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Machtzugang für Frauen im 16. Jahrhundert. Der Fall Anne Boleyn

Studienarbeit 2011 22 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung: Machtzugang für Frauen im 16. Jahrhundert

2. Die Stellung der Frau in der Frühneuzeit

3. Der Fall von Anne Boleyn
3.1. Politische Situation
3.2. Boleyns Aufstieg
3.3. Annes Förderung der Reformation
3.4. Die Heirat von Heinrich und Anne
3.5. Der Absturz
3.6. Ein missgebildetes Kind: Ursache für den Sturz?

4. Anne Boleyn und Thomas Wyatt: ein Beispiel

5. Zusammenfassung

6. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung: Machtzugang für Frauen im 16. Jahrhundert

In den frühneuzeitlichen Republiken in Europa war die Teilnahme einer Frau an die Herrschaft ausgeschlossen, was mit dem zur Zeit geltenden Wahlprinzip begründet wurde. Bei dynastischen Herrschaftssystemen könnte die Frau die Macht ergreifen, auch wenn begrenzt und zusätzlich oft in Frage gestellt. In diesem Fall konnte sie sich auf ihre Abstammung berufen. Eine Frau als Fürstin bzw. Regentin war im 16. Jahrhundert im Gegensatz zum Mittelalter nicht der reguläre Fall. Das kam von der allgemein verbreiteten Ansicht von der untergeordneten Rolle der Frau in der Ehe und in der Gesellschaft. Außerdem beruhte das Königtumskonzept auf die Lehre von den Zwei Körpern des Königs, wobei eine Frau im besten Fall beim Fehlen eines männlichen Herrschers vorübergehend regieren könnte. Das war eine der direkten Möglichkeiten des Machtzugangs für Frauen, die anderen waren Machtübernahme beim Tod des Ehemannes bis zur Aufrufung eines neuen Königs und Regentschaft für den unmündigen Thronfolger[1]. Die weibliche Herrschaft war jedoch meistens zeitlich stark begrenzt und durch männliche Verwandte oder Außenstehende besonders gefährdet. Zu den indirekten Möglichkeiten des Machterwerbs zählten Beeinflussung des Königs in der Ehefrau-Rolle, vorübergehende Regierung in seiner Abwesenheit und Erziehung des Thronfolgers in der Mutter-Rolle. Im Fall von Anne Boleyn, Heinrichs VIII. zweite Ehefrau und Mutter Elizabeths, haben wir ein Beispiel für indirekte Machtausübung in England. Ob sie den politischen Einfluss, den sie erlangte, zur Durchsetzung der Reformation nutzte, ist jedoch fraglich. In England war im Vergleich zu den anderen europäischen Staaten wie in Frankreich kein Gesetz vorhanden, das Frauen automatisch von der Regierung ausschloss. Trotzdem gab es das Bestreben, Frauenherrschaft stark zu begrenzen und sogar zu verhindern[2].

Am 25. Januar 1533 fand die Hochzeit zwischen Heinrich VIII. und Anne Boleyn statt. Die Scheidung von seiner ersten Frau, Katharina von Aragon, erfolgte aufgrund des Fehlens männlicher Nachkommen. Für Heinrich war es von enormer Wichtigkeit, dass die dynastische Thronfolge der Tudors gesichert wurde. Er ging soweit, dass er sogar seinen unehelichen Sohn Henry Fitzroy anerkannte und seit 1527 zumindest beabsichtigte, dass er ihm die Krone vererbt, falls die Tochter von seiner ersten Ehe, Mary I., im Ausland heiraten sollte. Die Spekulationen um diese Angelegenheit endeten 1536, als Fitzroy unerwartet starb[3].

Die Annullierung der Ehe mit Katharina wegen ausbleibenden Schwangerschaften wurde von Papst Clemens VII. nicht bestätigt. Aufgrund dieser Ablehnung ernannte sich Heinrich selbst zum Oberhaupt der anglikanischen Kirche. Es erfolgte die endgültige Trennung von Rom und die Scheidung wurde nach englischem Recht für gültig erklärt. Problematisch blieb allerdings die Legitimität der Kinder von der darauffolgenden Ehe mit Anne Boleyn. Für viele Katholiken blieb Katharina weiterhin als die Ehefrau Heinrichs bestehen, während Anne als die „Ehebrecherin“ galt[4]. Die neue Ehe sollte durch entsprechende neue Parlamentsbeschlüsse gerechtfertigt werden. Jede negative Äußerung Anne gegenüber wurde als Hochverrat eingestuft. Die neue Königin war mit starker öffentlicher Skepsis, sogar Ablehnung, konfrontiert. 1533 wurde Elizabeth geboren, zu einer Riesenenttäuschung- ein Mädchen. Die Thronfolgeregelung von 1534 stellte sie als Nachfolger erst nach den potentiellen Söhnen von der Ehe mit Anne und nach den eventuellen männlichen Kindern von nachfolgenden Ehen. Diese Regelung verdeutlicht, dass weibliche Prätendentinnen für den Thron unter Heinrich VIII. äußerst unerwünscht waren. Im Fall von einer unerwarteten Erkrankung des Königs und Unmündigkeit des Thronberechtigten durfte die Mutter zusammen mit verschiedenen Beratern die Regentschaft ausüben[5].

Am 7. Januar 1536 starb Katharina von Aragon, drei Wochen später erlitt Boleyn eine Fehlgeburt. Zu diesen beiden Ereignisse kam noch das Interesse Heinrichs für die Hofdame Jane Seymour. Im Mai 1536 wurde Anne Boleyn verhaftet und beschuldigt, Ehebruch mit fünf Männern begangen zu haben. Am 19. Mai wurde sie hingerichtet.

Laut der zeitgenössischen katholischen Ansicht war Anne Boleyn der Hauptgrund für Heinrichs Bruch mit Rom und die Vorantreibung der Reformation in England. Dieses Urteil bedingte ihre "Verteufelung", die auch auf ihre Tochter Elizabeth übertragen wurde. Zwei verschiedene Meinungen sind im Historikerkreis in Bezug auf Boleyn vertreten. Die einen stellen Anne als Opfer der Machtpolitik am Hof Heinrichs dar. Die neuere Sichtweise - vertreten etwa von Maria Dowling und Eric W. Ives - bestimmt Boleyn als die treibende Kraft bei der Ausbreitung der Reformation in England. G. Bernard widerspricht allerdings dieser Meinung, die nach seiner Ansicht durch zeitgenössische Quellen nicht unterstützt werden kann[6]. In den 90er Jahren wurde eine große Diskussion über den Boleyn-Fall geführt, ausgelöst durch einen Artikel von Retha Warnicke - "Sexual Heresy an the Court of Henry VIII"[7]. Laut ihrer These kriegte Anne bei der Fehlgeburt im Januar 1536 ein stark missgebildetes Kind. Missbildungen waren ein Zeichen für sexuelle Verfehlungen und für die Strafe Gottes, der die Ehe zwischen Heinrich und Anne nicht akzeptierte. Der Fall wurde geheim gehalten, weil es kein Zweifel an der Ehre des Königs bestehen sollte[8]. Aus diesem Grund wurde Anne auch in Ehebruch mit fünf Männern beschuldigt.

Anne Boleyns Geschichte illustriert auf bemerkenswerter Art die politische Kultur des Tudor-Englands. Anliegen dieser Arbeit ist zu klären, in welchem Zusammenhang Boleyns Schicksal mit den zur Zeit in England geltenden Herrschaftsprinzipien stand. Frauen konnten in der frühen Neuzeit unter ganz bestimmten Voraussetzungen an die Macht gelangen, immerhin sollten sie sich aber an ihre dekorative Rolle am Hof halten statt Versuche zu unternehmen, einen realen politischen Einfluss auszuüben. Wichtig war nicht nur die Gunst des Königs zu gewinnen, sondern diese auch auf Dauer behalten zu können. Allerdings standen diese Bedingungen in einem engen Zusammenhang mit den machtpolitischen Manövern am Hof Heinrichs, was sich im Fall von Anne Boleyn fatal erwies.

2. Die Stellung der Frau in der Frühneuzeit

Es stellt sich in erster Linie die Frage, in wie fern Machtzugang und Machtausübung seitens der Frauen überhaupt möglich war. Um diese zu beantworten, müssen die gesellschaftlichen Vorstellungen vom Geschlecht und das herrschende christliche und institutionalisierte Geschlechterrollenkonzept in Betracht gezogen werden. In der Querelle des sexes geht es meistens in der Form von Anklage darum, was oder wie Männer und Frauen sein sollen[9]. Der Streit fängt schon im Mittelalter an und dauert bis in die Aufklärung. Typisches Merkmal ist, dass patriarchalische Vorurteile Frauen gegenüber stets im Vordergrund stehen.

Den herrschenden Rollenbildern im frühneuzeitlichen England entsprechend wurde den Begriffen "Mann-Vernunft-Disziplin" die Opposition "Frau-Natur-Trieb" gegenübergestellt[10]. Die Einschränkungen im öffentlichen Leben, die eine Frau einzuhalten hatte, wurden durch den gesellschaftlichen Kontext und den Christentum bestimmt. Da die Frau als das schwächere Geschlecht galt, durfte sie grundsetzlich nicht regieren. Die Bibel besaß in der frühen Neuzeit absoluten Wahrheitsinhalt, nach dem die Gesellschaft Verhaltensvorschriften aufbaute. Bereits im Alten Testament wurde die patriarchalische Ordnung angesagt - die Frau wird in den zehn Geboten zusammen mit dem Besitz aufgezählt, sie ist eindeutig dem Mann untergeordnet. Die Frau darf sich nicht scheiden lassen oder untreu sein. Im Buch Genesis finden die Theologen den unwiderruflichen Beweis für die Schwäche der Frau, welcher auch der Ausgangspunkt für die Querelle des femmes darstellt, sie ist nämlich aus dem Mann geschaffen worden[11]. Im Neuen Testament vertritt Paulus ausdrücklich die Meinung, den Frauen soll die öffentliche bzw. führende Rolle in den christlichen Gemeinden nicht gestattet werden. Diese Einstellung wird bis in die Zeit der Renaissance aufgenommen[12].

Die Zugehörigkeit zum "schwächeren" Geschlecht war auch in der Tudor-Zeit mit bestimmten Erwartungen und Einschränkungen verbunden. Frauen, die zu den Adelskreisen gehörten, genossen mehr Vorteile, wie zum Beispiel Bildungschancen. Allerdings blieb die Frau dem Mann unterworfen, sie sollte ihn mit Verehrung und Gehorsam behandeln. Auch wenn sie bessere Erziehung kriegen könnten, diente diese zum Heiratszweck, sodass die Familie des Mädchens mehr an Reichtum und Einfluss gewinnen könnte. Der Ehemann übernahm die patriarchalische Rolle, die bis zu diesem Zeitpunkt vom Vater gespielt wurde. Adelige Frauen hatten die Möglichkeit meistens nur als Witwen sich als Oberhaupt einer Familie zu behaupten. Sie konnten dann Vormundschaft ausüben, den Besitz verwalten und Heiraten für ihre Kinder organisieren und aushandeln[13]. Die Rollenaufteilung in England im 16. Jahrhundert wurde klar definiert. Die Frau sollte heiraten und sich um das Haus und die Kinder kümmern. Der Mann war derjenige, der sich mit dem öffentlichen Leben beschäftigte[14].

Die Diskussion um den Wert der Frau in frühneuzeitlichem England wurde in den Jahren nach 1540 geführt und die Grundlage waren meistens Übersetzungen ausländischer Autoren[15]. Zumindest auf theoretischer Ebene gab es die Gegenposition, die die Frau als Mensch zu schätzen wusste. Erasmus von Rotterdam war einer der wichtigsten Fürwörter weiblicher Rechte in England. Ein anderer war der Humanist Thomas Elyot, der zwischen 1531 und 1538 sein Werk "The Defence of Good Women" verfasste. Vermutlich wurde das Werk Katharina von Aragon oder ihrer Tochter Mary gewidmet[16]. 1516 schrieb Thomas More "Utopia". Als entscheidender Faktor galt für ihn, dass sowohl Männer als auch Frauen Menschen sind und deswegen auch gleiche Chancen auf Bildung kriegen müssten. Der spanische Humanist Juan Luis Vives gehörte auch zu den Verfechtern für eine Verbesserung der Stellung der Frau. 1523 bis 1528 war er Erzieher am Hof Heinrichs VIII. und Professor in Oxford. Die Bildung sollte den Charakter der Frau moralisch verbessern. Da Eva die Verantwortung für den Sündenfall trug, sollte die Frau auf keinen Fall die Autorität eines Mannes besitzen. Die Ausbildung der adeligen Frau sollte zur Beherrschung eleganter Unterhaltung beitragen. Dazu sollte die Hofdame sich mit Tanz, Malerei und Musik beschäftigen, und ihre Bildung sollte allgemein dem Zweck dienen, dass sich ihre weiblichen Reize entfalten können[17].

[...]


[1] Valerius, R.: Weibliche Herrschaft im 16. Jahrhundert. Die Regentschaft Elizabeths I. Zwischen Realpolitik, Querelle des femmes und Kult der Virgin Queen, Herbolzheim 2002, S. 30-31.

[2] Ebd., S. 33.

[3] Ebd., S. 34-35.

[4] Valerius: Weibliche Herrschaft im 16. Jahrhundert, S. 38.

[5] Ebd., S. 38-40.

[6] Ebd., S. 41.

[7] Warnicke, R. M.: Sexual Heresy at the Court of Henry VIII, in: The Historical Journal Vol. 30, No. 2 (1987), S. 247-268, online in: http://www.jstor.org/stable/2639194 (Stand: 05.08.2011).

[8] "Yet let us believe undoubtedly, good Christian people, that we may not obey kings, magistrates or any other (...) if they would not command us to do anything contrary to God's commandments.", A Homily on Obedience (1547), in: Elton, G.R. (Hrsg.): The Tudor Constitution. Documents and commentary, 2. Ausgabe, Cambridge 1995, S. 15.

[9] Bock, G.: Frauen in der europäischen Geschichte. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, München 2005, S. 13.

[10] Valerius: Wiebliche Herrschaft im 16. Jahrhundert, S. 126.

[11]...man wird sie Männin nennen, weil sie vom Manne genommen ist... (1. Buch Mose, 2.18-25).

[12] Valerius: Wiebliche Herrschaft im 16. Jahrhundert, S. 127-130.

[13] Ebd., S. 133-137.

[14] Ebd., S. 141.

[15] Ebd., S. 139.

[16] Valerius: Weibliche Herrschaft im 16. Jahrhundert, S. 142.

[17] Ebd., S. 153-162.

Details

Seiten
22
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656598008
ISBN (Buch)
9783656597964
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v268706
Institution / Hochschule
Universität Bremen
Note
3,0
Schlagworte
Heinrich VIII. Anne Boleyn

Autor

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Titel: Machtzugang für Frauen im 16. Jahrhundert. Der Fall Anne Boleyn