „Fabel“ ableitet. Nachdem der Mythos Jahrhunderte lang auch als eine Art Fabel behandelt wurde, also „eine Fiktion, der keine Realität entsprach, und so bloß noch ein riesiges Lagerhaus für Dichter und bildende Künstler“ [5] darstellte, hat Christian Gottlob Heyne (1729-1812) den Begriff des mythus eingeführt, der eben nicht fabula ist. Zu seiner Zeit wird der Altertumswissenschaft eine immer größere Rolle in der Entwicklung der wissenschaftlichen Modernität zuteil. Heyne rehabilitiert quasi die Beschreibung des Begriffs „Mythos“ durch den Terminus mythus, da die alten Zeiten wiederentdeckt und somit eben nicht mehr nur als unwahres Sammelsurium abgewertet werden.
Graf spricht davon, dass es vor allem Grammatiker und Rhetoriklehrer waren, die den Mythos in derartiger Weise reduzierten. Er beschreibt ein typisches dreigliedriges Schema, das sich bereits in der Antike findet. Mythen sind Erzählungen und somit von Geschichten abgegerenzt. Die drei Teile sind: μῦθιχόν (fabula), δραματιχόν (argumentum), ἱστοριχόν (historia). Wobei historia eine wahre, argumentum eine nicht wahre, aber wahrscheinliche und fabula eine nicht nur falsche, sondern auch unmögliche Erzählung ist. Somit ist fabula Fiktion. Es gibt keine wirkliche Unterscheidung von fabelhaften Erzählungen und Lügen.[6] Eben gegen diesen Gebrauch insistierte Heyne, indem er den mythus als das Reden vor jedem dichterischen Reden bezeichnet, es ist der „natürliche Ausdruck einer primitiven, kindlichen Menschheit“[7]. Somit verschiebt Heyne das, was der Mythos ist, in eine Zeit vor der Zeit, also in eine Nicht-Zeit. Es kursieren hier die verschiedensten Ausdrücke, auch wenn Urzeit im eigentlichen Sinne noch im normalen Zeitgefüge liegt, hat es sich eingebürgert, von der Urzeit der Mythen zu sprechen. Auch in der vorliegenden Arbeit soll „Urzeit“ in diesem Sinne verstanden werden, eine Davor-Zeit bzw. Nicht-Zeit vor allem Anfang. Diese Definition Heynes hat selbstredend Konsequenzen für die Verwendung des Mythosbegriffs, waren es doch bisher einfach nur Erzählungen, die noch dazu Legenden im Sinne von Erfindungen sind. Er versteht weiterhin die Mythen als unwillkürlich und angeboren. Der primitive Mensch beschreibt alles, was er sieht und erlebt, also die Natur und auch Geschichtliches, als von den Götter oder einem Gott ausgehend, je nachdem aus welchem Kulturkreis der Mensch stammt. Heyne verfasst sogar eine Art Gebrauchsanweisung: Deutung der mythischen oder symbolischen Redeweisen in Beziehung auf ihre Ursprünge und die daraus abgeleiteten Regeln. Auch in der heutigen Zeit findet sich mit Lévi-Strauss einer, der auf seine Grundlagen vertraut und ihnen zustimmt.[8] Die Mythen werden danach mit einem gewissen historischen Interesse, aber auch Abstand betrachtet, was eine objektive und wissenschaftliche Beobachtung möglich macht. Somit muss der mythus mit den Maßstäben betrachtet werden, wie sie in der damaligen Zeit vorzufinden waren und nicht nach den modernen, wie das Heynes Zeitgenossen zu tun pflegten. Ein weiterer Punkt hierbei ist noch, dass Heyne bereits Homer und Hesiod abspricht in der Zeit zu leben, in der sich die Mythen bildeten. Sie griffen auf Stoff zurück, den sie bereits vorfanden. Zu ihrer Zeit war der Mythos nur noch etwas für Dichter. Wahre Mythen muss man woanders suchen, er selbst findet sie in den Kulturen Nordamerikas. Man müsse quasi die Kulturen studieren, aus denen die ursprünglichen Mythen stammen, um die der Griechen zu verstehen.[9]

Was war das Moderne an Heyne? Entscheidend ist erst einmal zu erwähnen, dass er nicht als einziger und alleiniger den Begriff einer Revision unterzogen hat und ihn zum mythus machte. Seine Ansätze sind auch bei anderen Vorläufern und Zeitgenossen zu finden. So besteht seine Leistung nicht darin, der erste zu sein, sondern er war derjenige, der die bestehenden Ansätze in seinem oben genannten Werk vereinte. Über seine Ansätze wurde diskutiert, was wiederum den Mythos in ein neues oder - vielleicht besser ausgedrückt - wieder in ein bereits vergessenes Licht rückt. Er liefert uns also die Vorstellungen, die wir heute mit dem Mythos verbinden.[10] Diesen Vorstellungen soll nun in einem weiteren Schritt nachgegangen werden, in dem es zu einer begrifflichen Annäherung an den Mythos kommen soll.

2.2. Mythos – eine begriffliche Annäherung

Claus Petersen macht in seiner oben bereits genannten Dissertation über den Mythos im Alten Testament gleich zu Beginn auf die Heterogenität der einzelnen Definitionen des Begriffs „Mythos“ aufmerksam. In der vorliegenden Arbeit soll Definition verstanden werden, als das, was sie in diesem Zusammenhang nur sein kann, nämlich Begriffsbestimmungen von einzelnen oder mehreren Personen geprägt und keine universal gültige und von allen akzeptierte Meinung. Dafür gibt es einfach zu viele verschiedene Versuche den Begriff festzulegen. Petersen vergleicht hierzu mehrere von Autoren gegebene Definitionen, um anhand derer die Probleme der Begriffsbestimmung aufzuzeigen. Es sind oft Nuancen, die einzelne Definitionen unterscheiden. So definiert Gunkel die Mythen als „Göttergeschichten“. Doch das Problem dabei wäre, dass damit die Erzählungen des Alten Testaments wegfallen, weil sie unter diesem Gesichtspunkt keine Mythen darstellen.

„Seiner Form nach ist der Mythos eine Erzählung; er berichtet über den Verlauf von Geschehnissen“[11], wie z.B. im Mythos Enuma Elisch. Es wird nicht gesagt, dies und das sei die Situation im Moment, sondern alles wird in einer aufeinanderfolgenden Erzählung geschildert. Es gestaltet sich hier mit Spannung, Handlung, Kämpfen, Entscheidungen, alles was zu einer spannenden Erzählung gehört. Diese Erzählungen haben keinen Erfinder an sich, sie sind eine kollektive Erscheinung eines bestimmten Kulturkreises. Diese Aussage soll nicht in Abrede stellen, dass es natürlich einen gegeben haben kann, der die ursprünglich mündlich tradierten Mythen aufschrieb, aber das ist unabhängig von deren Erfindung. Jede Kultur hat ihre Mythen, da sie eine notwendige Denkform des Menschen darstellen. Nur ist es von manchen Völkern nicht überliefert, weil es entweder nicht verschriftlicht wurde oder über die Jahre verloren ging.[12] Daher liegt heute zwar eine große Anzahl Mythen vor, die man nachlesen kann, aber bei weitem nicht so viele, wie es wahrscheinlich gegeben haben mag. Fraglich ist heute, inwieweit die überlieferten Mythen mit denen übereinstimmen, die damals, vor der Verschriftlichung, als Erzählungen im Umlauf waren. Dies ist schwer abzuschätzen und auch mangels fehlender Belege rein spekulativ. Lévi-Strauss erforscht aus diesem Grund Mythen, die bei heute noch existierenden archaischen Kulturen erzählt werden, weil er diese für authentischer und näher am Ursprung des Geschehens hält.

Weiterhin fällt auf, dass zu all diesen Erzählungen Gottheiten gehören. Sie sind die handelnden „Figuren“ und nicht Menschen, alle Aktion geht von ihnen aus. Petersen bemerkt, dass selten auch Menschen als handelnde „Figuren“ auftreten, doch sie sind in jedem Fall den Göttern untergeordnet. Aber davon abgesehen scheint es auch einmal eine Zeit, nach sumerischen Vorstellungen, gegeben zu haben, in der „die Götter (auch noch) Mensch waren“[13]. So lautet der erste Vers des Atramchasis-Mythos, der dies belegt. Dies könnte eventuell darauf zurückgehen, was der nächste Vers beschreibt, dass die Götter noch selbst die Körbe tragen mussten, was später die Menschen für sie tun müssen. Hier sei noch darauf hinzuweisen, dass in den altorientalischen Mythen nicht nur Gottheiten untereinander agieren, sonder auch von den Werken eines einzelnen Gottes berichtet werden kann.[14] Reventlow verweist in seinem Aufsatz Mythos im Alten Testament darauf, dass die traditionelle Auffassung, wie sie z.B. Gunkel hatte, der bereits oben genannt wurde, revisionsbedürftig sei, denn der Mythos sei eben nicht nur im polytheistischen Bereich zu Hause. Es müssen also nicht immer mehrere Götter beteiligt sein, um eine Erzählung zu einem Mythos zu machen. Auch wenn das in den meisten altorientalischen Mythen der Fall ist, so muss das nicht die Regel sein. Henotheismus und Monolatrie waren ebenfalls im Orient verbreitet, wie neuere Erkenntnisse zeigen. Ein Volk betet somit lediglich einen Gott an, gesteht den anderen Völkern aber ihre Götter zu. Folglich ist es möglich, selbst wenn mehrere Götter genannt werden sollten, sich doch nur zentral um das Handeln eines Gottes zu kümmern.[15]

Ein dritter Punkt ist, dass es keinen spezifischen Ort gibt, an dem die Mythen spielen, so kann nicht abgegrenzt werden, wo die Götter handeln. Ihnen steht die ganze Welt zur Verfügung, doch es entsteht stets der Eindruck, dass es ein Ort ganz in der Nähe ist, es wirkt bekannt. Wenn die Götter aber aus dem Himmel heraus handeln, dann ist dieser kein abgeschlossener Raum, sondern die Götter steigen nach Belieben auf und ab. Es stellt kein Hindernis für sie dar, dass sie vom Himmel auf die Erde herabsteigen, nur um kurz etwas zu vollbringen. Es hat eher den Charakter eines „nebenan seins“, die Götter sind da, aber dennoch in gewisser Weise abgegrenzt von den Menschen.[16] Wenn nicht der Ort, so lässt sich die Zeit des Handelns abgrenzen. Es ist ein Spezifikum des Mythos, dass er sich außerhalb der geschichtlichen Zeit befindet, in einer Urzeit. Genauer gesagt spielt es sich an einer zeitlichen Grenze ab, die direkt, aber noch ganz knapp vor der geschichtlichen Zeit liegt. So findet sich im akkadischen Enuma Elisch gleich zu Beginn eine Beschreibung, wie man sich die anfängliche Situation vorgestellt hat, kurz bevor die geschichtliche Zeit begann, aber man setzte in den Text immer den Zusatz „noch nicht“, um eben darauf hinzuweisen, dass man sich noch kurz vor dieser Zeitschwelle befindet, auch wenn man es schon mit zeitlichen Begebenheiten beschreibt.

Als oben der Himmel noch nicht existierte
und unten die Erde noch nicht entstanden war –
gab es Apsu, den ersten, ihren Erzeuger
und Schöpferin Tiamat, die sie alle gebar;
Sie hatten ihre Wasser miteinander vermischt,
ehe sich Weideland verband und Röhricht zu finden war -
als noch keiner der Götter geformt
oder entstanden war, die Schicksale nicht bestimmt waren,
da wurden die Götter in ihnen geschaffen:[17]

Diese Abgrenzung durch eine Art Formel „als noch nicht war“ wird in den Mythen genutzt, um das Ereignis, was dann folgt, also die Schöpfung, an den Anfang zu stellen. Es wird hier stets betont, dass alles, was der Mensch quasi kennt, eben noch nicht war, auch wenn es benannt wird.[18] Natürlich gibt es auch andere Formeln in anderen Kulturkreisen, welche aber immer zurückweisen in eine Urzeit: „Einst, in früheren Jahren“[19], „Das erste Mal“[20]. Aber auch ohne diese Formeln spielen die Mythen in ihrer „eigenen“ Zeit, also in einer Urzeit oder Vorzeit. Im ägyptischen Bereich stellt hierfür Kees fest, dass der Mythos „in die ferne Vergangenheit, die Zeit vor den Königen zurückführt und aus Uranfängen die Entstehung der Welt herleitet, Himmel und Erde scheidet und Götterdynastien bis zu dem Mythe und Geschichte trennenden Ereignis der ‚Vereinigung der beiden Länder‘ ersinnt“[21]. All diese Texte weisen auf eine Einmaligkeit hin, es ist immer nur von der Schaffung in der Urzeit die Rede, keine wiederholende Tat, auch wenn die Texte in den Kulturen eine erzählende Wiederholung finden, so ist in diesen selbst keine Aufforderung dessen zu erkennen.

Zusammenfassend zum bisher Gesagten lässt sich feststellen, dass das oben genannte im Grunde eine „Minimalanforderung“ an den Begriff des Mythos darstellt. Zum einen handelt es sich um eine Erzählung, die Geschehnisse wiedergibt, also Handlungszusammenhänge etc. und nicht nur bloße Ergebnisse oder Feststellungen. Diese gehen aber nicht, wie man heute annehmen würde, auf einen einzigen Verfasser zurück, sondern stellen kollektives Gedankengut dar. Ebenfalls sind in den Mythen stets handelnde Gottheiten, seien es nun einer, der handelt, oder mehrere, anzutreffen. Von diesen geht die Initiative aus, sie sind die Handlungsträger. Wenn Menschen vorkommen, dann um die Götter zu unterstützen oder ihre Befehle zu empfangen. Ebenfalls findet das Geschehen in einer eigenen Zeit statt. Auch wenn bei Enuma Elisch z.B. schon in der Beschreibung der Urzeit geschildert wird, wie es danach sein wird, so ist es doch eine frühe Aussageform dafür, indem man ein noch nicht einsetzt, dass es eben noch nicht ganz so weit ist, sondern eben doch noch vorzeitlich.
Auch wenn der folgende Punkt wie aus dem Zusammenhang gerissen erscheint, so ist er dennoch von Wichtigkeit. Bereits in der begrifflichen Annäherung an den Mythos konnte gezeigt werden, dass es sich dabei um eine Erzählung handelt, daher ist es ratsam, sich bewusst zu machen, was das Erzählen für den Menschen bedeutet, bevor zu dem Punkt übergegangen wird, der klärt, welche Voraussetzungen menschlichen Denkens es bedarf, um einen Mythos zu schaffen.

2.3. Erzählen als eine Grundkonstante der Menschen

Wie oben bereits kurz angedeutet erzählt der Mythos von Geschehnissen. Er selbst ist also eine Erzählung; doch was zeichnet diese eigentlich aus? Hier soll auch der Frage nachgegangen werden, was das Wichtige einer Erzählung für den Menschen überhaupt ist. Wieso sind diese Gattung und das damit verbundene Erzählen selbst nicht aus den Leben der Menschen wegzudenken, weder in archaischer Zeit noch heutzutage?

Wenn vom Menschen gesprochen wird, dann denkt man automatisch an die mit ihm verbundenen Geschichten. Denn der Mensch besteht nun einmal aus seiner Lebensgeschichte. Diese wiederum setzt sich aus den verschiedensten kleineren Geschichten zusammen. Dabei spielt es keine Rolle, ob diese positiv oder negativ sind, alles, was einem widerfährt prägt das Leben. Man erlebt das bei jeder Feierlichkeit, formell oder informell, die Gäste unterhalten sich und tauschen Geschichten aus, egal ob es die eigenen Erlebnisse sind oder die anderer, die zum Besten gegeben werden. Auch ist es üblich, wenn Reden über einen Jubilar gehalten werden, dass am Podium etwas über das Leben des Jubilars erzählt wird. Aber nicht nur einzelne Menschen haben gemeinsame Geschichten, sondern auf der nächsten Stufe gibt es Familiengeschichten, die prägend sind für eine ganze Sippe. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um „normale“ Familien handelt oder um z.B. Königshäuser. Es werden oft Geschichten aus der Vergangenheit zu allen möglichen Anlässen erzählt. Auf der nächsthöheren Stufe finden sich die sozialen Gebilde, auch sie haben ihre Geschichten. Diese werden oft jährlich gefeiert, um daran zu erinnern, wie der Staat gegründet wurde, in dem die Bevölkerung heute lebt. So zum Beispiel der Independence Day am 4. Juli in den Vereinigten Staaten. Die Menschen sind stolz sich von einer anderen Macht abgesetzt zu haben, um ihren eigenen Staat zu gründen, in dem sie heute noch leben. So schreibt Grözinger hierzu: „Es ist unübersehbar, dass diese Rituale der Belebung von Geschichten einen legitimatorischen Aspekt haben.“ [22] Er führt hier weiter aus, dass monarchischen Staaten sich immer auf Gottes Gnaden berufen, um sich zu legitimieren. Andere Staaten berufen sich eben auf ihre Ursprungsgeschichte, um sich ihrer Wurzeln zu erinnern.
Auf der höchsten und somit letzten Ebene, um den Gedanken zu Ende zu führen, besteht auch die Menschheit als Ganzes aus spezifischen Geschichten. So kennt fast jede Kultur eine eigene Geschichte von Schöpfung und Sintflut, was darauf hinweist, dass es durchaus in den verschiedenen Kulturkreisen gemeinsame Erfahrungen gibt, die hier zugrunde liegen. In archaischen Zeiten war es eher schwierig sich mit anderen Kulturen zu verständigen, natürlich gab es Reisende, die Geschichten aus aller Welt mitbrachten, doch war es wesentlich seltener, als heutzutage. Dennoch machen sich verschiedene Völker, an ganz verschiedenen Orten, offenbar dieselben Gedanken über Schöpfung und Herkunft. Natürlich bleibt es nicht bei den „alten“ Erzählungen von damals, jede Epoche erzählt ihre eigenen Geschichten, aber die Basis ist immer eine bereits vorhandene. Man kann nicht erzählen oder etwas Neues Schaffen, ohne dabei das, was schon da ist, mitzudenken. Somit bedingt das, was schon da ist, das, was geschaffen wird, also das „Alte“ bedingt das „Neue“. Bei der Lebensgeschichte eines einzelnen Menschen ist es genauso. Man könnte hier sagen, die vier Schritte, die aufgezählt wurden, ergeben eine umgekehrte Treppe, denn das Individuum wird sowohl von der Menschheit, von der Gesellschaft, in der es lebt, als auch von der Familie und nicht zuletzt wieder von anderen Individuen und ihren Geschichten geprägt. Das Ganze versteht sich folglich nicht linear, sondern als Kreislauf, weil die „Anderen“ und auch die Familiengeschichte ihrerseits wieder davon geprägt werden. Somit handelt es sich um ein ständiges, aber auch um ein schrittweise ungewolltes Geben und Nehmen.[23] „Wo die Menschen nicht mehr erzählen können, dort verlieren sie ihre Geschichte und damit sich selbst.“ [24]Für den theologischen Bereich des Alten Testaments gilt im Grunde dasselbe, was eben genannt wurde, nämlich dass Gott sich in Geschichten ausdrückt. Dort wird von Gott erzählt, der mit seinem Volk ist, wie z.B. in Deuteronomium 26,5-9. Es wird in sprachlich aufeinanderfolgender Form geschildert, dass es den Israeliten schlecht geht, weil sie von den Ägyptern unterdrückt werden, deshalb flehen sie zum Herrn, er möge ihnen helfen. Und der Herr führt sie auch in das gelobte Land. Hier zeigt sich, dass die individuelle Lebensgeschichte aus der Geschichte eines Volkes mit seinem Gott erwächst.[25] Es wurde stets erzählend wiederholt, was der Herr an seinem Volk für Taten vollbracht hat. „Im Vorgang dieses erinnernden Erzählens versteht Israel sich selbst, erst so gewinnt es seine Identität.“ [26]

Aus dem oben genannten lässt sich also ableiten, dass Erzählen etwas Zwischenmenschliches ist und zwar auf sprachlicher Ebene. Es ist existentiell relevant für den Menschen. Nicht nur heutzutage reden wir gerne über Dinge, die passiert sind, sondern zu allen Zeiten der Menschheitsgeschichte wurden Geschichten erzählt, was auch dadurch belegt ist, dass das Wort erzählen im Grunde in jeder Sprache existiert. Erzählen ist aber deswegen nicht auf das Verbale beschränkt, schon die Höhlenmenschen erzählten ihre Geschichten in Form von Bildern. Sie hatten ihre eigene, für sie spezifische, Sichtweise auf die Dinge und genauso malten sie auch ihre Bilder, denn „[e]rzählen bedeutet eine bestimmte Sichtweise auf das Leben. Diese Sichtweise hat etwas mit dem Vergehen von Zeit zu tun“[27]. Ostermann schreibt hierzu, dass in den meisten Fällen von Begebenheiten erzählt wird, die bereits vergangen sind, so z.B. von der Jagd, doch diese Jagd wird auch in Zukunft wieder stattfinden, somit ist es ebenfalls möglich, hier die Schwelle zur Zukunft hin zu überschreiten. Er weist ebenfalls auf die von Müller eingeführte Unterscheidung von Erzählzeit und erzählter Zeit hin, denn während man nur wenige Sekunden braucht, um eine Szene aus einer Geschichte zu erzählen, können innerhalb der Geschichte Tage, Monate oder sogar Jahre vergangen sein. Natürlich ist auch der umgekehrte Fall möglich, dass ein Erzähler sehr lange brauchen kann, um nur einen Augenblick zu beschreiben, wie es etwa bei dem berühmten Werk Ulysses von James Joyce der Fall ist. Weiterhin ist ein Beleg dafür, dass das Erzählen universal anwendbar und in vielen Bereichen vertreten ist, dass es der Kunst zugeordnet wird. So ist es die Grundlage für drei Kunstbereiche, nämlich Theater, Literatur und Film. Die ersten beiden haben bereits eine Jahrtausende alte Tradition. Aber auch in der Psychotherapie, Soziologie, Psychologie, Wirtschaft und im Alltagsleben ist es fest verankert.[28] Erzählen vermittelt „Ordnung und Sinn“[29], gerade deswegen ist es in der Entwicklung des Menschen überall anzutreffen. Bereits als Kind will man erzählt bekommen, wobei Kinder einen viel unbedarfteren Umgang mit dem Erzählen haben: „Wenn Kinder erzählen lernen, können sie anfangs zwischen dem Wort und dem Objekt, auf das das Wort verweist, nicht genau unterscheiden. Eine erzählte Geschichte ist nicht weniger interessant als eine selbst erlebte Episode.“[30] Kruse fährt hier in seinem Buch Kunst und Technik des Erzählens weiter fort, dass Kinder durch Erzählungen lernen, ihre Lebenserfahrungen in Worte zu fassen und verschiedene Elemente, wie Personen, Orte und Ereignisse, miteinander zu verbinden. Ebenso erfahren sie, dass durch eine Geschichte Verbundenheit untereinander hergestellt werden kann.[31] Hierbei lässt sich erkennen, dass Erwachsene und Kinder eine völlig andere Auffassungsgabe vom Erlebten haben. woraus sich auch ableiten lässt, dass der oben bereits genannte Höhlenmensch wohl eine andere Auffassungsgabe hatte als der heutige Mensch. Natürlich trifft das nicht nur auf den Menschen der Steinzeit zu, sondern auch auf die Menschen der archaischen Kulturen.
Ostermann führt in seiner Annäherung an den Erzählbegriff ein Zitat von Aristoteles an, das beschreibt, dass das Ziel einer Tragödie nicht die Nachahmung in irgendeiner Form ist, sondern Handlung und Lebenswirklichkeit. Es ist eben nicht die Figur, die die Tragödie ausmacht, sondern die Figuren sind dazu da, um ein Geschehen zu erzählen.[32] Weber spricht vom „Und-dann-Erzählen“ und auch vom „Und-und-Erzählen“ [33] als Grundform allen Erzählens. Doch damit eine Geschichte daraus wird, müssen laut Aristoteles noch weitere Kriterien erfüllt werden, nämlich muss der Text ein Ganzes sein und „[e]in Ganzes ist, was Anfang, Mitte und Ende hat“[34], also soll eine Erzählung aus den heute allgemein bekannten Teilen Einleitung, Hauptteil und Schluss bestehen. Ebenfalls wird Spannung im Text erwartet, also die wiederum auf Aristoteles zurückgehenden Termini Exposition, Klimax und Katharsis, welche eine Dynamik hineinbringen, da es sonst sehr langweilig sein kann.[35] Kruse betont, dass Erzählen stark subjektiv bewertet ist und sich vom alltäglichen Geschehen abhebt, es treten Probleme auf, die gelöst werden müssen. Diese Lösung sorgt entsprechend dafür, dass sich die aufgebaute Spannung wieder abbaut bzw. auf einmal entlädt und somit den Zuhörer, Leser, Zuschauer fesselt.[36]Eine entscheidende Aufgabe bei Erzählungen kommt dem Rezipienten zu. Dieser nimmt das vom Erzähler Vorgetragene auf und formt es in seinem Vorstellungsvermögen zu einer individuellen Wirklichkeit, er wandelt also das Gehörte zu einer eigenen Geschichte. Der Rezipient „erhält […] Zugang zu einer neuen, ungewohnten Sicht auf die Wirklichkeit, die nun verändert durch Ordnung und Sinn gekennzeichnet ist“ [37]. Zugleich erfolgt das oben bereits beschriebene Phänomen, dass, während der Rezipient durch die von außen an ihn herangetragene Erzählung in seinem Vorstellungsvermögen seine eigene Wirklichkeit formt, sich diese zugleich durch das Gehörte transformiert.
Culler bringt die nicht zu vernachlässigende Frage nach der Wahrheit ins Spiel, doch eine Erzählung kann eben nicht in die Kategorien wahr oder falsch eingeordnet werden, weil diese immer auch subjektiv erzählt wird. Somit sind sie zum Teil gelogen, weil es eben keine objektive Sicht von außen auf ein Geschehen darstellt, sondern subjektiv in verschiedene Richtungen verfärbt ist. Die sich zwischen dem Erzähler und Zuhörer aufbauende Wirklichkeit bezeichnet Ostermann als durchaus wahr, auch wenn sie nicht nur auf der Wiedergabe von Tatsachen beruht. „Es ist also eine Wahrheit, die sich auf die menschliche Existenz im Sinne der Grundgegebenheiten von Liebe, Schuld, Freude, Hass, Trauer und Versöhnung gründet, kurz eine Wahrheit der Beziehung.“ [38] Somit lässt sich aus dem oben genannten zusammenfassen, dass sich erzählen im zwischenmenschlichen Bereich abspielt und zwar auf einer sprachlichen Basis. Es wird eine bestimmte subjektive Sichtweise wiedergegeben und das Vergehen von Zeit wird hier eingeschlossen. Zugleich ist Erzählen in der Kunst beheimatet und in fast allen weiteren Lebensbereichen auch, es dient zur Vermittlung von Ordnung und Sinn, schon allein deswegen, weil die erzählten Geschichten einem klaren Schema folgen. Ebenfalls benötigen Geschichten einen Rezipienten, der sich mit ihr auseinandersetzt und das an ihn Herangetragene verarbeitet. Auch kann es hier keine Gliederung in wahr und falsch geben, weil sich die Wahrheit hier in Beziehung artikuliert.[39] Der Mythos ist also eine Erzählung, welche wiederum für den Menschen essentiell ist, um sich selbst und seine Wirklichkeit zu konstruieren. Menschen leben von Geschichten, wenn man sich mit Freunden trifft, gibt man nicht nur die Quintessenz dessen wieder, was man erlebt hat, sondern es werden Geschichten davon erzählt, was einem widerfahren ist, möglichst spannend, um das Gegenüber ins Staunen zu versetzen. Ohne das Erzählen würde dem Menschen das Vermögen genommen werden Erfahrungen auszutauschen. Eventuell prägt sich das Erlebte seines Freundes oder seiner Freundin ins eigene Gedächtnis ein, so dass es handlungsleitend wird für das, was dieser selbst einmal tut. Wenn das geschieht, hat eine von außen herangetragene Geschichte das eigene Wesen verändert. Auch wenn ein geliebter Mensch stirbt, so mag er zwar nicht mehr direkt körperlich anwesend sein, doch er lebt in den Geschichten, die über ihn erzählt werden, weiter. Dabei ist es egal, ob es sich um Begebenheiten handelt, die er selbst erlebt hat oder ob es Geschichten sind, die er wiederum nur gerne erzählt hat.

2.4. Voraussetzungen für einen Mythos

H. P. Müller schildert die Voraussetzungen für einen Mythos in seinem Werk Mythos Tradition Revolution. Eigentlich hat er sich vom Mythos an sich, den er als (vor-) literarische Gattung bezeichnet, abgewandt und sich dem Mythischen als „Inbegriff bestimmter Inhalte, Formelemente und Funktionen“ [40] zugewandt, weil er der Meinung ist, dass „das Mythische erst außerhalb der Gattung Mythos zur kritischen Klärung seiner selbst gelangt“ [41]. Wenn er im Folgenden seiner Arbeit über das Mythische spricht, so betont er dennoch, dass dies auf der Grundlage des Mythos als dessen Ursprung geschieht. Es hört sich so an, als wollte sich Müller eben von einer Gattung des Mythos mit seinen festen Formen, z.B. als Erzählung, lossagen, aber dennoch schreibt er über wesentliche Elemente, die den Mythos an sich genauso betreffen, wie den Begriff des Mythischen, den er davon abgrenzt. Somit sind seine Grundüberlegungen eben auch auf einen Mythos im eigentlichen Sinne rückübertragbar. Deshalb soll hier Mythisches und Mythos nicht in verschiedenartiger Weise genutzt werden, man sollte aber nicht aus den Augen verlieren, dass Müller hier mitunter nicht den Mythos als Ganzes zu betrachten bereit ist, sondern eben mythische Elemente, welche aber, laut seiner eigenen Aussage, immer auf ihren Quell – den Mythos – rückverwiesen sind.
Die Menschen spüren eine Macht in der Welt, die sie nicht wirklich kontrollieren können, Müller nennt es hier schlicht „die Macht“. Sie ist allgegenwärtig und das, was sich wissenschaftlich erklären lässt, ist im Vergleich zu dem, was nicht verstanden werden kann, doch eher gering. In archaischer Zeit war diese numinose Macht noch wesentlich größer gefasst, als es in der heutigen Zeit der Fall ist, denn heute gibt es schon eine Reihe von Erklärungsansätzen für alle möglichen wissenschaftlichen Themen, deren Zusammenhänge die Menschen damals noch gar nicht oder wenn überhaupt nur in geringem Ansatz verstanden. Otto bezeichnet diese Macht als mysterium tremendum et fascinosum [42], eben weil hierin z.B. die Naturgewalten fallen, die die Menschen zum einen faszinieren, aber eben auch fürchten, weil sie diese nicht erklären können. Auch wenn diese Macht, die Otto wiederrum als das Heilige bezeichnet den Menschen nicht gänzlich geheuer ist, so ist man doch in Versuchung, diese für sich zu nutzen: „[M]an kanalisiert die Macht durch ein Netz von regelnden Riten, steigert sie durch Kumulation oder hebt sie auf durch Zerstörung ihres Trägers“ [43]. Der archaische Mensch fühlt sich jedoch angesichts der ihm begegnenden Macht eher zurückgeworfen und die Welt, so wie sie ist, läuft ihm davon. Somit beherrscht das tremendum den Zustand des Menschen. Er kann sich nicht gegenüber der Gestaltlosigkeit der ihn umgebenden Wirklichkeit behaupten und auch nicht alles in sich selbst begründen.[44] Nun folgt hieraus im Grunde als logischer Schritt, dass die Welt, die den Menschen umgibt, damit er sich mit ihr identifizieren kann, Gestalt annehmen muss. Dieser Gestalt wird zumeist noch ein Name, eine Wille und ein Schicksal zugesprochen, eben ganz wie beim Menschen, für den dies ein entscheidendes Merkmal seiner Person darstellt. Hier ist als Beispiel eine hinduistische Hochzeitszeremonie zu nennen, bei der sich Mann und Frau als Himmel und Erde bezeichnen. Sie sind nun nicht nur Teil des Kosmos, sondern übertragen umgekehrt auch ihr Personsein auf den Kosmos. Doch an dieser Stelle kann nicht stehengeblieben werden, sondern es muss notwendig ein weiterer Schritt folgen, nämlich, dass die Wirklichkeit, der etwas Personales zugeschrieben wird, sich zudem noch vom Menschen abhebt. Das ergibt sich daraus, dass die bekannte Welt diese oben bereits beschriebene Macht enthält, somit kann die Natur nicht lediglich vermenschlicht werden, sondern muss diese Menschlichkeit übersteigen.

[...]


[1] Vgl. Art. Mythos, 663.

[2] Ebd.

[3] Vgl. Zeyer: Mythos „Kultmarke“, 6f.

[4] Vgl. Petersen: Mythos im Alten Testament, 7.

[5] Graf: Mythosbegriff bei Heyne, 287.

[6] Vgl. ebd., 286.

[7] Ebd., 288.

[8] Vgl. ebd., 288f.

[9] Vgl. ebd., 289f.

[10] Vgl. ebd., 290f.

[11] Sløg: Art. Mythos und Mythologie I, 1263.

[12] Vgl. hierzu auch: Graf: Mythosbegriff bei Heyne, 291f.

[13] Soden: Der altbabylonische Atramchasis-Mythos, 618 (=TUAT).

[14] Vgl. Petersen: Mythos im Alten Testament, 24f.

[15] Vgl. Reventlow: Mythos im Alten Testament, 36.

[16] Vgl. Schmidt: Mythos im Alten Testament, 238.

[17] Lambert: Akkadische Mythen und Epen. Enuma Elisch, 569 (=TUAT).

[18] Vgl. Westermann: Genesis 1-11, 63f.

[19] Güterbock, zitiert nach Petersen: Mythos im Alten Testament, 28.

[20] Bergmann, zitiert nach ebd.

[21] Kees, zitiert nach ebd.

[22] Grözinger: Die Sprache des Menschen, 156.

[23] Vgl. ebd., 155f.

[24] Ebd., 157.

[25] Vgl. ebd., 158.

[26] Ebd.

[27] Knauss: Schule des Erzählens, 7.

[28] Vgl. Ostermann: Gotteserzählungen, 35f.

[29] Ebd.

[30] Kruse: Kunst und Technik des Erzählens, 28.

[31] Vgl. ebd., 29.

[32] Vgl. Ostermann: Gotteserzählungen, 37.

[33] Zitiert nach: ebd., 35.

[34] Zitiert nach: Ebd., 37.

[35] Vgl. Ebd., 37f.

[36] Vgl. Kruse: Kunst und Technik des Erzählens, 44f.

[37] Ostermann: Gotteserzählungen, 38.

[38] Ebd., 39.

[39] Vgl. ebd., 40f.

[40] Müller: Mythos Tradition Revolution, 10.

[41] Ebd., 11.

[42] Vgl. hierzu Otto: Das Heilige.

[43] Müller: Mythos Tradition Revolution, 13.

[44] Vgl. ebd., 14f.

Details

Seiten
77
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656573418
ISBN (Buch)
9783656573401
Dateigröße
751 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v267372
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg – katholische Theologie
Note
1,0
Schlagworte
Mythos Theologie Dogmatik Enuma Elisch Genesis Schöpfung Gymnasium Atram Hasis Atramchasis Antropogonie Kosmogonie Theogonie Urgeschichte Transzendenz Immanenz Götter Welt Menschen Erzählen mythus Heyne

Autor

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Titel: Der Mythos und seine systematisch-theologische Funktion