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Die politische Bedeutung der Skulpturen auf der Piazza della Signoria und in der Loggia dei Lanzi zu Zeiten der Renaissance

von Marlene Mertsch (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 18 Seiten

Kunst - Bildhauerei, Skulptur, Plastik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Piazza della Signoria
2.1 Donatello: Judith und Holofernes
2.2 Michelangelo: David

3 Loggia dei Lanzi
3.1 Cellini: Perseus und die Gorgone Medusa
3.2 Giambologna: Der Raub der Sabinerinnen

4 Resümee

Anhang:

Literaturverzeichnis

Die politische Bedeutung der Skulpturen auf der Piazza della Signoria und in der Loggia dei Lanzi zu Zeiten der Renaissance

1. Einleitung

“ And also it ’ s not right that a woman kills a man, and above all it ’ s not right, because it was set up under an evil star, for since things have gone from bad to worse and we have lost Pisa … so I advise that this David hat better replace the Judith. ” [1]

John Shearman zitiert in seinem Aufsatz „Art or Politics in the Piazza?“ den Astrologen, Architekten und Verwalter der Piazza della Signoria Francesco Filarete, dessen Zitat deutlich zum Ausdruck bringt welche politische Macht sich hinter, den uns heute immer noch bekannten, Statuen, auf der Piazza, verbirgt. Wenn, wie 1504, ein Komitee einberufen werden muss, um der Regierung zu befehlen, wo welche Statue zu stehen hat, dann begibt sich die Kunst der Bildhauerei in Florenz zu Zeiten der Renaissance auf eine politische Ebene.[2]

Diese politische Ebene verflochten mit den Meisterwerken der Renaissance möchte ich auf den nächsten Seiten versuchen zu beschreiben, zu analysieren, zu deuten und zu entschlüsseln. Die erste Skulptur wird die Gruppe Judith und Holofernes von Donato di Niccolò di Betto Bardi, im weiteren Verlauf und auch im üblichen Gebrauch Donatello genannt, sein. Dazu möchte ich den David von Michelangelo Buonarroti heranziehen, der knappe fünfzig Jahre nach der Gruppe Judith und Holofernes auf der Piazza della Signoria aufgestellt wurde. Ebenfalls behandelt werden sollen, die Gruppe Perseus und die Gorgone Medusa von Benvenuto Cellini und die Raptus Gruppe Der Raub der Sabinerinnen von Giovanni Bologna, nachfolgend Giambologna genannt, die sich heutzutage in der Loggia dei Lanzi auf der Piazza della Signoria befinden. Vorrangehend wird es von allen vier Statuen eine Beschreibung, Analyse und Deutung inklusive der entweder christlichen, biblischen Geschichte, der antike römischen Geschichte oder der griechisch, mythologischen Geschichte geben. Im Hauptteil soll versucht werden Beziehungen zwischen den Statuen herzustellen. Wichtig erscheint aber auch die Bedeutung der Skulpturen und deren biblische, antike oder mythologische Geschichte in Beziehung mit der Geschichte von Florenz zu setzten und den Personen, die damals zum Zeitpunkt der Aufstellung der Skulptur an der Macht waren und die den Auftrag für die jeweilige Skulptur gegeben haben. Welchen Eindruck sollte man als Fremder zu Zeiten der Renaissance in Florenz bekommen wenn man zum ersten Mal auf den Platz vor dem Rathaus stand und die Skulpturen zu sehen bekam und welche Wirkung hatten die Statuen auf die Florentiner? Ein besonderes Augenmerk möchte ich auf die Judith und Holofernes Gruppe von Donatello richten. Die Geschichte dieser Skulptur wird sich durch die gesamte Hausarbeit ziehen und ich möchte versuchen herauszufinden warum eben diese Gruppe immer wieder ein Gesprächsthema im damaligen Florenz in der Renaissance gewesen ist.

2. Piazza della Signoria

Die Piazza della Signoria wurde um das Jahr 1268 so in ihrer Form gestaltet, wie sie heute auch noch besteht, nachdem die siegreichen Guelfen die Häuser der Ghibellinen zerstört hatten. Bis ins 15. Jahrhundert bekämpften sich Guelfen, die Anhänger des Pabstes angelehnt an das Geschlecht der Welfen und Ghibellinen, auch Waiblinger genannt, die Anhänger des Kaisers und angelehnt an die Stadt der Staufer, Waiblingen, in Italien. Besonders die Stadtstaaten in der Toskana wie Florenz, Siena, Pisa oder Lucca, aber auch andere italienische Städte wie Mailand, Verona oder Genua waren von diesen Kämpfen betroffen. [3] Die Piazza della Signoria bildet den politischen Mittelpunkt der Stadt, wo hingehen die Piazza del Duomo den kirchlichen und die Piazza della Repubblica, früher Piazza del Mercato Vecchio genannt, den wirtschaftlichen Mittelpunkt bildet. Auf der Piazza della Signoria befindet sich der Palazzo Vecchio, ursprünglich Palazzo della Signoria genannt, der Palast und das Rathaus von Florenz, der von Arnolfo die Cambio um 1314 fertiggestellt wurde. Die Benutzung des Wortes Signoria bezieht sich auf die italienische Bedeutung der monokratischen Herrschaftsausübung. Die Signoria, die Ratsversammlung wählte den Signore, in diesem Fall den Herren des Stadtstaates Florenz. Diese Form der Regierung war zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert in Italien, besonders bei den Stadtstaaten, sehr beliebt.[4] Die Piazza war ein Ort an dem Tribunale einberufen wurden aber auch ein Ort für Rechtsprechung, Verkündigungen und öffentliche Hinrichtung.[5]

2.1 Donatello: Judith und Holofernes

Die Judithgruppe von Donatello wurde 1457 auf der Piazza aufgestellt. Sie ist auch die erste Statue überhaupt, die auf der Piazza della Signoria aufgestellt wurde.

Das Buch Judit in den Apokryphen des Alten Testamentes um 150 v. Chr. wahrscheinlich in Jerusalem oder Judäa, auf Hebräisch verfasst, enthält unter anderem die Geschichte von Judith und Holofernes. Das Buch Judit wird allgemein als fiktionale Erzählung aufgefasst so sind Judith und Holofernes wahrscheinlich keine historischen Gestalten. Holofernes soll ein assyrischer Feldherr und General des babylonischen Königs Nebukadnezar II sein, der auf Befehl des Königs ausgeschickt wurde um die Länder zwischen dem Mittelmeer und dem Roten Meer einzunehmen, als Rache dafür, dass diese Länder Nebukadnezar im Krieg gegen den medischen König Arphaxad nicht unterstützt hatten. Judith sei eine reiche, schöne und fromme Witwe gewesen, dessen Stadt Betulia im judäischen Bergland von Holofernes belagert wird. Es droht eine Wasserknappheit und die Menschen der Stadt Betulia sind bereit sich zu ergeben. Einige Anwohner der Stadt fordern jedoch eine Frist von fünf Tagen, in der Gott sie noch retten kann. Judith betritt zwischenzeitlich mit ihrer Magd das Lager des Holofernes und schafft es mühelos durch ihre Schönheit und Weisheit in das Zelt des assyrischen Feldherren. Derselbe ist betört von der Schönheit Judiths und lädt sie, nachdem sie seit drei Nächten im Zeltlager des Holofernes geschlafen hatte, zu einem Abendessen in sein Zelt ein.

„ Da wallte dem Holofernes sein Herz; denn er war entz ü ndet mit Begierde nach ihr. “ [6]

Weiter heißt es in der Bibel, dass Holofernes so betrunken gewesen sei wie noch nie zuvor in seinem Leben und auch seine Diener und Wachen waren betrunken, so dass sie sich zum schlafen zurück zogen und Judith mit Holofernes allein ließen, um bei der erwarteten Liebesnacht nicht zu stören.[7] Zum erwarteten Liebesackt sollte es jedoch nicht kommen, denn nachdem Holofernes betrunken auf seinem Bett eingeschlafen war nahm Judith sein Schwert und schnitt ihm mit zwei Hieben den Kopf ab. Daraufhin kehrt sie mit ihrer Magd in die Stadt Betulia zurück und präsentiert den Bewohnern das Haupt des Holofernes.

„ Sehet, das ist das Haupt des Holofernes, des Feldhauptmanns der Assyrer, und sehet, das ist der Vorhang, darunter er lag, da er trunken war. Da hat ihn der Herr, unser Gott, durch Weibeshand umgebracht. So wahr der Herr lebt, hat er mich durch seinen Engel beh ü tet, da ß ich nicht bin verunreinigt worden, solange ich bin au ß en gewesen; und hat mich ohne S ü nde wieder hergebracht mit gro ß en Freuden und Sieg. “ [8]

Die Armee des Holofernes floh, nachdem sie den kopflosen Körper ihres Feldherren in seinem Zelt fanden.

Donatellos vollplastische, fast lebensgroße Judith und Holofernes Brozengruppe, wahrscheinlich von Cosimo de‘ Medici oder Giovanni de‘ Medici als Figur für einen Brunnen im Garten des Palazzo Medici in Auftrag gegeben, wurde zwischen 1453 und 1457 geschaffen. Zu sehen ist Judith dargestellt als stehende junge Frau. Sie ist vollständig und prachtvoll gekleidet, ihr Haar wird durch Tücher verdeckt. In der linken Hand hält sie das Schwert des Holofernes über ihrem Kopf und mit der rechten Hand hält sie den Kopf des Holofernes, der sich zu diesem Zeitpunkt noch auf dem Hals desjenigen befindet. Der Blick der Judith geht ebenfalls nach unten zum Kopf. Holofernes seinerseits sitzt auf einem Kissen nur gehalten durch Judiths festen Griff in den Haarschopf, wodurch sein Kopf von ihr nach links gedreht wird. Seine Kleidung besteht aus einem Lendentuch. Er sitzt breitbeinig und seine Füße hängen schlaff vom Kissen, auf dem er sitzt, hinab. Auch seine linke Hand ragt nach hinten und hängt am Kissen hinunter. Judith steht mit dem rechten Fuß zwischen seinen Beinen, auf dem Genital. Das linke Bein geht an der Schulter des Holofernes hinab und ihr Fuß steht auf seiner rechten Hand. Insgesamt wirkt er leblos und schwach, geht man vom Bibeltext aus sollte sich Holofernes zu dem Zeitpunkt auch im Schlaf befinden. Trotzdem kann man die Kraft seines durchtrainierten Körpers erkennen.[9]

Unter dem Kissen befindet sich ein dreiseitiger Sockel, dessen Ecken durch Säulen betont werden. Auf den Flächen befinden sich flache Reliefs auf denen Bacchanalien dargestellt sind.[10] Als Bachanalien bezeichnet man Feste im antiken Rom, die von Anhängern des Gottes des Weines, Bacchus, organisiert und gefeiert wurden. Bacchanalien werden als Feste beschrieben, die mit äußerster Ausgelassenheit gefeiert wurden und meistens in Exzessen endeten, hervorgerufen durch die große Menge Alkohol und psychedelische Substanzen, die die Gäste zu sich nahmen.[11] Auf einem darunter liegenden Marmorsockel befand sich eine Inschrift:

REGNA CADUNT LUXU SURGUT VIRTUTIBUS URBES/ CAESA VIDES HUMILI COLLA SUPERBA MANU

K ö nigreiche st ü rzen durch Unzucht, durch Tugenden steigen die St ä dte: Siehe, der Hofart Haupt f ä llt von der Demut Hand.

Nachdem die Judith und Holofernes Gruppe auf der Ringhiera, der Piazza della Signoria vor dem Palazzo Vecchio im Jahre 1495, nach der Vertreibung der Medici Familie, aufgestellt wurde bekam der Marmorsockel eine neue Inschrift:

EXEMPLUM SAL(UTIS) PUB(LICAE) CIVES POS(UERE) MCCCVC

Dieses Beispiel der Rettung stellten die B ü rger auf. [12]

Auffällig an der Gruppe sind die Gegensätze die dem Betrachter geboten werden. Während die Judith vollständig und prachtvoll gekleidet ist, trägt Holofernes nur einen Lendenschutz. Die herabhängenden Hände des Holofernes, dessen verletzliche Innenseiten nach außen gekehrt sind, stehen im Gegensatz zu der kontrollierten rechten Hand Judiths, die im Inbegriff ist ihm den Kopf abzuschlagen. Sie steht aufrecht, er wird nur durch die Kraft ihrer linken Hand gehalten. Auch die Füße der Judith bestimmen den Blick auf Holofernes: Hand und Geschlecht von ihm befinden sich in der Gewalt Judiths in dem sie auf ihnen steht. Die ganze Komposition ist in vielfachen Einzelheiten antithetisch konzipiert. Formal ist die Judithgruppe in der Tradition der Tugend-und-Laster-Darstellungen verankert. Judith ist das Sinnbild der triumphierenden Tugenden über alle Laster, die durch Holofernes verkörpert werden und auch der Sieg der Demut (Humilitas) über den Hochmut (Superbia). Verstärkt wird diese Zuordnung dadurch, dass Judith steht und Holofernes sitzt. Zudem verkörpert Judith die Keuschheit und Holofernes die sexuelle Zügellosigkeit, unterstrichen durch die zuvor beschriebene Kleidung. Darüber hinaus ist Judith der Typus für Maria im neuen Testament, die ebenfalls für die Keuschheit steht.

Einerseits ist Judith als Verkörperung eines moralischen Prinzips dargestellt, andererseits lässt sich aber auch das Problematische einer sittlichen Entscheidung erkennen. In der erhobenen Schwerthand ist sowohl die tödliche Handlung gefangen, als auch die Geste der triumphierenden Siegerin und hierbei kann man eine innere Krise der Judith erkennen. Denn anders als in vorrangegangenen mittelalterlichen Darstellungen auf denen man die Szene zu sehen bekommt, in denen der Kopf schon abgetrennt wurde, steht Judith direkt vor diesem Schritt. Ebenfalls anders als auf vorangegangenen Bildern des Mittelalters stehen Judith und Holofernes bei Donatello extrem nah beieinander und berühren sich. Es entsteht eine gewisse sexuelle Spannung und Intimität, an der Stelle wo sich beide Körper berühren und durch diese körperliche Nähe konnte Donatello anders als seine Vorgänger eine starke Verknüpfung zwischen der Heroin und dem Tyrannen herstellen und den Mord an Holofernes als eine individuelle Erfahrung auslegen. Die Trennung von Gut und Böse verschwimmt durch die Nähe der beiden Figuren und sie werden Eigenschaften des menschlichen Handelns die von Fall zu Fall anders betrachtet werden müssen. Holofernes Schicksal erscheint als individuell zu erleidendes Schicksal, aber auch als selbst verschuldet und als moralisches Versagen, da sein Tod die Folge von seiner sexuellen Begehrlichkeit und Trunkenheit ist. Judith im Gegensatz dazu ist die moralische Kraft zur notwendigen Handlung.

[...]


[1] Filarete, Francesco in Shearman, John (2003): Art or Politics in the Piazza? S. 23

[2] In diesem Fall ging es um den geeigneten Ort für den David von Michelangelo Buonarotti, der offensichtlich am besten an dem Platz aufgestellt wäre, wo zu damaliger Zeit die Gruppe Judith und Holofernes von Donatello stand.

[3] Cardini, Franco (1989): „Ghibellinen“ & „Guelfen“

[4] Lunari,M. (1989): „Signorien und Fürstentümer“

[5] König-Lein, Susanne S. 73-79

[6] Jdt. 12.17

[7] Jdt. 13.1-6

[8] Jdt. 13. 19-20

[9] Abb.1

[10] Abb. 2

[11] Lexikon “Bacchus” S. 297

[12] Die Ringhiera ist eine Erhöhung vor dem Palazzo Vecchio, die als Rednertribüne diente, gewesen, von der aus die Signoria zum Volk sprach. Heute besteht die Ringhiera nicht mehr.

Details

Seiten
18
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656577966
ISBN (Buch)
9783656577997
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v267482
Institution / Hochschule
Hochschule für Bildende Künste Braunschweig
Note
2,7
Schlagworte
Florenz Skulptur Loggia dei Lanzi Piazza della Signoria Renaissance

Autor

  • Marlene Mertsch (Autor)

    7 Titel veröffentlicht

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Titel: Die politische Bedeutung der Skulpturen auf der Piazza della Signoria und in der Loggia dei Lanzi zu Zeiten der Renaissance