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Chancen und Risiken von Übertragung und Gegenübertragung im pädagogischen Feld

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 21 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2. Entdeckung und Bedeutungswandel des Begriffs der Übertragung
2.1. Übertragung nach Sigmund Freud
2.2. Übertragung nach Ralph R. Greenson

3. Entdeckung und Bedeutungswandel des Begriffs der Gegenübertragung.
3.1 Sigmund Freud: Gegenübertragung als Beeinträchtigung und das Chirurgen-, Spiegelidea
3.2. Paula Heimann: Gegenübertragung als Schöpfung des Patienten

4. Übertragung / Gegenübertragung und pädagogischer Bezug
4.1. Erscheinungsformen von Übertragung und Gegenübertragung
4.2. Positive / Negative Übertragung und Wiederholungszwang
4.3. Gegenübertragung als komplementäre und konkordante Identifizierung

5. Die Relevanz der reflektierten Gegenübertragung

6. Fazit

7. Anhang

Literaturverzeichnis

1.Einleitung

Woran liegt es, dass mir unsere neue Nachbarin unsympathisch ist, obwohl ich sie gar nicht kenne? Wieso fällt scheinbar nur mir auf, dass sie sich sehr merkwürdig verhält? Wie kann es sein, dass ich von diesem Lehrer so grundlegend falsch eingeschätzt werde? Warum sieht er mich völlig anders als ich wirklich bin? Weshalb schätzen wir so oft Menschen falsch ein, ohne ihnen die Gelegenheit zu geben uns vom Gegenteil zu überzeugen?

Diese und ähnliche Fragen habe ich mir schon etliche Male gestellt. Erst als ich im Rahmen des Moduls B3 an einem Seminar teilgenommen habe, in dem es um „Interaktionstheorien und ihre Bedeutung für Beratungsprozesse“ ging, gelang es mir dieses Verhalten zumindest ansatzweise zu verstehen. Es scheint etwas mit dem Phänomen der Übertragung und Gegenübertragung zu tun zu haben, dass wir einen „subjektiven Erwartungsrahmen“[1] ausbilden, der uns „Vor- und Parallelerfahrungen auf neue Situationen“[2] übertragen lässt. Jeder Mensch ist durch seine Erziehung, sein soziales Umfeld und durch die daraus entstehenden Wünsche, Ängste und Hoffnungen geprägt. Besonders die Rolle der des Pädagogen/ der Pädagogin, dem Erzieher/ der Erzieherin, des Sozialarbeiters/ der Sozialarbeiterin[3], … empfinde ich in diesem Zusammenhang als höchst interessant, da eben auch diese/r als Mensch nicht frei von Prägungen seiner Vergangenheit ist. Diese werden zwangsläufig in die Arbeit mit dem Klienten eingebracht und können die gegenwärtige Situation verzerren. In diesem Kontext ist wohl auch der Satz „Die Wahrnehmung einer Situation wird von der Persönlichkeit des Wahrnehmenden radikal beeinflusst“[4] zu verstehen.

Diesen Umstand habe ich als Ausgangspunkt für meine Hausarbeit gewählt. Ich möchte im Folgenden erörtern, inwieweit Übertragung und Gegenübertragung als Chance oder auch als Risiko in der sozialen Arbeit und im Erziehungsprozess wirken kann. Ziel dieser Hausarbeit soll es sein, aufzuzeigen, dass Übertragung und Gegenübertragung nicht nur im psychoanalytischen Kontext zu verstehen sind, sondern auch im pädagogischen Bereich in Erscheinung treten. Außerdem stelle ich mir die Frage, welche „Vorkehrungen“ vom Pädagogen, Sozialarbeiter, usw.[5] getroffen werden müssen, um gewährleisten zu können, dass unbewusste Assoziationen oder Konflikte nicht mit in die Wertung des Klienten und die Arbeit mit und an ihm einfließen. Anders gefragt: Wie kann zwischen eigenem Empfinden des Pädagogen und Realität eine klare Linie gezogen werden, um zu verhindern, dass unbewusste Vorgänge in ihm selbst das Bild der gegenwärtigen Situation verfälschen?

Um dieser Frage nachzugehen werde ich zu Beginn einen kurzen Überblick über die Entdeckung und den Bedeutungswandel des Begriffs der Übertragung nach Freud (1892/1915) geben und kurz auf eine Definition nach Greenson (1967) verweisen. Ausführlicher werde ich auf die Entdeckung und den Bedeutungswandel der Gegenübertragung eingehen, da dieser seit seiner Entdeckung stets einer kontroversen Diskussion unterliegt. Um diese zu verdeutlichen, werde ich die Ansichten Sigmund Freuds (1910) und Paula Heimanns (1950), die häufig als „extreme Gegenpole“[6] dargestellt werden, näher erläutern. Als nächstes werde ich im vierten Abschnitt auf das Verhältnis von Psychoanalyse und Erziehungswissenschaft hinweisen. Hierbei werde ich versuchen, die Problematik von Übertragung und Gegenübertragung darzustellen. Dazu gehe ich sowohl auf die Erscheinungsformen dieser Phänomene, als auch auf die Unterscheidung von positiver und negativer Übertragung und deren Auswirkungen auf die Arbeit im pädagogischen Feld ein. Anhand der Darstellung von Gegenübertragung als komplementäre und konkordante Identifizierung beabsichtige ich, neben diversen „Risiken“ im Umgang mit Gegenübertragung, auf einen sehr positiven Aspekt hinzuweisen, der als Chance für jede Arbeit und Beziehung zwischen Pädagogen und Klienten genutzt werden kann, sofern sie kontrolliert und reflektiert wird. Abschließend möchte ich in einem separaten Abschnitt kurz diese Relevanz der Selbstreflexion in der Arbeit mit und an Menschen verdeutlichen.

2. Entdeckung und Bedeutungswandel des Begriffs der Übertragung

In diesem Abschnitt möchte ich auf den Begriff der Übertragung eingehen. Erstmals erwähnt wird dieses Phänomen 1892 von Sigmund Freud in seiner „Studie über Hysterie“. Sie ist wohl eine seiner wichtigsten Entdeckungen für die analytische Behandlung und weniger unumstritten als der Begriff der Gegenübertragung[7].

2.1. Übertragung nach Sigmund Freud

Anfangs galt die Übertragung noch als Hindernis, da Freud sie mit dem Widerstand des Patienten gegen die Therapie und das gestörte Verhältnis zwischen Patient und Analytiker gleichsetzte. Das kann man damit erklären, dass Freud seine Patienten stets frei assoziieren ließ, um von gegenwärtigen auf vergangene Gefühle schließen zu können. Aufgabe des Arztes war es, diese Gefühle zu deuten und zu beheben. Während der Therapie, so stellte Freud fest, kam es häufig zu einer Veränderung im Analytiker-Analysanden-Verhältnis, was eine Beeinträchtigung der Assoziationen zur Folge hatte.[8] Grund dafür sei, dass der Patient aufgrund falscher Verknüpfungen zwischen Arzt und „einer Person, die Objekt früherer (meist sexueller) Wünsche war“[9], herstellt, vergangene Wünsche auf die Person des Arztes überträgt und als gegenwärtiges Gefühl anerkennt.

Erst im Laufe der Zeit (1915) erkennt Freud, dass die „Übertragung nicht immer ein Hindernis für die Analyse“[10] ist, sondern „die Übertragung (…) die stärkste Triebfeder der Arbeit darstellt“[11].Aus der Übertragung des Patienten könne der Analytiker erkennen, an welchen infantilen Konflikten der Analysand noch immer leidet. Aufgabe sei es nun, diese zu deuten, zu rekonstruieren und ihnen einen neuen, heilenden Ausgang zu verschaffen.

Bis heute nimmt die „Analyse und Deutung der Übertragungsinhalte (im psychoanalytischen Prozeß) eine zentrale Rolle ein.“[12]

2.2. Übertragung nach Ralph R. Greenson

Ralph Romeo Greenson entwickelt 1967 eine Definition von Übertragung, die nicht im klassischen Sinne von Freud steht, sondern diesen erweitern. Er entwirft zwei Kriterien, die eine Reaktion aufweisen muss, um als Übertragung bezeichnet werden zu können. Hiernach muss das Verhalten sowohl eine Wiederholung der Vergangenheit, als auch der Gegenwart unangemessen sein.[13].Er spricht von einem „Anachronismus, ein(em) Irrtum in der Zeit.“[14] Zwar entspricht dies nicht mehr dem traditionellen Bild der Übertragung, da auch Reaktionen und Verhaltensweisen aufgrund von Gewohnheiten in dieser Definition mit einbezogen wären, dennoch ist sie für den späteren Verlauf dieser Arbeit von größerer Bedeutung. Einflussreiche Autoren der Psychoanalytischen Pädagogik wie z.B. Hans-Georg Trescher haben sich ihrer häufig bedient.[15]

[...]


[1] Trescher, H.-G. (1990): Theorie und Praxis in der Psychoanalytischen Pädagogik. Mainz., S. 75.

[2] Trescher 1990, S.75.

[3] Ich verwende im Folgenden jeweils nur eine Form, da es einfacher zu lesen ist. Natürlich ist sowohl die feminine als auch die maskuline gemeint.

[4] Devereux, G. (1992). Angst und Methode in den Verhaltenswissenschaften. Frankfurt am Main: Suhrkamp. S.66.

[5] Ich verwende ab Punkt 4 jeweils nur einen Begriff, den ich im Wechsel variieren werde. Gemeint sind Pädagogen, Sozialarbeiter, Erzieher, Therapeuten, usw.

[6] Gysling, A (1995). Die analytische Antwort: eine Geschichte der Gegenübertragung in Form von Autorenportraits. Tübingen: Ed. diskord. S. 49.

[7] Vgl. dazu Kapitel 3.

[8] Vgl. Sandler, J., Dare, & Holder. (1979). Die Grundbegriffe der psychoanalytischen Therapie. Stuttgart: Klett-Cotta. S.33.

[9] Sandler, Dare, & Holder 1979, S.34.

[10] Sandler, Dare, & Holder 1979, S.34.

[11] Freud, S. (1975). Zur der Dynamik der Übertragung (Bd. Ergänzungsband: Schriften zur Behandlungstechnik). (A. Mitscherlich, A. Richards, J. Strachey, & I. Grubrich-Simits, Hrsg.) Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag.

[12] Auchter, T., & Strauss, L. V. (1999). Kleines Wörterbuch der Psychoanalyse. – Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1999. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. S.61.

[13] Vgl. Sandler, Dare, & Holder 1979, S.39.

[14] Greenson, R. R. (1967). Technik und Praxis der Psychoanalyse. Stuttgart: Klett. S.163.

[15] Vgl. Trescher 1990, S.76, 81.

Details

Seiten
21
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656596004
ISBN (Buch)
9783656595908
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v268534
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
1,0
Schlagworte
chancen risiken übertragung gegenübertragung feld

Autor

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