Lade Inhalt...

Traumapädagogik bei traumatisierten Kindern und Jugendlichen

Pädagogische Handlungsmöglichkeiten in der stationären Jugendhilfe

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 32 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Was ist ein Trauma?
1.1. Einteilungsmöglichkeiten von psychischen Traumatisierungen
1.2. Die Dynamik unterschiedlicher Traumata
1.2.1. Vernachlässigung
1.2.2. Seelische Misshandlung
1.2.3. Körperliche Misshandlung
1.2.4. Häusliche Gewal
1.2.5. Traumatische Sexualisierung
1.3. Die Posttraumatische Belastungsstörung

2. Trauma und die Folgen
2.1. Die „Traumatische Zange“ nach M. Hube
2.2. Auswirkungen auf das Selbstkonzep
2.3. Auswirkungen auf die Beziehungsfähigkei

3. Traumapädagogik

4. Handlungsmöglichkeiten der stationären Jugendhilfe
4.1. Gestaltung der Zukunft und Unterstützung der kognitiven Neuordnung mithilfe von Biografiearbei
4.2. Sicherung konstanter Beziehungen
4.3. Auflösung der traumatischen Übertragung und Minimieren von Flashbacks
4.4. Unterstützung zur Selbstbemächtigung

5. Zum professionellen Umgang mit Traumata
5.1. Potenzielle Belastungen der HelferInnen
5.2. Grundkompetenzen für professionelles Handeln

6. Fazit

7. Anhang
7.1. Literaturverzeichnis
7.2. Erklärung der Urheberschaf
7.3. Modulschein B11
7.4. Elektronische Fassung der Jahresarbeit

Einleitung

Im Umgang mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen sind zuständige PädagogInnen „[…] einem Trommelfeuer hochdynamischer psychischer Prozesse ausgesetzt (und) laufen Gefahr, sich an diesen Prozessen zu infizieren und Schaden zu nehmen“ (Meng, Köhli, & Bürgin 2001, S.188). Aus diesem Grund ist es von besonderer Notwendigkeit, über die Dynamik von Traumata zu wissen sowie die Folgen und daraus resultierende Verhaltensweisen betroffener Kinder und Jugendlicher im Kontext der Traumatisierung einordnen zu können. Nur so lassen sich potenzielle Belastungen der PädagogInnen so gering wie möglich halten und Handlungsmöglichkeiten erschließen, mit denen die Betroffenen in einer positiven Entwicklung unterstützt werden können.

Mein Interesse für dieses Themengebiet entwickelte sich während meiner Arbeit in einem Wohnheim für psychisch kranke Jugendliche. Hier absolvierte ich zu Beginn meines Studiums ein Praktikum und bin bis heute dort tätig. Viele von den Jugendlichen, die hier leben, haben traumatische Erlebnisse machen müssen. Mit einem Zitat von Bertolt Brecht schärfte und veränderte meine Praxisanleiterin bereits am ersten Tag meinen Blick auf die zu betreuenden Jugendlichen: „Der reißende Strom wird gewalttätig genannt, aber das Flussbett, das ihn einengt, nennt keiner gewalttätig.“ Mit der Zeit begriff ich, was sie damit meinte. Es sind keine „kranken“ Jugendlichen, mit denen wir zu tun haben. Sie und ihr Verhalten sind vielmehr durch ihre traumatischen Erlebnisse bedingt und hindern sie an einer gesunden Entwicklung.

Im Gegensatz zu der Annahme, traumatische Erfahrungen könnten nur im therapeutischen Setting korrigiert werden, stellt auch die Pädagogik eine große Unterstützungsmöglichkeit für betroffene Kinder und Jugendliche dar; traumatische Erfahrungen spiegeln sich in auffälligen Verhaltensweisen wieder, die den Alltag der Betroffenen prägen und auch dort bewältigt werden können (vgl. Weiß 2009, Philipp sucht sein Ich. Zum pädagogischen Umgang mit Traumata in den Erziehungshilfen, S.78). Besonders die sationäre Jugendhilfe scheint bei der Korrektur traumatischer Erfahrungen und der Unterstützung betroffener Kinder und Jugendlicher eine wichtige Rolle zu spielen. Diese Kinder brauchen, wie Mehringer schon vor dreißig Jahren formulierte, den „therapeutischen Alltag von morgens bis abends“ (Mehringer 1979, S.6) – eine Anforderung, die die Heimerziehung erfüllen kann. Doch welche konkreten Handlungsmöglichkeiten haben PädagogInnen im Umgang mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen? Was ist überhaupt ein Trauma? Welche Spuren hinterlässt es und welche Folgen haben traumatische Erlebnisse auf das spätere Verhalten? Besonders in der Arbeit mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen stellt sich zudem die Frage, wie man sich als PädagogIn trotz potenzieller Belastungen durch diese Arbeit schützen kann, um einen professionellen Umgang sowohl mit den Betroffenen als auch mit sich selbst gewährleisten zu können. Diesen Frage soll in der vorliegenden Arbeit nachgegangen werden.

Hierzu wird im ersten Teil der Arbeit der Begriff des Traumas näher erläutert. Anhand der beiden Klassifikationssystemen DSM-IV und ICD-10 soll zunächst der Begriff des Traumas definiert und anschließend verschiedene Einteilungen von psychischen Traumata vorgenommen werden. Da in dieser Arbeit die von Menschen verursachten Traumata im Fokus stehen sollen, wird zudem eine Übersicht darüber gegeben, was Kindern und Jugendlichen alles widerfahren kann und welche Dynamik die unterschiedlichen traumatischen Erlebnisse haben. Abschließend für Kapitel 1 wird explizit auf die Posttraumatische Belastungsstörung, PTBS, eingegangen, die dann entstehen kann, wenn traumatische Ereignisse keine adäquate Verarbeitung finden. Besonders in der stationären Jugendhilfe kommt man immer wieder mit Kindern und Jugendlichen in Kontakt, die eine solche Störung aufgrund menschlich verursachten Traumen ausbilden (vgl. Besser 2009, S.45f). In Kapitel 2 werden Auswirkungen von Traumatisierung auf Selbstkonzept und Bindungsverhalten thematisiert, da diese Anhaltspunkte für Handlungsmöglichkeiten im pädagogischen Umgang mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen darstellen.

Kapitel 3 beschäftigt sich mit der Fachdisziplin Traumapädagogik. Aus der Entstehung dieser Fachrichtung werden Grundlagen und –haltungen in der Arbeit mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen deutlich, welche aufgezeigt werden sollen, um anschließend die Zuständigkeit der Pädagogik auf diesem Gebiet zu klären. Im vierten Kapitel wird dann auf explizite Handlungsmöglichkeiten im Umgang mit Betroffenen eingegangen, die PädagogInnen in der stationären Jugendhilfe haben. Die Arbeit mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen birgt potentielle Belastungen für HelferInnen, die durch professionelle Grundkompetenzen wie Grundwissen, Selbstreflexion und Selbstfürsorge verringert werden können. Diese Aspekte werden in Kapitel 5 thematisiert.

Kapitel 6 soll schlussflogernd alle Ergebnisse zusammenfassen, um einen Überblick über die Dynamik eines Traumas und dessen Folgen zu geben. Daraus sollen pädagogische Handlungsmöglichkeiten in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in der sationären Jugendhilfe abgeleitet werden, um einen professionellen Umgang mit den Betroffenen als auch mit sich als HelferIn zu gewährleisten.

1. Was ist ein Trauma?

Das Wort „Trauma“ bedeutet so viel wie Wunde (vgl. Weiß 2009, Philipp sucht sein Ich. Zum pädagogischen Umgang mit Traumata in den Erziehungshilfen, S.19). Das psychische Trauma, um das es in dieser Arbeit gehen soll, wird von der Weltgesundheitsorganisation im ICD-10 als „[…] ein belastendes Ereignis oder eine Situation außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophalen Ausmaßes (kurz- oder langanhaltend), die bei fast jedem eine tiefe Verstörung hervorrufen würden“  (Weltgesundheitsorganisation 1994) definiert. Im DSM-IV werden Traumata wie folgt beschrieben: „Potentielle oder reale Todesbedrohungen, ernsthafte Verletzungen oder einer Bedrohung der körperlichen Versehrtheit bei sich oder anderen, auf die mit intensiver Furcht, Hilflosigkeit oder Schrecken reagiert wird“  (DSM-IV: American Psychiatric Association 1994).

1.1. Einteilungsmöglichkeiten von psychischen Traumatisierungen

Die vielen unterschiedlichen traumatischen Ereignisse, auf die oben genannte Definitionen zutreffen, lassen sich nach verschiedenen Gesichtspunkten einteilen. Eine Einteilung kann zum Einen durch die Unterscheidung von menschlich-verursachten vs. zufälligen Traumen und von kurz- vs. langfristigen Traumen erfolgen (vgl. Maercker 2010, S.5). Zu den menschlich verursachten, im Englischen man made disasters, zählen unter anderem sexuelle und körperlich Misshandlung in der Kindheit, schwere Trennungserlebnisse, kriminelle und familiäre Gewalt, Vergewaltigung, Kriegserlebnisse und Massenvernichtung, während zufällige Traumen (Natur-)Katastrophen oder Unfällen zuzuordnen sind. In Bezug auf die Dauer eines traumatischen Ereignisses lassen sich kurzdauernde, Typ-I-Traumen, von längerdauernden, wiederholenden Typ-II-Traumen, unterscheiden (vgl. Terr 1991). Erste sind zum Beispiel Unfälle, Naturkatstrophen und kriminelle Gewalttaten – vorwiegend durch eine akute Lebensgefahr und Überraschung gekennzeichnet. Typ-II-Traumen sind durch „Serien verschiedener traumatischer Einzelereignisse und durch geringe Vorhersagbarkeit des weiteren traumatischen Geschehens“ (Maercker 2010, S.6.) definiert. Hierzu zählen unter anderem wiederholte sexuelle oder körperliche Gewalt in Form von Kindesmissbrauch oder Vergewaltigung, mehrfache Folter und Geiselhaft. Auch wenn die Bewertung traumatischer Ereignisse individuell unterschiedlich ist, hat sich gezeigt, dass vor allem willentlich durch Menschen verursachte Traumen vom Typ II in vielen Fällen zu stärker beeinträchtigenden und chronischen psychischen Folgen führen können als andere Formen (vgl. Huber 2009, Trauma und die Folgen. Trauma und Traumabehandlung. Teil 1, S.21f.). In Bezug auf das Thema der Arbeit sei gesagt, dass ein Großteil der in Heimen lebenden Kinder und Jugendlichen Typ II-Traumatisierungen aufweist (vgl. Schmid 2010, S.37).

Da in dieser Arbeit die von Menschen verursachten Traumen im Fokus stehen, soll im Folgenden aufgezeigt werden, was Kinder und Jugendlichen alles widerfahren kann. Anhand dieser Darstellung, die sich auf die in der stationären Jugendhilfe „am häufigsten anzutreffenden potenziellen Traumata“[1] (Weiß 2009, Philipp sucht sein Ich. Zum pädagogischen Umgang mit Traumata in den Erziehungshilfen, S.22) bezieht und keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, soll die Dynamik unterschiedlicher Traumen verdeutlicht werden.

1.2. Die Dynamik unterschiedlicher Traumata

Die Kenntnis unterschiedlicher Traumata ist eine Grundvoraussetzung, um im pädagogischen Umgang mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen eine adäquate Hilfestellung gewährleisten zu können (vgl. ebd. S.23). Traumata sollen in diesem Teil der Arbeit hinsichtlich ihrer Dynamik behandelt werden; wie diese im Einzelnen definiert sind, wird als bekannt vorausgesetzt.[2]

1.2.1. Vernachlässigung

Als häufigste Form von Kindesmisshandlung mit potenziell schwerwiegenden Konsequenzen gilt die Vernachlässigung. 10-12% aller Kinder werden von ihren Eltern klinisch relevant abgelehnt oder vernachlässigt (vgl. Egle, Hoffmann, & Joraschky 2000). Während Kinder, die sexueller oder körperlicher Gewalt ausgeliefert sind, Aufmerksamkeit der Eltern entgegengebracht wird – wenn auch in „unangemessener, exzessiver und zerstörerischer Weise“ (Weiß 2009, Philipp sucht sein Ich. Zum pädagogischen Umgang mit Traumata in den Erziehungshilfen, S.22) – so werden vernachlässigte Kinder nicht wahrgenommen, sie erhalten kaum Anregungen, ihre Grundbedürfnisse nach emotionaler Zuwendung, Schutz, Fürsorge, Pflege werden nicht befriedigt (vgl. ebd. S. 23). „Die Tatsache, dass die Elementarbedürfnisse des Kindes missachtet werden, beeinflusst die körperliche, kognitive, emotionlae und soziale Entwicklung“ (ebd. S.23). Vernachlässigten Kindern fehlt meist die Fähigkeit zur Selbstreflexion und das Gefühl der Selbstwirksamkeit, da die Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich zunächst von einer angemessenen Reaktion der primären Bezugspersonen auf Erfolg bzw. Misserfolg abhängt. Eltern, die ihre Kinder vernachlässigen, können eine solche Instanz nicht darstellen; die Kinder folglich keine Selbstbewertungsfähigkeiten entwickeln (vgl. ebd. S.24).

1.2.2. Seelische Misshandlung

Seelische Misshandlung kann sowohl als integrale Komponente aller Misshandlungsformen, als auch eigenständig auftreten. Herrmann verweist darauf, dass „bei Mischformen von Misshandlung womöglich ein größerer Anteil der längerfristigen Folgen auf das Konto von Vernachlässigung oder der emotionalen Misshandlung (gehen) als auf das der aktiven Misshandlungsformen“ (Herrmann 2006, S.89). Mögliche Folgen einer Eltern-Kind-Beziehung, die durch misshandelnde Interaktionsaspekte gekennzeichnet ist, sind unter anderem Minderleistungen in der Entwicklung, Isolation, Aggressivität, dissoziales Verhalten, ein geringes Selbstwertgefühl, Misstrauen, selbstzerstörerische und/oder kriminelle Verhaltensweisen und Angst – Faktoren, die das Erleben und Handeln betroffener Kinder maßgeblich beeinflussen (vgl. Weiß 2009, Philipp sucht sein Ich. Zum pädagogischen Umgang mit Traumata in den Erziehungshilfen, S.25).

1.2.3. Körperliche Misshandlung

Im Gegensatz zu den bisher aufgeführten Misshandlungsformen, ist die körperliche Misshandlung durch eine überstimulierende, verletzende Beziehung geprägt. Auf Bedürfnisäußerungen und Neugier des Kindes wird mit Schlägen oder ähnlichem reagiert. Diese gewalttätige Unterdrückung der kindlichen Wünsche und Bedürfnisse hat Störungen in der kognitiven sprachlichen Entwicklung, eine geringe Belastbarkeit, Ausdauer und Leistungsfähigkeit in anfordernden Situationen zur Folge (ebd. S.26). Körperlich misshandelte Kinder tendieren zu einem negativen und hyperaktiven Verhalten, um die Aufmerksamkeit ihrer Umwelt auf sich zu lenken. Sie verhalten sich sehr viel aggressiver als nicht misshandelte Kinder, haben dadurch Probleme im Umgang mit Gleichaltrigen und werden von Lehrkräften „als am schwersten gestört eingeschätzt“ (ebd. S.26). Andererseits sind diese Kinder besonders anpassungsfähig. Ihre Bemühungen, nicht aufzufallen, genau zu beobachten und Stimmungen zu interpretieren, sind auf ihre Angst vor neuen Übergriffen zurückzuführen. Dann wieder agieren sie ihre Wut aus, erfahren aufgrund dieses aggressiven Verhaltens Ausstoßung in Schule und unter Gleichaltrigen, was ihr negatives Selbstbild verstärkt (vgl. Weiß 2009, Philipp sucht sein Ich. Zum pädagogischen Umgang mit Traumata in den Erziehungshilfen, S. 26f.). Auch diesen Kindern fehlt es an Situationen, in denen sie Selbstwirksamkeit erfahren können. Sie haben Angst, den Erwartungen anderer nicht zu entsprechen, vermeiden neue Herausforderungen lieber als daran zu scheitern und entwickeln aufgrund ihrer erlernten Hilflosigkeit kein Gefühl dafür, ihre Umwelt verändern bzw. im gestalterischen Sinn beherrschen zu können (Martin und Rodeheffer 1980 zit. in Gil 1996, S.18).

1.2.4. Häusliche Gewalt

Häusliche Gewalt, die Gewalt zwischen erwachsenen Bezugspersonen, wird meist von Männern gegen Frauen ausgeübt.[3] In 90% der Fälle sind Kinder während der Gewalttat anwesend oder im Nebenraum, ein Drittel der Kinder wird ebenfalls körperlich oder sexuell durch den Täter misshandelt (vgl. Kavemann 2000, S.109). Um die Mutter nicht noch mehr zu belasten, unterdrücken die Kinder häufig ihre Gefühle, fühlen sich aufgrund ihrer Rolle als „Schlichter, Verbündete, Geschlagene oder Schiedsrichter“ (Weiß 2009, Philipp sucht sein Ich. Zum pädagogischen Umgang mit Traumata in den Erziehungshilfen, S.27) verantwortlich für die Vorfälle. Ihr Erleben ist von Angst um die Mutter, um sich selbst, vor der Zunkunft gekennzeichnet und drückt sich in unspezifischen Auswirkungen wie Schlafstörungen, Aggressivität und Entwicklungsverzögerungen aus. Auch diese Misshandlungsform ist durch ihre Willkür und Unvorhersagbarkeit bestimmt – Faktoren, die eine tiefe Ohnmacht und Hilflosigkeit im Kind hervorrufen.

1.2.5. Traumatische Sexualisierung

Spezifisch für sexuellen Missbrauch ist die Verleugnung, die besonders aufgrund des auferlegten Geheimhaltungsgebots durch den Täter/ die Täterin erzwungen wird. Besonders wenn der Täter/ die Täterin aus dem sozialen Nahraum stammt, besteht auch auf Seiten des Kindes der Drang, das Erlebte zu verdrängen, zu verheimlichen, psychisch umzudeuten.[4] Finkelohr und Browne haben ein Modell der vier traumatogenen Faktoren zur Erklärung und Vorhersage sexueller Missbrauchsfolgen entwickelt, um die Dynamik eines Missbrauchs zu verdeutlichen (vgl. Weiß 2009, Philipp sucht sein Ich. Zum pädagogischen Umgang mit Traumata in den Erziehungshilfen, S.30ff). Verrat durch die Person, von der das Kind emotional abhängig ist, erschüttert sein Vertrauen zutiefst. Ohnmacht/Hilflosigkeit, die auf die grundlegende Missachtung des kindlichen Willens und den daraus resultierenden Kontrollverlust zurückzuführen ist sowie Stigmatisierung, die das betroffene Kind in eine Opferrolle drängt, untergraben dessen Handlungsfähigkeit und Selbstwirksamkeitsgefühl. Die traumatische Sexualisierung prägt die Sexualität des Kindes in einer Art und Weise, die nicht dessen Entwicklungsstand entspricht und zwischenmenschlich dysfunktional ist. Diese vier Faktoren haben wiederum eigene Auswirkungen und Verhaltensmanifestationen[5]. Verrat führt zu Misstrauen, Wut, tiefer Trauer, Depression; die erlebte Ohnmacht zu der Überzeugung nichts bewirken zu können, zu einem von Schuld- und Schamgefühlen geprägten negativen Selbstbild, das sich häufig in Suchtverhalten und Autoaggressionen äußert, zu Angst- Panikattacken, Phobien, Dissoziationen. Die Angst vor Stigmatisierung verstärkt den Zwang zur Geheimhaltung und die soziale Isolation. Aufgrund der unangemessenen Einwirkungen auf die Sexualität zeigen betroffene Kinder häufig sexualisierte Verhaltensweisen, verwechseln nicht selten Sexualität mit Liebe – ein Umstand der eine Herausforderung für PädagogInnen darstellt, die in ihrer Arbeit um einen Bindungsaufbau zum Kind bemüht sind.[6] Es ist davon auszugehen, dass sexueller Missbrauch zu schwerwiegenden Beeinträchtigungen der emotionalen, kognitiven und sozialen Entwicklung führen kann – in einer Untersuchung von Fegert wurde deutlich, dass „nur knapp 16% der (sexuell missbrauchten) Kinder keine psychiatrischen Auffälligkeiten zeigte“ (Fegert, Berger, Klopfer, Lehmkuhl, & Lehmkuhl 2001, S.144).

Aus der Darstellung der Dynamiken unterschiedlichen Traumata sollte eines deutlich geworden sein: Die von traumatisierten Kindern und Jugendlichen Verhaltens- und Erlebensweisen sind nicht pathologisch, sondern als „normale Reaktionen auf unnormale Erlebnisse“ (Besser 2009, S.49) zu verstehen – auf traumatisierende, durch Menschen verursachte Erlebnisse, die alle ein zentrales Gefühl hervorrufen: Das Gefühl der Selbstunwirksamkeit, aus dem eine tiefe Ohnmacht resultiert (vgl. Weiß 2009, Selbstbemächtigung - ein Kernstück der Traumapädagogik, S.157ff). Welche Handlungsanforderungen sich aus dieser Erkenntnis für die Pädagogik ergeben, wird in Kapitel 4 erläutert. Zunächst stellt sich die Frage, wann eine traumatische Situation verarbeitet werden kann und wann diese zu Folgestörungen wie der Posttraumatischen Belastungsstörung, PTBS, führt, die bei Kindern und Jugendlichen in der Heimerziehung häufig anzutreffen ist (vgl. u.a. Schmid 2010, S.36f. und Besser 2009, S.46) Was ist die PTBS, welches Wissen darüber ist relevant für die pädagogische Praxis?

[...]


[1] Bestätigt durch eine Untersuchung von  Münder, Mutke, & Schone (2000) über Gefährdungslagen von

Kindern und Jugendlichen bei Anrufung von Gericht durch Fachkräfte des Jugendamtes.

[2] Näheres zu Definition siehe u.a. in Weiß, Philipp sucht sein Ich. Zum pädagogischen Umgang mit Traumata in den Erziehungshilfen, 2009, S. 22ff.

[3] Dieser Umstand darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch Männer häuslicher Gewalt ausgesetzt sein können. Bisher gibt es dazu jedoch nur wenige Veröffentlichungen zu diesem Thema.

[4] Vgl. dazu Punkt 2.2.

[5] Im Rahmen dieser Arbeit kann die Komplexität des Themas „Sexueller Missbrauch an Kindern“ nicht ausreichend behandelt werden. Einen umfassenden Überblick erhält man u.a. in Enders, 2001.

[6] Vgl. dazu Punkt 4.3.

Details

Seiten
32
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656596899
ISBN (Buch)
9783656596912
Dateigröße
614 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v268539
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
2,0
Schlagworte
traumapädagogik kindern jugendlichen pädagogische handlungsmöglichkeiten jugendhilfe

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Traumapädagogik bei traumatisierten Kindern und Jugendlichen