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Die "Struktur wissenschaftlicher Revolutionen" nach Thomas S. Kuhn. Eine kritische Diskussion von Kuhns Wissenschaftsbild

Seminararbeit 2013 15 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Paradigma und Normalwissenschaft
2.1. Vorparadigmatische Zeit und wissenschaftliche Gemeinschaft
2.2. Paradigmen
2.3. Normatwissenschaftliche Forschung
2.4. Anomalie und Krise

3. Wissenschaftliche Revolutionen
3.1. Voraussetzungen. Genese und Merkmale wissenschaftlicher Revolutionen
3.2. Theoriewahl und Inkommensurabilitätsthese

4. Wissenschaftlicher Fortschritt und Relativismus
4.1. Normatwissenschaftlicher und revolutionärer Fortschritt
4.2. Historischer Relativismus

5. Kritische Diskussion des kuhn'schen Konzepts
5.1. Kritische Betrachtung der Normalwissenschaft
5.2. Kritische Betrachtung der wissenschaftlichen Revolutionen

6. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Kern dieser Seminararbeit bildet das Essay Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen von Thomas S. Kuhn, dessen theoretischer Ansatz hier vorgestellt und nachfolgend kritisch disku­tiert werden soll. Ziel ist es. Kuhns Idee vom wissenschaftlichen Fortschritt als evidentes Erklä­rungsmodell darzulegen.

Allerdings soll zunächst einmal komprimiert auf jene Vorstellung von Wissenschaftsentwicklung eingegangen werden, der sich Kuhn mit seinem Ansatz explizit widersetzt. Zum einen bean­standet er die Vorstellung der kumulativen Wissenschaftsentwicklung infolge einer kontinuierli­chen Weiterentwicklung und Anpassung von bestehenden Theorien (vgl. Kuhn 1974a: 1). Kuhn bestreitet keinesfalls den Fortschritt von Wissenschaft, jedoch vollzieht sie sich für ihn nicht konstant im Rahmen einer Theorie (vgl. Kuhn 1974a: 1). Vielmehr ist der Fortschritt durch Brü­che, Verwerfungen und Neuanfänge geprägt (vgl. Kuhn 1974a: 2-3). Zum anderen kritisiert Kuhn die Vorstellung, dass die Wissenschaft die Wirklichkeit zu beschreiben und zu erfassen versuche, um sich der faktischen Wahrheit anzunähem (vgl. Kuhn 1974a: 1). Kuhn hingegen ist der Meinung, dass Wahrheit nicht objektiv sein kann und sich stets relativ an den wechselnden historischen Weltanschauungen bemisst (vgl. Kuhn 1976: 21-22).

In der Konsequenz aus der Auseinandersetzung mit dem knapp umrissenen Modell erarbeite Kuhn seine Ideen von Wissenschaft und wissenschaftlichem Fortschritt sowie Wissenschaft und Wahrheit. Im Folgenden werden die verwendeten Begriffe von Kuhn näher vorgestellt und an­schließend diskutiert.

2. Paradigma und normale Wissenschaft

2.1. Vorparadigmatische Zeit und wissenschaftliche Gemeinschaft

Unter der vorparadigmatischen Zeit versteht Kuhn (1976: 32) eine Phase, die einer Wissen­schaft vorangeht und in der die verschiedenen in Konkurrenz stehenden Schulen. Lehren oder Weltanschauungen noch geringfügig organisiert sind. Sie weisen alle eigene methodisch-theo­retische Konzepte auf; sind allerdings in letzter Konsequenz nicht fähig, als leitendes For­schungskonzept eines Fachgebiets zu fungieren (vgl. Kuhn 1976: 25-26. 190). Findet nun ein bestimmtes Theoriekonzept bei der Mehrheit der Wissenschaftsgemeinschaft Anerkennung, so wird dieses Konzept als Paradigma bezeichnet (vgl. Kuhn 1976: 25). In der Regel setzt sich ein Paradigma durch, wenn eine große Gruppe von Wissenschaftlern vom Sinn und dem Potenzial des Paradigmas überzeugt werden konnte (vgl. Kuhn 1976: 25-26). Es zeichnet sich dabei durch allgemeine theoretische Hypothesen und Gesetze sowie Techniken aus, die es den Wis­senschaftlern ermöglichen, ihre Probleme bestmöglich zu lösen (vgl. Kuhn 1976: 25).

Ал dieser Stelle ist festzuhalten, dass die jeweilige wissenschaftliche Gemeinschaft eine wichti­ge Funktion besetzt. Da Mitglieder einer wissenschaftlichen Gemeinschaft sich weitestgehend auf die selbe Grundlagenliteratur beziehen und die Methoden. Techniken und Standards des entsprechenden Paradigmas kennen, verfolgen auch alle Mitglieder einer Wissenschaftsge­meinschaft kollektive Ziele (vgl. Kuhn 1976: 26). Das führt dazu, dass ausschließlich der Stand­punkt der wissenschaftlichen Gemeinschaft ausschlaggebend für die Würdigung bzw. Ableh­nung neuer Konzepte, Theorien und Methoden ist (vgl. Kuhn 1974a: 22).

2.2. Paradigma

Unter dem Begriff Paradigma versteht Kuhn einerseits ein disziplinäres System und anderer­seits gemeinsame Beispiele (vgl. Kuhn 1976: 193-199). Näher betrachtet besteht ein disziplinä­res System nach Kuhn aus vier Teilen. Als erstes nennt er Formeln, Gesetze und Definitionen, die von allen Mitgliedern einer Wissenschaftsgemeinschaft geteilt werden (vgl. Kuhn 1976: 193). Diese so genannten symbolischen Verallgemeinerungen beanspruchen weitestgehend eine allgemeine Gültigkeit und bilden damit einen wichtigen Teil des gemeinsamen Begriffssys­tems (vgl. Kuhn 1976: 193-194).

Als zweites verweist Kuhn auf die enthaltenen Modelle eines Paradigmas (vgl. Kuhn 1976: 195­196). Sie gelten als metaphysischer Teil eines Paradigmas und repräsentieren die geteilte Auf­fassung einer wissenschaftlichen Gemeinschaft (vgl. Kuhn 1976: 195). Masterman (1974: 65) fasst Kuhns Gedanken als eine „Reihe von Glaubenssätzen“, .einen Maßstab“, .ein Organisati­onsprinzip" oder als „etwas was ein weites Gebiet der Realität determiniert“ zusammen. Die symbolische Verallgemeinerungen und die Modelle stehen im Allgemeinen für den theoreti­schen Teil eines Paradigmas (vgl. Schurz 1998: 10).

Ein weiterer Bestandteil eines Paradigmas sind, wie Schurz (1998: 10-11) es nennt die allge­meinen methodologischen Prinzipien, welche methodische, epistemologiche und normative Aspekte beinhalten. Diese gemeinsam geteilten Werte formen die Wissenschaftsgemeinschaft (vgl. Kuhn 1976: 196-197). Allerdings müssen Werte wie Einfachheit. Plausibilität und Verträg­lichkeit einer Theorie nicht zwangsläufig von der gesamten Wissenschaftsgemeinschaft geteilt werden (vgl. Kuhn 1976: 197). Der Gebrauch solcher Werte hängt nach Kuhn (1976: 197) stark von den individuellen und biographischen Merkmalen der einzelnen Wissenschaftler ab. Die

Werte repräsentieren somit den soziologischen Teil eines Paradigmas (vgl. Masterman 1974: 65).

Als letzte Komponente sind die gemeinsamen Beispiele zu nennen, welche die konkreten Pro­blemlösungen des Paradigmas repräsentieren und darüber hinaus den gesamten empirischen Gehalt mancher Theorien, Gesetze und Hypothesen darstellen (vgl. Kuhn 1976: 199). Sie sind entscheidend für den wissenschaftlichen Fortschritt (vgl. Seiler 1980: 9-10).

Die Funktion eines Paradigmas besteht darin, die Rätsel eine Wissenschaft festzulegen, regula­tive und methodische Problemlösungsstrategien zu definieren und Inhalt sowie Gültigkeit der Forschungsarbeit abzugrenzen (vgl. Kuhn 1976: 49-52). Dabei müssen „Normalwissenschaftler (.) von der Voraussetzung ausgehen, dass ein Paradigma die Mittel bietet, um die Rätsel zu lö­sen, die innerhalb ihres Rahmens formuliert werden' (Chalmers 2007: 92). Dementsprechend definieren Paradigmen die Handlungs- und Beobachtungsmöglichkeiten und schränken sie zu­gleich auch ein (vgl. Kuhn 1976: 52).

2.3. Normalwissenschaftliche Forschung

Nach Kuhn zeichnet sich Normalwissenschaft durch die Existenz .eines' Paradigmas aus. Wis­senschaftler der Normalwissenschaft versuchen die Realität, an den Vorgaben des Paradigmas zu prüfen (vgl. Kuhn 1976: 37-38). Dabei ergeben sich typischerweise drei verschiedene Pro­blemfelder: Erstens die Bestimmung bedeutender Tatsachen, zweitens die gegenseitige Anpas­sung von Fakten und Theorie und drittens die Artikulation der Theorie (vgl. Kuhn 1976: 39-41). Zur Anpassung der Theorie an die Realität ist es dem Normalwissenschaftler möglich, Theorie­erweiterungen. Hypothesen und Spezialgesetze hinzuzufügen oder zu verändern (vgl. Stegmül­ler 1974: 183). Der Theoriekern • das Fundament - bleibt in der Regel unverändert (vgl. Kim 1991: 38).

Aufgabe des Normalwissenschaftlers ist es, die Rätsel, die das Paradigma stellt, zu lösen (vgl. Kuhn 1976: 50-51). „Das Paradigma bietet ihm eine Anzahl definierter Probleme zusammen mit Methoden, von denen er überzeugt ist, dass sie für die Problemlösung angemessen sind“ (Chalmers 2007: 94). Ist es dem Wissenschaftler nicht möglich, ein Rätsel zu lösen, dann wird dies als Scheitern des Wissenschaftlers und nicht als Widerlegung der Theorie bewertet (vgl. Chalmers 2007: 92). Denn im Allgemeinen muss sich der Wissenschaftler im Umgang mit der Theorie beweisen und nicht die Theorie selbst (vgl. Kuhn 1974a: 5).

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Details

Seiten
15
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656581741
ISBN (Buch)
9783656580751
Dateigröße
1.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v267664
Institution / Hochschule
Universität Siegen – Philosophische Fakultät
Note
1,3
Schlagworte
struktur revolutionen thomas kuhn eine diskussion kuhns wissenschaftsbild

Autor

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