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Heiratspolitik unter den Ottonen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 17 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Heirat als politisches Instrument unter den Ottonen
2.1 Heinrich I. und seine Gemahlinnen
2.2 Otto I. und Edith

3. Die Heiratsverhinderung als politisches Instrument unter den Ottonen
3.1 Die Entführung Liudgards von Meißen
3.2 Der Hammersteiner Eheprozess

4. Fazit

5. Quellenverzeichnis

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In den knapp 100 Jahren ottonischer Königsherrschaft, von der Königserhebung Heinrichs I. im Jahr 919 bis zum Tod Heinrichs II. im Jahr 1024, war der König klar definiertes Zentrum der mittelalterlichen Adelsgesellschaft. Er wurde als das von Gott auserkorene, von den gro- ßen Vertretern des Reiches erwählte und von der Bischöflichen Weihe und Krönung legiti- mierte Zentrum der Macht gesehen. Dem sächsischen Adelsgeschlecht, das spätestens nach der Kaiserkrönung Ottos I. als Ottonen bezeichnet und vorher in Bezug auf den Urahn Liudolf Liudolfinger genannt wurde, gelang es, seine Herrscherdynastie durch geschickte Politik und einige Veränderungen in der Herrschaftsauffassung über fünf Generationen hin aufrecht zu erhalten.1 Eine der Grundpfeiler ihrer Machtposition war die strategisch geschickte Heiratspo- litik, mit der sie es schafften, kontinuierlich ihre Machtbeziehungen auszubauen und zu si- chern. Die Strategien dieser Heiratspolitik waren charakteristisch für die Verfasstheit der früh- und hochmittelalterlichen Adelsgesellschaft. Um die ganze Komplexität dieser Thema- tik erfassen zu können, muss daher nicht nur nach der Art und Weise der Heiratsstrategien und deren Motiven gefragt werden, sondern auch, wie sich diese im Verlauf der ottonischen Herrschaft entwickelten und veränderten.

Die Quellenlage für die Zeit der ottonischen Herrscherdynastie ist verhältnismäßig günstig, da aus dieser Zeit zahlreiche urkundliche, chronikalische oder annalische Zeugnisse erhalten sind. Für die angefertigte Analyse der Heiratspolitik dient die Chronik des Bischofs Thietmar von Merseburg als Hauptquelle.2 Der dem sächsischen Hochadel entstammende und mit dem ottonischen Adelsgeschlecht verwandte Thietmar schrieb an seiner Chronik zwischen den Jahren 1012-1018.3 Dieser Fakt führt dazu, dass vor allem seine Berichte aus der Zeit Ottos III. und Heinrichs II. äußerst ausführlich und reich an Beispielen sind, die in dieser Arbeit zum Teil analysiert werden.

In der mediävistischen Forschung ist die Thematik der vorliegenden Arbeit schon seit langer Zeit reger Diskussionsgegenstand. Mit der Bedeutung von Heirat und Heiratsverhinderung in der Politik unter den Ottonen und dem Stellenwert von Verwandtschaft und Familie wurde sich vor allem im Rahmen von Arbeiten zur politischen Verfasstheit des ottonischen Herr- schaftsverbandes beschäftigt. Als ein Beispiel für eine konkrete Analyse der Heirats- und Fa- milienpolitik in der Zeit der Ottonen sei hier die Dissertation Winfried Glockers genannt, der im Rahmen genealogischer und biographischer Studien Auskunft über viele Mitglieder des ottonischen Herrschaftsgeschlechts gibt.4

Die vorliegende Arbeit ist verständnisorientiert und idealtypisch aufgebaut. Zu diesem Zweck ist sie grundlegend in zwei Teile gegliedert. Im ersten Abschnitt steht die Heirat als politi- sches Instrument unter den Ottonen im Mittelpunkt der Betrachtung. Dabei wird zum einen nach den Motiven der Heiratspolitik gefragt, zum anderen nach Kriterien bei der Auswahl von Ehepartnern und der damit verbundenen Relevanz der Ehe für die Herrscherdynastie. Als Bei- spiele für die Analyse werden zwei Fälle direkt aus dem ottonischen Adelsgeschlecht gewählt, da diese signifikant aufzeigen, wie Heirat den Weg zur Macht ebnen, beziehungsweise stabili- sieren, konnte.

Im zweiten Abschnitt stellt die Heiratsverhinderung den Analyseschwerpunkt. Dabei sind als Beispiele zwei Fälle aufgegriffen, die sich in der Adelsgesellschaft außerhalb der Herrscherfamilie begeben haben sollen. Somit soll das ganze Spektrum des Stellenwertes von Heiratund Heiratsverhinderung deutlich gemacht werden.

Ziel ist es schlussendlich, zu zeigen, welchen Einfluss diese Strategien auf die Politik unter den Ottonen hatten und was dies über die Verfasstheit und die Relevanz von Verwandtschaft und Familie in der früh- und hochmittelalterlichen Adelsgesellschaft aussagt.

2. Die Heirat als politisches Instrument unter den Ottonen

Die ausgehende karolingische Herrschaftsdynastie und die beginnende Königsdynastie der Ottonen fallen mit dem Beginn des zehnten Jahrhunderts in eine Zeit, in der sich die Auffas- sung von Herrschaft stark wandelte. Der als „Verherrschaftlichungsprozess“ bezeichnete Vorgang beschreibt das sich in dieser Zeit neu entwickelnde Selbstverständnis der Adelsge- sellschaft. Die zunehmende Schaffung von Herrschaftsmittelpunkten, die Dauerhaftigkeit der Herrschaft und die Weitergabe von Herrschaftstiteln in der eigenen Familie sind Indizien für diesen Prozess.5 Von Beginn ihrer Königsherrschaft an etablierte sich unter den Ottonen die Erblichkeit der Grafenwürde und anderer adliger Ämter, was zuvor unter den Karolingern immer zu verhindern versucht wurde.6 Die dabei entstehenden Familienfolgen in der Herr- schaft basierten auf einem breiten Spektrum an Gründen, die zu erläutern den aktuellen Be- trachtungsschwerpunkt übersteigen würden. Bei der Untersuchung von Heirat und Heirats- verhinderung als politisches Instrument muss jedoch die etwaige Entwicklung dieses Faktors untersucht werden. So lässt sich diesbezüglich, ab dem zehnten Jahrhundert, eine Verände- rung des vorherrschenden Ehe-Typus erkennen. Die bis dato weit verbreitete Friedelehe wur- de immer mehr von der sogenannten Muntehe abgelöst.7 Der Begriff Friedelehe ist eine vom Historiker Herbert Meyer eingeführte und in der Forschung stark kontrovers diskutierte Be- zeichnung für die vorherrschende Eheform des Frühmittelalters.8 Dabei handelte es sich um eine Willensübereinkunft von Mann und Frau, bei der der Mann durch die Heirat nicht gleich- zeitig der rechtliche Vormund der Frau wurde. Diese, verglichen mit späteren Eheformen, leicht auflösbare Form der Ehe führte dazu, dass die Männer oft mehrere Frauen hatten oder diese zumindest schnell ersetzen konnten. Da die Kirche diese Eheform nicht akzeptierte und im neunten Jahrhundert als illegitim erklärte, setzten sich Muntehen in der Folgezeit immer stärker durch. Muntehen wurden dann geschlossen, wenn der Mann in der Lage war, die Vormundschaft über die Frau zu übernehmen und einen eigenen Hausstand zu gründen.9 Ein Beispiel für besagtes Vorgehen der Kirche sind die Bemühungen des Erzbischofs von Halber- stadt gegen die Ehe von Heinrich I. und seiner ersten Frau Hatheburg, welche im Verlauf der Arbeit noch detaillierter dargestellt werden. Diese Veränderung festigte die Beziehung zwi- schen Mann und Frau, sodass es schwieriger wurde, die Ehe aufzulösen. Dadurch wurden Ehevoraussetzungen und Ehehindernisse zu einem essentiellen Faktor bei der Auswahl der Ehepartner. Vor allem für die Adelsgesellschaft und den regierenden Adel gewann es immer mehr an Relevanz, die Wahl der Ehepartner genau zu überdenken, da Faktoren wie Unfrucht- barkeit oder zu nahe Verwandtschaft mit der Frau Schwierigkeiten aufwerfen konnten.10 Durch diese Entwicklungen änderte sich die Auffassung zur Heirat in Adelskreisen und politi- sche Überlegungen und Strategien spielten bei der Wahl des Ehepartners zunehmend eine prägnante Rolle.

Eines der zentralen Anliegen der Heirat war die Sicherung der eigenen Linie oder des eigenen Adelsgeschlechts. Da es zum Wesen des Menschen gehört, sein persönliches Ansehen und das der Familie stets weiter zu mehren, gewinnt die Heirat einen enorm hohen Stellenwert, gerade in der Übergangszeit von der früh- zur hochmittelalterlichen Adelsgesellschaft. Durch eine Heirat konnte man eine Verbindung zu mächtigeren Adelsgeschlechtern und Familien schaffen und somit persönlich aufsteigen.11 Da diese scheinbar grenzenlosen Aufstiegsmög- lichkeiten vor allem für Adelsgeschlechter relevant waren, die Machtpositionen innehatten oder nach diesen strebten, erscheint es sinnvoll, bei der Analyse genau jene zu betrachten. So legten bereits die frühsten Vertreter des liudolfingischen Adelsgeschlechts den Grundstein für die spätere Ottonische Königs- und Kaiserdynastie im zehnten Jahrhundert. Die spät ins Reich integrierte sächsische Adelsfamilie suchte durch geschickte Eheschließungen die Nähe zum fränkisch-karolingischen Reichsadel. So war beispielsweise Oda, die Großmutter Heinrichs I. und Gemahlin des Stammvaters Liudolfs schon von edlem fränkischen Geschlecht.12

Die Heiratspolitik des liudolfingisch-ottonischen Adelsgeschlechts ist charakteristisch für den Wandel der Bedeutung von Familie und Verwandtschaft in Bezug auf Herrschaft. Daher ist es sinnig, neben den Kriterien, die zur Auswahl der Ehepartner führten, und der Relevanz des Ehebündnisses für die Herrschaftsbildung, auch die Veränderungen der heiratspolitischen Strategien im Verlauf der ottonischen Herrscherdynastie zu untersuchen. Zu diesem Zweck werden im Folgenden zwei Eheschließungen der ottonischen Zeit exemplarisch und chronologisch nach genannten Parametern analysiert.

2.1 Heinrich I. und seine Gemahlinnen

Der genaue Zeitpunkt der Heirat des ersten ottonischen Königspaares, Heinrich I. und Mathil- de, ist nicht genau bestimmbar. Sicher ist jedoch, dass die Ehe schon weit vor Heinrichs Kö-

[...]


1 Vgl. Althoff, Gerd: Die Ottonen. Königsherrschaft ohne Staat, 2. erw. Auflage, Stuttgart 2005, S. 16.

2 Thietmar von Merseburg: Chronik, neu übertr. und erl. von Werner Trimmlich ( FSGA, 9), Darmstadt 1966.

3 Vgl. Einleitung, in: Thietmar von Merseburg: Chronik, S. IX-XXXII.

4 Vgl. Glocker, Winfried: Die Verwandten der Ottonen und ihre Bedeutung in der Politik. Studien zur Familienpolitik und zur Genealogie des sächsischen Kaiserhauses, Köln 1989.

5 Vgl. Schmid, Karl: Gebetsgedenken und adliges Selbstverständnis im Mittelalter. Ausgewählte Beiträge; Festgabe zu seinem sechzigsten Geburtstag, Sigmaringen 1983, S. 120.

6 Vgl. Keller, Hagen: Grundlagen ottonischer Königsherrschaft, in: Karl Schmid (Hrsg.): Reich und Kirche vor dem Investiturstreit. Vorträge beim wissenschaftlichen Kolloquium aus Anlaß des achtzigsten Geburtstags von Gerd Tellenbach, Sigmaringen 1985, S. 24-26.

7 Vgl. Schmid, Karl: Gebetsgedenken, S.121-122.

8 Vgl. Esmyol, Andrea: Geliebte oder Ehefrau? Konkubinen im frühen Mittelalter, Köln 2002, S. 9-15.

9 Vgl. Esmyol, Andrea: Geliebte oder Ehefrau, S. 106-120; Schmid, Karl: Gebetsgedenken, S. 121.

10 Vgl. Schmid, Karl: Gebetsgedenken, S. 122.

11 Ebd. S. 114-116.

12 Vgl. Althoff, Gerd: Verwandte, Freunde und Getreue. Zum politischen Stellenwert der Gruppenbindungen im früheren Mittelalter, Darmstadt 1990, S. 51-55;Althoff, Gerd: Die Ottonen, S. 16.

Details

Seiten
17
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656581529
ISBN (Buch)
9783656581062
Dateigröße
557 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v267982
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,0
Schlagworte
heiratspolitik ottonen

Autor

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