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Ethische Aspekte von Brain-Machine-Interfaces und Deep-Brain-Stimulation

Identität auf drei Ebenen

Seminararbeit 2013 20 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. DBS und BMIs
2.1. Möglichkeiten
2.2. Probleme

3. Ethische Betrachtung
3.1. Individuelle Ebene: Persönlichkeit
3.2. Ebene des Menschenbilds: Mensch oder Maschine
3.3. Gesellschaftlich Ebene: Juristische Aspekte

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Elektrische und magnetische Stimulationen des Gehirns haben in den letzten Jahren vielversprechende Möglichkeiten zur Behandlung von neurologischen und psychischen Störungen bewiesen. Technologien wie die Deep-Brain-Stimulation (Tiefe Hirn Stimulation, im Folgenden DBS) oder Brain-Maschine-Interfaces (Hirn-Maschine Schnittstellen, im Folgenden BMIs), zu denen sowohl das Neurofeedback als auch die Neuroprothesen zählen, sind ein großes und schnell wachsendes Gebiet der Forschung und verbreiten sich in den Bereichen der Medizin, des Militärs und auch im Entertainment. Es ist nicht bekannt, wie zuverlässig die Versprechungen der Wissenschaftler sind, doch gehen einige davon aus, dass das Rätsel des Hirns bereits in 2-3 Jahrzehnten vollständig gelöst und technisch zugängig sein[1] soll. So werden verschiedenste Möglichkeiten der Verbindungen des Hirnes mit dem PC in Erwägung gezogen. Eine direkte Verbindung von Hirn und Internet könnte nur noch eine Frage der Zeit sein und vielleicht ist es sogar bald möglich, verschiedene Software in das Hirn zu ‚installieren‘, Sprachchips zu integrieren oder aber auch direkte Hirn-zu-Hirn Verbindungen zu erstellen. Des Weiteren sind vom Gehirn gesteuerte, völlig natürlich funktionierende Prothesen nicht mehr im Bereich des Unmöglichen. Körperliche Behinderungen könnten schon bald der Vergangenheit angehören. In Anbetracht solcher Versprechungen und Prognosen stellt sich tatsächlich die Frage, ob man es hier noch mit einem Gehirn des Menschen zu tun hat oder doch eher mit einem Computer, dessen Verstand, um dessen Ursprung viele Philosophen rätseln, nur ein Produkt, also die Software des Computers ist. Die Technologie gewinnt zunehmend an Stärke und macht den Menschen abhängig. Je genauer die Elektroden werden, desto größer werden die Möglichkeiten für die Vereinheitlichung von elektronischen Teilchen und menschlichen Zellen. Auf den ersten Blick klingt all dies ganz wunderbar. Liest man sich Erfahrungsberichte der Deep-Brain-Stimulation auf durchaus seriösen Internetseiten durch, so wird man durchweg auf ein weitgehend positives Feedback stoßen. Dass unerwünschte Nebenwirkungen nicht großartig erwähnt werden, heißt jedoch nicht, dass es sie nicht gibt. Im Gegenteil: Neben Infektionen, Blutungen und Fehlplatzierungen werden Folgen wie positive und negative Effekte auf die Kognition, die Psyche und das Verhalten des Patienten wie auch Auswirkungen auf seine Sprache beobachtet[2]. Des Weiteren sind Gedächtnisstörungen, Manie und Depression keine Seltenheit. Besonders die DBS steht daher im Verdacht, die Identität von Personen zu verändern. „The ‚newness‘ of ethical challenges continues to be a topic of discussion”[3]. Auch wissen die Forscher bis heute nicht ganz sicher, wie genau die DBS funktioniert, was unerwünschte Nebenwirkungen und zufällige Entdeckungen (wie die positiven Auswirkungen der DBS auf das Tourette-Syndrom) sind. Mögliche Nebenwirkungen und Komplikationen von Neuroprothesen sind noch nicht bekannt, da sich diese weitgehend noch in der Entwicklungsphase befinden. Treten oben genannte Nebenwirkungen auf, so ist dem Patienten zwar körperlich geholfen, psychisch ist er jedoch völlig verändert. Auch wenn für einige Kritiker die Bedenken, ob DBS einen Einfluss auf die persönliche Identität hat, nur entscheidend sind, wenn diese Effekte ungewollt auftreten, sollte dieser Gedanke nicht vernachlässigt werden. Ist es der Fall, dass die DBS und auch die BMIs die Identität der Menschen verändern, sie steuern und zu neuen Wesen machen, wäre die ethische Vertretbarkeit dieser Technologien mehr als fraglich. Daher wird in der vorliegenden Hausarbeit die aktuelle Situation der Forschung kurz dargestellt und genauer betrachtet. Es soll fokussiert werden, ob und in wie fern Neurotechnologien die persönliche Identität beeinflussen oder sogar verändern. Betrachtet werden hierzu drei Ebene, die individuelle, die gesellschaftliche und die des Menschenbildes.

2. DBS und BMIs

Bevor die ethischen Aspekte der DBS und BMIs analysiert werden, soll im Voraus ein kurzer Überblick über diese Neurotechnologien verschafft werden. Brain-Machine-Interfaces, zu denen auch die DBS gezählt wird, sind, wie der Name schon sagt, Schnittstellen, die das Gehirn mit einem Computer verbinden. Sie tun dies, indem sie durch Elektroden entweder elektrische Signale an das Gehirn bzw. bestimmte Hirnareale leiten oder neuro-elektrische Signale aus dem Gehirn ableiten.

„Bedingt durch die unterschiedlichen Zielsetzungen und Einsatzbereiche existieren eine ganze Reihe unterschiedlicher Systeme. (…) Sie (alle) bestehen (aber) in der Regel aus drei Komponenten: einer zentralen Recheneinheit (koordiniert die elektronische Steuerung), einem internen Interface (Kontakt zu neuronalen Strukturen) und einem externen Interface (Kontakt zur Außenwelt).“[4]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Graue Pfeile: Verfahren, die Signale aus dem Gehirn ableiten, um unterschiedliche externe Effektoren wie Prothesen oder Computerprogramme zu steuern; schwarze Pfeile: Verfahren, die neuronale Strukturen stimulieren, um Sinneseindrücke zu induzieren (…) oder motorische Symptome zu unterdrücken (…).[5]

2.1. Möglichkeiten

Ideen, wie das menschliche Gehirn mit Maschinen verbunden werden könnte, gibt es, wie oben schon erwähnt, viele. Einige Formen der BMIs allerdings existieren nicht mehr nur als Ideen in den Köpfen der Forscher, sondern wurden realisiert. Während sich die einen noch in der Entwicklung befinden, werden die anderen bereits erfolgreich im Alltag angewandt und vereinfachen das Leben kranker oder körperlich behinderter Menschen enorm. Die Tiefe Hirnstimulation, DBS, ist solch eine bereits angewandte Technik. Sie stellt einen direkten Eingriff in das Hirn dar. Operativ werden kleine Elektroden implantiert. Diese sind verbunden mit einem batteriebetriebenen Stimulator, welcher an der Brust des Patienten direkt unter die Haut implantiert wird. Mit dieser Hilfe kann die Stimulation an- oder ausgeschaltet werden. Durch das Aktivieren der Elektroden werden elektrische Impulse in bestimmte Regionen des Gehirns gesendet. Im Fall von zum Beispiel Parkinson können so Symptome wie Sprachstörungen und motorische Störungen, die durch das Absterben von Hirnzellen verursacht werden, verringert oder zeitweise sogar völlig eliminiert werden. Auch sensorischen Prothesen, eine andere Form der BMIs, verbreiten sich zunehmend. Prothesen wie das Bionic Ear und das Bionic Eye können verlorengegangene oder nie angelegte Sinneseindrücke induzieren, sodass es Menschen ermöglicht wird, wieder zu hören oder zu sehen. Im Fall des Bionic Ear werden Töne und Geräusche in elektrische Impulse umwandelt und an eine Elektrode im inneren Ohr übermittelt, was die Hörner-fasern stimuliert – der Mensch kann hören, wenn auch recht blechern. Neuroprothesen stellen eine weitere Art der BMIs dar. Durch sie wird es Menschen ermöglicht, nur durch ihre Gedanken Objekte in der realen Welt, wie zum Beispiel den Cursor eines Computers, zu bewegen. Paralysierte Menschen können so ihren eigenen Rollstuhl bedienen und Menschen mit dem Locked-in- Syndrom wird die Möglichkeit gegeben, sich mit ihrer Außenwelt in schriftlicher oder auditiver Form in Verbindung zu setzen. Ganze Briefe können auf diese Weise geschrieben werden, wenn auch bislang nur unter einem enormen Zeitaufwand. Ebenfalls zu dieser Gruppe zählen die ‚artifictial limbs‘. Roboterarme und –beine empfangen Signale von anderen, noch existierenden Muskeln des Menschen und können so kontrolliert werden. Auch taktile Sensoren wurden bereits entwickelt, um auch das Gefühl an die noch bestehenden Nerven des Patienten weitergeben zu können und verlorengegangenes Tastvermögen wieder herzustellen. Die vierte Form der BMIs ist das sogenannte Neurofeedback. Mit Hilfe von EEG wird die Aktivität des Gehirns sichtbar gemacht. So ist es möglich, den Patienten vor epileptischen Anfällen zu warnen. Auch in der Armee findet sich für diese Technik Gebrauch. So existiert ein Helm, welcher mit einer Art Fernglas die Aufmerksamkeit eines Soldaten auf Gefahren lenkt, die sein Gehirn nur unterbewusst wahrgenommen hat. Die Reaktionsfähigkeit wird maximiert. Viel Aufsehen erregte die letzte hier vorgestellte Form der BMIs, das sogenannte Exoskelett. Dies ist eine externe Struktur, welche an den Körper oder Teile davon geschnallt wird und Kräfte, die der Körper eigentlich nicht hat, erweckt. Eine Hoffnung für gelähmte Menschen, doch auch eine interessante Erfindung für das Militär.[6]

2.2. Probleme

So vielversprechend diese neuentwickelten Techniken auch klingen, sie stellen einen Eingriff in die Natur des Menschen dar, und dies bleibt nie ohne ethische Bedenken. Die potentiellen Vorteile einer DBS für Parkinson Patienten zum Beispiel werden auf Internetseiten hoch gelobt[7]. Weniger intensiv dokumentiert, doch nicht weniger wichtig sind allerdings die möglichen und typischen physischen sowie psychischen Nebeneffekte, wie sie in der Einleitung dieser Arbeit bereits erwähnt wurden. Kein invasiver Eingriff bleibt ohne Risiken und kaum ein Eingriff in das menschliche Hirn bleibt ohne Nebenwirkungen. „‘Oft sind die Nebenwirkungen vorübergehend oder lassen sich durch Anpassen der Stimulationsparameter beheben, dies ist allerdings nicht immer der Fall‘ “.[8] Grunwald betont: “The analysis of ethical issues is to be deepened by case studies in certain, particularly relevant fields.”[9] Daher soll nun ein Fallbeispiel vorgestellt werden, um die Bedenken der Kritiker von DBS und BMIs zu verdeutlichen.

[...]


[1] Vergl. Schermer (2009), S.217.

[2] Vergl. Schermer (2011), S.1.

[3] Grunwald, S.6.

[4] Clausen, S.21.

[5] Clausen, S.21.

[6] Vergl. Schermer 2009, S.219f.

[7] Vergl. Baylis, S.2.

[8] Clausen, S.24.

[9] Grunwald, S.6.

Details

Seiten
20
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656587798
ISBN (Buch)
9783656587804
Dateigröße
611 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v268362
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
Schlagworte
ethische aspekte brain-machine-interfaces deep-brain-stimulation identität ebenen

Autor

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