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Die Arisierung des Einzelhandels im Dritten Reich und ihre Auswirkungen für die Bevölkerung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 14 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Arisierung – Probleme einer Definition

3. Der Verlauf der Arisierungen in den Jahren 1933  bis

4. Drei Beispiele für die Arisierung großer Kaufhäuser
4.1 Herrmann Tietz – Eine Arisierung unter wirtschaftlichem Druck
4.2 Wertheim – Arisierung unter gesellschaftlichem Druck
4.3 Kortum – Arisierung durch Enteignung

5. Konsumverhalten und seine Veränderung durch Arisierungen
5.1 Einzelhandel und Konsum in der deutschen Bevölkerung
5.2 Einzelhandel und Konsum in der jüdischen Bevölkerung

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit soll den Einfluss der Arisierungen, also der Verdrängung der jüdischen Bevölkerung aus dem Geschäftsleben im dritten Reich, auf den Einzelhandel, sowie das Konsumverhalten und die Möglichkeiten zum Konsum der Bevölkerung im Deutschen Reich in diesem Zeitbereich, näher untersuchen. Dazu soll zunächst der eigentliche Begriff der Arisierung näher untersucht werden und der Verlauf der Arisierungen kurz nachgezeichnet werden. Danach sollen drei Beispiele der Arisierung von jüdischen Kaufhäusern exemplarisch zeigen, wie diese betrieben werden konnte. In einem letzten Schritt werden dann die Auswirkungen der Arisierungen für die deutsche, wie auch für die jüdische Bevölkerung von 1933 bis etwa 1942 beschrieben. Bei der Recherche zu dieser Arbeit haben sich vornehmlich zwei Bücher als besonders hilfreich erwiesen. Zum einen das Buch „Arisierung“ in Hamburg von Frank Bajohr, der in seinem Werk sowohl die zeitliche Entwicklung der Arisierungen darstellt, wie auch deutlich macht, das speziell zu ihrem Beginn, die Verdrängung der Juden, wie auch der ziemlich starke Eingriff in die freie Wirtschaft von vielen eher skeptisch betrachtet wurde. Als Gegenpol beschreibt Britta Bopf in ihrem Buch Arisierung in Köln, dass die Bevölkerung sowie die Führer von Partei und Wirtschaft dort, anders als in Hamburg, deutlich radikaler gegen jüdische Geschäftsleute vorgingen und das massive Eingreifen des Staats und der Partei eher gebilligt wurden. Die Synthese aus beiden Werken soll ein möglichst ausgeglichenes Bild über den Verlauf der Arisierungen im deutschen Reich schaffen. Ergänzt werden die beiden Werke durch verschiedene andere, um auch den theoretischen Hintergrund der Arisierungen, sowohl im Hinblick auf die gesetzlichen Grundlangen, wie auch die Entwicklung und die Motive in Bevölkerung und Partei näher zu klären.

2. Arisierung – Probleme einer Definition

Der Begriff der Arisierung ist ein Begriff aus dem Umfeld des völkischen Antisemitismus in Deutschland, der schon vor dem ersten Weltkrieg aufkam und bereits in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts eine „Arisierung“ der Wirtschaft forderte. Ab Mitte der dreißiger Jahre wurde der Begriff auch im Behördenjargon gebraucht. Trotz seiner durchaus häufigen Verwendung existiert bislang noch keine einheitliche Definition darüber, was „Arisierung“ eigentlich bedeutet.[1] Der Begriff Arisierung bezeichnet im Allgemeinen einen Vorgang zwischen Enteignung, Nötigung, oder Verkauf von Geschäftsbetrieben und persönlicher Habe meist unter direktem Zwang und unter Wert, aber auch zum Teil zu halbwegs fairen und ehrlichen Bedingungen, zugunsten von Nichtjuden, sogenannten „Ariern“. Hinzu kam eine immer größere Einschränkung jüdischer Erwerbsmöglichkeiten durch die Verdrängung der Juden aus immer mehr Berufsfeldern und schließlich auch der direkte Zugriff auf jüdisches Vermögen durch Enteignung. Ziel dieser Arisierungen war der Entzug der Lebensgrundlage der jüdischen Bevölkerung in Deutschland zwischen 1933 und 1942, um diese zum Auswandern zu drängen.[2] Dabei bedienten sich die Nationalsozialisten gern des Klischees des „reichen Juden“ und prangerten, unter anderem, einen, im Vergleich zur Bevölkerungsstruktur, übergroßen Anteil von Juden in Führungspositionen an. Dieser Vorwurf entbehrt jeder Realität. Zwar gab es tatsächlich prozentual mehr Juden in Führungspositionen der Wirtschaft, jedoch waren es tatsächlich nie mehr als 1 %. Dabei hatten Juden etwa 4 % des Volkseinkommens, was den Vorwurf, der übergroße Anteil jüdischer Bosse würde dem deutschen Volk all seinen Reichtum vorenthalten letztlich Lügen straft.[3] Der Vorgang der Arisierung geschah zunächst als schleichende Verdrängung, bei der immer mehr jüdische Geschäftsleute, vornehmlich aus kleinen und mittleren Betrieben des Einzelhandels, unter immer größeren Druck gesetzt wurden und schließlich im Angesicht des drohenden wirtschaftlichen Ruins, ihre Geschäfte weit unter Wert an „Arier“ veräußerten. Dabei wurde zum Teil der Vorgang der „Arisierung“ als Euphemismus, zum Beispiel in Werbeanzeigen, verwendet, um deutlich zu machen, dass die Kunden nun in einem „rein deutschen Geschäft“ sicher und volkstreu einkaufen konnten. Der Begriff der Arisierung war damit nicht nur ein interner Begriff in der nationalsozialistischen Verwaltung, sondern fand durchaus auch im Sprachgebrauch der normalen Bevölkerung Verwendung.

3. Der Verlauf der Arisierungen in den Jahren 1933  bis 1942

Es gab schon vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 in Deutschland ein immer wieder aufkeimendes antijüdisches Klima in Teilen der deutschen Bevölkerung und auch der Gedanke der Arisierung der Wirtschaft war, wie bereits angedeutet, keine Erfindung der Nationalsozialisten, sondern schon früher aufgekommen. So kam es bald nach der Machtübernahme zu ersten Übergriffen auf jüdische Geschäfte und einer Bedrohung und Einschüchterung von deutschen Juden. Es war leicht für die neue Führung gegen die jüdische Bevölkerung vorzugehen, da speziell in den unteren Bevölkerungsschichten der Antisemitismus bereits etabliert war, aber auch in den Vorstandsetagen durchaus vorhanden war. Schon früh rief die neue Führung zu einem zentral organisierten Boykott auf, der am 1. April, die gesamte jüdische Bevölkerung, speziell aber den Einzelhandel treffen sollte. So zogen am 1. April 1933 vor jüdischen Geschäften Posten der SA und linientreue Parteianhänger auf und forderten auf Plakaten und in Sprechchören die Bevölkerung auf, nicht bei Juden einzukaufen und stattdessen deutsche Geschäfte zu bevorzugen. Kunden die dennoch jüdische Geschäfte betraten, wurden zum Teil fotografiert, ihre Bilder in Parteizeitungen veröffentlicht. Der Boykott war mit einigem Vorlauf gestartet, er wurde in Zeitungen und auf Plakaten angekündigt und „deutsche“ Geschäftsleute wappneten sich, indem sie ihrerseits auf Plakaten in ihren Schaufenstern klarstellten, dass sie keine Juden waren.[4] Der Boykott verlief recht zwiespältig. In großen Städten wie Hamburg oder Berlin gingen zwar die Umsätze jüdischer Geschäfte allgemein zurück, jedoch kauften trotz Boykottaufruf viele Leute ein, zum Teil kam es sogar zu sogenannten Protestkäufen, bei denen die Leute beliebige Kleinigkeiten kauften, um ihre Solidarität auszudrücken. So hatte das Hamburger Modegeschäft Robinsohn am 1. April 1933 1/10 des normalen Umsatz gemacht, aber nur 1/3 der normalen Kassenzettel ausgegeben.[5] Auf dem Land, in der Provinz und auch in einigen Großstädten wie etwa Köln, hatte der Boykott allerdings einen größeren Effekt und dort kam es sogar zu gewalttätigen Übergriffen und Plünderungen jüdischer Geschäfte.[6] In Anbetracht solcher Eskalationen, sah sich die Reichsregierung, aus Sorge um Reaktionen des Auslands, wie auch um die wirtschaftliche Entwicklung im Land gezwungen, die Maßnahmen schnell wieder zurückzunehmen. Auch die Industrie und Handelskammern sahen den Boykott negativ, da sie sich um die wirtschaftlichen Konsequenzen auch für deutsche Händler sorgten. Sie befürchteten bei einer Enteignung der jüdischen Betriebe einen „braunen Bolschewismus“ und lehnten letztlich auch aus ordnungspolitischen Gründen eine Arisierung durch reine Enteignung und Reglementierung des Marktes ab. Dennoch führte die nun deutlich hervorgetretene antijüdische Stimmung zu einem verstärkten Ausreisewillen der jüdischen Bevölkerung. Es war jedoch klargeworden, dass der Ausschluss der Juden und die Übernahme ihrer Geschäfte nicht offensiv durchgeführt werden konnte, sondern eher schleichend betrieben werden musste.[7] Dies wurde allerdings nicht überall so umgesetzt, im radikaleren Köln etwa, gingen die offenen Übergriffe auf die jüdische Bevölkerung auch gegen die offizielle Linie weiter. Dort wurde das bereits 1933 erlassene Gesetz zu Schutze des Einzelhandels großzügig ausgelegt und Geschäftsgründungen von Juden ab 1934 verboten, sowie sämtliche städtische Aufträge an Juden gestrichen.[8] Im Allgemeinen wurde bis etwa 1937 die Arisierung, mit Rücksicht auf das Ausland und die Wirtschaft, eher im Hintergrund betrieben. Jüdische Geschäfte gingen, ohne dass es eine konkrete Gesetzesgrundlage gab in deutsche Hände über. Die jüdischen Geschäftsinhaber verkauften zum Teil aufgrund des gesellschaftlichen Drucks und des steigenden Antisemitismus, um zum Beispiel auszuwandern, teils auch aus wirtschaftlichen Gründen, wenn durch Boykottaufrufe oder auch durch Schikanen von staatlichen Stellen, das Unternehmen mehr und mehr in Schieflage geriet. Dabei spielten häufig die Hausbanken der jüdischen Geschäftsleute eine Rolle. Während zu Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft die Initiative oft noch vom Verkäufer ausging, wandelte sich dies im Laufe der Jahre und die Bank bot ungefragt ihre Dienste an.[9] Es gab aber auch durchaus regelrechte Enteignungen. Die Reichsregierung hatte durch verschiedene Gesetze und Verordnungen ein Klima der Rechtlosigkeit für die Juden geschaffen und sie der Willkür von lokalen und regionalen Entscheidungsträgern ausgesetzt.[10] Dies wurde noch begünstigt durch den Umstand, dass sich viele Beamte und regionale Parteigroßen an der Arisierung jüdischer Unternehmen zu bereichern versuchten. Die reine Gier und das Streben nach Profit banden die Nutznießer der Arisierungen immer mehr an das System. Ebenfalls stieg deren Grad der Radikalisierung, da ihre Angst vor eventuellen Regressansprüchen der vormaligen Besitzer mehr und mehr wuchs.[11] So wurde auch außerhalb des reinen Wirtschaftssektors die Arisierung vorangetrieben und in der Gesellschaft verankert, etwa bei Ärzten oder Juristen, sowie beim Ausschluss der Juden aus dem kulturellen Leben. Ab 1937 hatte sich der Antisemitismus in der Gesellschaft weit verbreitet und die wirtschaftliche Lage soweit gefestigt, dass sogar die Industrie- und Handelskammern und auch bislang abwartende Wirtschaftsführer begannen, sich in die Arisierungen einzuschalten und davon zu profitieren.[12] Eine neue Qualität der Judenverfolgung begann mit dem, von den Nazis initiierten, Novemberpogrom, der sogenannten „Reichskristallnacht“. Die Juden wurden danach völlig rechtlos. Viele Unternehmen waren 1938 bereits arisiert worden, jedoch gab es noch Geschäfte in jüdischer Hand, für die die Bedingungen einer halbwegs fairen Veräußerung so gut wie unmöglich wurden. Die mittlerweile weit fortgeschrittene gesellschaftliche Isolation der Juden machte es leicht, sie mit neuen Gesetzen und ohne weitere Gewalt zu diskriminieren. Die „Erste Verordnung zur Ausschaltung der Juden“ verbot ihnen schließlich den Betrieb von Einzelhandels- und Versandgeschäften und machte es ihnen unmöglich noch einer selbstständigen Arbeit nachzugehen. Jüdische Geschäfte wurden von linientreuen Parteimitgliedern übernommen, die sich selbstständig machen wollten, beziehungsweise um das jüdische Vermögen vor Ort zu halten und zu verhindern, dass etwa das Reich oder die Partei profitierten, oder durch andere Geschäftsleute, die Konkurrenz ausschließen wollten.[13] Zum Kriegsbeginn 1939 werden schließlich alle noch im deutschen Reich lebenden Juden enteignet, ihr Vermögen, sowie das von im Ausland lebenden Juden in Deutschland fiel an den Staat. Mit dem Beginn der Deportationen in die Vernichtungslager 1942 wurden auch die letzten Gegenstände, die bis dahin noch in jüdischen Händen waren, beschlagnahmt und mittellosen oder von Luftangriffen Geschädigten verkauft. Dabei ließ man bewusst große Teile der Bevölkerung an den „letzten Arisierungen“ teilnehmen, um das System zu stabilisieren und nutzte aktiv das materielle Interesse des Einzelnen aus.[14]

[...]


[1] Frank Bajohr: „Arisierung als gesellschaftlicher Prozess, in: Wojak, Irmtrud; Hayes, Peter: "Arisierung" im Nationalsozialismus. Volksgemeinschaft, Raub und Gedächtnis, Frankfurt, New York 2000. S. 15 - 30. Im Folgenden zitiert als: Bajohr, Arisierung als gesellschaftlicher Prozess. S.15.

[2] Wolfgang Mönninghoff: Enteignung der Juden. Wunder der Wirtschaft, Erbe der Deutschen, Hamburg 2001. Im Folgenden als Mönninghoff, Enteignung der Juden. S.12 - 14.

[3] Mönninghoff, Enteignung der Juden, S.25 - 26.

[4] Frank Bajohr: "Arisierung" in Hamburg. Die Verdrängung der jüdischen Unternehmer 1933-1945, Hamburg 1997. Im Folgenden zitiert als: Bajohr, Arisierung in Hamburg. S. 27 - 48.

[5] Bajohr, Arisierung in Hamburg, S.49 – 50.

[6] Britta Bopf: "Arisierung" in Köln. Die wirtschaftliche Existenzvernichtung der Juden 1933-1945, Köln 2004.Im Folgenden zitiert als Bopf: Arisierung in Köln. S. 34 – 35.

[7] Bajohr, Arisierung in Hamburg, S.51 – 82.

[8] Bopf, Arisierung in Köln, S.81 - 82.

[9] Dieter Ziegler: Die wirtschaftliche Verfolgung der Juden im „dritten Reich“, in: Priamus, Heinz-Jürgen: Was die Nationalsozialisten "Arisierung" nannten. Wirtschaftsverbrechen in Gelsenkirchen während des "Dritten Reiches", Essen 2007, S.17-40. S.30.

[10] Mönninghoff, Enteignung der Juden, S.46.

[11] Frank Bajohr: Parvenüs und Profiteure. Korruption in der NS-Zeit, Frankfurt 2001. S. 105 - 120.

[12] Bajohr, Arisierung in Hamburg,. S.227 - 233.

[13] Bopf, Arisierung in Köln, S.206 – 209.

[14] Bopf, Arisierung in Köln, S.300 – 308.

Details

Seiten
14
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656597254
ISBN (Buch)
9783656597315
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v268738
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Historisches Institut
Note
1,7
Schlagworte
arisierung einzelhandels dritten reich auswirkungen bevölkerung

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Titel: Die Arisierung des Einzelhandels im Dritten Reich und ihre Auswirkungen für die Bevölkerung