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Gewaltprävention in den Sekundarstufen

von Christoph Heckl (Autor) Katharina Frye (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 18 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Gewaltprävention als Forschungsthema

2. Kurze Vorstellung der einzelnen Maßnahmen
2.1. Anti-Gewalt-Training (AGT)
2.2. Buddy-System
2.3 Streitschlichtung
2.4. Video-School-Training (VST)
2.5 Gewaltprävention im Unterricht

3. Darstellung der didaktischen und methodischen Überlegungen

4. Reflexion über den tatsächlichen Verlauf der Sitzung
4.1. Einstiegsdiskussion mit Rollenspiel
4.2. Gruppenarbeit in den Maßnahmengruppen

5. Abschließende Bemerkungen

Literaturverzeichnis

Internetquellen

Einleitung

Das Thema des Seminars „Gewaltprävention durch Schulentwicklung“ brachte eine Vielzahl an interessanten Unterthemen hervor, die näher auf verschiedene Aspekte der Gewaltprävention in den unterschiedlichen Schulformen und -stufen eingingen. Aufgrund der Tatsache, dass in den vorherigen Sitzungen bereits ausführlich auf einführende Aspekte zum Thema Gewalt („Soziale Interaktion in der Schule“, „Gewaltprävention und Schulentwicklung“ und „Gewaltprävention in der Grundschule“) eingegangen worden war, war es das Ziel unserer Gruppe, sich detailliert mit dem Thema der Gewaltprävention in den Sekundarstufen zu beschäftigen. Da unsere Gruppe mit ca. 30 Teilnehmern verhältnismäßig groß ausfiel, wurde beschlossen, diese in weitere Kleingruppen zu unterteilen, die sich mit spezifischen Möglichkeiten bzw. Modellen der Gewaltprävention in den Sekundarstufen auseinandersetzen sollten. In dieser Hausarbeit werden zum einen diese Modelle in gebotener Kürze vorgestellt, zum anderen erfolgt eine Reflexion über den Arbeitsablauf in der Gruppe selbst, die didaktischen und methodischen Überlegungen und das eingesetzte Material, sowie über den Verlauf der von uns gestalteten Seminarsitzung. Dabei soll auch darauf eingegangen werden, inwieweit der Verlauf der Sitzung planmäßig erfolgte und in welchen Punkten davon abgewichen wurde, um letztlich Fehlerquellen ausmachen zu können, die bei einer weiteren Sitzung berücksichtigt werden könnten. An erster Stelle wird allerdings ein Einstieg zum Phänomen Gewalt bzw. Gewaltprävention gegeben werden, der darauf abzielt, das Explanandum im Forschungsdiskurs zu verorten. Zudem waren die dargestellten Erkenntnisse Grundlage für die Auswahl der einzelnen Maßnahmen. Da das generelle Problem der Gewaltprävention nicht darin besteht, dass zu wenige Programme entwickelt oder angeboten werden, sondern vielmehr darin, dass bestehende Programme selten oder gar nicht auf ihre Wirksamkeit überprüft werden, wird wenn möglich auf Evaluationsstudien zu den Maßnahmen verwiesen.[1]

1. Gewaltprävention als Forschungsthema

Bestandteil der öffentlichen Debatte ist das Thema „Schule und Gewalt“ und damit die Forderung an schulische Einrichtungen, sich näher mit dem Problem Gewalt auseinander zu setzen und folglich Strategien und Maßnahmen zu entwickeln, die den Betrieb einer weitgehend gewaltfreien Institution Schule ermöglichen, nicht erst seit den Amokläufen von Erfurt (2002) und Emsdetten (2006). Dennoch blieben entsprechende Überlegungen und vor allem die Durchsetzung selbiger viele Jahre nur fragmentarisch und vereinzelt. Mit der Wiedervereinigung und dem zunehmenden Problem des Rechtsradikalismus, rückte die Gewaltforschung und die Präventionsarbeit jedoch vermehrt in den Vordergrund. Hanke betont, dass es zu einer starken Sensibilisierung und Enttabuisierung der Gewalt an schulischen Einrichtungen kam.[2]

Trotz dieser anfänglich positiven Entwicklung ließ das Interesse bzw. der „Boom an Präventionsprojekten“ zum Ende der 90er Jahre sehr stark nach, sodass die Diskussion oft erst aufgrund akuter Gewalttaten an Schulen erneut von den Medien entfacht wurde. So seien beispielsweise das Massaker an der Columbine High School in Colorado 1999 oder die blutigen Ereignisse in Erfurt 2002 in Erinnerung gerufen.[3] Die Einschränkung der wichtigen Diskussion über Gewalt an Schulen und ihre notwendige Prävention, liegt unter anderem darin begründet, dass Themen wie Leistungssteigerung und Noten nach dem schlechten Abschneiden bei PISA als akuter und wichtiger empfunden wurden.

Für die letzte Dekade ist allerdings ein erneuter turn zu konstatieren, in dem die schulbezogene Gewaltforschung ein differenziertes Bild von der Situation an Schulen zu zeichnen vermocht und damit auch zu einer Versachlichung der Debatte beigetragen hat.[4]

Dazu hat auch die Politik beigetragen, die sich dem Problem eingehender zuwendete. Am 6. Juli 2000 wurde etwa das „Gesetz zur Ächtung von Gewalt in der Erziehung“ vom deutschen Bundestag verabschiedet, das eine Neufassung des § 1631 BGB beinhaltet. Darin wird in Deutschland erstmals das Recht des Kindes auf gewaltfreie Erziehung verankert.[5] Da die Institution Schule auch einen erzieherischen Auftrag wahrzunehmen hat, ist auch diese demnach nachdrücklich dazu angehalten, ein präventiv gewaltfreies Schulklima herzustellen. In der 298. Plenarsitzung der Kultusministerkonferenz, die 2002 in Eisenach tagte, rangierte der Tagesordnungspunkt „Schulen fördern – Erziehung stärken – Gewaltprävention ausbauen“ an erster Stelle. Und auch in der Präambel des Berichts der Arbeitsgruppe „Gewaltprävention“ unter Beteiligung verschiedener Bundesländer, vorgelegt in der Konferenz der Ministerpräsidenten der Länder am 27./28. März 2003 in Berlin, wird in den Punkten 13 bis 16 die Gewaltprävention an den Schulen thematisiert. Postuliert wird vor allem, dass die Lehreraus- und -fortbildung vermehrt Aspekte des professionellen Konfliktmanagements und der Gewaltprävention aufgreifen.[6]

Über das tatsächliche Ausmaß der Gewalt an Schulen besteht allerdings trotz zahlreichen Studien und statistischen Erhebungen mit unterschiedlichem methodischem Vorgehen noch kein allgemeiner Konsens. So wertet etwa Schubarth, dass die Gewaltbelastung an Schulen „nicht ‚dramatisch‘“, die meisten Schulen mithin „nicht von Gewaltproblemen betroffen“ seien.[7] Die Gegenposition korreliert mit einem oft konstatierten Zunehmen der „Jugendgewalt“, ein vermeintliches Faktum, das – nicht zuletzt befeuert durch die Überdramatisierung der Boulevardmedien – auch „in der öffentlichen Wahrnehmung“ vorherrscht.[8] Dies wird in der Fachwelt kritisch besehen und der vermeintliche Anstieg mit einem veränderten Anzeigeverhalten bzw. einer Wandlung der polizeilichen Bearbeitung begründet.[9]

Die Schwierigkeiten des wissenschaftlichen Herangehens beginnen bereits mit der konkreten Erfassung dessen, was unter „Gewalt“ verstanden wird.[10] Anhand der Auswertung eines Fragebogens, der unter den Seminarteilnehmern verteilt worden war, wurde dies insbesondere im Hinblick auf Alltagsdefinitionen von Gewalt bereits deutlich.

Innerhalb der sozialwissenschaftlichen Diskussion werden unterschiedliche Gewaltformen unterschieden.[11] Weit gefasst, lässt sie sich in physische und psychische Gewalt kategorisieren. An physischer Gewalt sind Jungen wesentlich häufiger beteiligt als Mädchen, während allerdings psychische Gewalt die weitaus dominantere Gewaltform darstellt. Erhebungen von Ulrike Popp zufolge haben über die Hälfte aller Schülerinnen und Schüler im Berichtsraum eines Schuljahres angegeben, Handlungen wie Hänseln, entwürdigende Beleidigungen, Zeichen und Gesten ausgeführt zu haben. Dabei treten auch keine nennenswerten Schulformdifferenzen auf. Genannte Handlungen sind darüber hinaus die am häufigsten im Schulalltag anzutreffenden Ausdrucksformen psychischer Gewalt.[12] Interessant hierbei ist, dass Kinder und Jugendliche ein relativ enges Gewaltverständnis haben, das oft nur Formen physischer Gewalt einschließt.[13]

[...]


[1] Scheithauer, Herbert/Charlotte Rosenbach/Kai Niebank: Gelingensbedingungen für die Prävention von interpersonaler Gewalt im Kindes- und Jugendalter. Stiftung Deutsches Forum für Kriminalprävention, Bonn 2008, S. 72.

[2] Ottmar Hanke, Strategien der Gewaltprävention an Schulen, in: Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention: Strategien der Gewaltprävention im Kindes- und Jugendalter. Eine Zwischenbilanz in sechs Handlungsfeldern, München 2007, S. 104.

[3] Ebd., S. 104.

[4] Vgl. die einschlägigen Forschungsarbeiten von Klaus-Jürgen Tillmann u.a.: Schülergewalt als Schulproblem, Weinheim 1999. Wilfried Schubarth, Gewaltprävention in Schule und Jugendhilfe, Neuwied 2000. Wolfgang Melzer u.a.: Gewaltprävention und Schulentwicklung, Bad Heilbrunn 2004, Marek Fuchs u.a.: Gewalt an Schulen – 1994 – 1999 – 2004, Wiesbaden 2005.

[5] 1631 BGB Absatz 2 wird darin wie folgt gefasst: „(2) Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“ Vgl. http://www.landtag.nrw.de/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/XBCBGI0048.pdf (eingesehen am 23.08.2010)

[6] Zum noch unbefriedigenden Status Quo in der Lehrerbildung vgl. Hanke, Strategien der Gewaltprävention an Schulen, S. 125ff.

[7] Schubarth: Jugend und Gewalt heute, S. 50. Für Täter wie für Opfer „sei ein Anteil von ca 5% ermittelt [worden]“. Dies erscheint in Anbetracht einiger Statistiken aber möglicherweise als zu niedrig angesetzt. Vgl. etwa das Ergebnis der Schülerbefragung des KFN von 1998 (Gesamtstichprobe 16.000 Jugendliche der 9. Jahrgangsstufe), nach der 18,6% der deutschen und 34,2% der nicht eingebürgerten türkischen Jugendlichen mindestens eine Gewalttat im zurückliegenden Jahr begangen haben. Belege bei Christian Pfeiffer/ Dirk Baier: Gewalttätigkeit bei deutschen und nichtdeutschen Jugendlichen – Befunde der Schülerbefragung 2005 und Folgerungen für die Prävention, Hannover: Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen e.V. 2007, S. 9. Auch Ulrike Popp: Geschlechtersozialisation und schulische Gewalt, S. 123 gibt – ohne die Studie zu nennen – an, 31% aller Schülerinnen und Schüler hätten angegeben, im vergangenen Schuljahr mindestens einmal mit einem anderen Schüler geschlagen zu haben. Nach einer Studie von Thomas Feltes und Brigitta Goldberg an der Ruhr-Universität Bochum (2004) unter 4.000 Schülern der achten Klassen sämtlicher Schulformen in Bochum hat "jeder fünfte Hauptschüler einen anderen Jugendlichen schon einmal so brutal verprügelt, dass dieser zum Arzt musste." In den zurückliegenden 12 Monaten haben 14 % der befragten Schüler an Gesamtschulen und 8 % an Gymnasien nach eigenen Angaben eine solche Tat begangen. Thomas Feltes/Brigitta Goldberg: Gewalt und Gewaltprävention in der Schule. Ergebnisse einer Befragung von Schülerinnen und Schülern achter Klassen in Bochum und Herne - zugleich eine Evaluation des Präventionsprojektes "Ohne Gewalt stark" der Bochumer Polizei (Bochumer Schriften zur Rechtsdogmatik und Kriminalpolitik, Bd. 9), Holzkirchen 2009, S. 17.

[8] Schubarth: Jugend und Gewalt heute, S. 45. Vgl dazu auch den pointierten und kritischen Kommentar von Horst Viehmann: Entwicklung der Gewaltkriminalität junger Menschen. Kommentar zum Bericht einer Arbeitsgruppe der Innenministerkonferenz, Juni 2008, unter http://horst.viehmann.net/ikmgewalt.pdf (eingesehen am 23.08.2010).

[9] Vgl. etwa Dietrich Oberwittler, Tilman Köllisch: Nicht die Jugendgewalt, sondern deren polizeiliche Registrierung hat zugenommen: Ergebnisse einer Vergleichsstudie nach 25 Jahren, in: Neue Kriminalpolitik: Forum für Praxis, Politik und Wissenschaft, Jg. 16/2004, H. 4, S. 144-147.

[10] Schubarth: Jugend und Gewalt heute, S. 45. Ulrike Popp: Geschlechtersozialisation und schulische Gewalt. Geschlechtstypische Ausdrucksformen und konflikthafte Interaktionen von Schülerinnen und Schülern, Weinheim/München 2002, S. 123 stellt heraus, dass die Assoziationen zur Gewalt in Abhängigkeit stehen von bisherigen Interaktionen und der Art der persönlichen Betroffenheit des Befragten.

[11] Schubarth: Jugend und Gewalt heute, S. 46.

[12] Vgl. Tillmann u.a.: Schülergewalt als Schulproblem, München 1999, S. 103ff. Die Kategorisierung verschiedener Arten von Gewalt erfolgt keineswegs einheitlich. Während oftmals nur zwischen psychischer und physischer Gewalt unterschieden wird, unterteilt etwa Ottmar Hanke in vier Phänomenbereiche: verbale Gewalt, körperliche Gewalt, psychische Gewalt sowie Vandalismus. Vgl. Ottmar Hanke: Strategien der Gewaltprävention an Schulen, in: Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention: Strategien der Gewaltprävention im Kindes- und Jugendalter. Eine Zwischenbilanz in sechs Handlungsfeldern, München 2007, S. 105.

[13] Schubarth: Jugend und Gewalt heute, S. 46.

Details

Seiten
18
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656600664
ISBN (Buch)
9783656600640
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v269052
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Pädagogisches Seminar
Note
1,0
Schlagworte
gewaltprävention sekundarstufen

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Titel: Gewaltprävention in den Sekundarstufen