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Der Vanitas-Gedanken in der Popularmusik des 21. Jahrhundert

Hausarbeit 2012 19 Seiten

Musik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Hinführung zum Thema

2. Rezeption des Vanitas-Gedankens in der Popularmusik
2.1 Begriffsklärung
2.1.1 Vanitas
2.1.2 Pop
2.1.3 Populäre Musik
2.2 Analysen populärer Musik
2.2.1 Kurzer allgemeiner Einblick in die Analyse eines Popsongs
2.2.2 Analyse zum Song "Hurt"
2.2.3 Analyse des Songs "Nix mitnehma" von Georg Ringsgwandl
2.3 Broilers - "Vanitas (Recordings)"
2.3.1 Allgemeine Informationen zur Band
2.3.2 Analyse des Albums "Vanitas (Recordings)"

3. Schlusswort und Fazit

4. Quellenverzeichnis
4.1 Literaturverzeichnis
4.2 Zeitungsartikel
4.3 Internetquellen
4.3 Diskographie
4.4 Videographie
4.5 Bildquellen

1. Hinführung zum Thema

"Der Mensch ist eitel. Die Frisur ist vergänglich. Dafür sind wir zuständig."1. Dieser Spruch des Friseurladens "vanitas.hair" in München dient allem voran als Werbeslogan, vermittelt aber auch jedem Kunden und Passanten wie gegenwärtig Vergänglichkeit ist. Denn der Mensch ist eitel. Doch "wer nach eitlem Glück trachtet, wird in die Irre gehen", so Georg Philipp Telemann, ein deutscher, für die Barockzeit prägender Komponist, der dies in seiner Solokantate "Mein Herze lachet vor Vergnügen" verdeutlicht. Beim 231. Schlosskonzert in Fockenfeld haben Dorothea Zimmermann (Gesang), Christiane Gagelmann (Barockvioline) und Sebastian Knebel (Hammerflügel) den Gedanken von Telemann erneut aufgegriffen und neu formuliert. "Vergnüge dich, mein Herz, erlange keinen Überfluss", so die Botschaft an den heutigen, immer noch zur Eitelkeit neigenden, Menschen2. Hierzu auch ein Vers aus dem Buch Kohelet im Alten Testament, um darzustellen, dass damals wie heute die Vergänglichkeit ein ständiger Begleiter ist: "Es ist alles ganz eitel [...]. Was hat der Mensch für Gewinn von all seiner Mühe, die er hat unter der Sonne?"3. Da alles, im Besonderen der Mensch, auf der Erde eitel und vergänglich ist, läuft das Streben nach Glück, nach dem rechten Leben, ins Nichts. Das Thema Vergänglichkeit wird zwar im Alltag nicht oft angesprochen, jedoch wird es besonders im Bereich der Kunst gerne rezipiert. "The Vanitas paintings" von Chris Peters sind Stillleben-Malereien, die die Vanitas-Stillleben der Barockzeit aufgreifen und im modernen Stil die Eitelkeit und Vergänglichkeit wieder allgegenwärtig darstellen. Ein derartiges Bildbeispiel wird später kurz interpretiert. Neben der Malerei im 21. Jahrhundert beschäftigt sich auch die moderne Popmusik mit diesem Teil des Lebens. Beispielsweise der Song "Hurt", interpretiert von Johnny Cash, der im Text der Originalversion der Band 'Nine Inch Nails' die Drogenabhängigkeit des lyrischen Ichs darstellt. Wenn man aber den Inhalt des Songs in den Kontext stellt, dass Cash bereits 70 Jahre alt, schwerkrank war und sich bereits auf seinen Tod vorbereitete, gewinnt der Text eine andere Bedeutung4. Hierzu und zu dem Song "Nix mitnehma" des bayerischen Musikers 'Ringsgwandl' folgt in einem späteren Punkt der Hausarbeit eine nähere Analyse. Außerdem wird untersucht, ob das Album mit dem vielversprechenden Titel "Vanitas (Recordings)" der Punkrockband 'Broilers' als Rezeption des Vanitas-Gedankens in der Popularmusik gelten darf. Im Folgenden wird der Begriff "Vanitas" definiert und dessen Ursprünge und Zusammenhänge aufgezeigt.

2. Rezeption des Vanitas-Gedankens in der Popularmusik

2.1 Begriffskl ä rung

2.1.1 Vanitas

Etymologisch betrachtet stammt die Bedeutung des Begriffs "Vanitas" von dem lateinischen Wort vanus (= nichtig, eitel)5. Da "[...] alles ganz eitel [ist]"6 und Martin Luther das Wort "eitel" mit "nichtig" übersetzt hat, bezeichnet Vanitas demnach die Nichtigkeit alles Irdischen. Vanitas ist ein Begriff aus der frühchristlichen Zeit, aus der Zeit des Urchristentums. Das Urchristentum reicht zeitlich vom Tod Jesu von Nazaret (circa 30-33 nach Christus) bis hin zur Entstehung des Evangeliums nach Johannes (etwa 90-100 n. Chr.)7 respektive bis zur Trennung vom Judentum (135 n. Chr.)8.

In der Barockzeit, Mitte des 17. Jahrhunderts, erfahren Vanitas-Motive in Literatur, Musik und Kunst einen Höhepunkt. Es sind die häufigen Motive wie beispielsweise Totenschädel, Musikinstrumente, Bücher, Sanduhren und Rosen, die die Vergänglichkeit "des menschlichen Daseins und aller irdischen Dinge"9 zum Ausdruck bringen: Eine Violine mit nur noch einer Saite; Staub auf dem Einband eines Buches oder eine Rose, die verwelkt ist. All das verbildlicht die Zeit, die unaufhaltsam vergeht und irdische Dinge wie Musik, Wissen oder Schönheit verbraucht zurücklässt. Es wird eben das Streben nach Schönheit, Glück und Reizen aller Dinge auf der Welt angeklagt. Dieser moralische Apell an den Menschen wird in den Vanitas-Stillleben verbildlicht und verdeutlicht.10 Zwar ist die Blütezeit des Vanitas-Stilllebens beinahe 400 Jahre her, doch der Künstler Chris Peters rezipiert diese Stillleben, interpretiert sie teilweise neu und bringt sie in seinem Atelier in Los Angeles in seinem, modernen Stil auf die Leinwand.

Ein Beispiel dafür ist das Werk "No Protection" aus dem Jahr 2005. Zu sehen ist ein umgekippter Totenkopf auf einem Haufen an Geld. Davor liegen Patronen(-hülsen) und eine Pistole, die entweder geladen oder ungeladen sein kann. Der Totenkopf ist nicht das Besondere. Aber das Geld, die Patronen und die Pistole sind Machtinsignien der modernen Zeit.11 Da das Streben nach Macht, Ruhm und Geld nach den Vorstellungen der Vanitas Eitelkeit, und damit Nichtigkeit bedeutet, soll dieses Ölgemälde von Chris Peters den heutigen Menschen im 21. Jahrhundert an die Einsicht aus der urchristlichen Zeit erinnern.

Da man bereits im Urchristentum zur Erkenntnis gelangt war, dass "die Welt im Vergleich zum Jenseits leer und eitel ist"12 und dass das Streben nach Glück, nach einem außergewöhnlichen und ausgesorgten Leben nichtig ist, sollten alle Menschen den lateinischen Spruch "Memento mori!"(dt. Bedenke, dass du sterblich bist!) nicht aus dem Sinn verlieren. Diese Mahnung soll vor einem

Leben voller Eitelkeit und ausschließlicher Selbstverwirklichung warnen, da eines Tages alle sterben und nach dem Dahinscheiden alle Unterschiede aufgehoben sind. Nur wird in heutiger Zeit der "Ruf des Memento mori"13 weniger gehört und eher verdrängt. Vorallem aufgrund der Säkularisierung, die seit der Wende zum 19. Jahrhundert neben der Trennung von Kirche und Staat auch urchristliche Dinge wie Paradies, Erlösung, Apokalypse und auch Vanitas bedeuten kann. Damit werden diese christlichen Anschauungen in einen eher allgemein philosophischen Kontext gerückt.14 Die Warnung "vor einem Sichverlieren an die Welt"15 verblasst allmählich und lässt den Menschen ein Leben aufbauen, das letztlich sowieso nichtig ist, da "die Welt [...] von Gott nur als ein Durchgangsstadium für den Menschen geschaffen wurde [...] und sie [...] im Gegensatz zum Menschen nicht für die Ewigkeit bestimmt [ist]"16. Laut diesem Zitat wartet auf den Menschen das ewige Jenseits, woran der Mensch im Diesseits durch das Memento mori erinnert werden sollte. Der Apell des Memento mori ist also ein ständiger Begleiter der Vanitas, da es den Menschen an den Tod, den Verfall, die Sterblichkeit und die Vergänglichkeit alles Irdischen erinnert.

Die Aktualität dieser christlichen Anschauungen lässt jedoch allmählich nach, beziehungsweise ist schon nicht mehr gefragt. Dennoch wird der Mensch immer eine Form von Glauben bewahren. Dazu benötigt er einen neuen Kult. Und dieser ist im 20. Jahrhundert "Pop"(auch: popular culture, pop culture).

2.1.2 Pop

"Like carnival, pop culture is all about spectacle, pastiche, and a polyphonic dialogue among common people"17 ; '"Der Pop-Geschmack definiert sich als Vorliebe für alles", was "gute Verkaufszahlen aufweist"'18 ; "Pop is earnest and energetic - not necessarily sincere, but always enthusiastic [...] - advanced capitalism with a beat you can dance to"19 ; "In pop, art is much more concerned with style and gesture [...] and with the ironic use of pop history by switching between different eras and genres."20. Diese genannten Zitate sind eine verhältnismäßig geringe Auswahl aus einem großen Pool an Definitionen des Begriffs "Pop" beziehungsweise des Wortes popular culture (dt. popul ä re Kultur). Da es den Rahmen sprengen würde, die begrifflichen Unterschiede des Begriffs "Pop" und popular culture darzustellen, wird im Folgenden die mittlerweile im Sprachgebrauch gängige und in der Wissenschaft erlaubte Bezeichnung "Pop" verwendet.

"Pop" ist ein derart vielseitiger Ausdruck, der vor allem in der westlichen Welt seit den frühen 1950er Jahren bis ins 21. Jahrhundert eine große Entwicklung durchgemacht hat, worüber nun ein kurzer Abriss folgt.

In den 1950er und 1960er Jahren stand "Pop" eher in Zusammenhang mit der Subkultur, die damals von Teenagern ins Leben gerufen wurde.21 Ausgehend von der "Anti-Kunst", der sogenannten pop- art, die zu Beginn der 1960er Jahre besonders durch den amerikanischen Künstler Andy Warhol geprägt wurde und zu dieser Zeit eine innovative Stilrichtung der bildenden Kunst bezeichnete, ging "Pop" in den späten 1960er Jahren sogar über die Klassengrenzen hinaus.22 Eigentlich war "Pop" ein Trend von Jugendlichen aus der unteren Schicht, der aber in den 1960er Jahren zeitweilig auch von jungen Leuten der Oberschicht angenommen wurde, wie Whiteley an einem treffenden Beispiel darstellt: "A young girl of the upper class was now more likely to buy a cheap mini from 'Biba' and learn her dances from 'Ready! Steady! Go!' than she was to shop at Burberry's, attend court balls and uphold the Queen's English"23. Im Jahre 1986 beschreibt das Nachrichtenmagazin Time den Begriff "Pop" als "allgemein verständlich [und] somit wahrhaft klassenlos (truly classless)"24, was die Entwicklung des "Pop" bezüglich der damals existierenden Klassengrenzen bekräftigt.

Heute wird der Ausdruck "Pop" auch verwendet, um etwas zu beschreiben, das besonders "glatt, eingängig, oberflächlich, bunt, kommerziell, auffallend"25 ist. Man kann hier von einer sogenannten "Oberflächen-Ästhetik"26 sprechen, die den Begriff "Pop" auf eine Weise negativ behaftet. "Pop ist eine performative Kultur"27, behaupten Klein und Friedrich.

Das Pop-Konzept in Form der "Oberflächen-Ästhetik" hat sich über die Jahrzehnte derart entwickelt, so dass der Begriff "Pop" nicht mehr "als Oberbegriff für verschiedene Sparten der zeitgenössischen populären Musik oder als Tonträger-Segment [gilt], sondern [...] als lobender Titel für eine Vielzahl speziellerer Eigenschaften und Phänomene [steht]"28. Laut Hecken ist der Ausdruck "Pop" heute eher positiv behaftet. Darüber lässt sich freilich streiten, denn der hohe Konsum dieser Massenkultur ist immer noch vorhanden, da "Pop" nach wie vor eine Massenkultur ist. Aber diese Diskussion ist nicht Teil dieser Arbeit.

[...]


1 http://www.vanitas-hair.de/html/laden.html (30.08.2012).

2

3 vgl. Tietz 2012. http://www.die-bibel.de/online-bibeln/luther-bibel 1984/bibeltext/bibel/text/lesen/stelle/21///ch/40ca7c50c3325c79599c65a1fe9d998b/ (30.08.2012).

4 vgl. Just 2012, S. 181.

5 vgl. Ausoni 2005, S.

6 http://www.die-bibel.de/online-bibeln/luther-bibel- 1984/bibeltext/bibel/text/lesen/stelle/21///ch/40ca7c50c3325c79599c65a1fe9d998b/ (30.08.2012).

7 vgl. Conzelmann, Lindemann 2004, S. 373.

8 vgl. Conzelmann 1978, S. 7.

9 Ausoni 2005, S.

10 vgl. Ebd.

11 vgl. Peters, Chris: "No Protection". Oil on Canvas 2005.

12 Singer 1967, S. 23.

13 Singer 1967, S. 24.

14 vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%A4kularisierung (06.09.2012).

15 Singer 1967, S. 23.

16 Ebd., S. 24.

17 Zit. nach Danessi 2008, in: Hecken 2009, S. 462.

18 Zit. nach Groys 2004, in: Hecken 2009, S. 462.

19 Zit. nach Andersen 1986, in: Hecken 2009, S. 468.

20 Zit. nach Harron 1988, in: Hecken 2009, S. 444.

21 vgl. Hecken 2009, S. 447.

22 vgl. Ebd., S. 79.

23 Zit. nach Whiteley, in: Hecken 2009, S. 443.

24 Hecken 2009, S. 467 f.

25 Hecken 2009, S. 457.

26 Ebd.

27 Zit. nach Klein/Friedrich 2003, in: Hecken 2009, S. 462

28 Hecken 2009, S. 469.

Details

Seiten
19
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656607014
ISBN (Buch)
9783656606901
Dateigröße
585 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v269537
Institution / Hochschule
Universität des Saarlandes
Note
1,7
Schlagworte
vanitas-gedanken popularmusik jahrhundert

Autor

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