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Professionalisierung der Sozialen Arbeit

Anforderungen und Qualitätsstandards professionellen Handelns

Bachelorarbeit 2013 55 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Professionelles Handeln
2.1. Begriffsbestimmung
2.2. Strukturmerkmale
2.3. Anforderungen
2.3.1. Verschiedene Positionen
2.3.2. Kompetenz und Grundhaltung
2.4. Modelle

3. Methodik der Kooperativen Prozessgestaltung
3.1. Theoretische Grundlagen
3.2. Methodik und Prozessmodell

4. Beitrag zur Professionalisierung
4.1. Allgemein
4.1.1. Ganzheitlichkeit
4.1.2. Differenziertheit
4.1.3. Kompetenzbildung
4.1.4. Anwendbarkeit
4.1.5. Realismus
4.2. Ausgewählte Aspekte
4.2.1. Kooperation
4.2.2. Diagnose
4.2.3. Reflexion

5. Schlussfolgerung

Quellenverzeichnis

Abstract

In dieser Bachelor Thesis wird der Frage nachgegangen, inwiefern die Methodik der Kooperativen Prozessgestaltung den Anforderungen an professionelles Handeln in der Sozialen Arbeit gerecht wird. Dazu werden die konkreten Anforderungen erarbeitet, das Prozessmodell und die theoretischen Grundlagen der Methodik vorgestellt und ihr Beitrag zur Professionalisierung erläutert. Professionelles Handeln bezeichnet qualitativ hochwertiges, bewusstes Handeln im beruflichen Kontext. Die Anforderungen bestehen darin, über verschiedene Schlüsselkompetenzen und eine Grundhaltung zu verfügen und sich angemessen in den Spannungsfeldern Sozialer Arbeit zu bewegen. Die Kooperative Prozessgestaltung ist eine Systematik, die methodisches Handeln strukturiert und die geforderten Voraussetzungen umfassend erfüllt. Besonderheiten der Methodik sind der hohe Stellenwert der Kooperation, die Entwicklung eines Verfahrens zur Diagnose und die Institutionalisierung einer beständigen Reflexion. Die Methodik der Kooperativen Prozessgestaltung stellt das erste geeignete Konzept von Professionalität für die Praxis dar, setzt einen Qualitätsstandard für professionelles Handeln und trägt damit wesentlich zur Professionalisierung der Sozialen Arbeit bei.

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Allgemeines Modell professioneller Fallarbeit (in: Müller 2006: 75)

Abb. 2: Zirkulärer Problemlösungsprozess (in: Stimmer 2012: 37)

Abb. 3: Phasenmodell (in: Possehl 2009: 23)

Abb. 4: Werkzeugkasten für methodisches Handeln (in: Spiegel 2011: 120)

Abb. 5 Zyklusmodell für den Hilfeprozess (in: Cassee 2010: 65)

Abb. 6: Prozessmodell Kooperative Prozessgestaltung (in: Hochuli Freund/Stotz 2011: 136)

Abb. 7: Vorgehen bei der Analyse (in: Hochuli Freund/Stotz 2011: 177)

Abb. 8: Theoriegeleitetes Fallverstehen (in: Hochuli Freund/Stotz 2011: 220)

Abb. 9: Qualitätsmerkmale der ersten drei Prozessschritte (eigene Darstellung)

1. Einleitung

Im deutschsprachigen Raum gibt es in der Sozialen Arbeit spätestens seit Beginn der 1970er Jahre eine noch immer andauernde Professionalisierungsdebatte (vgl. Spiegel 2011: 49). Dabei wurde vor allem diskutiert, ob die Soziale Arbeit eine eigenständige Profession ist. Dieser Frage wurde aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln und theoretischen Ansätzen heraus nachgegangen. Unter anderem wurde Soziale Arbeit mit Merkmalen der schon lange bestehenden klassischen Professionen verglichen und das Professionalisierungsstreben hinsichtlich Aneignung von Macht und Einfluss betrachtet. Es wurde der Versuch unternommen, Soziale Arbeit als Profession, über ihre Funktion und Bedeutung für die Gesellschaft, zu definieren oder sich an den konkreten Handlungsanforderungen zu orientieren (vgl. Knoll 2010: 89-103). In diesem Zusammenhang wurde auch Professionalisierungsbedürftigkeit und Professionalisierbarkeit erörtert, also ob es überhaupt notwendig und möglich ist, Soziale Arbeit zu professionalisieren.

Es wird davon ausgegangen, dass einer Profession, im Unterschied zu einem Beruf, eine Wissenschaft zu Grunde liegt. Die Frage nach der Sozialen Arbeit als Profession ist deshalb eng mit der Frage nach einer eigenen Disziplin bzw. Wissenschaft verbunden und lässt sich nicht getrennt davon betrachten. Bei der Professionalisierung geht es deshalb auch um das Verhältnis von Theorie und Praxis, respektive von Disziplin und Profession und darum, wie von theoretischem Wissen zu praktischem Handeln gelangt wird.

Der Diskurs brachte sehr unterschiedliche Schlussfolgerungen hervor. Angefangen damit, dass Soziale Arbeit keine Profession ist, sich auf dem Weg zur Profession befindet, nur eine Semi-Profession ist oder als eine eigenständige bzw. bescheidene Profession besteht, bis hin zur Überzeugung, Professionalisierung sei gar nicht erwünscht, da sie zur Feststellung der eigenen Überflüssigkeit führe. Somit ist ein breites Spektrum grundlegend verschiedener Positionen entstanden. Es gab immer wieder Stimmen, die eine Professionalisierung ablehnten oder Kritik am Diskurs übten. Beispielsweise bestand die Befürchtung einer Entmündigung der Klientinnen und Klienten durch eine zunehmende Expertisierung. Gerade die starke Orientierung an den klassischen Professionen wurde vermehrt hinterfragt. Es wurde angeregt und dazu übergegangen andere Beurteilungsmerkmale heranzuziehen, um eine Profession zu definieren (vgl. Galuske 2011: 125-128, Hochuli Freund/Stotz 2011: 42 f.).

Schon der kurze Überblick über die Debatte zeigt, wie kontrovers die Diskussion ist und wie vielfältige Positionen es zur Einordnung Sozialer Arbeit gibt. Es ist deshalb auch nicht weiter verwunderlich, dass es bis heute keinen gemeinsamen Konsens gibt und nach wie vor umstritten ist, ob Soziale Arbeit eine eigenständige Profession ist (vgl. Hochuli Freund/Stotz 2011: 13).

Dennoch oder vielleicht gerade deshalb ist der Professionalisierungsdiskurs von großer Bedeutung für die Soziale Arbeit. Er hat eine Auseinandersetzung über den Gegenstand Sozialer Arbeit angeregt und wichtige Impulse für die Praxis gegeben. Dies hat zur Bildung verschiedener Theorien und Entwürfe Sozialer Arbeit beigetragen und es sind erste Versuche unternommen worden, übergreifende Handlungskonzepte zu entwickeln. In dieser Arbeit wird genauer auf die konkreten Anforderungen für professionelles Handeln in der Sozialen Arbeit eingegangen. Der Fokus liegt damit verstärkt auf der Bedeutung für die Praxis. Professionalisierungstheorien werden deshalb nicht weiter vertieft und spielen nur im Hintergrund eine Rolle. Die theoretischen Grundannahmen sind entscheidend für das jeweilige Selbstverständnis und haben Auswirkungen auf die praktische Arbeit. Je nachdem von welchem Professionsverständnis ausgegangen wird, ergibt sich daraus eine andere Vorstellung, wie professionelles Handeln aussehen muss.

In Hinblick auf die Professionalisierungsdebatte ist eine Positionierung gegenüber den verschiedenen Standpunkten notwendig. In dieser Bachelor Thesis wird von den nachfolgend aufgeführten Voraussetzungen und Grundannahmen ausgegangen. Dieses Professionsverständnis bildet die Grundlage für die weiteren Ausführungen:

Die Soziale Arbeit ist eine eigenständige Profession. Dies bedeutet, dass sie eine Berufspraxis mit einer zu Grunde liegenden Handlungswissenschaft hat. Die beiden Systeme unterscheiden sich grundlegend und haben eine andere Ausrichtung und Zielsetzung. Dabei stehen sich Profession und Disziplin nicht hierarchisch, sondern gleichwertig gegenüber. Für die Anwendung des theoretischen Wissens in der Handlungspraxis benötigt es einer Transformation. Die Theorie kann nicht unverändert übernommen und angewandt werden, sondern muss angepasst und auf die praktische Umsetzung herunter gebrochen werden. Weiter wird davon ausgegangen, dass professionelles Handeln notwendig ist und sich bis zu einem gewissen Maß planen und strukturieren lässt. „Die Planung des Vorgehens modifiziert sozialpädagogisches Handeln von einem primär intuitiven Handeln hin zu einem kalkulierbaren Prozess der Hilfe.“ (Galuske 2011: 29)

Wenn nun von Professionalisierung die Rede ist, wird darunter nicht der Diskurs verstanden, ob Soziale Arbeit eine Profession ist, sondern ist damit der Vorgang gemeint, die Qualität und Fachlichkeit in der Sozialen Arbeit zu erhöhen. Die Professionalisierung vollzieht sich dabei reziprok auf unterschiedlichen Ebenen. Dies wirkt sich auf die Wissenschaft und Praxis an sich aus, bis hin zu einzelnen Vorgehensweisen auf der Ebene der Professionellen sowie auf der Ebene der konkreten Fallarbeit mit Klientinnen und Klienten. Diese Definition impliziert, dass gewisse Mängel und Defizite vorhanden sind und Soziale Arbeit zum Teil noch nicht kompetent genug auftritt und agiert. Insgesamt handelt es sich bei der Sozialen Arbeit deshalb um eine „professionalisierungsbedürftige Profession“ (Hochuli Freund/Stotz: 315).

Im Zentrum des Erkenntnisinteresses der Bachelor Thesis steht das professionelle Handeln. Damit einher gehen einige zu klärende Gesichtspunkte. Was ist gutes und qualitativ hochwertiges Handeln? Welche Voraussetzungen müssen dafür gegeben sein? Welche Fähigkeiten und Haltungen werden dazu benötigt? Diese Fragen zu professionellem Handeln haben eine hohe Relevanz für die Soziale Arbeit. Becker-Lenz und Müller kommen zum Urteil, dass trotz langjähriger Auseinandersetzung immer noch unklar zu sein scheint, welche Vorgehensweisen im beruflichen Kontext als professionell eingestuft werden können (vgl. 2009: 9). „Es könnte dann in der Praxis im schlimmsten Fall eine relative Unverbindlichkeit und Beliebigkeit im professionellen Handeln festzustellen sein“ (ebd.). Spiegel stellt noch etwas genauer dar, dass Professionelle, trotz institutioneller Vorgaben, im Alltag häufig relativ autonom entscheiden und handeln können oder, etwas salopper ausgedrückt, „machen können, was sie wollen“. Bis auf rechtsverbindliche Vorschriften gibt es keine „übergreifenden professionellen Regeln“ (2011: 89) oder einheitliche fachliche Standards. Explizite Handlungsfehler lassen sich deshalb bisher nur anhand von groben Verfahrensfehlern feststellen und messen (vgl. ebd.). Konkrete Anforderungen müssten zunächst auf einem theoretischen Hintergrund entwickelt werden. Es besteht in der Sozialen Arbeit daher ein dringender Bedarf, die Professionalisierung weiter voranzutreiben und allgemeingültige Maßstäbe herauszubilden.

Hochuli Freund und Stotz haben mit dem Lehrbuch „Kooperative Prozessgestaltung in der Sozialen Arbeit“ (2011) eine Methodik entwickelt, die sie als „theoriegeleitete methodische Strukturierung von Unterstützungsprozessen“ (ebd.: 132) verstehen und die zur Professionalisierung der Sozialen Arbeit beitragen soll (vgl. ebd.: 315).

Meiner Ansicht nach stellt die Kooperative Prozessgestaltung einen vielversprechenden Entwurf für professionelles Handeln dar und hat durch erste Anwendungsversuche das Interesse für eine intensivere Auseinandersetzung im Rahmen dieser Arbeit geweckt. Die Methodik wurde während des Studiums an der Fachhochschule Nordwestschweiz kennengelernt und in einer Fallwerkstatt erstmals selbst erprobt. In der Praxiseinrichtung im ambulanten Wohnbereich der Lebenshilfe Lörrach bestand in etwa zeitgleich das Bestreben, den Umgang mit neuen Anfragen zu verbessern. Aufgrund des positiven Eindrucks wurde von mir die Idee eingebracht, dafür die Kooperative Prozessgestaltung heranzuziehen. Letztendlich ist daraus ein dreijähriges Projekt entstanden, ein professionelles Aufnahmeverfahren für den Wohnbereich zu entwickeln. Es wurde dazu ein spezielles Team gebildet und seit Anfang 2013 finden regelmäßige Schulungen zur Kooperativen Prozessgestaltung statt.

Es bestehen deshalb verständlicherweise schon gewisse Grundannahmen zur Methodik: Sie könnte positive Auswirkungen auf die praktische Arbeit haben und diese langfristig erleichtern und verbessern. Zudem könnte sie zur Kompetenz- und Habitusbildung der Professionellen beitragen. Die Thesen sind im Moment jedoch rein subjektiv und sollen im Rahmen der Arbeit überprüft und theoretisch genauer beleuchtet werden.

Wird das Erkenntnisinteresse zu professionellem Handeln und die Mutmaßungen zur Methodik der Kooperativen Prozessgestaltung zu einer zentralen Frage zusammengefasst ergibt sich folgende Fragestellung für die Bachelor Thesis:

Inwiefern wird die Methodik der Kooperativen Prozessgestaltung den Anforderungen an professionelles Handeln in der Sozialen Arbeit gerecht?

Zur Beantwortung der Fragestellung werden in einem ersten Schritt zunächst die Anforderungen an professionelles Handeln erarbeitet. Nach einer Begriffsbestimmung werden dazu die besonderen Strukturmerkmale Sozialer Arbeit beschrieben und daraus die konkreten Anforderungen an das methodische Vorgehen und an die Person der Professionellen abgeleitet. Ebenso werden bisherige Versuche aufgeführt, eine Systematik für professionelles Handeln aufzustellen. Anschließend wird die Methodik der Kooperativen Prozessgestaltung vorgestellt, angefangen mit den theoretischen Grundlagen, dem Prozessmodell und seinen Prozessschritten. Danach werden die beiden Abschnitte zusammengeführt und die Methodik, sowohl allgemein als auch anhand von ausgewählten Aspekten, mit den Anforderungen professionellen Handelns verglichen. Zuletzt werden die gewonnenen Erkenntnisse in einem abschließenden Fazit zusammengefasst und weiterführende Gedanken und Fragen formuliert.

2. Professionelles Handeln

Der für diese Arbeit gewählte Terminus „Professionelles Handeln“ bildet ein Sammelbecken für etliche Begriffe, die inhaltlich miteinander in Verbindung stehen. Dennoch gibt es zwischen ihnen große Differenzen, die keine allgemeingültige Definition zulassen. Zuerst wird deshalb professionelles Handeln genauer betrachtet. Denn daraus ergeben sich wichtige Gesichtspunkte, die im Fachdiskurs ebenso aufgegriffen werden. Bevor aber auf die unterschiedlichen Begrifflichkeiten und Verständnisse eingegangen wird, werden die Strukturmerkmale der Sozialen Arbeit erläutert. Anschließend werden auf Grundlage verschiedener Publikationen die konkreten Anforderungen an professionelles Handeln entwickelt.

2.1. Begriffsbestimmung

Sprachlich ist der Ausdruck aus zwei verschiedenen Wörtern zusammengesetzt. Professionalität bzw. das Adjektiv professionell wird im Alltagsgebrauch mit mehreren Bedeutungen in Verbindung gebracht. Mit der Bezeichnung professionell kann zum einen eine Tätigkeit, die als Beruf bzw. gegen Bezahlung durchgeführt wird, versehen werden, zum anderen auf das Bestehen eines Berufsabschluss bzw. einer Ausbildung hingewiesen oder zwischen Profis und Laien unterschieden werden. Mit professionell kann aber auch eine hohe Qualität bzw. ein Standard angesprochen werden oder ein besonderes Wissen oder spezielle Fertigkeiten gemeint sein (vgl. Dewe et al 2001: 23, http://www.duden.de/rechtschreibung/professionell). Dabei handelt es sich fast ausschließlich um einen beruflichen Kontext und der Begriff kann sich sowohl auf strukturelle Merkmale, eine Dienstleistung, ein Produkt oder auf die agierenden Personen beziehen. Interessant ist, dass Professionalität an sich schon immer mit einer Handlung verknüpft ist.

Die unterschiedlichen Teilaspekte von Professionalität finden sich auch in der Diskussion in der Sozialen Arbeit wieder. In der Vergangenheit galt lange Zeit eine altruistische Motivation mehr als Qualifikation und professionelle Eigenschaften (vgl. Erler 2007: 115). Mittlerweile steht zunehmend die Qualität im Zentrum, die sowohl am Produkt bzw. der Qualität der Hilfen fest gemacht wird, als auch am Können und der Fachlichkeit der Sozialarbeitenden. Professionalität wird „als gekonnte Beruflichkeit, als Ausdruck qualitativ hochwertiger Arbeit bewertet, vorausgesetzt oder angestrebt“ (Busse/Ehlert 2012: 85), wobei dies vor allem die Person selbst betrifft. Das Bestreben „eines spezifischen, hoch qualifizierten Leistungsangebotes“ (Erler 2007: 127) nimmt eher die Dienstleistung in den Blick. Professionalität dient auch als Unterscheidungs- und Gütekriterium gegenüber Laien und Nichtfachkräften, um „richtiges oder gutes berufliches Handeln von falschem oder schlechtem Handeln abzugrenzen.“ (Busse/Ehlert 2012: 85) Neben der Abgrenzung nach außen geht es dabei auch um Selbstvergewisserung im Sinne eines reflexiven Vorgehens. Professionalität ist jedoch keine feste, klar definierte Größe, sondern eher eine Idealvorstellungen und schwammige normative Vorgabe zur Orientierung und Reflexion in Studium und Praxis (vgl. ebd.). Auf die formalen Rahmenbedingungen und die Tatsache, dass Sozialarbeitende eine Qualifikation durch ein abgeschlossenes Studium besitzen müssen und ihre Arbeit vergütet wird, braucht nicht weiter eingegangen werden. Das in der Einleitung dargelegte Professionsverständnis setzt voraus, dass professionelle Hilfe nur durch Fachkräfte durchgeführt werden kann. Fraglich ist deshalb der Einsatz von nicht ausgebildeten Personen, wie es in der Praxis häufig üblich ist (vgl. Erler 2007: 128). Vielmehr stellt sich diesbezüglich die Frage, wie die Qualifikation inhaltlich konkret aussehen muss und welche Anforderungen an die Professionellen gestellt werden müssen.

Handeln kommt aus dem mittelhochdeutschen „mit den Händen fassen, bearbeiten; tun“ bzw. vom althochdeutschen Wort hantalön „berühren; bearbeiten“ (http://www.duden.de/rechtschreibung/handeln_arbeiten_Handwerk). Es ist damit also eine Bewegung, etwas zu greifen und zu spüren gemeint, in der Absicht es zu bearbeiten. Beim Handeln besteht ein expliziter Bezug zu Arbeit, und auch Professionalität hängt eng damit zusammen. Die beiden Begrifflichkeiten lassen sich gut miteinander verknüpfen, da sie inhaltlich aufeinander bezogen sind. Analog zur Kommunikationstheorie formuliert Callo, dass ein Mensch nicht nichts tun kann. Das Tun findet ständig und zunächst undefiniert statt. Erst durch ein Ziel und die Verwendung von Instrumenten entsteht Struktur und bekommt professionelles Handeln Bedeutung. Es wird möglich, gegenüber beliebigem Tun zu unterscheiden und Tätigkeiten spezifische Anforderungen beizumessen (vgl. 2005: 61).

Professionelles Handeln ist, wenn der Exkurs zu den beiden Begriffen wieder zusammenführt wird, eine Kombination aus Qualität und Handlung. Professionalität lässt sich nahezu mit professionellem Handeln gleichsetzen, weil ihr Verständnis in der Regel eine Tätigkeit einschließt. Dennoch ist die Bezeichnung professionelles Handeln besser geeignet, da der Fokus auf Aktivität und Handlung gerichtet ist und die statischen Anteile von Professionalität, wie Qualifizierung, Abgrenzung und Status, nicht gewichtet werden. Es geht daraus besser hervor, dass eine zwingend praktische Ausrichtung besteht und es sich nicht um intuitives und zufälliges, sondern um bewusstes Vorgehen handelt.

Damit ist mit professionellem Handeln ein begrifflicher Rahmen definiert. Es bleibt jedoch eine Worthülse, da noch offen ist, was die Qualität ausmacht und was die konkreten Anforderungen sind.

2.2. Strukturmerkmale

Professionelles Handeln lässt sich nicht getrennt von den strukturellen Bedingungen der Sozialen Arbeit betrachten. Es gibt einige Besonderheiten, in denen sie sich von anderen Professionen unterscheidet. Diese Gegebenheiten machen eine Professionalität überhaupt erst erforderlich und lassen sich auch professionstheoretisch zur Bestimmung der Profession heranziehen (vgl. Hochuli Freund/Stotz 2011: 44). In Anlehnung an die von Schütze formulierten „Paradoxien professionellen Handelns“ (1992: 137) haben sich im Laufe der Zeit verschiedene Spannungsfelder und Dilemmata herausgebildet. Diese werden als „strukturelle Widersprüchlichkeiten“ (Hochuli Freund/Stotz 2011: 45), „Kernproblem in der Sozialen Arbeit“ (Knoll 2010: 177) oder „Charakteristika der beruflichen Handlungsstruktur“ (Spiegel 2011: 36) bezeichnet.

Die Auflistung erfolgt anhand der Gegensätze der Spannungsfelder. Es wurde dabei bewusst der Stil von Pol versus Gegenpol gewählt und das Begriffspaar symbolisch als absolute Positionen gegenübergestellt. In der Literatur werden zum Teil unterschiedlich viele Punkte aufgeführt, was auch daran liegt, dass einzelne Aspekte entweder unter einem Oberbegriff zusammengefasst oder weiter ausdifferenziert werden. Es bestehen sicherlich weitere Paradoxien, die hier nicht aufgeführt werden. Die Liste ließe sich vermutlich mühelos erweitern. Es wird davon ausgegangen, dass sich alle Dilemmata entweder den Oberkategorien zuordnen lassen bzw. damit in Verbindung stehen, oder dass sie sich auch in anderen Professionen wiederfinden und keine spezifischen Merkmale der Sozialen Arbeit ausmachen. Die Unterteilung dient vor allem der Anschaulichkeit, denn die Spannungsfelder hängen miteinander zusammen und es sind Überschneidungen und fließende Übergänge möglich.

Klient/in vs. Systeme

Sämtliche Leistungen Sozialer Arbeit finden im Kontext verschiedener Systeme statt. Es besteht dabei sowohl eine Verpflichtung gegenüber den Interessen der Klientinnen und Klienten als auch gegenüber der eigenen Organisation, den gesetzlichen Vorgaben und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Das Bestehen dieser unterschiedlichen Aufträge wird als doppeltes Mandat beschrieben (vgl. Hochuli Freund/Stotz 2011: 49). Es wird auch von multiplen Loyalitäten gesprochen, wenn weitere Systeme, wie die eigene Fachlichkeit, Wissenschaft, Berufskodex und Menschenrechte, hinzugenommen werden (vgl. Staub- Bernasconi 2007: 200 f., Widulle 2011: 41). Die mehrfachen Aufgabenstellungen begrenzen sich teilweise gegenseitig und können zu einem Interessenskonflikt führen. Der Handlungsspielraum für das Wohl der Klientinnen und Klienten ist abhängig vom bestehenden Recht, von staatlicher oder anderweitiger Finanzierung, von der institutionellen Einbindung und der jeweiligen Verwaltungsstruktur (vgl. Galuske 2011: 49). Die bürokratische Handlungslogik steht dabei im Widerspruch zur konkreten Arbeit und dem Umgang mit den betroffenen Menschen und ihrer Lebenswelt (vgl. Hochuli Freund/Stotz 2011: 48 f., Knoll 2010: 174). Zur Vermittlung zwischen Individuum und Gesellschaft gehört für Heiner deshalb eine gute Vernetzung und Kooperation mit Klientensystem und Leistungssystem (vgl. 2010: 36f.).

Knoll beschreibt mit dem „Widerspruch zwischen beruflich-professioneller Problemdefinition und der Alltagsbedeutung der Probleme“ (Knoll 2010: 172) die Möglichkeit, dass gesellschaftliche Probleme auf den Einzelfall abgewälzt und damit verschleiert werden. Soziale Arbeit trägt durch ihr Eingreifen und das Schaffen neuer Angebote dazu bei, dass Probleme gelöst, statt politisch thematisiert werden. Sie steht in der Gefahr, sich instrumentalisieren zu lassen oder sich selbst zu instrumentalisieren. Manchmal wäre es deshalb besser nicht aktiv zu werden, damit die Missstände sichtbar werden können (vgl. ebd.).Im Sinne von Empowerment kann dies auch bedeuten, den Klientinnen und Klienten auf sozialpolitischer und gesellschaftlicher Ebene Gehör zu verschaffen. Zum einen indem sie darin unterstützt werden, regional bis bundesweit selbst politisch aktiv zu werden, zum anderen indem die Professionellen gegenüber gesellschaftlichen und politischen Instanzen für sie eintreten (vgl. Herriger 2010: 86, Theunissen 2009: 87 f.).

Hilfe vs. Kontrolle

Die Soziale Arbeit übernimmt sowohl die Aufgabe von Hilfe als auch von Kontrolle, wenn auch je nach Fall und Kontext in einem unterschiedlichem Verhältnis. Der Kontrollaspekt wird meist aufgrund der staatlichen bzw. institutionellen Rahmenbedingung oder der Orientierung an gesellschaftlich vorgegebener Normalität begründet, also bezogen auf das doppelte Mandat (vgl. Galuske 2011: 50, Spiegel 2011: 37). Hilfe vs. Kontrolle wird bewusst nochmals als eigener Punkt aufgeführt, da der Konflikt auch unabhängig vom doppelten Mandat besteht. Kontrolle scheint insgesamt eher negativ belegt zu sein, im Sinne von Sanktionen, und wird verstärkt Arbeitsfeldern mit unfreiwilligen Nutzerinnen und Nutzern zugeschrieben (vgl. Hochuli Freund/Stotz 2011: 50). Kontrolle kann jedoch auch in freiwilligen Settings stattfinden. In Form von Druck oder hilfreicher Kontrolle kann sie durchaus positiv und wichtig sein, z.B. um Grenzen zu setzen oder durch Konsequenz Verbindlichkeit herzustellen. Die Schwierigkeit besteht vor allem darin, sich für die geeignete Vorgehensweise zu entscheiden und zwischen Hilfe und Kontrolle abzuwägen (vgl. Heiner 2010: 37). Es bedarf eines kritischen Umgangs, da prinzipiell jegliche Hilfe oder Kontrolle unangebracht oder gerade gefragt sein kann.

Standardisierung vs. Offenheit

Im Unterschied zu anderen Berufen unterliegt das Vorgehen in der Sozialen Arbeit einer Nichtstandardisierbarkeit. Es gibt keine absolute Methode, mit der sich alle Herausforderungen bewältigen lassen (vgl. Galuske 2011: 55). Es ist nicht möglich, strikt nach Plan oder Anleitung vorzugehen. Vollkommen frei und offen zu agieren, hat hingegen nichts mehr mit geplantem und professionellem Handeln zu tun (vgl. Hochuli Freund/Stotz 2011: 51). Es besteht ein Technologiedefizit, da sich keine verlässlichen Aussagen über die Wirksamkeit Sozialer Arbeit machen lassen. Die Auswirkungen von Interventionen sind immer ungewiss und lassen sich im Vorfeld nicht bestimmen. Dennoch müssen für jeden Einzelfall mögliche Wege entworfen und Vorkehrungen getroffen werden, um Ziele zu erreichen. Dabei kann es sich aber immer nur um Hypothesen und Mutmaßungen handeln (vgl. Spiegel 2011: 42 f.).

Auch die von Spiegel formulierte Paradoxie „eingeschränkte Entscheidungsbasis versus kontrollierte Risiken“ (ebd.: 88) lässt sich diesem Themenbereich zuordnen. Unter Handlungsdruck muss die Entscheidungen getroffen werden, ob in einer Situation aus dem Bauch oder einer Routine heraus oder streng anhand standardisierter Methoden gehandelt wird und ob riskante Alternativen ausgeblendet oder gewählt werden. Ebenso muss in einer aktuellen Problemsituation zwischen bloßer Momentaufnahme und biographischer Ganzheitlichkeit entschieden werden (vgl. ebd.).

In diesem Spannungsfeld liegt die Hauptursache dafür, warum es so schwierig ist professionelles Handeln klar zu bestimmen und warum es sich gleichzeitig unter dem Anspruch von Professionalität nicht vermeiden lässt strukturiert vorzugehen (vgl. Hochuli Freund/Stotz 2011: 53).

Mensch vs. Arbeitskraft

Bei Inanspruchnahme von sozialen Hilfeleistungen sind Klientinnen und Klienten in der Regel als ganze Person diffus betroffen. Es kann prinzipiell alles zum Thema werden. Auch bei den Professionellen besteht eine Involviertheit als ganze Person. Sie verhalten sich aufgrund ihrer individuellen Art, mit ihren Gefühlen, Eindrücken und Befindlichkeiten, befassen sich jedoch nur spezifisch, aus einem bestimmten Grund, mit ihrem Gegenüber. Es kann nicht alles thematisiert werden und sie agieren aufgrund ihrer Rolle. Sie sind Mensch und Arbeitskraft in einem (vgl. ebd.: 57f.). Bei ihrer Tätigkeit geht es um einen „strategischen und reflektierten Einsatz (...) der eigenen beruflichen Persönlichkeit“ (Spiegel 2011: 84). Die eigene Person wird als Arbeitsinstrument oder Werkzeug benutzt. Allerdings beschränken sich der Kontakt und die Begegnung mit den Klientinnen und Klienten nicht auf die Sachebene, vielmehr handelt es sich auch um eine Beziehung zwischen zwei Menschen.

Knoll formuliert dies als „Widerspruch zwischen persönlichem Engagement und bezahltem Beruf“ (Knoll 2010: 170). Aufgrund der Bezahlung für Gefühle vergleicht er Soziale Arbeit mit Prostitution, mit dem Unterschied, dass Sozialarbeitende für die Zuwendung echter Gefühle vergütet werden. Damit beschreibt er recht treffend die spezifische Herausforderung. Auf der einen Seite sind zur Gestaltung gelingender Beziehungen ein aufrichtiges Interesse und authentische Gefühle gefragt, auf der anderen Seite ist eine gewisse Distanzierung notwendig, um rational und überlegt handeln zu können (vgl. ebd.: 170f.). Problematisch wird es, wenn Klientinnen und Klienten oder auch Professionellen dabei die Trennung schwerfällt. Es läuft sowohl etwas schief, wenn die Tätigkeit nur aufgrund der Bezahlung ausgeführt wird (was aufgrund der enormen Höhe eher unwahrscheinlich ist) als auch, wenn jegliche Distanz aufgegeben wird und nur noch die Motivation besteht, Liebe und Wärme weiterzugeben.

Allzuständigkeit vs. Spezialisierung

Der Aktionsrahmen der Sozialen Arbeit erstreckt sich über alle Themen- und Lebensbereiche. Potentiell kann jedes Problem zum Gegenstand Sozialer Arbeit werden (vgl. Galuske 2011: 38-40). Grundsätzlich besteht eine „diffuse ,Allzuständigkeit für komplexe Probleme’ “ (Hochuli Freund/Stotz 2011: 46). Es lässt sich kein fester Bereich abstecken, in dem nur Sozialarbeitende tätig sind. Ihre Zuständigkeit lässt sich nicht klar eingrenzen. Sie variiert je nach Situation und muss fallspezifisch ausgehandelt werden (vgl. ebd.: 47). Galuske bezeichnet dies als „fehlende Monopolisierung von Tätigkeitsfeldern.“ (2011: 41) Im Arbeitsalltag sind meist andere Fachkräfte und Laien mit involviert. Soziale Arbeit hat deshalb häufig eine vernetzende und professionsübergreifende Tätigkeit und Funktion inne. In diesem Kontext kommt ihr teilweise eine geringere Bedeutung zu oder sie wird als - mehr oder weniger notwendiger - Lückenfüller zwischen den anderen Bereichen gesehen (vgl. ebd.). Aufgrund des fehlenden Tätigkeitsmonopols ist das Problem der „Durchsetzung von Kompetenzansprüchen unter Alltagsnähe“ (Widulle 2011: 41) durchaus nachvollziehbar. Für Außenstehende ist schwer erkenntlich, was Soziale Arbeit tatsächlich leistet und worin die besondere Expertise besteht (vgl. Galuske 2011: 42 f.). Dieses Fremdbild bleibt zu einem gewissen Anteil integraler Bestandteil der Strukturmerkmale und lässt sich somit niemals ganz aufheben. Stellenweise ist dies aber auch dem eigenen Auftreten und Selbstverständnis geschuldet und wird dadurch vermutlich noch verstärkt. Wie bereits in der Einleitung angesprochen, ist in der Sozialen Arbeit schließlich selbst nicht wirklich klar, was professionelles Handeln ist. Die Anmerkung von Galuske, die Fachlichkeit müsse im Handeln der Professionellen sichtbar werden, ist diesbezüglich berechtigt und wünschenswert, entspricht aber nicht immer der Realität (vgl. ebd.: 43).

Spezialisierung wird hier als Gegenpol zur Allzuständigkeit gesehen. Es ist nicht ersichtlich, warum hingegen von manchen Autorinnen und Autoren, Allzuständigkeit mit einer geringen Spezialisierung gleichgesetzt wird, nennen sie sogar selbst gute Argumente für eine bestehende Ausdifferenzierung (vgl. ebd.: 38). Es gibt eine Vielzahl von Arbeitsfeldern mit unterschiedlichem Klientel, verschiedenen Aufgaben und bereichsspezifschen Fähigkeiten und Kenntnissen (vgl. Hochuli Freund/Stotz 2011: 29). Es existiert ein großer Fundus von rechtlichem, theoretischem und methodischem Spezialwissen. Keine Fachkraft ist in der Lage, allen diesen Anforderungen gerecht zu werden und alle Fertigkeiten zu beherrschen. Für Soziale Arbeit besteht nicht nur die Gefahr, wahllos überall aktiv zu werden, sondern auch das Leistungsangebot zu stark einzugrenzen und zu spezifizieren. Es wäre vermessen sich für alles zuständig zu fühlen, ebenso wie notwendige Hilfe durch zu starke Spezialisierung zu verweigern (vgl. Galuske 2011: 40).

Autonomie vs. Abhängigkeit

Soziale Arbeit erbringt, neben sachbezogenen, hauptsächlich personenbezogene Dienstleistungen, die davon gekennzeichnet sind, dass kein materielles Gut erstellt wird und sich kein Vorrat bilden lässt. Die Leistung kann nur gemeinsam mit den Klientinnen und Klienten zeitgleich erbracht und genutzt werden. (vgl. Hochuli Freund/Stotz 2011: 53 f., Spiegel 2011: 44). Dieses Phänomen wird in der Literatur als Koproduktion bezeichnet. Ein Produkt zu erstellen bzw. ein Ziel zu erreichen, ist nur in enger Zusammenarbeit möglich. Die Bereitschaft und Mitarbeit der betroffenen Person muss gegeben sein. Es besteht eine gegenseitige Abhängigkeit. Die Professionellen sind insofern abhängig, da sie nichts ohne das Mitwirken der Klientinnen und Klienten erreichen können. Wenn eine Person etwas nicht möchte oder sich verweigert, können die Professionellen unternehmen, was sie wollen, ohne irgendetwas zu verändern. Die Hilfesuchenden sind aus irgendeinem Grund nicht mehr selbst in der Lage ihre Probleme zu bewältigen und damit auf die Unterstützung der Sozialen Arbeit angewiesen (vgl. Galuske 2011: 48 f.). Das Ausmaß und die Bedeutung der Abhängigkeit unterschieden sich jedoch erheblich. Es besteht eine ungleiches Verhältnis aufgrund einer „strukturellen Asymmetrie“ (Hochuli Freund/ Stotz 2011: 56) und einem damit verbundenen Machtgefälle. Sozialarbeitende können im schlimmsten Fall nichts bewirken, Klientinnen und Klienten hingegen können hilflos ausgeliefert sein und ihr gesamtes Leben kann beeinflusst werden. Soziale Arbeit befindet sich dadurch in einer machtvollen Position und ihr kommt eine paradoxe und sensible Aufgabe zu. Durch einen Autonomieeingriff soll Autonomie wiedererlangt werden. Es ist sehr wichtig, den Umgang mit Macht zu hinterfragen, Autonomie und Partizipation zu ermöglichen und durch Berücksichtigung subjektiver Wirklichkeitskonstruktion der strukturellen Asymmetrie entgegenzuwirken (vgl. Hochuli Freund/Stotz 2011: 57). Dabei wird davon ausgegangen, dass es keine objektiv darstellbare Wirklichkeit gibt, sondern jede Person ihre eigene Sicht der Dinge hat. Aufgrund der eigenen Wirklichkeitskonstruktion ist jede Wahrnehmung subjektiv und es wird auf eigene Erklärungsmuster zurückgegriffen (vgl. Spiegel 2011: 39). Deshalb ist es entscheidend verschiedene Sichtweisen und Perspektiven zu berücksichtigen und gleichwertig nebeneinander stehen zu lassen. Dies bedeutet, auch die eigene fachliche Einschätzung als subjektive Wahrnehmung zu verstehen (vgl. Hochuli Freund/Stotz 2011: 57).

Auf diesem Hintergrund ist es zwingend erforderlich, eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen, um an einem Strang in die gleiche Richtung zu ziehen. In unfreiwilligen Maßnahmen ist dies mitunter erschwert, aber auch dort unabdingbar, zumindest ein Mindestmaß an Kooperation herzustellen (vgl. ebd.: 54 f.). Es geht darum die Klientinnen und Klienten aktiv zu beteiligen, Ziele dialogisch auszuhandeln und Absprachen zu treffen, wer welche Aufgaben übernimmt. Es muss zwar bewusst Verantwortung abgegeben werden, aber dennoch im Hintergrund alles im Blick behalten werden (vgl. Spiegel 2011: 44 f.). Es bedarf einer Einschätzung und Steuerung, wann etwas ohne Hilfe geschafft werden kann und wann Soziale Arbeit reagieren oder eingreifen muss. Es besteht immer die Spannung, entweder zu früh einzuschreiten und selbständige Versuche zu unterbinden, oder zu lange abzuwarten und einer Person zu viel zuzumuten und sie zu frustrieren (vgl. ebd.: 87). Manchmal ist es notwendig Tätigkeiten zu übernehmen und als Beispiel vorzumachen. Auch dabei ist Fingerspitzengefühl erforderlich, damit einerseits Passivität und Dauerhilfe und andererseits Überforderung, aufgrund fehlender Unterstützung und Hilfestellung, vermieden werden kann (vgl. ebd.: 88 f.). Es ist insgesamt ein Konflikt zwischen der professionellen Hilfe und der eigenen Selbsthilfe oder der von sozialen Netzwerken vorhanden. Klientinnen und Klienten können erleben, dass ihre Probleme stellvertretend gelöst werden, und lernen sich darauf zu verlassen. Sie begeben sich in professionelle Abhängigkeit, statt auf ehrenamtliche Angebote oder ihre Selbsthilfepotentiale zurückzugreifen. Diese Dynamik lässt sich bis hin zu den ehrenamtlichen Organisationen selbst beobachten. Soziale Arbeit steht dauerhaft in der Gefahr, Menschen und Gruppen, statt einer Hilfe zur Selbsthilfe, zum Selbstzweck der eigenen Existenzberechtigung und des Fortbestehens abhängig zu machen (vgl. Knoll 2010: 173 f.).

Unabhängig von der Wahl der Systematisierung gibt es bei den Strukturmerkmalen der Sozialen Arbeit kaum Strittigkeiten. In der gesamten Debatte um professionelles Handeln besteht bezüglich der Spannungsfelder der größte gemeinsame Konsens. Einzige grundlegende Ausnahmen finden sich bei Oevermann, der Unfreiwilligkeit und das doppelte Mandat als Professionalisierungshindernis sieht, und bei Becker-Lenz und Müller bei der Frage der Loyalität (vgl. Becker-Lenz/Müller 2009: 384, 389, Hochuli Freund/Stotz 2011: 49, 55).

Die Strukturmerkmale zeigen die außerordentliche Komplexität der Tätigkeit der Sozialen Arbeit und machen nachvollziehbar, warum dabei manchmal von einer Kunst die Rede ist. „Die Abarbeitung an den Paradoxien des professionellen Handelns geschieht sehr häufig fehlerhaft in dem Sinne, daß (sic!) die unaufhebbaren Antinomien in den Paradoxien vom Berufsexperten nicht ausgehalten, sondern sich selbst und dem Klienten verschleiert werden.“ (Schütze 1992: 138) Es fällt leichter sich nur an einem Pol zu orientieren, statt die Spannung und Zerrissenheit auszuhalten, sich mal mehr beim einen, mal mehr beim anderen Pol zu bewegen. Es wird vergessen, dass es immer die Möglichkeit gibt, „auf zwei Seiten des Pferdes herunterzufallen“. Durch die Verschleierung der Paradoxien kommt es zu unnötigen Schwierigkeiten für Professionelle und Klientel (vgl. ebd.). Die Professionellen stehen in der Gefahr einer permanenten Überforderung und Unsicherheit, mit Selbstzweifeln aufgrund ihrer Fehler, was z.B. Burnout oder Co-Abhängigkeiten zur Folge haben kann (vgl. Knoll 2010: 175 f.). Die Klientinnen und Klienten sind unmittelbar betroffen und den Umständen ausgeliefert. Sie erleiden eventuell mehr Schaden, als dass ihnen geholfen wird.

Professionelles Handeln bedeutet zu aller erst, sich kompetent in den Spannungsfeldern Sozialer Arbeit zu bewegen und nicht zu versuchen diese aufzuheben. Jeder Versuch, ein Dilemma aufzuheben oder zu beseitigen, ist zum Scheitern verurteilt und verunmöglicht Professionalität. Lediglich die Interessen der Gesellschaft zu vertreten, jegliche Form der Kontrolle zu vermeiden oder keinerlei Standardisierung und Methodisierung vorzunehmen, wäre genauso falsch, wie nur menschlich und emotional vorzugehen, den Zuständigkeitsbereich ganz starr einzuschränken oder Menschen zu entmündigen und stellvertretend für sie zu entscheiden. Derartige Versuche gab es im theoretischen Diskurs und in der täglichen Arbeitspraxis in der Vergangenheit zu genüge und es gibt sie nach wie vor (vgl. Spiegel 2011: 90f.). Die Pendelbewegung zwischen den Polen erfolgte meist von einem Extrem ins andere, beispielsweise der Wechsel beim Professionsverständnis vom Altruisten zum Sozialingenieur (vgl. Knoll 187-191).

Dewe et al bemängeln, dass die strukturellen Besonderheiten Sozialer Arbeit in Entwürfen professionellen Handelns zu wenig berücksichtigt werden (vgl. 2001: 149). Die erste und wichtigste Anforderung an professionelles Handeln ist deshalb, die Strukturmerkmale zu kennen und diese auszubalancieren. Ebenso sollten die Spannungsfelder nach außen kommuniziert und transparent gemacht werden. Dies schafft mehr Klarheit für alle Beteiligten. Zumindest wird Soziale Arbeit realistischer dargestellt. Für die Professionellen bringt es „eine Entlastung von einseitig individuellen Selbstzweifeln“ (Knoll 2010: 177) mit sich und hilft viele Probleme auch strukturell bedingt zu verstehen.

Die Strukturmerkmale bilden die Grundlage, an der sich professionelles Handeln ausrichten muss und an der sich deshalb auch konkrete Anforderungen orientieren müssen. Aus den Paradoxien lassen sich noch viele weitere Ansprüche ableiten.

2.3. Anforderungen

Es gibt verschiedene Darstellungen zu dem, was zuvor unter „Professionelles Handeln“ gefasst wurde. Je nach Autorin oder Autor werden andere Begriffe und Definitionen verwendet. Es findet sich eine schier endlose Bandbreite an Möglichkeiten, beispielsweise Fallbearbeitung, methodisches Handeln, Prozessgestaltung, Handlungskompetenz, Kasuistik, Professionskompetenz, Fallverstehen, Professionalität oder Methodenkompetenz, um nur einige zu nennen. Zum Teil wird darunter das Gleiche, zum Teil etwas ganz Anderes verstanden. Einigkeit besteht höchstens darin, dass die Begriffe uneinheitlich verwendet und gefüllt werden. Kreft und Müller stellen fest, dass es unzählige Publikationen gibt, die zu einer regelrechten definitorischen Begriffsverwirrung führen und scheinbar „alles, was etwas mit geordnetem, planmäßigem Handeln zu tun hat“ (2010: 12), als Methode bezeichnet wird. Aufgrund der enormen Spanne ist es nicht möglich auf die Unterschiede einzugehen, da es schlichtweg den Rahmen der Arbeit sprengen würde. Einige Stimmen auf sich wirken zu lassen, ist dennoch hilfreich, um einen Eindruck von der Vielfalt zu bekommen.

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Details

Seiten
55
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656584087
ISBN (Buch)
9783656584186
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v267733
Institution / Hochschule
Fachhochschule Nordwestschweiz – Hochschule für Soziale Arbeit
Note
6,0 (Schweiz)
Schlagworte
Kooperative Prozessgestaltung Professionalisierung Soziale Arbeit Prozeessgestaltung professionelles Handeln Sozialarbeit Handlungskonzepte

Autor

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Titel: Professionalisierung der Sozialen Arbeit