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Die Ehe im mittelalterlichen Artusroman zwischen Fiktion und Realität

Analyse von Hartmann von Aues "Erec"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 19 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Gründe für eine Eheschließung
1.1 Die Einsetzungsworte der Ehe
1.2 Die Ehezwecke in Hartmanns „Erec

2. Die Ehearten
2.1 Die Ehe zwischen Erec und Enite

3. Sexualität und Ehe
3.1 Die Sexualität (und Liebe) bei „Erec“

4. Resümee

5. Literatur- und Quellenverzeichnis

Einleitung

„Heutzutage heiraten die Menschen wegen Liebe und Partnerschaft und um miteinander eine wirtschaftliche Gemeinschaft in Form eines Haushalts zu begründen und ebenso um Kinder zu bekommen und ein legales Ventil für ihre sexuellen Bedürfnisse zu haben. Aus diesen Gründen heirateten auch die Menschen des Mittelalters, aber vielleicht stand der Zweck einer wirtschaftlichen Gemeinschaft eher im Vordergrund als jeder andere.“[1]

Wie stand es damals wirklich um die Ehe? Aus welchen Gründen wurde sie geschlossen, welche Arten der Ehe gab es und wie verlief das Eheleben? Diesen Fragen möchte ich auf den Grund gehen. Daher werde ich im Folgenden aufzeigen, was im 12. und 13. Jahrhundert eine Ehe ausmachte und unter welchen Bedingungen und Gegebenheiten sie geschlossen wurde. Diese Ergebnisse dienen anschließend dem eigentlichen Kern der Arbeit: dem Vergleich der in der zeitgenössischen Literatur beschriebenen und konstruierten Ehe mit der damaligen Realität.

Es soll herausgearbeitet werden, ob in der Literatur die Realität wiedergespiegelt wird oder ob darin – und sollte dies der Fall sein, wieso – ein anderes Bild der Ehe gewählt wird.

Hartmanns von Aue „Erec“ (etwa 1180 n. Chr.) dient hierfür als Beispiel. Sein Werk gilt als der erste Artusroman[2] in deutscher Sprache. Als Vorlage diente der Roman „Erec et Enide“ von Chrestien de Troyes (etwa 1165 – 1170 n. Chr.).[3]

Bevor im Folgenden weiterhin von der Ehe die Rede ist, möchte ich zuerst eine Definition geben, damit deutlich wird, was man damals darunter in erster Linie verstand.

„Das Wort 'Ehe' (ahd. éwa, éa; mhd. É, ags, áé, aew) bedeutet ursprünglich 'Gesetz', 'Recht', und findet sich erst spät im heutigen Sinne (etwa seit 1000).“[4] „Die Ehe ist also eine Gemeinschaft, die einem Gesetz, bestimmten Regeln folgt.“[5]

1. Gründe für eine Eheschließung

Um eine Ehe im Mittelalter besser nachvollziehen und sich auch vorstellen zu können, ist es wichtig, so viele Einzelheiten wie möglich darüber in Erfahrung zu bringen. Daher halte ich es für notwendig bei der Lehre der Ehezwecke zu beginnen. Hierfür dient die Lehre der Kanonisten des 12. und 13. Jahrhunderts als Quelle.

Die Dekretisten, insbesondere Gratian, der in seinem Decretum Gratiani, das etwa um 1140 entstand, Texte, wie zum Beispiel Konzilbeschlüsse (canones) und päpstliche Entscheidungen (decretales) sammelte, um sie anschließend mit eigenen Kommentaren zu versehen[6], haben dabei ihre eigene Theorie, aus welchen Gründen es zu einer Eheschließung kam. Zuerst muss man zwischen primären und sekundären Ehezwecken unterscheiden. Die Erzeugung von Nachkommenschaft sowie die Vermeidung und Verhütung von geschlechtlichen Sünden zählen zu den primären Motiven, während alle anderen denkbaren Motive, etwa die „Förderung der Liebe und des Friedens, Schönheit des Partners und wirtschaftliche Vorteile“[7] als sekundär betrachtet werden.[8] „Diese Lehre von der doppelten Einsetzung und damit der doppelten Zweckbestimmung der Ehe wird fast einhellig von allen Dekretisten übernommen (…)“[9].

Der Ehetraktat Videndum est quid sit matrimonium unterscheidet sogar nach verschiedenen Zeiten, in denen es verschiedene Ehezwecke gegeben hat: „Vor dem Sündenfall sei die Ehe Dienst an (der Fortpflanzung) der Menschheit gewesen, nach der Sünde zunächst Heilmittel der menschlichen Schwäche, Dienst an der Menschheit und zugleich Gottesdienst (durch Erzeugung und Erziehung von Nachkommen, die zugleich Gottesverehrer sind) und Mittel zur Ausbreitung der Liebe (…)“[10]. Hier wird eine Unterteilung in die Zeit vor dem Sündenfall, der die sogenannte Ursünde bezeichnet, die das erste Menschenpaar, Adam und Eva, begangen hat, und in die Zeit nach eben dieser vorgenommen. So ist anzunehmen, „dass es zwei Einsetzungen der Ehe gegeben hat, die eine im Paradies, die andere nach dem Sündenfall.“[11]

Auch wenn viele christliche Autoren nicht in allen Punkten übereinstimmen, was zu den Ehezwecken zähle, so sind sie sich darüber einig, dass die Zeugung von Nachkommen ein zentraler Punkt ist.

Neben den Zwecken für eine Eheschließung, gab es auch bestimmte Formalismen bei der Vermählung. Zu diesen gehörten die Einsetzungsworte der Ehe.

1.1 Die Einsetzungsworte der Ehe

„Seid fruchtbar und mehret euch!“ Diese bekannten Worte aus der Bibel, (Genesis I, 28), spricht Gott zu Adam und Eva, nachdem er beide erschaffen hat. In eben diesem Satz sehen viele Autoren, unter ihnen Gratian, die Einsetzungsworte der Ehe beziehungsweise einen Ehesegen.[12] Sicard von Cremona (etwa 1155 – 1215)[13] ist der Meinung, dass Genesis I, 28 mit Genesis II, 24 einhergeht und deshalb auch genannt werden muss. Dort heißt es, dass der Mann Vater und Mutter verlassen und sich seinem Weibe anhängen werde.[14]

Dadurch wird nun nach der Zeugung von Nachkommenschaft auch „die gegenseitige Hilfeleistung (…) als Zweck der Verbindung von Mann und Frau genannt.“[15]. Auch wenn es letztlich zu keiner vollkommenen Übereinstimmung der Dekretisten kommt, was die Einsetzungsworte der Ehe betrifft, so wird doch Gott als „Stifter der Ehe“[16] gesehen. „Gott, die höchste Natur, hat nämlich im Paradies die rechtmäßige Ehe eingesetzt (…)“[17], so die Meinung von Honorius in seiner Summa quaestionum decretalium[18].

Insgesamt „darf als ganz allgemeine Lehre der Dekretisten festgehalten werden, dass es zwei Einsetzungen der Ehe gibt, die erste im Paradies zur Fortpflanzung des Menschengeschlechtes, die zweite nach dem Sündenfall als Heilmittel gegen die Konkupiszenz, als Mittel zur geordneten Befriedigung des Geschlechtstriebes.“[19]

Bevor aber eine Ehe geschlossen und die Einsetzungsworte überhaupt gesprochen werden können, ist die Zustimmung der Brautleute erforderlich, da „(…) einzig die frei gegebene Zustimmung der Brautleute eine Eheschließung legitimiert (…)“[20]. Dies ist für die Gültigkeit der Ehe unerlässlich. Jedoch gab es auch dort unterschiedliche Ansichten, denn „(…) nach kanonischem Recht war die Ehe selbst dann gültig, wenn das Versprechen ohne Zeugen und ohne Priester gegeben wurde. Vor Gott dem Allwissenden waren sie verheiratet, selbst wenn es keinen Beweis dafür gab, der einen irdischen Gerichtshof hätte überzeugen können.“[21]

Nachdem auf die Ehezwecke und die Worte, die ein Paar zu einem Ehepaar erklären, eingegangen wurde, möchte ich nun zeigen, wie Hartmann von Aue diese Themen in „Erec“ behandelt. Gibt es Gemeinsamkeiten oder doch gravierende Unterschiede?

1.2 Die Ehezwecke in Hartmanns „Erec

Um auf die eigentlichen Ehezwecke eingehen zu können, halte ich es für wichtig, die dazugehörige Vorgeschichte zu kennen. Deshalb sollen diese nun erläutert werden.

Erec will sich auf Herzog Imains Fest gegen den Ritter, durch dessen Zwerg ihm vorher große Schande zuteil wurde, beweisen, um seine Ehre wiederherzustellen. Bei diesen Festlichkeiten gibt es einen Wettbewerb, der schon zwei Jahre zuvor veranstaltet wurde. Gewinner ist derjenige, dessen Dame die schönste ist, und diu næme den sparwære (V.203). Erec – auf der Suche nach einem Quartier für die Nacht – findet Unterschlupf bei Karolus, dessen Frau und Tochter Enite. Dieser gibt ihm auf seine Anfrage hin eine Rüstung für den Sperberwettbewerb, damit Erec daran teilnehmen kann. Anschließend wendet sich Erec mit folgender Bitte an Enites Vater:

sô soldet ir mich lâzen rîten

mit iuwer tohter Ênîten

ûf die selben hôchzît.

ich behabete den strît

daz si schœner wære

(und næme den sparwære)

dan des ritters vriundîn.

nû sehet ob ez müge sîn

und tuotz ûf daz gedinge,

ob mir alsô gelinge

daz mir der sige belîbe,

sô nim ich si ze wîbe.

dar umbẹ endurfet irz niht lân,

si ẹnhât an mir niht missetân,

ez mac wol mit ȇren sîn.

ich künde iu den vater mîn:

der ist der künec Lac genant.

beide liutẹ unde lant,

lîp und allez daz ich hân

machẹ ich ir undertân,

daz si des muoz walten. (V.504 – 524)

Erec will mit Enite zum Fest reiten, um mit Hilfe ihrer Schönheit den Wettbewerb zu gewinnen. Wenn er siegt, nimmt er Enite zur Frau. Er stellt sich an dieser Stelle auch vor und nennt seinen Vater, König Lac, um Karolus zu zeigen, dass er keine schlechte Partie ist. Die Ernsthaftigkeit seines Antrags bekundet er in der Aussage, er wolle ihr alles was er besitze, und sogar sein Leben, untertan machen und sie solle darüber herrschen. Enites Vater glaubt anfangs, Erec verspotte ihn damit wan si des guotes niht enhât (V.549). Diese Anschuldigung widerlegt Erec:

waz solde mir iezuo der spot?

jâ bitẹ ich mir sô helfen got

ze sȇle und ze lîbe,

als ich mir ze wîbe

iuwer tohter gerne nemen wil . (V.566 – 569)

Daraufhin willigt Karolus ein und stimmt der Eheschließung zu.

Vergleicht man also die Realität mit der Literatur, ist hier festzustellen, dass in Hartmanns „Erec“ die Zustimmung der Brautleute zumindest zum Teil gegeben ist, da Erec Karolus um Enites Hand bittet, und dieser sie ihm gewährt. Folglich ist die Eheschließung laut Rüdiger Schnell[22] legitimiert. Ansonsten fällt auf, dass Erec weder heiraten will, um Nachkommen zu zeugen - zumindest wird dies nicht erwähnt - noch aus wirtschaftlichen Aspekten, da Enite aus armen Verhältnissen stammt und ihm somit außer sich selbst und ihrer Liebe nichts bieten kann. Dies stört ihn aber nicht. Er beteuert, dass er ir guotes wol enbir. ouch hetẹ ich einen swachen muot, næmẹ ich vür mînen willen guot (V.579). Er hält es für eine niedere Gesinnung, würde er Enite nur aus wirtschaftlichen Gründen heiraten wollen. Stattdessen scheint Erec Enite aus Eigennutz zur Frau nehmen zu wollen, weil er schließlich eine Dame braucht, mit deren Hilfe und Schönheit[23] er den Wettbewerb gewinnen und dadurch seine Ehre wiederherstellen kann. Dies wird durch seinen Ausspruch an iu stât gar mîn ȇre (V.585) verdeutlicht. Er benötigt Karolus´ Zustimmung, bekommt er diese nicht, kann er seine Ehre nicht verteidigen.

[...]


[1] Karras, Sexualität im Mittelalter, S.138.

[2] Hartmann von Aue, Erec, S.445 ff.

[3] Ebd., S.451.

[4] Persson, Ehe und Zeichen, S.36.

[5] http://www.planet-wissen.de/kultur_medien/brauchtum/hochzeit/index.jsp (aufgerufen am 21.10.2010)

[6] Bayerische Staatsbibliothek München, Decretum magistri Gratiani, http://geschichte.digitale-sammlungen.de/decretum-gratiani/online/angebot (aufgerufen am 14.10.2010).

[7] Weigand, Liebe und Ehe im Mittelalter, S.3.

[8] Ebd.

[9] Ebd., S.6.

[10] Ebd., S.7.

[11] Ebd., S.9.

[12] Weigand, Liebe und Ehe im Mittelalter, S.9.

[13] Maryanne Kowaleski, Online Mediaeval Sources Bibliography, http://www.medievalsourcesbibliography.org/authors/912 (aufgerufen am 14.10.2010).

[14] Weigand, Liebe und Ehe im Mittelalter, S.10.

[15] Ebd.

[16] Ebd., S.11.

[17] Ebd., S.13.

[18] Ebd., S.12f.

[19] Ebd., S.18.

[20] Schnell, Sexualität und Emotionalität in der vormodernen Ehe, S.423.

[21] Karras, Sexualität im Mittelalter, S.146.

[22] „(…) die kirchliche Konsenslehre, wonach einzig die frei gegebene Zustimmung der Brautleute eine Eheschließung legitimiert (…)“: Schnell, Sexualität und Emotionalität in der vormodernen Ehe, S.423.

[23] Vgl. Hartmann von Aue, Erec, V. 323 – 341.

Details

Seiten
19
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783668122642
ISBN (Buch)
9783668122659
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v268066
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,7
Schlagworte
artusroman fiktion realität analyse hartmann aues erec

Autor

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